Jan 11

Tribut für die Todesopfer während der Attacke auf “Charlie Hebdo” am Place de la République (Paris). Bild: Aurelien Meunier/Getty

Der Schock über das Attentat in Paris sitzt tief – und trifft auf ein bereits seit Jahren tief sitzendes, aber immer noch weiter wachsendes Mißtrauen gegenüber der islamischen Religion selbst ebenso wie ihren Anhängern. Schon 2012 etwa waren einer Emnid-Umfrage zufolge 53% von befragten nichtmuslimischen Deutschen der Meinung, der Islam sei sehr oder eher bedrohlich – 2014 waren es bereits 57%. Dass der Islam nicht in die westliche Welt passe, sagten letztes Jahr bereits 61%, 2012 waren es noch 52%. Auch als invasiv wird der Islam erlebt: laut einer Umfrage des Linzer Market-Instituts empfinden die Hälfte der Österreicher den Islam als Gefahr für die österreichische Kultur, 45% meinen, dass der Islam schon jetzt zu viel Einfluss in Österreich habe.

Eine der Ursachen für diese Entwicklung könnte im wachsenden Anteil der muslimischen Bevölkerung an der europäischen Bevölkerung und einem damit verbundenen, subjektiven Gefühl von “Unterwanderung” liegen. Aus soziologischen Untersuchungen weiß man, das hiefür bei vielen Menschen schon scheinbar banale Gründe wie in kulturellen Unterschieden oder religiösen Vorschriften begründete Äußerlichkeiten ausreichen (etwa die Art der Kleidung, man erinnere sich an die teils sogar gerichtlich ausgetragenen Konflikte z.B. rund um das Tragen von Niqabs/Hijabs/Burkas). Doch auch mangelnde Integration eingewanderter Muslime (z.B. schon auf grundlegendsten Ebenen wie z.B. des Erlernens der jeweiligen Landessprachen), insbesondere aber wohl die massive Expansion des sog. “Islamischen Staates” in Syrien und dem Irak verbunden mit per Bild- und Videoclips verbreiteten grausamen Massakern und Exekutionen durch die salafistischen Islamisten, all dies verstärkt das Gefühl von “unheimlichen”, “gefährlichen” Muslimen.

Bemerkenswert ist hinsichtlich der Statistik, dass Menschen, die keinen Kontakt mit Muslimen haben, diese mit 66% deutlich häufiger als bedrohlich empfinden als jene mit Kontakten (43%). 71% der Menschen ohne Kontakte halten den Islam für nicht in die westliche Welt passend, bei den anderen sind es 42%; 29% ohne Kontakte wollen Muslime nicht mehr ins Land lassen, bei den anderen sind es 15%. Dennoch verbleibt auch bei Menschen, die Muslime kennen, ein relativ hoher Anteil von Ablehnung, wohl aufgrund des Umstandes, dass persönlich Bekannte nicht zuallererst über ihren religiösen Glauben wahrgenommen werden. Sind Vorurteile aber erst einmal verankert, dann haben positive Attribute es schwer, sich durchzusetzen. Aber wie kann man als Atheist, Christ oder als Angehöriger anderer religiöser Richtungen den Islam überhaupt korrekt einschätzen? Selbst unter den Muslimen gibt es solche, die die Position vertreten, der Koran als Grundpfeiler dieser Religion wäre “wortwörtlich zu nehmen”, während andere auf die sog. Suren verweisen, welche gewissermaßen “Aktualisierungen” der ursprünglichen Schriften darstellen. Zudem wird in einer klassischen Koran-Interpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert jeder Koranvers mit mehreren Interpretationen und sodann “..aber Gott weiß es besser.” abgeschlossen, also ausgedrückt, dass man als Mensch die mögliche Bedeutung des Verses womöglich gar nicht verstehen könne. Aufgrund dieser Unklarheit ist es möglich, dass einzelne Vertreter des Islam Lehrmeinungen anführen, denen zufolge etwa “Ungläubige zu vernichten seien”, andere jedoch diese Interpretation entschieden ablehnen.

Wir als Angehörige eines stark christlich geprägten Kulturkreises werden hierbei durchaus an die Schwierigkeit der Interpretation “hiesiger” heiliger Schriften erinnert. So ist ja beispielsweise auch in der Bibel nachzulesen, dass ein Kind getötet werden soll, wenn es seine Eltern schimpft, oder dass Sex während der Menstruation mit dem Tode zu bestrafen ist (Levitikus, Kapitel 20). Doch auch wenn es in unserer sogenannten “aufgeklärten Gesellschaft” immer noch viele strenggläubige Christen gibt: nicht einmal die extremsten unter ihnen würden tatsächlich solchen Tötungsaufrufen folgen (hoffe ich doch). Das ist beim Islam aufgrund seiner Verwurzelung in zum Teil auch heute noch sehr archaisch geprägten Gesellschaften und seines impliziten Anspruches, auch politischen Einfluss auszuüben (Scharia), zumindest in Teilbereichen anders – aus diesen Gründen kann jedoch auch nicht, wie manche Islamtheoretiker argumentieren, einfach generalisierend behauptet werden, “der Islam an sich” sei eine friedliche, gewaltlose Religion – ebenso wie auch in der christlichen Religionsgeschichte sind auch in jener des des Islam Gewaltakte explizit religiös begründet worden.

Photo src: AlJazeera.com

Ich möchte mich hier jedoch nicht als Religionskenner oder Kulturhistoriker ausgeben – der bin ich nicht. Aus psychologischer Sicht und als jemand, der sich recht eingehend mit der Dynamik von Gewalt, Traumata etc. befaßt hat, befürchte ich allerdings, dass eine weitere Ausweitung des Drucks gegen Muslime in unserer Gesellschaft keineswegs die gewünschten Effekte haben, sondern nur zu einer noch stärkeren Isolierung der orthodox Gläubigen führen dürfte. Alle historischen Erfahrungen mit der Repression von Bevölkerungsgruppen weisen in genau diese Richtung. Versteht man den Jihadismus als “Bewegung der [ökonomischen, politischen] Verlierer”, kann man eigentlich gar nicht anders, als sich zu fragen, wie diesen Menschen wieder eine positive Perspektive ermöglicht werden kann. In Europa wäre es essenziell, die Integration jenes Teiles unserer Gesellschaft, der der islamischen Richtung angehört (und zu dem übrigens auch “originale” Mitteleuropäer zählen!), wo immer es relevant sein könnte, voranzutreiben. Sicherlich gibt es auch Bereiche, in denen den Betreffenden Integration durchaus auch abverlangt werden kann. Ebenso wie sog. “Sekten” haben sich auch Religionen ultimativ der Staatsautorität zu unterwerfen, unsere Gesellschaft und ihre Individuen sind vor Schaden zu bewahren. Diese Einstellung findet sich übrigens auch in den muslimischen Ländern selbst, wo sich selbstverständlich auch Touristen oder westliche Expats weitestgehend in die jeweiligen landes- und kulturspezifischen Regeln und Normen einzufügen haben.

Hinsichtlich gefürchteter Attentäter möchte ich auf die Arbeiten von Arno Gruen verweisen, der nachwies, wie Gewaltneigungen in sozialen Systemen wie etwa den Familien weitergegeben werden. Zum einen können Gewalterfahrungen und Repression offenbar selbst bei später gegen die Gewaltsysteme Revoltierenden zu neuen Formen der Gewaltausübung führen. Die Unterdrückten bleiben – gerade auch bei Hassgefühlen den Beherrschenden gegenüber – mit diesen identifiziert, haben aber den Kontakt zu ihren Gefühlen und zu ihrer Kernidentität verloren. Derartig emotional gestörte Menschen agieren häufig mit Gewalt gegen das, was sie (zumindest subjektiv) als gewalttätig erlebt haben.

Immerhin aber haben sie tatsächlich, real oder subjektiv erlebt, Gewalt erfahren. Attentäter sind jedoch keineswegs immer nur “Betroffene”. Von Soziopathen etwa weiß man, dass sie häufig unbewußt nach Möglichkeiten suchen, den enormen emotionalen Druck, unter dem sie stehen, durch Zerstörung zu entladen. Eine solches legitimierende Ideologie entwickelt dann für sie in weiterer Folge ganz von selbst Faszination, ist aber gewissermaßen nur ein Vehikel für die eigentlich gesuchte Gewalterfahrung. So liegt etwa bei den für viele erstaunlich hoch wirkenden Zahlen westlicher Ausländer, welche in den fernen Osten “pilgern” (pun intended), um dort am Krieg teilzunehmen und “Ungläubige zu vernichten”, aus psychologischer Sicht die Vermutung nahe, dass sich ihnen der radikale Islamismus schlicht als Möglichkeit anbot, anderen Menschen Schmerz zuzufügen oder sich gar in der archaischen Erfahrung, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, vor einer Kamera oder zumindest ebenso radikalen “Glaubensbrüdern” zu inszenieren und selbst zu erleben – und zwar ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Der Islam wird damit für derartige, in ihrer Persönlichkeit und Humanität schwerst gestörte Menschen zu einer Projektionsfläche und von ihnen instrumentalisiert, um sich auszuagieren.

Von derartigen Entwicklungen und Instrumentalisierungen werden sich sowohl verantwortungsvolle westliche Politiker, als auch islamische Theoretiker und Prediger explizit abgrenzen müssen: erstere, indem sie der Bevölkerung gegenüber differenzieren – weder als Relativierer auftreten, noch im Teich der beunruhigten Teile der Bevölkerung nach billigen (langfristig aber teuer zu bezahlenden) Wählerstimmen fischen. Islamische Schlüsselpersönlichkeiten wiederum müßten klar kommunizieren, dass in ihren Reihen kein Platz für Gewalttäter ist. Und zwar nach innen ebenso wie nach außen.

Der “Shift” unserer Gesellschaft in Richtung zunehmender religiöser Pluralität und kultureller Vielfalt bringt erhöhten Dialogbedarf mit sich. Wollen wir den inneren Zusammenhalt und die Integrität unserer kulturellen Werte gerade in jenen Zeiten stärken, in denen einfache Wahrheiten und Zuschreibungen nicht mehr greifen und einzelne Gruppierungen gezielt destruktive Absichten verfolgen, benötigt es umso mehr Anstrengungen, diese Kluften zu schließen und durch gezielten Dialog zu überbrücken.

Quellen:

 

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25.06.19