Jun 25

Antidepressiva erhöhen Suizid-Risiko

Psy-Pressespiegel Comments Off on Antidepressiva erhöhen Suizid-Risiko

(image src: indiatimes.com)

Laut einer Meta-Analyse einschl√§giger US-Studien aus dem Zeitraum von 1987-2013 durch Forscher der Z√ľrcher Hochschule f√ľr Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Universit√§tsklinik f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Salzburg steigt das Suizidrisiko unter der Anwendung von Antidepressiva verglichen mit einer von Scheinmedikamenten (Placebos) um den Faktor 2,5.

In allen analysierten Studien begingen 0,8 Prozent der Patienten, die ein Antidepressivum erhielten, Suizid oder einen Suizidversuch, w√§hrend es in der Kontrollgruppe mit Placebo lediglich 0,3 Prozent waren. Die Verl√§√ülichkeit der Datenerhebung ist hoch, da es sich bei den Studien um sogenannte “Doppelblindstudien” handelte, bei denen weder die √Ąrzte, noch die Patienten wu√üten, wer Antidepressiva und wer Placebos erhielt.

Eine Konsequenz aus der Untersuchung sollte sein, noch mehr Vorsicht beim (w√§hrend der letzten Jahre massiv angestiegenen) Verschreiben von Antidepressiva – insbesondere durch Haus√§rzte – walten zu lassen. Nicht selten seien nicht einmal alle Dignoasekriterien f√ľr Depressionen oder Angst√∂rungen erf√ľllt, oder es w√§ren nur unspezifische Symptome vorhanden, und Antidepressiva w√ľrden dann “auf Verdacht hin” verschrieben.

Auch sollten PatientInnen noch besser √ľber die Risiken aufgekl√§rt werden. “Gerade zu Beginn der Behandlung, bei abrupten Dosis√§nderungen und beim Absetzen muss man mit einem erh√∂hten Suizidrisiko rechnen”, so einer der Studienautoren. Bei schweren Depressions-Formen jedoch st√ľnde die Behandlung mit Medikamenten au√üer Frage, wichtig sei jedoch eine kontinuierliche und enge √úberwachung. Parallel zur medikament√∂sen Behandlung sollten auch Psychotherapie oder Sport zur Anwendung kommen.

(Quelle: Newer-Generation Antidepressants and Suicide Risk in Randomized Controlled Trials: A Re-Analysis of the FDA Database)

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Abgelegt unter: Psy-Pressespiegel von r.l.fellner
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Dec 08

Frauen, die kurz nach der Geburt wegen schwerer psychiatrischer Erkrankungen (einschließlich Depressionen) behandelt werden mussten, werden im späteren Leben häufiger als bipolar diagnostiziert verglichen mit Frauen, deren erste psychiatrische Episode während eines anderen Lebensabschnitts auftritt, wie eine neue Studie aus Dänemark zeigt.

Es besteht jedoch noch Unklarheit dar√ľber, ob es sich bei postpartalen Depressionen oder Schizophrenie-√§hnlichen Episoden nicht gelegentlich tats√§chlich um falsch diagnostizierte bipolare St√∂rungen handelt – oder, ob mehr Frauen mit diesen Erstdiagnosen im Laufe der Zeit wom√∂glich vermehrt bipolare St√∂rungen entwickeln. Doch w√§hrend postpartale Depressionen relativ h√§ufig sind, treten schwere Depressionen und andere psychiatrische Episoden, welche station√§re oder ambulante Klinikaufenthalte erfordern, nur bei ca. 1 von 1.000 neuen M√ľttern auf.

Bipolare St√∂rungen sind durch Wechsel zwischen schweren Depressionen und “Manien” (w√§hrend denen eine Person √ľberm√§√üig aufgeregt, gl√ľcklich und voller Energie ist) gekennzeichnet. Sie werden heute i.d.R. mit Kombinationstherapien aus Medikamenten und Psychotherapie behandelt. Am h√§ufigsten manifestieren sie sich im fr√ľhen Erwachsenenalter – und das National Institute of Mental Health (USA) sch√§tzt, dass immerhin 6% der US-Bev√∂lkerung an einem gewissen Punkt im Leben an dieser St√∂rung erkranken.

Fr√ľhere Studien suggerierten, dass der Geburtsvorgang als Ausl√∂ser f√ľr eine erste bipolare Episode fungieren k√∂nnte. Doch nur wenige Frauen wurden w√§hrend der ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes entsprechend diagnostiziert. Nach der vorliegenden Arbeit wird nun vermutet, dass eine schwere psychische Krise kurz nach der Geburt auf eine zugrunde liegende bipolare St√∂rung hindeuten k√∂nnte.

In der Studie wurde der Status von d√§nischen Frauen nach einer ersten psychiatrischen Episode √ľber 15 Jahre hindurch beobachtet, um zu sehen, ob der Zeitpunkt der Episode – kurz nach der Geburt oder nicht – eine Schlu√üfolgerung dar√ľber erlauben w√ľrde, ob sich sp√§ter eine bipolare St√∂rung zeigen w√ľrde. Zu diesem Zweck wurden die Krankheitsgeschichten von 120.000 Frauen, welche seit 1970 aufgrund schwerer Depressionen oder einer anderen psychiatrischen Erkrankung station√§r behandelt wurden, analysiert. Von diesen hatten 2.900 die Episoden innerhalb eines Jahres nach der Geburt ihres ersten Kindes.

Die Ergebnisse zeigten, dass eine schwere psychiatrische Episode in dem Monat nach der Geburt (im Vergleich zu einer Episode zu einem anderen Zeitpunkt) mit einer vierfachen Wahrscheinlichkeit letztlich zu einer bipolaren Diagnose f√ľhrt. Von Frauen, die ihre erste psychiatrische Folge im ersten Monat nach der Geburt hatten, wurden 14 Prozent schlie√ülich als bipolar diagnostiziert im Vergleich zu 4-5% der Frauen mit psychiatrischen Episoden zu einem anderen Zeitpunkt. Die fr√ľheren Studienergebnisse wurden also best√§tigt, jedoch auch ein Zusammenhang mit anderen psychiatrischen Diagnosen aufgezeigt. Die Geburt eines Kindes ist somit ein potenter und spezifischer m√∂glicher Ausl√∂ser f√ľr bipolare St√∂rungen.

Daran beteiligt sein könnten hormonelle Veränderungen, die während der letzten Schwangerschaftswochen und beim Geburtsvorgang selbst auftreten, ebenso wie Schlafmangel und verschiedene Stressfaktoren. Häufig werden in diesen Folgen jedoch fälschlicherweise Depression oder Angststörungen diagnostiziert.

Keineswegs sicher ist jedoch, ob die betreffenden Frauen nicht auch ohne die Geburt eines Kindes eine bipolare St√∂rung entwickelt h√§tten. Ebenso ist mit der Studie kein Beweis eines Zusammenhangs zwischen Geburt bzw. ‘postpartaler Depression’ und bipolaren St√∂rungen gefunden, und ob es sich etwa auch bei leichteren Depressionen um bipolare Symptome handeln k√∂nnte.

Sehr wohl aber vertreten die Studienautoren die Ansicht, dass behandelnde √Ąrzte bei auftretenden psychiatrischen Symptomen nach der Geburt verst√§rkt die M√∂glichkeit bipolarer St√∂rungen in ihre √úberlegungen einbeziehen sollten. Auch sollte Schwangerschaft in die Liste potenzieller Risiken f√ľr die Ausl√∂sung dieser St√∂rung aufgenommen werden. Mit diesen Ma√ünahmen k√∂nnte die Fr√ľherkennung deutlich verbessert werden und damit auch eine fr√ľhestm√∂gliche, effiziente Behandlung oder zumindest St√ľtzung der Frauen erreicht werden, statt mit einer vorschnellen Behandlung ausschlie√ülich mittels Antidepressiva wom√∂glich bestimmte bipolare Symptome noch zu verschlimmern.

(Quellen: Reuters; Psychiatric Disorders With Postpartum Onset: Possible Early Manifestations of Bipolar Affective Disorders in: Arch Gen Psychiatry. Published online December 5, 2011. doi:10.1001/archgenpsychiatry.2011.157. Image credit: drop.ndtv.com)

Nov 19

Mitunter ist es schwierig, einen sachlich-k√ľhlen Kopf zu bewahren, liest man diverse medizinische Fachinformationen.

So soll nun ein neues “Stufenschema” Mediziner unterst√ľtzen, Patienten mit sogenannten “therapieresistenten” oder chronischen Depressionen effektiver als bisher zu behandeln. Denn bei etwa jedem vierten Depressionspatienten, so eine Aussendung der “√Ėsterreichischen Gesellschaft f√ľr Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie” (√ĖGPB), hilft eine einfache medikament√∂se Behandlung nicht oder nur unzureichend.

Die “Volkskrankheit Depression” ist in allen Industriel√§ndern im Vormarsch. In √Ėsterreich sind etwa 400.000 Menschen betroffen, so √ĖGPB-Pr√§sidentin Susanne Lentner. Die Krankheit sei nicht nur die h√§ufigste Ursache f√ľr Fr√ľhpension und Arbeitsunf√§higkeit, sondern auch f√ľr 70 bis 80 Prozent der Suizide verantwortlich. Bei fast der H√§lfte der Betroffenen werde die Krankheit nicht erkannt, entweder weil die Allgemeinmediziner nicht ausreichend geschult sind oder die depressiven Menschen gar nicht erst zum Arzt gehen, sagte Michael Bach, Primar am Landeskrankenhaus Steyr (O√Ė).
Zu erg√§nzen w√§re aber, dass nur jeder zehnte Patient eine ad√§quate Therapie erh√§lt, da viele Mediziner sie falsch oder gar nicht diagnostizieren und sodann ausschlie√ülich die h√§ufigen k√∂rperlichen Symptome der Depression (mehr dazu in den am Artikelende verlinkten Texten) behandeln oder weil sie ohne tieferer Kenntnis √ľber ad√§quate Depressionsbehandlung schlicht Antidepressiva verschreiben und dann die Patienten sich selbst √ľberlassen.

Mit neuen Leitlinien in Form eines sog. “Konsensus-Statements” der Neurologen und Psychiater soll aber nun alles besser werden. Sie soll den Medizinern helfen, insbesondere die besonders komplexen (wenn auch seltenen – Anmerkung RLF) F√§lle der therapieresistenten Depression zu behandeln, also “jene F√§lle, in denen mindestens zwei unterschiedliche Antidepressiva nicht die erw√ľnschte Wirkung brachten”. Die herausgebenden √Ąrzte merken an, dass sich eine verbesserte Therapie auch volkswirtschaftlich auszahlen w√ľrde: “Der teuerste Weg ist, nicht zu behandeln, der zweitteuerste, eine schlechte Behandlung und die drittteuerste M√∂glichkeit: eine gute Behandlung.”

Die Leitlinien der √ĖGPB schlagen nun vor, “zun√§chst die Dosis des verschriebenen Medikaments zu erh√∂hen, und, wenn damit kein Erfolg zu verzeichnen ist, ein zweites Antidepressivum gleichzeitig zu verabreichen”. Als n√§chsten Schritt sollen die √Ąrzte “Zusatzbehandlungen mit anderen Medikamenten oder Therapieformen wie Psychotherapie, Schlafentzug und Elektrokrampftherapie versuchen”. Einfach ein anderes Antidepressivum mit unterschiedlicher Wirkungsweise zu probieren sei laut Studien nur in wenigen F√§llen erfolgreich.

Zusammengefasst also: √Ąrzte werden weiterhin dazu angehalten, bei einem doch in erster Linke psychischen Leidenskomplex mal bis auf weiteres ausschlie√ülich Tabletten zu verschreiben, dann noch mehr Tabletten, und dann…
Das ist zweifellos eine sehr positive Nachricht f√ľr die Pharmaindustrie, aber sicherlich nicht der im Untertitel behauptete “state of the art” (Stand der Heilkunst) nach alldem, was man heute √ľber die Ursachen und Zusammenh√§nge der Depressionserkrankung und ihrer Therapiem√∂glichkeiten wei√ü. Erst als dritter Schritt n√§mlich wird Psychotherapie genannt – und zwar in einem Atemzug mit Elektrokrampftherapie?! Da stehen einem schon ein wenig die Haare zu Berge, und die Herren und Frauen Mediziner, die hinter derartigen “Leitlinien” stehen, m√ľssen sich nicht nur fragen lassen, inwieweit ihre Empfehlungen dem aktuellen Forschungsstand entsprechen sondern zum anderen auch, in welchen Interessen sie mit derartigen Empfehlungen eigentlich agieren. Kein besonders gutes Licht wirft in diesem Zusammenhang auch auf die Leitlinien, dass diese mit keinem einzigen Wort beispielsweise die Fragen der Compliance, also der Nebenwirkungen von Antidepressiva und damit verbundenen Akzeptanzproblemen bei PatientInnen erw√§hnen.

Bereits in einer Meta-Studie aus dem Jahre 1999 (!), welche die Effizienz rein medikamenten-basierter Therapiemaßnahmen mit dem Einsatz von Psychotherapie (in diesem Fall der Verhaltenstherapie, da mit dieser Methode spezifische Untersuchungsgegenstände am leichtesten abgrenzbar sind) vergleicht, kam zum folgenden Ergebnis:

“Cognitive behavior therapy has fared as well as antidepressant medication with severely depressed outpatients in four major comparisons. Until findings emerge from current or future comparative trials, antidepressant medication should not be considered, on the basis of empirical evidence, to be superior to cognitive behavior therapy for the acute treatment of severely depressed outpatients.”

Aus meiner pers√∂nlichen Erfahrung kann ich dar√ľber hinaus sagen, dass mir bisher noch kein sogenannter “therapieresistenter” Patient begegnet ist. Nur Gl√ľck? Oder k√∂nnte es daran liegen, dass Psychotherapie in aller Regel eben sehr effektiv in der Depressionsbehandlung sein kann? Sofern sich Menschen auf eine Psychotherapie einlassen und diese eine gewisse Zeit lang durchziehen, konnten in jedem Fall zumindest immer merkbare Verbesserungen des Zustandsbildes erreicht und Strategien f√ľr einen besseren Umgang mit besonders schwierigen Depressionsphasen erarbeitet werden. Die Erfolge lagen vielleicht zum Teil auch daran, dass ich um mein Fachgebiet keine mentalen Schutzmauern errichte: im Fall von schweren oder sogenannten “chronischen” Depressionen n√§mlich halte ich vor√ľbergehende Medikation bis zu einer Verbesserung des Zustandsbildes zur Stabilisierung und Etablierung einer guten Basis f√ľr die therapeutische Arbeit f√ľr durchaus sinnvoll. Oberstes Ziel ist, den hilfesuchenden Menschen zu helfen, und da sollte kein professioneller Behandlungsansatz von Beginn an ausgeschlossen werden.

Zum Weiterlesen:

Depression – Mythen und Fakten
Selbsttest auf Depression

(Quellen: 13. Tagung der √ĖGPB / √Ėsterreichische Gesellschaft f√ľr Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie, 11/2011; Medications Versus Cognitive Behavior Therapy for Severely Depressed Outpatients: Mega-Analysis of Four Randomized Comparisons in: Robert J. DeRubeis, Ph.D.; Lois A. Gelfand, M.A.; Tony Z. Tang, M.A.; Anne D. Simons, Ph.D., Am J Psychiatry 1999;156:1007-1013. Photo:istockphoto.com)

Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewisserma√üen eine √úbersicht √ľber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Sch√§tzungen stirbt j√§hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tats√§chlich d√ľrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich h√∂her liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen L√§ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid tr√§gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesf√§llen bei und ist die zehnth√§ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, f√ľr das Daten verf√ľgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gef√§hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine √Ąnderung ergeben hat, und √§ltere Menschen, bei denen ein deutlicher R√ľckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalit√§t: innerhalb Europas liegen die Raten in den n√∂rdlichen L√§ndern generell etwas h√∂her als in den s√ľdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der t√§glichen Sonnenscheindauer schlie√üen l√§sst. Dennoch k√∂nnen andere L√§nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Gro√übritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesf√§lle auf Selbstt√∂tung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der¬†die Suizidh√§ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal geh√§uftes Auftreten von Suiziden erkl√§rt werden k√∂nnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” ver√∂ffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in j√ľngster Zeit in S√ľdkorea angestiegen: n√§mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbstt√∂tungen von M√§nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betr√§gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am h√∂chsten. Die OECD f√ľhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Aufl√∂sung der traditionellen Familienbindungen zur√ľck. Ob das allerdings S√ľdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegen√ľber den anderen L√§ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zur√ľckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach S√ľdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine √ľberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und √Ėsterreich (12,6; 27/100000 bei M√§nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegen√ľber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Gro√übritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den √ľbrigen OECD-L√§ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier t√∂ten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widerspr√ľchliche Daten zur sog. Gl√ľcklichkeitsforschung f√∂rderte bemerkenswerterweise allerdings eine¬†Studie zutage, die Zusammenh√§ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen L√§ndern die Selbstmordrate trotz gro√üer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabh√§ngig von harten Wintern, religi√∂sem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen L√§ndern (mehr):

Eine Erkl√§rungsm√∂glichkeit f√ľr diesen vordergr√ľndigen Widerspruch k√∂nnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid st√§rker empfunden wird. Gesellt sich zum pers√∂nlichen Lebensungl√ľck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses ver√§ndern zu k√∂nnen, kann Suizid von bestimmten Pers√∂nlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu √Ėsterreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. J√§hrlich sterben in √Ėsterreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 w√§hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamt√∂sterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erw√§hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Stra√üenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in √Ėsterreich immer weniger Autopsien durchgef√ľhrt werden, sinkt die M√∂glichkeite, Suizide von nat√ľrlichen Todesf√§llen zu unterscheiden. So zeigen sich in L√§ndern mit den h√∂chsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn h√∂here Suizidraten als in L√§ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in L√§ndern, in denen Autopsieraten zur√ľckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken √ľberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industriel√§ndern betr√§gt das Geschlechterverh√§ltnis bez√ľglich des Suizids etwa zwei bis vier (M√§nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische L√§nder zeigen ein kleineres Verh√§ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als M√§nner durch Suizid.

Risikofaktoren f√ľr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • m√§nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 M√§nnern, 5,2 bei Frauen)
  • fr√ľhere Selbstverletzungen
  • Homosexualit√§t
  • psychiatrische St√∂rungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Milit√§rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben √Ąnderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit h√∂herem Suizidrisiko verkn√ľpft, das Risiko ist jedoch gr√∂√üer, wenn der niedrigere Spiegel √ľber Di√§ten anstatt √ľber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herr√ľhren k√∂nnte, dass Di√§t haltende Menschen ein h√∂heres Risiko f√ľr psychische Probleme h√§tten. Bislang jedoch l√§gen hierf√ľr keine bekr√§ftigenden Hinweise vor. Famili√§re Vorgeschichten mit Selbstt√∂tungen verdoppeln zumindest das Risiko f√ľr M√§dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar d√ľrftig ist, sind ein hohes Ma√ü an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivit√§t mit einem erh√∂hten Suizidrisiko verkn√ľpft. Suizidraten nehmen √ľber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf m√ľtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbesch√§ftigten h√∂her als bei Berufst√§tigen. H√∂here Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verkn√ľpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufst√§tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erh√∂htes Risiko: praktische √Ąrzte haben in den meisten L√§ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch √Ąrztinnen generell das h√∂chste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den √Ąrzten gelten An√§sthesisten als besonders gef√§hrdet, denn f√ľr viele Suizide werden bet√§ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahn√§rzte, Apotheker, Tier√§rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten L√§ndern unter den √§lteren Menschen am h√∂chsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der j√ľngeren Bev√∂lkerung gestiegen, insbesondere bei M√§nnern. Suizide werden am h√§ufigsten im Fr√ľhling ver√ľbt, auch da besonders unter M√§nnern. Im Fr√ľhling oder Fr√ľhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erh√∂htes Suizidrisiko. Amerikaner europ√§ischer Herkunft haben h√∂here Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls h√∂here Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und st√§rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal h√∂her als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualit√§t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen M√§nner eher gewaltt√§tige Mittel der Selbstt√∂tung (zum Beispiel durch H√§ngen oder Erschie√üen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erkl√§rung f√ľr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen M√§nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich h√§ufig erfolgen. Verschiedene Bev√∂lkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in S√ľdasien verbrennen sich Frauen √ľblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden k√∂nnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat f√ľhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am h√∂chsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den l√§ndlichen Gebieten vieler Entwicklungsl√§nder ist das Verschlucken von Pestiziden die h√§ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verf√ľgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind Fr√ľhwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbstt√∂tungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst t√∂ten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer St√∂rung litten. Depressionen erh√∂hen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose h√§ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt √ľberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterst√ľtzung. Das hei√üt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine ad√§quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbstt√∂tung bei Depressionskranken beinhalten fr√ľhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer St√∂rung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am h√∂chsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsst√∂rung (ADHS) und k√∂rperdysmorphe St√∂rung (KDS) erh√∂hen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erkl√§rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergr√∂√üernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. √úberraschenderweise weisen Menschen mit erh√∂htem Body-Mass-Index BMI ein zwar st√§rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent R√ľckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter K√∂rperoberfl√§che beim BMI). Die Gr√ľnde hierf√ľr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen k√∂rperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch √ľber die Kindheit hinweg, die gesamte Bev√∂lkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erh√∂htem Risiko, und Suizidh√§ufungen k√∂nnen in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren f√ľgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die √ľber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bev√∂lkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen k√∂nnen.”

J√ľngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, da√ü Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren k√∂nnen. Dazu konnten Sie hier im Blog schon fr√ľher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich h√∂her als bei √Ąlteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen daf√ľr liegen h√§ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im fr√ľhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizit√§t auf und ist durch √§u√üere Einfl√ľsse sehr ver√§nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachl√§ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren f√ľr sp√§tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzuf√ľgen. Das Ausdr√ľcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstm√∂rder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund f√ľr die immer fr√ľher auftretenden Depressionen nennen Experten die fr√ľhere Pubert√§t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es f√ľr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu √ľberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu k√∂nnen, w√§re ein schwierig zu erf√ľllender, da eine gro√üe Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tats√§chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien k√∂nnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bev√∂lkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbstt√∂tungsgedanken und ‚Äďpl√§nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschl√§gige Ausbildung und Vorgangsweise von √Ąrzten wichtig: Studien aus den nordeurop√§ischen L√§ndern belegen einen R√ľckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemein√§rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In F√§llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Ma√ünahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und √úberwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Au√üerdem m√ľssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verkn√ľpften psychiatrischen St√∂rung eingeleitet werden.

Auch eine Ver√§nderung des allgemeinen Zugangs zu gef√§hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einf√ľhrung von Sicherheitsgittern auf Br√ľcken und verst√§rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den l√§ndlichen Gebieten der Entwicklungsl√§nder k√∂nnen die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, k√∂nnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, da√ü Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden w√ľrden, ihr Ziel umzusetzen, mag √ľberrascht sein, da√ü z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbstt√∂tungen drastisch zur√ľckgingen, w√§hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit h√∂chste Suizidrate und konnte diese durch Pr√§ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschl√§ge und Hinweise f√ľr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung S√ľdkoreas (das j√ľngst den weltweit st√§rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mu√üte, siehe oben) zur Pr√§vention u.a. auch Internet-Sperren einf√ľhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen √ľber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage daf√ľr geschaffen werden, dass die Polizei die pers√∂nlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen √ľber Selbstmord gel√∂scht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsl√§ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industriel√§ndern erfolgt, die h√∂chste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsl√§ndern zu finden ist. Auch wird von einschl√§gig Forschenden auch eine j√ľngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten l√§sst, dass das Risiko f√ľr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit St√∂rungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angeh√∂rige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht pl√∂tzlich zur√ľckzieht, gedr√ľckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Pr√§suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen dar√ľber zu sprechen. Dennoch sind die M√∂glichkeiten der Angeh√∂rigen h√§ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von au√üen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich √ľberfordert f√ľhlt oder das Gef√ľhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu k√∂nnen.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen F√§llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erh√§rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische St√∂rungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen St√∂rungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben f√ľhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben k√∂nnen. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen k√∂nnen mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausf√ľhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfa√üt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom Рerkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-√úberlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

Sep 09

√Ąrzte, Pfleger, Sozialarbeiter und Therapeuten wollen, so das Klischee, “helfen”: doch dabei laufen sie h√§ufig Gefahr, selbst zu erkranken.

Tats√§chlich sind stressbezogene Gesundheitsst√∂rungen unter im Gesundheitswesen T√§tigen weit verbreitet, doch ein ‚ÄěBurnout‚Äú kann grunds√§tzlich jeden Arbeitnehmer treffen. Professionelle Helfer wie √Ąrzte, Pflegepersonal oder Therapeuten haben aber ein besonders hohes Risiko, zu erkranken. Und bei professionellen Helfern, die im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie t√§tig sind, ist es der Statistik zufolge am gr√∂√üten. Psychiater etwa berichten h√§ufiger √ľber ‚ÄěBurnout‚Äú, Depression und andere psychische Erkrankungen als andere √Ąrzte. Berufsanf√§nger sind ganz besonders anf√§llig f√ľr stressbedingte Gesundheitsst√∂rungen. 76% der Assistenz√§rzte leiden an ‚ÄěBurnout‚Äú-Symptomen wie emotionaler Ersch√∂pfung oder Demotivation. Aufgrund der oftmals idealisierten Vorstellungen von ihrem Beruf ist der Einstieg ins Berufsleben von jungen √Ąrzten und Therapeuten daher h√§ufig mit Entt√§uschungen verbunden.

Darauf macht die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) aufmerksam. Den Grund sieht die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft im zunehmenden Kostendruck im Gesundheitswesen bei gleichzeitig steigenden Qualit√§tsanforderungen und Behandlungsf√§llen pro Helfer. Hinzu komme, dass die therapeutischen Beziehungen im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie emotional belastend sein k√∂nnen. Nicht haltbar sei die These, dass gerade diejenigen das Berufsfeld Psychiatrie und Psychotherapie w√§hlen, die eine Neigung zu psychischen Erkrankungen haben. Wichtig ist es, Anzeichen f√ľr ein ‚ÄěBurnout‚Äú fr√ľh zu erkennen und entgegenzusteuern. Denn zu sp√§t erkannt, k√∂nnen Ersch√∂pfungszust√§nde in einer depressiven Erkrankung m√ľnden. Die DGPPN empfiehlt das eigene Zeitmanagement zu verbessern, Delegationsm√∂glichkeiten f√ľr Aufgaben zu nutzen oder auch mal ‚ÄěNein‚Äú zu sagen sowie exzessive √úberstunden zu vermeiden. Hilfreich kann zudem eigene psychotherapeutische Unterst√ľtzung sein, in der Betroffene ihre oftmals eingefahrenen Einstellungs- und Verhaltensmuster hinterfragen k√∂nnen, die zu dem emotionalen und k√∂rperlichen Ersch√∂pfungszustand gef√ľhrt haben. Sie lernen, wie sie mit Stress besser umgehen und auf ihren K√∂rper h√∂ren k√∂nnen.

Das Thema ‚ÄěBurnout‚Äú und ‚ÄěBurnout bei professionellen Helfern in der Psychiatrie und Psychotherapie‚Äú geh√∂rt zum Programm des diesj√§hrigen DGPPN-Kongresses im November 2011 in Berlin. Der Kongress z√§hlt mit mehr als 10.000 erwarteten Teilnehmern inzwischen zur gr√∂√üten Fachtagung auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen.

(Quelle: MedAustria, DPPPN-Kongress-Website; Image src:theworkingcaregiver.wordpress.com)

Jul 31

Psychiater, Psychologe oder Psychotherapeut?
Der Dschungel der Berufsbezeichnungen.

Wer Beratung sucht, persönliche Probleme oder Probleme in der Partnerschaft hat, stößt unweigerlich auf die Frage: an wen wende ich mich da am besten? Vor 100 Jahren ging man entweder zum Priester oder einem Psychiater. Heute jedoch ist die Spezialisierung dank intensivster Forschung stark vorangeschritten und es ist sinnvoll, sich an den jeweils kompetentesten Ansprechpartner zu wenden.

Psychiater und Neurologen: sie sind ausgebildete Mediziner und spezialisiert auf die Diagnose und vorwiegend pharmakologische (medikamentöse) Behandlung schwerster psychischer Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen und Psychosen (wie Schizophrenie u.a.) sowie neurologischer Erkrankungen (Störungen des Nervensystems).
Psychologen: haben psychische Prozesse und Strukturen studiert. Klinische Psychologen sind auf Diagnostik, Beratung, psychologische Begleitung von psychisch und somatisch Kranken sowie Trainings spezialisiert. F√ľr die Aus√ľbung von Psychotherapie ist in den meisten L√§ndern jedoch eine Zusatzqualifikation erforderlich.

Coaches, Berater: diese Berufsbezeichnungen sind nicht gesch√ľtzt, weshalb ein un√ľberschaubarer Wildwuchs an Anbietern, gr√∂√ütenteils ohne qualifizierte Ausbildung, existiert. ‚ÄěVor Gebrauch‚Äú sollte man sich daher eine Meinung √ľber die Seriosit√§t des Anbieters bilden.
Psychotherapeuten: f√ľr ihr Fachgebiet, die therapeutische Behandlung psychischer St√∂rungen und Belastungen, haben sie sich einer mehrj√§hrigen, sehr intensiven Ausbildung zu unterziehen. Psychotherapeutische Einsatzgebiete sind z.B. auch die Paartherapie und Sexualtherapie. Psychotherapien finden in 1-2-w√∂chentlichen Sitzungen von ca. 50 Minuten statt.

Bei Problemen, die nicht besonders belasten und erst kurz andauern, ist in der Regel eine Beratung ausreichend. Dauern diese bereits l√§nger an oder treten sie immer wieder auf, ist der Besuch eines qualifizierten Psychotherapeuten anzuraten sowie im Sinne einer langfristigen Verbesserung die Therapie zumindest einige Monate lang durchzuziehen. Bei schweren psychischen Erkrankungen sollte man einen Psychiater zwecks korrekter Diagnostik und medikament√∂ser St√ľtzung konsultieren, erg√§nzend wird heute auch bei psychiatrischen Erkrankungen weltweit Psychotherapie st√ľtzend und f√∂rdernd eingesetzt. Hier besteht in Thailand noch gro√üer Nachholbedarf.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image source: cs10032.vk.me)

Jun 29

Du hast ja eine Psychose!” Dies ist gewisserma√üen die “gebildetere” Form der Floskel “Du bist ja verr√ľckt!”, die von manchen verwendet wird, wenn sie sich die Handlungen einer Person nicht erkl√§ren k√∂nnen.

In stark naturverbundenen Kulturen wurden Menschen, deren Verhalten stark von dem abwich, was als “normal” empfunden wurde, durch Magier und Schamanen behandelt. Im Westen dagegen wurden sie fr√ľher in sogenannten “Irrenh√§usern” eingesperrt und teils grausam behandelt (-> Artikel: “Geschichte der Psychotherapie“). Erst in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nahm der Psychiater Karl Birnbaum erstmals eine Abgrenzung des medizinischen Begriffs der sog. “Psychose” vor. Seinem Konzept nach war diese durch eine Wechselwirkung zwischen organischen und psychischen Ursachen bestimmt: die organischen Faktoren definierten den Krankheitstyp, ihre Auspr√§gung, ihr Beginn und ihr Verlauf w√ľrden dagegen stark von psychischen Faktoren beeinflusst.

Das Verh√§ltnis dieser zwei Einflu√üfaktoren war geschichtlichen √Ąnderungen unterworfen: vor dem Beginn der Psychiatrie hielt man “Geisteskranke” noch f√ľr unheilbar, gefolgt von einer Hochbl√ľte der Psychotherapie. Gegenw√§rtig befinden wir uns wieder in einer Phase, in der die k√∂rperlichen (neurologischen) Faktoren im Vordergrund stehen. Mitunter werden dann auch ausschlie√ülich diese behandelt – selbst wenn die eigentlich Betroffenen dies als nicht befriedigend und ausreichend erleben. Die erfolgreichsten Modelle bestehen heute aber in Kombinationen aus pharmakologischer, psychotherapeutischer und sozialtherapeutischer Behandlung.

Symptome, die auf eine Psychose hindeuten, sind wiederkehrende akustische oder andere Halluzinationen, wahnhafte Denkinhalte oder Beziehungsideen. Die eigene Person oder die Umwelt wird mitunter entfremdet oder ver√§ndert wahrgenommen, die Sprache kann verwirrt oder konfus wirken. Ver√§ngstigte, erregte, gereizte oder getriebene Stimmungen sind h√§ufig und oft auch √§u√üerlich wahrzunehmen, manchmal aber auch “ged√§mpftes”, passives und gleichg√ľltiges Verhalten.

Gar nicht oft genug kann ich auf die Wichtigkeit des sozialen Umfeldes hinweisen: da die Betroffenen selbst h√§ufig ver√§ngstigt sind oder ihre eigene Situation verzerrt wahrnehmen, ist es bedeutsam, da√ü engagierte Freunde oder Verwandte mit Nachdruck auf Diagnose und Therapie hinarbeiten. Eine m√∂glichst fr√ľhzeitige Behandlung verbessert die therapeutischen Interventionsm√∂glichkeiten n√§mlich deutlich.

Link-Tipp: Selbsttest auf Dissoziation / Dissoziative Identitätsstörung

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:psymantra.com)

Jun 21

Bild: Kleine Zeitung

Stephan Rudas, Psychiater, “Vater” der Psychiatriereform der 70er-Jahre (Verlagerung der psychiatrischen Versorgung von den Kliniken zu ambulanter Versorgung) und Gr√ľnder der Psychosozialen Dienste (PSD) in Wien, verstarb dieses Wochenende im Alter von 66 Jahren. Eine der S√§ulen und Wegbereiter der moderneren psychosozialen Versorgung in √Ėsterreich ist damit von uns gegangen. Auch wenn er immer wieder ins Visier von Kritikern geriet, war ihm doch stets der Abbau von Vorurteilen, Diskriminierung und Stigmata von an psychischen Leiden Erkrankten ein Anliegen. Sein gro√ües Talent, Zusammenh√§nge f√ľr jedermann verst√§ndlich zu erkl√§ren, verschafften ihm gro√üe Medienpr√§senz. Hier einige seiner Zitate, entnommen aus einem Artikel der “Kleinen Zeitung”:

– Aus einem Arztbrief des Psychiaters an einen Dermatologen-Kollegen: “In der kranken Haut, die Sie behandeln, steckt auch ein leidender Mensch. Ich bitte dies zu ber√ľcksichtigen.”

– “Psychische Erkrankungen sind h√§ufig und keine Schande. Die k√∂rperliche Gesundheit bekommt erfreulicherweise seit Jahren mehr Aufmerksamkeit. Das unsichtbare Organ Psyche hingegen wird noch zu oft vernachl√§ssigt.”

– “Psychische Erkrankungen sind genau so gut behandelbar wie organische Erkrankungen. Aber das sind sie nur, wenn die vorhandene Hilfe auch angenommen wird. Daher kann die Forderung nur lauten: ‘Weg mit den Vorurteilen’.”

– “Gef√ľhle sind erlaubt! (…) Jetzt ist es aus mit der Schwarzwaldklinik. Wir brauchen auch eine neue Einstellung zu Krankheit, Leiden, Spital, Patienten, √Ąrzten und Schwestern. (…) Es muss Schluss sein mit dem verlogenen Spiel rund um die Krankenh√§user. Das Bild vom armen, aber lieb und brav im Bett liegenden Patienten entspricht nicht der Wirklichkeit. Wir d√ľrfen auch nicht erwarten, dass die Schwestern stets freundlich, adrett gekleidet, immer verf√ľgbar und aufopfernd sind.” (Rudas nach dem Bekanntwerden der Mordf√§lle am Krankenhaus Lainz im Jahr 1989)

– “Mir reicht es. Mir reicht auch die wiederholte Diskussion √ľber die Unf√§higkeit und Dummheit der Pflichtsch√ľler. Ich schlage Alarm. Nicht die Kinder, sondern die Lehrpl√§ne und Lehrmethoden sind dumm. (…) Nicht die Kinder sollen ein Jahr l√§nger die Schulbank dr√ľcken, sondern die Lehrer und die Verfasser der Lehrpl√§ne. Als Arzt sage ich, ein unwirksames Medikament wird nicht besser, indem man seine Einnahme verl√§ngert.” (Rudas nach dem Bekanntwerden einer Studie √ľber Rechtschreib- und Mathematikdefizite bei Berufsschulanf√§ngern im Jahr 1991)

– “Die Uhr tickt. Es wird sehr, sehr viel darin liegen, dass man jetzt keine Verzagtheit bei den Menschen zul√§sst. Alle sind aufgerufen, in die Zukunft zu schauen. Es geht darum, sofort mit dem Wiederaufbau zu beginnen. (…) Wir m√ľssen signalisieren: ‘Wir sind eine Gemeinschaft. Wir lassen Euch nicht im Stich. (…) Wenn das nicht geschieht, kommen die Depressionen. Das sind ‘Furchen der Seele’, die jahrelang erhalten bleiben.” (Rudas im August 2002 zur psychologischen Katastrophenhilfe nach den √úberschwemmungen in √Ėsterreich)

– “Saddam ist schlimm genug. Aber der Ausdruck ‘Achse des B√∂sen’ erspart das Nachdenken und erspart eine differenzierte Sichtweise. Man vergisst all zu leicht die anderen Probleme, die es auch gibt. Saddam l√∂st nicht das Problem, dass Millionen Amerikaner keine Sozialversicherung haben.” (Rudas im Jahr 2003 zum Irak-Konflikt)

– “Das ‘Kaspar-Hauser-Syndrom war zun√§chst ein eher literarischer Begriff. Und bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts haben Psychiater weltweit eine ‘literarische Ader’ gehabt. Heute w√ľrde man einen solchen ‘Kaspar-Hauser-Komplex’ als ein schlampiges und wissenschaftlich unzul√§ngliches Bouquet an Folgewirkungen von Isolierung und fehlender sozialer Bindungen im Kindesalter ansehen. Auf der Unfallchirurgie vermerkt man ja als Zustand f√ľr einen Patienten auch nicht ‘Armer Mensch nach schwerem Unfall’.” (der Psychiater im Jahr 2008 gegen Mythen rund um die psychischen Folgen f√ľr die Opfer von “Amstetten”)

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth√§lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst√∂rungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie√ülich psychischer und Verhaltensst√∂rungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf√ľgen aber nicht nur √ľber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf√§higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f√ľr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f√ľr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw√ľrfe zur Ver√∂ffentlichung freigegeben, die endg√ľltigen Fassungen werden dann f√ľr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl√§ge f√ľr den neuen DSM-V ver√∂ffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m√ľssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal √ľberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was √ľber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f√ľr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V√§ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da√ü die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T√ľren stattfinden, selbst ihm habe man einschl√§gige Ausk√ľnfte verwehrt. Sein Nachfolger f√ľr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au√üerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl√ľgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit√§t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro√üe Bedeutung solcher Diagnosem√∂glichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h√§tten sich diese Erwartungen aber nicht erf√ľllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl√§ssig feststellen lie√üen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers√∂nlichkeitsz√ľge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche √Ąnderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit√§t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f√ľnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr√§gt sind. Solcherart soll dem h√§ufigen Umstand besser gerecht werden, da√ü viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St√∂rung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k√∂nnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest√∂rt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k√∂nnte auch dazu f√ľhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f√ľr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f√ľr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den √Ąrzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l√∂st aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar√ľber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef√ľhrt, die ebenfalls f√ľr Diskussionsstoff sorgen d√ľrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr√ľhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k√∂nne zu einer verfr√ľhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn√∂tigen Stigmatisierung f√ľhren, Bef√ľrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr√ľher helfen zu k√∂nenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit√§tsst√∂rung) ist f√ľr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W√ľnschen Transsexueller d√ľrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit√§tsst√∂rung) geben.

Statt der bisher zw√∂lf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f√ľnf Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen geben, n√§mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St√∂rung. Damit w√ľrde auch das fr√ľher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f√ľr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef√ľhlsregulationsst√∂rung mit schlechter Stimmung” zu √ľbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef√ľhlsausbr√ľche und negativer Stimmungszust√§nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k√ľnftig von den “St√∂rungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w√ľrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f√ľr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver√§nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh√§ngigkeit wurde vollst√§ndig durch diejenige von St√∂rungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst√∂rung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh√§ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh√§ngigkeit, sondern von substanzbezogenen St√∂rungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst√∂rungen f√§llt. Ein Pendant f√ľr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m√∂chte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen√ľgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f√ľr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k√∂nnte alternative L√∂sungsm√∂glichkeiten ins Abseits dr√§ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst√∂rungen d√ľrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R√§tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel√∂st werden.” (tp)

(Quellen und Ausz√ľge aus: tp, Science 02/2010)

Feb 17

Im Jahre 2008 wurden laut dem “Verein Vertretungsnetz f√ľr Sachwalterschaft, Patientenanwaltschaft, Bewohnervertretung” 20.000 Personen gegen ihren Willen zumindest f√ľr kurze Zeit in geschlossene psychiatrische Abteilungen gebracht – also etwa ein Viertel aller station√§r behandelten psychisch Kranken.

Bisher musste diese Ma√ünahme mit zwei Gutachten gerichtlich beeideter Sachverst√§ndiger (Psychiatern) begr√ľndet werden, das soll nun jedoch anders werden: das Justizministerium plant eine Novelle zum “Unterbringungs- und Heimaufenthaltsgesetz”, die nur mehr ein psychiatrisches Gutachten als Grundlage f√ľr die Einweisung vorsieht – es sei denn, der Patient, sein Rechtsvertreter oder ein Angeh√∂riger verlangen dezidiert ein zweites Gutachten. Die offizielle Begr√ľndung f√ľr diese Ma√ünahme: Wenn ein Patient “auf die Psychiatrie” komme, m√ľssten alle Beteiligten schnell handeln. Und dies scheitere oft daran, dass es vor allem am Wochenende, an Feiertagen oder nachts zu wenige Psychiater gebe. Aller Voraussicht nach wird der Justizausschuss die Novelle am 17. Februar mit den Stimmen von SP√Ė und √ĖVP beschlie√üen – trotz der zum Teil massiven Bedenken und Einspr√ľche von Experten, die das Vier-Augen-Prinzip bei einer solch drastischen Ma√ünahme f√ľr unumg√§nglich halten.

Neben dem Berufsverband der Psychologen haben sich auch die Kinder- und Jugendanwaltschaften, der √ĖGB sowie diverse Patientenvertretungs-Organisationen gegen den Wegfall der Zweituntersuchung ausgesprochen. Die √Ėsterreichische Gesellschaft f√ľr Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Hilfe f√ľr Angeh√∂rige und Freunde psychisch Erkrankter sowie die Salzburger und die Wiener Landesregierung fordern zus√§tzliche Bestimmungen.

Diese habe man erf√ľllt, argumentiert SP√Ė-Justizsprecher Hannes Jarolim im Gespr√§ch mit der √∂sterr. Zeitung Der Standard: “Patienten, die das w√ľnschen, k√∂nnen ja ein zweites Gutachten verlangen.” Gr√ľnen-Justizsprecher Albert Steinhauser h√§lt dies f√ľr eine “maximal theoretische M√∂glichkeit”. Steinhauser: “Welcher Patient wei√ü das schon oder ist in einer Ausnahmesituation in der Lage, sein Recht durchzusetzen?” Die Gr√ľnen werden daher im Ausschuss diesen Passus des Gesetzes ablehnen – die Novelle insgesamt aber bef√ľrworten, da sie eine Evaluierung der neuen Regelung durchsetzen konnten. Dies sei deshalb wichtig, “weil wir nicht wollen, dass wir dahin kommen, dass wieder mehr Menschen, die sich auff√§llig benehmen, auf der Psychiatrie landen” (Steinhauser).

Hinweis R.L.Fellner: die Gesetzesnovelle ist aus meiner Sicht bedenklich, auch ich selbst halte das Vier-Augen-Prinzip sowohl f√ľr sinnvoll als auch notwendig. Sollte es im Grunde um Einsparungsma√ünahmen gehen, dann w√ľrde hier meiner Ansicht nach am falschen Fleck – n√§mlich bei den B√ľrgerrechten – gespart. Wenn angeblich Psychiater nicht erreichbar sind, k√∂nnten auch PsychologInnen und PsychotherapeutInnen in die Begutachtung einbezogen werden – diese sind f√ľr derartige Begutachtungen ausreichend qualifiziert und vor allem auch bundesweit in einer deutlich gr√∂√üeren Anzahl verf√ľgbar als Fach√§rzte.

(Quellen: Der Standard, Unterbringungsgesetz aktuell; Foto: Regine Henrich)

ÔĽŅ01.09.19