Mar 25

Bild: MOD/Crown (c) 2012

Einer britischen Studie zufolge ist die Zahl der Verurteilungen wegen Gewalttaten bei ehemaligen Soldaten dreimal so hoch wie in der mĂ€nnlichen Gesamtbevölkerung. Dies deckt sich mit Studien in den USA, wo Veteranen der Kriege im Irak und Afghanistan nach der RĂŒckkehr in ihr ziviles Leben zu gewalttĂ€tigem Verhalten in der Familie neigen und hĂ€ufig in die KriminalitĂ€t rutschen. In den GefĂ€ngnissen beider LĂ€nder befindet sich ein relativ hoher Anteil an Ex-Soldaten, die wegen Gewalttaten verurteilt wurden – so sind fast ein Zehntel der HĂ€ftlinge in britischen GefĂ€ngnissen ehemalige Soldaten.

Naheliegend ist die Vermutung, dass viele der Menschen, die aktiv an KriegseinsĂ€tzen teilnehmen, nach ihrer Heimkehr unter posttraumatischen Belastungsstörungen, Angst, Depressionen und anderen psychischen Folgen zu leiden haben. Doch es sollte auch untersucht werden, ob einer erhöhte Gewaltneigung auch schon vor dem Eintritt in das MilitĂ€r bestanden. Den Ergebnissen zufolge sind neben dem Geschlecht (v.a. MĂ€nner) und Alter (v.a. unter 30-JĂ€hrige) am stĂ€rksten untergeordneter Rang und schon vor dem Eintritt ins MilitĂ€r bestandene GewalttĂ€tigkeit Risikofaktoren fĂŒr nach Verlassen des MilitĂ€rs begangene Gewalttaten. Die Teilnahme an KampfeinsĂ€tzen und auch das wiederholte Erleben traumatisierender Ereignisse erhöhen die Wahrscheinlichkeit, eine Gewalttat zu begehen, um das Doppelte gegenĂŒber anderen Soldaten. Alkohol, posttraumatische Belastungsstörungen und gegen sich selbst gerichtetes aggressives Verhalten (->Suizid-Risiko) nach der RĂŒckkehr sind Risikofaktoren.

Wer schon vor dem MilitĂ€rdienst gewalttĂ€tig oder aggressiv war, scheint sich eher zu KampfeinsĂ€tzen zu melden und neigt auch danach vermehrt zu Gewalt. Nach dem MilitĂ€rdienst verdoppeln sich die allgemeinen Straftaten beinahe. Die Ausbildung als Soldat mit Waffen schon scheint die Neigung zu Straftaten und Gewalt statistisch zu erhöhen. Zu begrĂŒĂŸen wĂ€ren insofern den Forschern zufolge Eignungsverfahren und PrĂŒfung auf registrierte Gewaltdelikte bereits bei den Eignungstests fĂŒr das MilitĂ€r. Ob diese Forderung Chancen auf Umsetzung hat, ist freilich dahingestellt.

(Quellen: Telepolis [1], [2], The Lancet [1)

Mar 08

Frauen empfanden positive GefĂŒhle, wenn sie die EnttĂ€uschung ihrer Partner wahrnahmen, da dies fĂŒr sie sein “Engagement” und seine “Investition" in die gemeinsame Zeit ausdrĂŒckte. Photo Credit: ALAMY, Telegraph

Eine von der Harvard Medical School durchgefĂŒhrte Studie ergab, dass sich Ehefrauen oder Freundinnen freuen, wenn ihre Partner Emotionen zeigen, da sie dies als Zeichen einer gesunden Beziehung interpretieren. Weiters zeigte die Studie, dass die Frauen sich besser fĂŒhlten, wenn sie zuvor verĂ€rgert waren, ihr Mann dies aber deutlich wahrnahm. Die MĂ€nner jedoch fĂŒhlten sich dadurch nicht besser.

Die grĂ¶ĂŸte Freude empfanden Frauen jedoch, wenn ihr Partner deutlich Unzufriedenheit oder Ärger zeigte, da es fĂŒr sie sein starkes “Engagement” oder “Investment” in ihre gemeinsame Zeit ausdrĂŒckte.

Dr. S. Cohen, Leiter der im Journal of Family veröffentlichten Studie, sagte in einem Interview: “FĂŒr Frauen drĂŒckt der Ärger ihres Partners offenbar emotionales Engagement in die Beziehung aus, auch in schwierigen Zeiten. Dies steht im Einklang mit dem, was ĂŒber die Unzufrieden heit bekannt ist, die Frauen hĂ€ufig erleben, wenn sich ihre mĂ€nnlichen Partner emotional zurĂŒckziehen und und Konflikten ausweichen.

Basis der von der American Psychological Association veröffentlichten Studie waren sehr unterschiedlich gewĂ€hlte, 156 heterosexuelle Paare. Mehr als 100 der jĂŒngeren, stĂ€dtischen Paare, lebten in einer exklusiven, aber nicht unbedingt verheirateten Partnerschaft. Bei den meisten anderen Paare existierten z.T. große Unterschiede in der Art, in der sie Konflikte lösen und Emotionen ausdrĂŒcken, die ĂŒbrigen Teilnehmer waren Ă€lter, stammten aus der Mittelschicht und waren verheiratet. Insgesamt waren 71 Prozent der Befragten weiß, 56 Prozent verheiratet, und die durchschnittliche Dauer ihrer Beziehungen war 3,5 Jahre.

WĂ€hrend der Studie wurde jeder Teilnehmer gebeten, einen wĂ€hrend der letzten 2 Monate stattgefundenen Vorfall mit dem Partner zu beschreiben, der als frustrierend, enttĂ€uschend oder Ă€rgerlich erlebt wurde. Die Forscher nahmen die Teilnehmer bei einer kurzen Zusammenfassung des Vorfalls auf, und brachten das Paar anschließend zusammen, um die Aufnahmen beiden vorzuspielen. Mit der BegrĂŒndung, sie könnten danach wahrscheinlich das Geschehene besser verstehen, sollte von ihnen danach der Vorfall danach nochmals besprochen werden, was ebenfalls aufgenommen wurde. Diese Videoaufnahme wurde ihnen dann ebenfalls gezeigt, wĂ€hrend ihre negativen und positiven Reaktionen mit Hilfe eines elektronischen GerĂ€tes bewertet wurden.
SpĂ€ter wurden sechs 30-Sekunden-Clips zu den emotionalsten der stattgefundenen Diskussionen dann den Teilnehmern, die zuvor Fragebögen ĂŒber ihre GefĂŒhle ausgefĂŒllt hatten, die Aufnahmen dargestellt. Die allgemeine Zufriedenheit mit der Beziehung wurde gemessen, und ob die Befragten ihre Partner als einfĂŒhlsam empfanden.

Das Ergebnis: “Insgesamt deuten die Ergebnisse dieser Studie darauf hin, dass MĂ€nner offenbar zufriedener in ihren Beziehungen sind, wenn sie die positiven Emotionen ihrer Partner genau “ablesen” können, wĂ€hrend die Zufriedenheit von Frauen in ihren Beziehungen dann steigt, wenn sie bei ihren Partnern negative GefĂŒhle ablesen können.” Weiters interessant: “Die Zufriedenheit der Frauen war stĂ€rker von ihrer Wahrnehmung abhĂ€ngig, dass ihre Partner ihre negativen Emotionen zu verstehen suchten, als von der tatsĂ€chlichen Genauigkeit, mit der die MĂ€nner diese Emotionen ablesen konnten.”

(Quellen: Telegraph 03/2012, APA)

Nov 06

Fast jeder von Ihnen dĂŒrfte jemanden kennen, der in einer sogenannten “abhĂ€ngigen Beziehung” bzw. “BeziehungsabhĂ€ngigkeit” verstrickt ist – oder diesen leidvollen Zustand sogar aus eigener Erfahrung kennen. Dies sind jene Beziehungsformen, bei denen jeder ringsum die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammenschlĂ€gt und sich wundert, warum sich diese beiden Menschen trotz ihrer chronischen Probleme nicht voneinander lösen können.

HĂ€ufig besteht ein starkes und auffĂ€lliges Ungleichgewicht zwischen beiden Partnern, und immer wieder kommt es zu Aggression, Eifersucht oder emotionaler Erpressung – und dennoch kann sich der “abhĂ€ngige” Partner nicht dauerhaft lösen, ja entschuldigt vielleicht sogar das Verhalten des anderen. Auf der Suche nach Antworten fielen mir im Zuge meiner jahrlangen UnterstĂŒtzung von suchtkranken Menschen und Paaren in Krisensituationen bei letzteren Dynamiken auf, die sehr an die Probleme von substanzabhĂ€ngigen (“drogenabhĂ€ngigen”) Menschen und deren PartnerInnen erinnern.

So findet sich in abhĂ€ngigen Beziehungen fast immer ein Partner, der emotional instabil ist und im Grunde professionelle Hilfe benötigen wĂŒrde, um seine psychischen Probleme zu bearbeiten. Da dies aber nicht stattfindet (z.B. weil das Ausmaß des Problems verdrĂ€ngt wird), wird jemand benötigt, der bereit ist, zu “unterstĂŒtzen”, oder anders gesagt: seine Zeit, Energie und hĂ€ufig genug auch sein Geld zu investieren, um die Situation wieder zu beruhigen und die Beziehung am Laufen zu erhalten – immer in der Hoffnung, dass die Zukunft Besserung bringt.

TatsĂ€chlich aber erhĂ€lt die “UnterstĂŒtzung” hĂ€ufig nur einen Teufelskreis aufrecht. FĂŒr die labileren Beziehungspartner ist dies hĂ€ufig ein durchaus vertrauter und auch gesuchter Zustand: viele von ihnen fanden in Ihrem Leben immer wieder “hilfreiche Seelen”, die sie selbstlos unterstĂŒtzten, was wirkliche VerĂ€nderung ĂŒberflĂŒssig machte.

7 Indikatoren fĂŒr BeziehungsabhĂ€ngigkeit:

  • Unehrlichkeit. Beide Partner kommunizieren nicht offen ĂŒber ihre wahren Absichten, BedĂŒrfnisse und Sorgen.
  • Unrealistische Erwartungen. Beide Partner hoffen darauf, dass der andere ihre Probleme löst – das SelbstwertgefĂŒhl, das Körperbild, Familien- oder existenzielle Probleme. Sie glauben, die “richtige Beziehung” wĂŒrde alles besser machen. TatsĂ€chlich jedoch leben sie in einer defizitĂ€ren, abhĂ€ngigen Partnerschaft.
  • Instant-Befriedigung. Einer der beiden erwartet, dass der andere immer fĂŒr ihn da zu sein hat, wann immer er ihn/sie braucht; der Partner ist dazu da, sich besser zu fĂŒhlen – aber eben weniger als “Partner”, sondern mehr als “Droge”.
  • Zwanghafte Kontrolle. Wenn sich der Partner nicht so verhĂ€lt, wie man das will oder zu benötigen glaubt, wird mit “Abhauen” oder Trennung gedroht; im anderen mögen stĂ€ndig Sorgen ĂŒber eine solche Trennung aufkommen, wann immer eine Krise entsteht. Beide Partner können sich “aneinander gekettet” fĂŒhlen – in negativer oder positiver Hinsicht.
  • Mangelndes Vertrauen. Keiner der Partner ist sich 100%ig sicher, “wirklich” vom anderen geliebt zu werden, denn manchmal werden allzu deutlich GefĂŒhle von Hass oder Verzweiflung des anderen wahrnommen.
  • Soziale Isolation. Niemand wird eingeladen – weder Freunde, noch Familienmitglieder oder Bekannte aus der Arbeit. BeziehungsabhĂ€ngige Menschen wollen in Ruhe gelassen werden und können unwirsch reagieren, wenn jemand Fragen zu ihrer Partnerschaft stellt.
  • Teufelskreis aus Schmerz. Paare, die in einer Beziehung mit AbhĂ€ngigkeitscharakteristika leben, durchlaufen regelmĂ€ĂŸig Zyklen von Freude, Schmerz, EnttĂ€uschung, SchuldgefĂŒhlen und (hĂ€ufig emotional oder sexuell aufgeladener) Versöhnung. Diese Zyklen wiederholen sich so lange, bis beide Partner professionelle Hilfe suchen oder einer der Beziehungspartner aus der abhĂ€ngigen Partnerschaft ausbricht.

UnglĂŒcklicherweise gibt es kein “Patentrezept”, wie die betreffenden Beziehungen zu verbessern wĂ€ren, denn in der Regel zeigen auch die in der Beziehung “ausgebeuteten” Partner eine hohe Resistenz allen gutgemeinten RatschlĂ€gen gegenĂŒber – besonders solchen, die eine gesĂŒndere Distanz zur Partnerschaft zur Folge haben wĂŒrden. Vielleicht aber helfen als erste Orientierungsmöglichkeit die folgenden

Tipps zur Überwindung von BeziehungabhĂ€ngigkeit:

  • ErklĂ€ren Sie Ihre “Heilung” zur ersten PrioritĂ€t Ihrer aktuellen Lebensphase.
  • Sehen Sie mutig Ihren eigenen Problemen und MĂ€ngeln ins Auge.
  • Kultivieren Sie all das, an was es Ihnen selbst fehlt: fĂŒllen Sie z.B. jene LĂŒcken aus, die Sie manchmal schlecht oder ungenĂŒgend fĂŒhlen lassen und/oder beseitigen Sie die Probleme, die Sie ursprĂŒnglich anfĂ€llig fĂŒr ihr Suchtverhalten machten.
  • Lernen Sie, damit aufzuhören, andere steuern und kontrollieren zu wollen; konzentrieren Sie sich statt dessen mehr auf Ihre eigenen BedĂŒrfnisse und verbessern Sie Ihr SelbstwertgefĂŒhl, um emotional unabhĂ€ngiger zu werden.
  • Finden Sie heraus, was Ihnen einen Zustand von Ruhe und Gelassenheit erleichtert und reservieren Sie eine bestimmte Tageszeit dafĂŒr, sich dies auf tĂ€glicher Basis zu ermöglichen.
  • Erlernen Sie, die Spiele und Rituale des Suchtverhaltens zu vermeiden und vermeiden Sie, fĂŒr Sie verfĂ€ngliche Rollen anzunehmen (z.B. “Retter”/”Helfer”, “AnklĂ€ger”, “Opfer” (der/die Hilflose).
  • Finden Sie Freunde, die Sie verstehen und Ihre Erfahrungen teilen können (z.B. Selbsthilfe-Gruppe).
  • Überlegen Sie, sich professionelle UnterstĂŒtzung zu gönnen, um den Erholungsprozess zu beschleunigen.

Vielen Blog-LeserInnen dĂŒrfte vertraut sein, wie hĂ€ufig Freunde oder Bekannte, die in solche Beziehungen verstrickt sind, in diesen emotional geschĂ€digt, finanziell ausgebeutet oder sogar körperlich verletzt werden. Was Sie als guter Freund oder gute Freundin aber tun können, ist, es zu vermeiden, auch selbst mit in das “schwarze Loch” gezogen zu werden, indem Sie beide unnachgiebig dazu aufzufordern, sich professionelle Hilfe (z.B. Paarberatung) zu suchen.

(Indikatoren basieren auf einem Artikel von Laurie Pawlik-Kienlen; Tipps zum Überwinden basieren in Teilen auf Robin Norwood’s Buch “Wenn Frauen zu sehr lieben“; Image src:hubpages.com)

Nov 06

Hatten Sie kĂŒrzlich mit jemandem Kontakt, der völlig die Kontrolle ĂŒber sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensstörungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich fĂŒr problematisch, denn denn wer dĂŒrfte sich schon anmaßen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret AggressivitĂ€t, Bullying, LĂŒgen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegenĂŒber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck darĂŒber, was gemeint ist.

Die betreffenden MinderjĂ€hrigen kommen meist aus problematischen VerhĂ€ltnissen, haben Mißbrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gelöst, können sich bei ihnen Persönlichkeitsstörungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Persönlichkeitsstörung”, bipolare Störungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko fĂŒr eigene oder fremde körperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, GefĂ€ngnisstrafen, Mord oder Suizid stark erhöhen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und hĂ€ufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurĂŒckschrecken. HĂ€ufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betrĂŒgen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerstören. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen Ă€ußerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewußt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, Ă€ngstlich und hoffnungslos fĂŒhlen, was nicht selten zu Alkoholmißbrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen fĂŒhrt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erklĂ€rt werden. Mediziner suchen nach rein körperlichen (z.B. genetischen) ErklĂ€rungen, lassen dabei aber hĂ€ufig außer Acht, dass fĂŒr viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil fĂŒr emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen ĂŒbermĂ€ĂŸig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen PersönlichkeitszĂŒgen mangelt es zusĂ€tzlich an Empathie und VerstĂ€ndnis fĂŒr die Situation der anderen, was die Hemmung fĂŒr Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur wĂŒrden diese Leute im Konfliktfall unfĂ€hig sein, sich in Ihre persönliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf GesprĂ€chsebene zu klĂ€ren, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zunĂ€chst auf Abstand zu gehen, um das GegenĂŒber emotional “abkĂŒhlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Oct 02

Welchen Eindruck die Medien und zahlreiche Politiker uns auch immer vermitteln wollen: ausgeĂŒbte Gewalt – sei es Völkermord, Kriegsverbrechen, Menschenopfer, Folter, Sklaverei oder Mord – hat in der Geschichte in allen beobachteten Dimensionen und sowohl in Richtung ethnischer Minderheiten, Frauen, Kindern und Tieren deutlich abgenommen. Das zeigte eine auf der EDGE Master Class 2011 vorgestellte Studie von Harvard-Professor Steven Pinker.

Doch was sind die GrĂŒnde, die hinter dieser in Teilbereichen sogar Ă€ußerst starken Abnahme von Gewalt stehen? Pinker fĂŒhrt dafĂŒr eine sukzessive Zunahme von Vernunft (‘escalator of reason‘) im Verlauf der Menschheitsgeschichte an. Die Zunahme von Alphabetisierung, Bildung, und die Intensivierung des öffentlichen Diskurses ermutigt Menschen, abstrakter und universeller zu denken, was unweigerlich eine Verringerung der Gewalt zur Folge hat. Wenn sich die Engstirnigkeit und Kurzsichtigkeit von Menschen reduziert, wird es schwieriger, stĂ€ndig die eigenen Interessen anderen gegenĂŒber durchzusetzen. Eine Zunahme von Vernunft fĂŒhrt dazu, dass eine auf Tribalismus, AutoritĂ€t und Puritanismus beruhende Moral zunehmend durch eine auf Fairness und universellen Regeln basierende Moral ersetzt wird. Außerdem werden Menschen ermutigt, den hohen Preis und die letztendliche Nutzlosigkeit der KreislĂ€ufe von Gewalt zu erkennen – und Gewalt eher als eigenstĂ€ndiges Problem denn als einen zu gewinnenden Wettbewerb zu sehen.

Diverse intellektuelle FĂ€higkeiten, abzulesen ĂŒber Meßinstrumente wie etwa IQ-Tests, haben seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts messbar und regelmĂ€ĂŸig (ca. 3 IQ-Punkte pro Dekade, “Flynn-Effekt”) zugenommen. Ein steigender IQ ist jedoch auch ein Indikator fĂŒr ansteigende AbstrahierungsfĂ€higkeiten. Menschen (und zwar sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene), die ĂŒber eine höhere Bildung und gemessene Intelligenz verfĂŒgen, begehen weniger gewalttĂ€tige Verbrechen, kooperieren mehr, denken liberaler, und sind weniger anfĂ€llig fĂŒr rassistische, sexistische, fremdenfeindliche, homophobe Einstellungen und sie sind empfĂ€nglicher fĂŒr demokratische Grundprinzipien.

Doch wir können nicht selbstverstÀndlich davon ausgehen, dass diese Entwicklung anhÀlt. Eine Reduktion der Investitionen in Bildung und ein Abbau bzw. eine Aushöhlung demokratischer Institutionen und Grundprinzipien gefÀhrden die Grundpfeiler, auf denen die Abnahme gesellschaftlicher und individueller Gewalt ruht.

(Quelle: A History of Violence, Edge Master Class 2011, Steven Pinker [9.27.11]

Vortragsvideo (engl.; 1:26h – lĂ€dt vor Anzeige etwas lĂ€nger):

Aug 05

“Was kann ich schon tun, es liegt in meinen Genen!” Diesen Stehsatz hört man hĂ€ufig, wenn jemand von gesundheitlichen Problemen spricht. Und tatsĂ€chlich existieren nur wenige Krankheiten, zu denen nicht mindestens eine Studie versuchte, “genetische Ursachen” ausfindig zu machen – auch bei psychischen Problemen. Doch bemerkenswerterweise können selbst 150 Jahre, nachdem Gregor Mendel (der “Vater der Genetik”) seine Regeln der Vererbung beschrieb, Krankheitsgeisseln der Menschheit wie Krebs, SĂŒchte, Diabetes oder Gewalt immer noch nicht auf genetischem Wege beseitigt werden. Das soll nun nicht heißen, dass die Genetik kein wichtiges Potential hĂ€tte – aber offenbar ist es zum heutigen Zeitpunkt immer noch klug, sĂ€mtliche nicht-genetischen Einflussfaktoren fĂŒr unsere Krankheiten und Störungen auch weiterhin zu berĂŒcksichtigen.

Einer der haarstrĂ€ubendsten Aspekte der Theorie, dass unser gesamtes Leben genetisch “programmiert” ist, besteht darin, dass diese Sichtweise uns komplett von unserer Umwelt abkoppelt. Da unser Schicksal ohnehin unabĂ€nderlich sei, könnten wir uns demnach eigentlich den Versuch sparen, persönliche oder gesellschaftliche Energien in die Verbesserung unserer Lebenssituation oder Gesundheit zu stecken. TatsĂ€chlich jedoch ist nur ein sehr kleine Gruppe sehr seltener Krankheiten wirklich rein genetisch verursacht. FĂŒr komplexe Störungen wie ADHS, Schizophrenie, eine Neigung zu Gewalt oder AbhĂ€ngigkeit mag es zwar genetische Veranlagungen geben, dies ist aber nicht das gleiche wie eine Vorbestimmung. Gene scheinen uns vielmehr unterschiedliche Möglichkeiten zu geben, auf unsere Umwelt zu reagieren. So wirken EinflĂŒsse in unserer Kindheit und die Art unserer Erziehung ganz entscheidend auf die Art, in der sich unsere genetische Neigung spĂ€ter entwickelt. Wie Untersuchungen zeigen, können diese EinflĂŒsse sogar verschiedene Gene “ein- oder ausschalten”, um uns optimal auf die Anforderungen unserer Umwelt einzustellen.

Eine in Montral durchgefĂŒhrte Studie beispielsweise, die die Gehirne von Suizidopfern untersuchte, fand heraus, dass ein wĂ€hrend der Kindheit stattgefundener Missbrauch offenbar gewisse Gehirngene verĂ€nderte, was bei anderen Menschen nicht. feststellbar war. Derartiges wird als “epigenetischer Effekt” bezeichnet: ein Umwelteinfluss, der bestimmte Gene aktivieren oder deaktivieren kann.

So könnte man in einer Variation zu Shakespeare’s Zitat vielleicht sagen: “Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Wissenschaft auszumalen vermag.” Und es gibt mehr Möglichkeiten, unser Leben zielfĂŒhrend zu verĂ€ndern, als wir es uns vorstellen mögen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:psychcentral.com)

May 10

Depression ist ein inflationĂ€rer Begriff und viel zu ungenau, um ein Krankheitsbild mit all seinen Facetten zu begreifen. Denn depressiv muss nicht nur Niedergeschlagenheit bedeuten, sondern kann auch mit Aggression verbunden sein. Um eine umfassende Darstellung, die auch fĂŒr Laien nachvollziehbar ist, ging es den Psychotherapeuten des Instituts fĂŒr Systemische Therapie, die eine sehr ungewöhnliche DVD produziert haben. Eine Handpuppe, Morton Mies, verkörpert die Depression, und erklĂ€rt im GesprĂ€ch mit einer Therapeutin, mit welchen Strategien sie Menschen erobert. Zu Beginn wirkt dieser Zugang zwar leicht kĂŒnstlich, doch wer sich auf diese Methodik einlĂ€sst, erfĂ€hrt nicht nur viele typische Verhaltensmuster, sondern lernt auch, wie sich die Erkrankung in den Griff bekommen lĂ€sst. Externalisieren, nennen die systemischen Therapeuten diese Methode, die ein Problem vom individuellen Einzelfall trennt und durch diese Art der Abstraktion neue Einblicke ermöglicht. Lösungsorientiertheit ist eines der Merkmale dieser Methode: Wenn die Therapeutin im Film die arrogante Handpuppe im existenzialistisch-intellektuellen Outfit dialogisch in die Knie zwingt, dann erzeugt das beim Zuseher auch eine Art HochgefĂŒhl.

Nur wer Kranke versteht, hat die Möglichkeit zu helfen – und angesichts des hohen Prozentsatzes jener, die im Laufe ihres Lebens an Depressionen erkranken , kann die DVD vielleicht ein erster Anstoß sein, sich professionelle Hilfe im “realen” Leben zu suchen. [Link zur DVD]

Zum Weiterlesen:
Info-Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Info-Artikel “Systemische Therapie
Literatur zum Störungsbild “Depression”

(Artikel-Quelle: Der Standard v. 09.05.2011)

May 03

Wenn der Blutdruck steigt, die Halsvenen anschwellen – und der rationale Verstand auszusetzen droht: Aggression “beamt” uns in ein FrĂŒhstadium unserer Entwicklung zurĂŒck 
 und ist der Adrenalinrausch erst einmal verflogen, kehrt hĂ€ufig Reue ein ĂŒber das, was im Rausch der Emotionen an Zerstörungsarbeit (verbal oder physisch) geleistet wurde.

GrundsĂ€tzlich gibt es 2 Kategorien von Aggression: affektive Aggression (Rache, Feindseligkeit, Neigung zu impulsivem und unkontrolliertem Verhalten) und sog. instrumentelle Aggression (z.B. Jagdverhalten, zielorientiert und ĂŒberlegt). Empirische Untersuchungen zeigen, dass die meisten Menschen mit einer Neigung zu affektiver Aggression ĂŒber einen niedrigeren IQ verfĂŒgen als andere. Aggression ist nicht gleichbedeutend mit Gewalt – sie kann diese aber auslösen. Die Ausdrucksweisen von Aggression sind außerdem kulturell unterschiedlich: so neigen diversen Studien zufolge die Bewohner sĂŒdlicher LĂ€nder oder auch von Amerikanern eher zu körperlicher Gewalt als Japaner oder die Bewohner nördlicher LĂ€nder, welche verbale Konfliktlösungen bevorzugen. Auch die Mordquote ist in diesen Regionen höher.

Bemerkenswerterweise gibt es auch einen wichtigen Zusammenhang zwischen der Neigung zur Gewalt und der Sozialisation: wuchsen Menschen in Familien mit hohem Aggressionspotenzial auf (verbale, psychische oder körperliche Gewalterfahrungen), passen sie ihr eigenes Verhalten entsprechend an und neigen – hĂ€ufig, ohne es ursprĂŒnglich zu wollen! – im spĂ€teren Leben auch selbst zu AusbrĂŒchen von Aggression. Dies gilt auch fĂŒr die soziale Akzeptanz von Gewalt, etwa bestimmten Volksgruppen gegenĂŒber: eine Dynamik, die wohl mitverantwortlich ist fĂŒr die nicht endenwollende Gewaltspirale im nahen und mittleren Osten. Viele Menschen reagieren darĂŒber hinaus aggressiv, wenn sie das GefĂŒhl haben, nicht verstanden oder ernst genommen zu werden, oder Ziele und Hoffnungen nicht realisieren zu können. Aus psychologischer Sicht ist dies meist in einem geringen SelbstwertgefĂŒhl begrĂŒndet.

Auch viele Partnerschaften werden durch inadĂ€quaten Ausdruck von Aggression belastet: Studien zufolge neigen MĂ€nner eher dazu, Aggression körperlich und direkt auszudrĂŒcken, Frauen dagegen tun dies eher verbal und indirekt. In Beziehungskrisen sind “Eskalationsspiralen” hĂ€ufig, bei denen zunĂ€chst ein verbaler Schlagabtausch erfolgt, und schliesslich einer der Partner die Kontrolle ĂŒber sich verliert und den anderen körperlich oder seelisch verletzt. Je regelmĂ€ĂŸiger derartige AblĂ€ufe vorkommen, desto schwieriger ist es selbst in einer Paartherapie, die Konfliktmuster aufzulösen. Auch hier gilt also: je frĂŒher erfahrene Hilfe gesucht wird, desto erfolgversprechender!

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle: allhealthsite.com)

Apr 27

(Bild: maennernotruf-blog)

Ich habe den Inhalt eines kĂŒrzlich durchgefĂŒhrten Interviews zum brisanten Thema weiblicher, hĂ€uslicher Gewalt gegen MĂ€nner im Artikel-Bereich meiner Website veröffentlicht.

Bitte klicken Sie hier:

http://www.psychotherapiepraxis.at/artikel/paartherapie/gewalt-in-beziehungen.phtml

Jan 16

Dass gerade bei Psychopharmaka oder anderen psychoaktiven Medikamenten auch viele negative Auswirkungen auf das Verhalten zu vermuten sind, liegt auf der Hand. Dass ihre Einnahme Aggressionen auslösen kann, ist etwa bei Antidepressiva wie Prozac oder Ritalin bekannt. Systematisch untersucht auf ihre Auswirkung auf Gewalt wurden Medikamente und Medikamentengruppen aber noch nicht

Nun haben US-Wissenschaftler vom Institute for Safe Medication Practices in einer Studie, die im Open Access Journal PLoS One erschienen ist, Daten der fĂŒr Medikamente zustĂ€ndigen Behörde FDA ausgewertet und bei 31 Medikamenten von insgesamt 484 untersuchten Medikamenten festgestellt, dass sie ungewöhnlich oft mit Berichten von Gewalt gegen andere verbunden sind. Das bedeutet zwar nicht, dass diese Medikamente direkt Gewalt verursachen, es könnte jedoch einen Zusammenhang geben.

31 der in einem Zeitraum von 69 Monaten insgesamt 464 evaluierten Medikamente waren mit 79 Prozent der GewaltfĂ€lle verbunden, darunter 11 Antidepressiva, 3 Medikamente zur Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit/HyperaktivitĂ€ts-Syndroms (ADHS/ADHD), 5 Beruhigungsmittel und Vareniclin, das als Nikotinentwöhnungsmittel dient. Dessen Wirkstoff wird unter dem Namen Champix vertrieben, zahlreiche Nebenwirkungen sind bekannt, darunter auch SuizidalitĂ€t und AggressivitĂ€t, die FDA hat deshalb fĂŒr diese Substanz einen Warnhinweis veröffentlicht. Vareniclin ist auch nach dieser Studie höchst bedenklich und steht an der Spitze. Ein FĂŒnftel der Berichte ĂŒber Gewalt ist mit diesem Wirkstoff verbunden, damit ist die Neigung zur Gewalt um das 18-Fache höher als bei den anderen Medikamenten. Bupropion (in Deutschland gehandelt als Elontril), bei dem es eine geringe Verbindung zur Gewalt gibt, wird zwar auch zur Raucherentwöhnung eingesetzt, ist aber vor allem ein Antidepressivum.

Verbindungen zur Gewalt gibt es bei allen Antidepressiva, allen voran bei Fluoxetin (Prozac) mit einer mehr als zehnmal so hohen Wahrscheinlichkeit, an dritter Stelle liegt Paroxetin. Bei allen Antidepressiva ist eine Verbindung zur Gewalt 8,4-fach wahrscheinlicher als bei allen anderen psychoaktiven Medikamenten. Eine hohe Wahrscheinlichkeit liegt auch bei Amphetaminen wie Atomexitin (Strattera) und Methylphenidat (Ritalin) vor, die zur Behandlung von ADHD verwendet werden und ein 9- bzw. 3,4-fach höheres Risiko der Verbindung zur Gewalt aufweisen. Von den psychoaktiven Medikamenten wÀren noch die Schlafmittel Triazolam (Halcion) mit einem 8,7-fach und Zolpidem mit einem 6,7-fach erhöhten Risiko zu nennen. Unter den nicht-psychoaktiven Medikamenten fiel Mefloquin (Lariam), das zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria dient, mit einem 9,5-fachen Risiko auf.

(Quelle mit weiteren Linkverweisen zu Studien, Tabellen etc.: “Medikamente und Gewalt” in telepolis 12.01.2011; Image src:patientsrights.org.nz)

ï»ż01.09.19