Nov 18

Die meisten Betroffenen gestehen sich selbst viel zu spät ein, ‘burned out’ zu sein.
(Photo credit: Flickr/Zach Klein)

Burnout” ist eines der diagnostischen Modeworte der letzten Jahre, und von daher nicht ganz überraschend stiegen die Zahlen der entsprechend diagnostizierten Patienten exorbitant an –  deutlich stärker, als Faktoren wie “schwierige Wirtschaftslage” oder “gestiegener Druck am Arbeitsplatz” dies erwarten lassen würden. Dies läßt die Vermutung zu, dass es sich häufig um Verlegenheitsdiagnosen handelt, welche dann gegeben werden, wenn die vorliegenden Symptome von Patienten nicht eindeutig einem physiologischen Krankheitsbild zuzuordnen sind oder eine “problematischer” klingende Diagnose – und das ist z.B. “Depression” für die meisten immer noch – vermieden werden soll.

Doch worum handelt es sich tatsächlich bei diesem Diagnose-Begriff “Burnout” und was beschreibt er genau? Wie kann man feststellen, ob man selbst an “Burnout” leidet?

Während der letzten Jahre wurde von Psychologen, Ärzten und Therapeuten für die Diagnosestellung, Präventions- und Therapieansätze des “Burnout-Syndroms” eine ganze Fülle an Publikationen herausgebracht. Im Wesentlichen wird das Burnout-Syndrom dabei als Resultat einer chronischen Arbeits- oder interpersonellen Stressbelastung beschrieben, die sich in den drei Dimensionen emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung  / Zynismus und subjektiv empfundene reduzierte Leistungsfähigkeit äussert (Maslach, C., 1976):

  • Emotionale Erschöpfung wird als der wesentlichste Aspekt des Syndroms betrachtet und zeigt sich als emotionale und körperliche Kraftlosigkeit.
  • Depersonalisation/Zynismus beschreibt eine gefühllose, abgestumpfte Reaktion auf Klienten wie z.B. Schüler, Patienten, Kunden oder Mitarbeiter. Dieses Verhalten wird als Versuch interpretiert, Distanz zu schaffen.
  • Verminderte subjektive Leistungsbewertung beschreibt Gefühle des Versagens und Ungenügens, den zunehmenden Verlust des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten.

Der in der Psychologie verwendete und dort noch etwas genauer spezifizierte  Begriff, der den prozesshaften Verlauf des Burnout-Zustandes (im Unterschied zum Burnout-Syndrom) beschreibt, wird auf den in Frankfurt geborenen US-Psychologen Herbert Freudenberger zurückgeführt, der diesen im Jahre 1974 auf der Basis persönlicher Überlastungs-Erfahrungen in seinem Buch “Staff Burnout” geprägt (und selbst vermutlich einer Novelle von Graham Greene entliehen) hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gail North definierte er 12 sogenannte “Burnout-Phasen”, die im Gesundheitswesen bis heute häufig zum Zweck der Diagnose herangezogen werden. Die Symptome müssen allerdings weder in der beschriebenen Reihenfolge auftreten noch alle vorhanden sein, damit man laut H. Freudenberger / G. North1 von “Burnout” sprechen kann:

Die 12 Burnout-Phasen

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erfüllen
  • Überarbeitung mit Vernachlässigung anderer persönlicher Bedürfnisse und sozialer Kontakte
  • Überspielen oder Übergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und Geringschätzung Anderer
  • Rückzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche Verhaltensänderungen, fortschreitendes Gefühl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen, das Leben verläuft zunehmend „mechanistisch”
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese Gefühle durch Überreaktionen zu überspielen (Sexualität, Essgewohnheiten, Alkohol und Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Zu diesen psychischen Anzeichen kommen meist nach einiger Zeit des Leidens auch noch körperliche. Abgesehen von der reduzierten Performance und Effektivität im Beruf wird bei “Burnout”-PatientInnen meist auch eine erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen festgestellt. Die Betroffenen werden dadurch deutlich anfälliger für Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems und zahlreiche andere psychosomatische und rein somatische (sind es diese dann noch?) Erkrankungen, aber auch Depression.

Und hier liegt das Schlüsselwort, denn “Burnout” ist tatsächlich (zumindest derzeit) gar kein wissenschaftlich anerkannter Diagnosebegriff, weder im Klassifikationsschema ICD-10, noch im aktuell gültigen und vor allem im angloamerikanischen Raum häufig eingesetzten DSM-IV. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in den derzeit in Begutachtung befindlichen nächsten Versionen dieser Manuals, dem ICD-11 und DSM-V ändern würde. Wie also lässt sich “Burnout” medizinisch korrekt definieren und wie ist es von anderen Störungsbildern abzugrenzen?

Emotionale Erschöpfung: es gibt starke Parallelen zwischen dem Auftreten beider Störungsbilder, auch kann emotionale Erschöpfung unbehandelt in Burnout münden.

– Auch zwischen Schlafstörungen und Burnout bestehen Zusammenhänge und Wechselwirkungen: der Schlaf wird von vielen Burnout-Patienten als mangelhaft und nicht erholsam beschrieben, tagsüber besteht häufig Schläfrigkeit und mentaler Energiemangel. Umgekehrt können Schlafprobleme einen Risikofaktor für späteres Burnout darstellen.

Stress und Psychosomatik: akuter Stress kann kardiale Störungen, Herzinfarkte und Diabetes Typ-2 auslösen. Chronisch höhere Spannungen in der Arbeit wiederum führen zu erhöhter Kortisol-Ausschüttung, die ihrerseits die Bildung des metabolischen Syndroms mit Hyperlipidämie und arterieller Hypertonie begünstigt. Die häufig stressbedingten gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen, etwa erhöhter Nikotin- oder Alkoholkonsum und schlechte Planung körperlicher und psychischer Erholung, dürften nach einiger Zeit auch ohne körperliche Stressreaktionen massivste Auswirkungen zur Folge haben. Bemerkenswerterweise scheinen Frauen vor allem auf muskuloskelettaler und Stoffwechselebene zu reagieren, Männer dagegen nahezu ausschließlich auf kardiovaskulärer Ebene.

Depression: Die häufigsten Fehldiagnosen finden vermutlich im vielen Ärzten und Therapeuten nur vage bekannten Graubereich zwischen Depression und “Burnout” statt. Ahola und Hakanen (2007) schlussfolgern auf Basis ihrer Untersuchungen, dass Burnout und Depressionen nicht gleichzusetzen sind, dass aber chronische Stressbelastungen über Burnout-Zustände in Depressionen münden können. So steigt bei zunehmendem Schweregrad von Burnout die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, auf bis zu 50% an (Ahola, Honkonen et al., 2005). Iacovides et al. (2003) betrachten Burnout und Depression jedoch als zwei separate Phänomene und Krankheitskonzepte, die aber gemeinsame Charakteristika aufweisen. Auch ihnen zufolge mündet unbehandeltes Burnout in seiner schwersten Stufe letztlich häufig in Verzweiflung und Depression.

Zum Vergleich mit den oben beschriebenen Spezifika von “Burnout” hier die Merkmale einer depressiven Episode gemäß ICD-10:

“Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt. Sogar bei der leichten Form kommen Schuldgefühle oder Gedanken über eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrückte Stimmung verändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf Lebensumstände und kann von sogenannten “somatischen” Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, Früherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. Abhängig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.”

Es ist also davon auszugehen, dass ein beträchtlicher Teil der Menschen, die wegen „Burnout” eine längere Auszeit nehmen, de facto an einer depressiven Erkrankung leiden (wobei diese durchaus auch mit beruflichen Problemen in Zusammenhang stehen kann) – nämlich dann, wenn alle für die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen vorliegen. Zur Depression gehört immer auch das Gefühl tiefer Erschöpftheit, welches so manchen Arzt, Coach oder Therapeuten zur vorschnellen Diagnose “Burnout” verleiten dürfte, da dieser Zustand Selbstüberforderung oder Überforderung durch außen als Ursache suggeriert. Doch fatalerweise ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsächliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung, was dann zu Fehlbehandlungen führen kann. Viele depressiv Erkrankte etwa fühlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; doch nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche Tätigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Das ist bei Burnout jedoch nicht so: hier wird als Teil der Behandlungsstrategie häufig empfohlen, langsamer zu treten, länger zu schlafen und Urlaub zu machen. Liegt jedoch tatsächlich eine depressive Erkrankung vor, wären dies zumeist keine empfehlenswerten oder sogar gefährliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf längeren Schlaf und eine längere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und weiterer Stimmungsverschlechterung. Auch sind Urlaube oder Krankschreibungen etwas, von dem vielen depressiv Erkrankten abgeraten wird, da man die Depression “mitnimmt” und der eigene Zustand mit Antriebsstörung, Grübeln und der Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden, allein daheim oder im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedrückend und schmerzlich erlebt wird. Nicht selten treten gerade in solchen Situationen dann erste Suizidgedanken auf. Aus diesem Grund ist eine fachkundige Diagnose, idealerweise durch Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten, die sowohl im Feld der Depressions- als auch der Burnout-Betreuung Erfahrung haben, dringend anzuraten. Nur eine korrekte Diagnose ermöglicht einen adäquaten Therapieansatz sowie ein möglichst rasches Greifen des therapeutischen Angebots!

Therapieansätze bei Burnout-Symptomatik

Aufgrund der Komplexität der möglichen Ursachen und Zusammenhänge, aber auch aus Gründen der häufig schwierigen Abgrenzung der Ätiologie und gegenüber anderen Störungsbildern steht am Beginn einer erfolgreichen Therapie eine sorgfältige medizinische und psychotherapeutische oder psychiatrische, sowie ggf. eine schlafmedizinische Diagnose. Die Therapie richtet sich dann naturgemäß nach den Erkenntnissen dieser Diagnosestellung.

Bei leichteren Beschwerden ohne Depression genügen mitunter geringe Interventionen wie die Ausarbeitung alternativer Strategien für das Arbeitsumfeld, Entspannungsverfahren und Stressbewältigungs-Techniken. Dies kann direkt am Arbeitsplatz (z.B. Arbeitspsychologe oder Coach) oder privat (Kurzzeit-Psychotherapie oder Coaching) geschehen.

Entspricht die Symptomatik jedoch einer depressiven Episode oder bestehen körperliche Symptome, die direkt oder indirekt mit einer Burnout-Symptomatik im Zusammenhang stehen, ist adäquate und regelmäßige Psychotherapie, nötigenfalls mit pharmakologischer Unterstützung, bis zum völligen Abklingen der Symptome über einen Zeitraum zumindest mehrerer Wochen indiziert. Ziel dieser Maßnahmen ist verbesserte Stressbewältigung (Coping) und Prävention (Coaching). Die Prognose ist i.d.R. gut; in Einzelfällen jedoch – etwa, wenn die Arbeitsstrukturen nicht adäquat verändert werden können und eine positive Arbeitsatmosphäre nicht erreichbar scheint – kann aber auch eine radikale berufliche Veränderung oder ein vorübergehender Berufsausstieg (Krankenstand, Sabbatical,..) erforderlich sein, um eine vollständige Regeneration bzw. Rehabilitation zu erreichen.

Literatur zum Thema:
Depression
Burnout

Quellen:
Ahola K, Hakanen J. Job strain, burnout, and depressive symptoms: A prospective study among dentists. J Affect Disord. 2007;104:103-10.
Ahola K, Honkonen T, Isometsä E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A et al.: The relationship between job-related burnout and depressive disorders – results from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88: 55-62.
Iacovides A, Fountoulakis KN, Kaprinis S, Kaprinis G. The relationship between job stress, burnout and clinical depression. J Affect Disord. 2003;75:209-21.
Maslach, C. Burned-out. Hum Behav. 1976;5:16–22.
Freudenberg HJ. Staff burnout. J Soc Issues. 1974;30:159–64.
Nil R, Jacobshagen N, Schächinger H, Baumann P, Höck P, Hättenschwiler J, Ramseier F, Seifritz E, Holsboer-Trachsler E. Burnout – an analysis of the status quo. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 2010;161(2):72–7.
Bildquelle: timsstrategy.com

Sep 09

Gewalterfahrungen und andere traumatische Erlebnisse können langfristig nicht nur zu psychischen sondern auch zu körperlichen Erkrankungen führen, wie aktuelle Studien aus den USA und Deutschland zeigen. So haben Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen, Diabetes und andere chronische Krankheiten, wie Experten auf der internationalen Tagung „Folgen der interpersonellen Gewalt“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen referierten.

Bis zu 10% der Erwachsenen in Deutschland geben an, in ihrem Leben gewalttätige Übergriffe erlebt zu haben. Solche traumatischen Erlebnisse haben Folgen, auf körperlicher Ebene begünstigen sie insbesondere die Entwicklung von chronischen körperlichen Erkrankungen. Wissenschafter des „US Department of Veterans Affairs“ etwa haben festgestellt, dass Kriegsveteranen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) deutlich häufiger an einer koronaren Herzerkrankung (KHK) leiden als Veteranen ohne PTBS. Bei 76% der Veteranen mit PTBS (im Unterschied zu 59% bei nicht traumatisierten Veteranen) konnten die Forscher so genannten Koronarkalk, einen Risikomarker für zukünftige Herzinfarkte, nachweisen.

Auch andere chronische Leiden wie etwa Asthma, Diabetes, chronische Schmerzerkrankungen, Osteoporose oder Schilddrüsenerkrankungen können Folge eines Traumas sein. Eine große, an der älteren deutschen Bevölkerung durchgeführte epidemiologische Untersuchung der Universitätsklinik Leipzig zeigte auf, dass Menschen mit PTBS durchschnittlich fast 3x so häufig von chronischen Krankheiten betroffen sind wie Menschen ohne Traumatisierung. Dazu kann zum einen der risikoreiche Lebensstil von PTBS-Erkrankten, wie ein erhöhter Zigarettenkonsum, beitragen. Doch viele Erkrankungen sind vermutlich durchaus auch direkte Folge des Traumas: Patienten mit PTBS reagieren auf Belastung mit intensiveren und länger anhaltenden Ausschüttungen von Stresshormonen, ihre Blutwerte zeigen zudem häufig Zeichen einer chronischen Entzündung. „Stresshormone und Entzündungsbotenstoffe sind Risikofaktoren für Typ 2-Diabetes und koronare Herzerkrankungen“, erklärt der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) Johannes Kruse.

Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) werden ungewollt – etwa in Albträumen – immer wieder mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert. Sie versuchen, Gedanken, Orte und Aktivitäten zu vermeiden, die mit dem Trauma zusammenhängen. Symptome wie Depressionen, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und sozialer Rückzug können Folgen eines Traumas sein.

(Quellen: MedAustria, Psychosomatic Medicine issue 73(5), p401-406; Image src:loddmedicalgroup.com)

May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigermaßen verspätet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich kürzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und rücksichtslos agiert und schließlich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtmäßigen Anteile betrogen. Später werden auf Anraten der Anwälte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt – dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit jüngste Milliardär.

Auch wenn natürlich keinerlei Sicherheit darüber besteht, ob die dargestellten Persönlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die kühle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits während der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit Mädchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der für “Aspies” häufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine völlige Außerachtlassung ihrer Gefühle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog veröffentlicht und andere Vorfälle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines Gefühls von Absurdität nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verstärken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verstört, Freundschaften zerbrechen am Außerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder geschäftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer Störung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschlägigen Websites entnehmen kann, übrigens auch den überwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich häufig durch hohes Talent, was spezifische Fähigkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder künstlerischen Berufen tätig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich verändernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum annähert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verfügt über hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” fühlen kann – wie würde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben träfe … und würde man dies überhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erhöhen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu häufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter Berücksichtigung der Erkenntnisse über Neuroplastizität auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren präfrontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen Fähigkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erklären, dass wir immer häufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen Mitschülern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktstörungen neben Depressionen zur Gruppe zur am stärksten zunehmenden Gruppe psychischer Störungen dieses Jahrhunderts gehört.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

Aug 10

“Erwin? Den habe ich auch schon längere Zeit nicht mehr gesehen!”

Wenn sich das anfängliche Hochgefühl über das Leben im Ausland gelegt hat, warten verstörende Kultureigenheiten, Desillusionierungen, Sprachbarrieren, ein fehlendes Unterstützungssystem und damit häufig auch ein Gefühl der Einsamkeit auf Expats. Auch jene Ausgewanderten, die mit den Herausforderungen der Lebensumstellung relativ gut fertigwerden, vermissen häufig einen vertrauten und ausreichend großen Freundeskreis. Viele haben zwar Freizeitbekanntschaften und Hobbypartner, aber niemanden, den sie als wirklich guten Freund, gute Freundin bezeichnen könnten. So kann sogar das Leben in Thailand, Gran Canaria oder Neuseeland zu einer phasenweise deprimierenden, weil einsamen Erfahrung werden.

Jüngere Menschen tun sich mit dieser Herausforderung normalerweise am leichtesten: ihnen fällt es zumeist noch leichter, die neue Sprache zu erlernen, Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen und sich in die Umgebung zu integrieren. Ältere Menschen dagegen neigen eher dazu, sich zurückzuziehen. Häufig reduzieren sich im Verlauf der Jahre sogar ihre Kontakte zu jenen Menschen, mit denen sie in der neuen Stadt recht gut auskamen. Sie verlassen ihre Wohnung nur mehr, um einzukaufen oder das wöchentliche Expat-Treffen zu besuchen. Irgendwann fühlt sich das dann womöglich auch zu anstrengend an. So kommt es, dass wir in regelmäßigen Abständen in der Zeitung davon lesen müssen, dass Menschen – ob krankheitsbedingt oder gar durch die eigene Hand – vereinsamt starben. Aus meiner Sicht das schlimmste Lebensende angesichts der Träume, die viele Expats mit ihrer Auswanderung verbanden.

Sieht man sich Einsamkeit, Gefühlen von Depression oder Angstzuständen gegenüber, sollte man aktiv bleiben und nicht vergessen: gut Ding braucht Weile. Pflegen Sie Ihre Kontakte, behalten Sie aber auch Ihre Freunde und Bekannten im Auge: wie geht es eigentlich denen aktuell?

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image source:echinacities.com)

25.06.19