Jun 21

Bild: Kleine Zeitung

Stephan Rudas, Psychiater, “Vater” der Psychiatriereform der 70er-Jahre (Verlagerung der psychiatrischen Versorgung von den Kliniken zu ambulanter Versorgung) und Gründer der Psychosozialen Dienste (PSD) in Wien, verstarb dieses Wochenende im Alter von 66 Jahren. Eine der Säulen und Wegbereiter der moderneren psychosozialen Versorgung in Österreich ist damit von uns gegangen. Auch wenn er immer wieder ins Visier von Kritikern geriet, war ihm doch stets der Abbau von Vorurteilen, Diskriminierung und Stigmata von an psychischen Leiden Erkrankten ein Anliegen. Sein großes Talent, Zusammenhänge für jedermann verständlich zu erklären, verschafften ihm große Medienpräsenz. Hier einige seiner Zitate, entnommen aus einem Artikel der “Kleinen Zeitung”:

– Aus einem Arztbrief des Psychiaters an einen Dermatologen-Kollegen: “In der kranken Haut, die Sie behandeln, steckt auch ein leidender Mensch. Ich bitte dies zu berücksichtigen.”

– “Psychische Erkrankungen sind häufig und keine Schande. Die körperliche Gesundheit bekommt erfreulicherweise seit Jahren mehr Aufmerksamkeit. Das unsichtbare Organ Psyche hingegen wird noch zu oft vernachlässigt.”

– “Psychische Erkrankungen sind genau so gut behandelbar wie organische Erkrankungen. Aber das sind sie nur, wenn die vorhandene Hilfe auch angenommen wird. Daher kann die Forderung nur lauten: ‘Weg mit den Vorurteilen’.”

– “Gefühle sind erlaubt! (…) Jetzt ist es aus mit der Schwarzwaldklinik. Wir brauchen auch eine neue Einstellung zu Krankheit, Leiden, Spital, Patienten, Ärzten und Schwestern. (…) Es muss Schluss sein mit dem verlogenen Spiel rund um die Krankenhäuser. Das Bild vom armen, aber lieb und brav im Bett liegenden Patienten entspricht nicht der Wirklichkeit. Wir dürfen auch nicht erwarten, dass die Schwestern stets freundlich, adrett gekleidet, immer verfügbar und aufopfernd sind.” (Rudas nach dem Bekanntwerden der Mordfälle am Krankenhaus Lainz im Jahr 1989)

– “Mir reicht es. Mir reicht auch die wiederholte Diskussion über die Unfähigkeit und Dummheit der Pflichtschüler. Ich schlage Alarm. Nicht die Kinder, sondern die Lehrpläne und Lehrmethoden sind dumm. (…) Nicht die Kinder sollen ein Jahr länger die Schulbank drücken, sondern die Lehrer und die Verfasser der Lehrpläne. Als Arzt sage ich, ein unwirksames Medikament wird nicht besser, indem man seine Einnahme verlängert.” (Rudas nach dem Bekanntwerden einer Studie über Rechtschreib- und Mathematikdefizite bei Berufsschulanfängern im Jahr 1991)

– “Die Uhr tickt. Es wird sehr, sehr viel darin liegen, dass man jetzt keine Verzagtheit bei den Menschen zulässt. Alle sind aufgerufen, in die Zukunft zu schauen. Es geht darum, sofort mit dem Wiederaufbau zu beginnen. (…) Wir müssen signalisieren: ‘Wir sind eine Gemeinschaft. Wir lassen Euch nicht im Stich. (…) Wenn das nicht geschieht, kommen die Depressionen. Das sind ‘Furchen der Seele’, die jahrelang erhalten bleiben.” (Rudas im August 2002 zur psychologischen Katastrophenhilfe nach den Überschwemmungen in Österreich)

– “Saddam ist schlimm genug. Aber der Ausdruck ‘Achse des Bösen’ erspart das Nachdenken und erspart eine differenzierte Sichtweise. Man vergisst all zu leicht die anderen Probleme, die es auch gibt. Saddam löst nicht das Problem, dass Millionen Amerikaner keine Sozialversicherung haben.” (Rudas im Jahr 2003 zum Irak-Konflikt)

– “Das ‘Kaspar-Hauser-Syndrom war zunächst ein eher literarischer Begriff. Und bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts haben Psychiater weltweit eine ‘literarische Ader’ gehabt. Heute würde man einen solchen ‘Kaspar-Hauser-Komplex’ als ein schlampiges und wissenschaftlich unzulängliches Bouquet an Folgewirkungen von Isolierung und fehlender sozialer Bindungen im Kindesalter ansehen. Auf der Unfallchirurgie vermerkt man ja als Zustand für einen Patienten auch nicht ‘Armer Mensch nach schwerem Unfall’.” (der Psychiater im Jahr 2008 gegen Mythen rund um die psychischen Folgen für die Opfer von “Amstetten”)

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Abgelegt unter: Psy-Pressespiegel von r.l.fellner
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01.09.19