Aug 10

“Erwin? Den habe ich auch schon längere Zeit nicht mehr gesehen!”

Wenn sich das anfängliche Hochgefühl über das Leben im Ausland gelegt hat, warten verstörende Kultureigenheiten, Desillusionierungen, Sprachbarrieren, ein fehlendes Unterstützungssystem und damit häufig auch ein Gefühl der Einsamkeit auf Expats. Auch jene Ausgewanderten, die mit den Herausforderungen der Lebensumstellung relativ gut fertigwerden, vermissen häufig einen vertrauten und ausreichend großen Freundeskreis. Viele haben zwar Freizeitbekanntschaften und Hobbypartner, aber niemanden, den sie als wirklich guten Freund, gute Freundin bezeichnen könnten. So kann sogar das Leben in Thailand, Gran Canaria oder Neuseeland zu einer phasenweise deprimierenden, weil einsamen Erfahrung werden.

Jüngere Menschen tun sich mit dieser Herausforderung normalerweise am leichtesten: ihnen fällt es zumeist noch leichter, die neue Sprache zu erlernen, Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen und sich in die Umgebung zu integrieren. Ältere Menschen dagegen neigen eher dazu, sich zurückzuziehen. Häufig reduzieren sich im Verlauf der Jahre sogar ihre Kontakte zu jenen Menschen, mit denen sie in der neuen Stadt recht gut auskamen. Sie verlassen ihre Wohnung nur mehr, um einzukaufen oder das wöchentliche Expat-Treffen zu besuchen. Irgendwann fühlt sich das dann womöglich auch zu anstrengend an. So kommt es, dass wir in regelmäßigen Abständen in der Zeitung davon lesen müssen, dass Menschen – ob krankheitsbedingt oder gar durch die eigene Hand – vereinsamt starben. Aus meiner Sicht das schlimmste Lebensende angesichts der Träume, die viele Expats mit ihrer Auswanderung verbanden.

Sieht man sich Einsamkeit, Gefühlen von Depression oder Angstzuständen gegenüber, sollte man aktiv bleiben und nicht vergessen: gut Ding braucht Weile. Pflegen Sie Ihre Kontakte, behalten Sie aber auch Ihre Freunde und Bekannten im Auge: wie geht es eigentlich denen aktuell?

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image source:echinacities.com)

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Gedanken zu “Sozialer Rückzug – das “Expat-PensionärInnen-Syndrom”” (4):

  1. Kommentar von Andreas:

    Als Mann unter Expat-Hausfrauen in Indien.
    Warum Deutsche im Ausland oft konservativer leben als zuhause.

    Wenn Deutsche sich als Paar oder als Familie fuer eine Zeitlang im Ausland aufhalten – als sogenannte Expaties – kommt es aus soziologischer Sicht zu einigen “Besonderheiten”.
    Wer von seiner Firma als Expat ins Ausland geschickt wird, hat meistens eine gute berufliche Qualifikation im technischen oder betriebswirtschaftlichen Bereich. Oder in beidem. So wie meine Frau, die hier die indische Dependence einer deutschen Firma aufgebaut hat und diese fuer insgesamt drei Jahre leitet. Waehrend ich als Mann fuer zwei Jahre eine berufliche Auszeit genommen habe, um meiner Frau diesen Schritt ins hoehere Management zu ermoeglichen. Ich bin also in verlaengerter Elternzeit und kuemmere mich ausserhalb der Schulzeit um unsere beiden 4 und 6 Jahre alten Soehne. Die Rueckkehr in meinen Beruf als Antiquar stand nie in Frage.

    In den allermeisten Faellen sind bei Expaties jedoch die Maenner berufstaetig.
    Das fuehrt nun familiensoziologisch dazu, dass deren Ehefrauen oder Lebenspartner meist als Hausfrau und Vollzeitmutter hier im Ausland leben. Die meist kurze Dauer des Auslandsaufenthaltes von ein bis zwei Jahren und die meist sehr andersartigen besonderen Bedingungen des Gastlandes lassen hier auch so gut wie keine Alternative zu.
    Sozialgeschichtlich handelt es sich also um eine Situation, die von der des Heimatlandes, wo fast 80% der Frauen auch als Mutter mittlerweile einen Vollzeit- oder Teilzeitjob inne haben, deutlich abweicht. Expaties leben also in einem klar konservativen Familienmodell, dem im Heimatland nur mehr eine soziale Minderheit anhaengt.

    Da der Anteil von Hausarbeit, die von den Frauen hier zu verrichten ist, aufgrund der Beschaeftigung von billigen Hausangestellten deutlich geringer ausfaellt als zuhause in Deutschland, ist der Anteil an Tagesfreizeit naturgemaess hoeher. Aus diesem Grunde haben sich die Frauen der Expats hier in Vadodara in einem eigenen Verein organisiert (“Verein der Expat-Frauen Vadodara”), der strukturierte und regelmaessige Freizeitangebote anbietet, die sich meist mit ausgepraegten Aspekten der Kultur des Gastlandes im weitesten Sinne befassen (Tanz, Mode, Literatur).

    Das besondere hieran sind nun die Exklusionsmechanismen, die auf eine Umkehrung der frueheren historischen “Herrenclubs” hinaus laufen: Maenner sind bei den geselligen Treffen tendenziell nicht vorgesehen. Frau bleibt unter sich. Eine Gegenwelt mit eigenen symbolischen und kommunikativen Bedeutungsinhalten. Ein Expat-Mann, der anstatt berufstaetig zu sein, sich fuer eine befristete Zeit um die Kinder kuemmert, und eine Ehefrau, die Karriere macht, sind bei Expat-Frauen offenkundig nicht vorgesehen und loesen gleich doppeltes Befremden aus.

    Weder ich noch meine Frau wurden in den vergangenen eineinhalb Jahren zu einem dieser Treffen eingeladen, obwohl ich selbst ueber indische Politik promoviert und auch meine Frau frueher hier studiert hat. Auch sonst gab es so gut wie keinen Kontakt zwischen diesen stark divergierenden Lebenswelten. Die in Deutschland oft zu hoerende Annahme, dass Deutsche im Ausland doch sicher eigene “Communities” bilden und sich unterstuetzen wuerden, trifft in dieser Form nicht zu. Eine Verein definiert sich immer ueber die Gleichartigkeit der Interessen und Ausgangslager seiner Mitglieder. Ist diese Gleichartigkeit nicht gegeben, greifen Exklusionsmechanismen: Man gehoert nicht dazu.

    Im Heimatland sind diese Exklusionsmechanismen nun in der Regel kein Problem. Man schliesst sich dort eben anderen sozialen Milieus an. Im Ausland ist eine solche Situation fuer einen Expat, der per defnitionem nicht dazugehoert, anders. Es fehlen Aternativen sozialer Interaktion, die den eigenen kulturellen Hintergrund widerspiegeln.

  2. Kommentar von r.l.fellner:

    Hallo Andreas,

    danke für diesen interessanten Beitrag!

    Viele Ihrer Beobachtungen kann ich auch aus eigenem Erleben bestätigen (zahlreiche längerfristige Auslandsaufenthalte in verschiedenen asiatischen Ländern – leider kann ich Indien nicht dazu zählen, war dort das letzte Mal vor 20 Jahren…).
    Der überwiegenden Mehrheit der westlichen Expats gelingt – wenn überhaupt – nur ein mehr oder weniger zufriedenes “Mit-Leben” im Auswanderungsland. Die erste mit der Auswanderung ausgelöste Euphorie weicht häufig bereits nach wenigen Monaten des Lebens im Ausland sukzessive einer deutlichen Ernüchterung.
    Echte soziale Integration ist nämlich besonders in der weitgehend geschlossenen asiatischen Gesellschaft von vornherein ausgeschlossen. Und selbst im Kreis der meist aus einer bunten Mischung bezüglich Bildung, sozialer Schicht, Sprache und Herkunftsland, Interessen und Bedürfnissen zusammengewürfelten so genannten “Expat-Community” fühlen sich die meisten nicht wirklich aufgehoben: man trifft sich kurz, betreibt ein wenig Höflichkeitskonversation – und geht dann wieder auseinander.

    Vereinfachend ließe sich vielleicht sagen: wer gute Freunde und einen lebendigen sozialen Austausch benötigt, um sich an einem Ort glücklich und gut aufgehoben zu fühlen, für den können insbesondere die ersten Jahre einer Auswanderung eine enorme, ja mitunter sogar unerträgliche psychische Belastungsprobe darstellen.

    Alles Gute,
    R.L.Fellner

  3. Kommentar von Andreas:

    Ich moechte noch ergaenzen, dass die soziologischen und und psychologischen Auswirkungen des voruebergehenden Expats-Lebenslage fuer die Betroffenen sozialwissenschaftlich bisher noch sehr wenig erforscht sind.
    Insofern habe ich mich gefreut, dass in diesem blog von R.L. Fellner aus psychologischer Sicht ein erster Ansatz gelegt wurde. Bleibt zu wuenschen, dass sich auch an dieser Stelle so etwas wie ein kleiner Diskussions- und Forschungsschwerpunkt bildet, der sich mit den beschriebenen Problemen des “Expat-Syndroms” weiter beschaeftigt. Ich halte diese Bezeichnung fuer sehr zutreffend.

  4. Kommentar von Mirjam:

    Lieber Andreas, zum Thema “Psychologische Auswirkungen der vorübergehenden Expat-Lebenslage” gibt es einen Forscher (selber Expat), der ein aufschlussreiches Buch dazu veröffentlicht hat: “The End of Belonging – Untold Stories of leaving home and the psychology of global relocation” von Greg A. Madison, PhD (nur auf Englisch, ISBN 9781449534165).

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25.06.19