Jul 25
Autismus Schwangerschaft Antidepressiva

Erhöhtes Risiko bei Antidepressiva-Einnahme der Mutter während der Schwangerschaft (Bildquelle: Fotolia)

Schon seit vielen Jahren wird ein Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen (besonders Depressionen) von M√ľttern und der Wahrscheinlichkeit derer Kinder, an Autismus zu erkranken, vermutet. Nun scheint eine im British Medical Journal ver√∂ffentlichte Studie der Universit√§t Bristol diese Vermutung – wenn auch auf andere Weise – zu erh√§rten.

So scheint der Konsum von Antidepressiva w√§hrend der Schwangerschaft zumindest teilweise mit dem sp√§teren Auftreten von Autismus bei Kindern zusammenzuh√§ngen. Kinder, deren M√ľtter w√§hrend der Schwangerschaft zu Antidepressiva greifen, tragen den gefundenen Zahlen zufolge ein h√∂heres Autismus-Risiko als Kinder, deren psychisch erkrankten M√ľtter auf diese medikament√∂se Intervention verzichten. Dieses Risiko ist – dieser Studie zufolge – allerdings nur leicht erh√∂ht.

In der Studie wurden 250.000 zwischen vier und 17 Jahre alte schwedische Kinder und Jugendliche, unter denen sich mehr als 5.000 Menschen mit Autismus befanden, untersucht. Ihre M√ľtter waren entweder psychisch unbelastet oder von Depression betroffen, manche der letzteren nahmen Antidepressiva ein oder verzichteten auf Medikamente. Die Kinder der M√ľtter, welche w√§hrend ihrer Schwangerschaft Antidepressiva einnahmen, waren sp√§ter zu 4,1% von Autismus betroffen, jene von M√ľttern, die keine entsprechenden Medikamente einnahmen, nur zu 2,9%.
Demnach brachten mehr als 95% der M√ľtter, die Antidepressiva einnahmen, keine autistischen Kinder zur Welt.

Bemerkenswert ist allerdings, dass andere Studien mit √§hnlichen Fragestellungen teils deutlich h√∂here Wahrscheinlichkeiten f√ľr Autismus-Entwicklung der Kinder ergaben (bis zu einer Verdopplung des Risikos bei der Einnahme von SSRI’s, selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, w√§hrend des 2. und 3. Trimesters der Schwangerschaft im Zuge einer Studie der Unversit√§t von Montreal 2015 (p=145.000), teils auch gar keinen Zusammenhang fanden (z.B. 2015).

Aus den zur Verf√ľgung stehenden Forschungsergebnissen ist nach Meinung des Autors somit keine generelle Warnung hinsichtlich der Einnahme von Antidepressiva abzuleiten: ist also eine unterst√ľtzende Einnahme von Antidepressiva rechtzufertigen (z.B. bei erheblich belastenden und trotz regelm√§√üiger Psychotherapie nur wenig ver√§nderlichen Depressionsformen), sollte diese durchaus auch w√§hrend der Schwangerschaft fortgesetzt werden – sofern sich die damit verbundene hormonelle Umstellung nicht ohnedies bereits positiv auf die Depression auswirkt!

Dec 17

Hyperhidrose kann eine schwere Belastung f√ľr die Betroffenen darstellen (Bild: dermnetz)

Nach einer Studie in der Dezember-Ausgabe des Journal of the American Academy of Dermatology ist Hyperhidrosis bzw. Hyperhidrose (HH), also das verstärkte Schwitzen, mit einer erhöhten Prävalenz von Angst und Depression verbunden.

Wirklich wahr! Nun, diese Erkenntnis best√§tigt etwas, das in der Psychotherapie der diesbez√ľglichen St√∂rung schon seit jeher die g√§ngige Arbeitshypothese darstellt: das Schwitzen der Hyperhydrose-Betroffenen ist in aller Regel ein Zeichen chronischer (nicht immer bewu√üter) Stress-Spannung. Angst und psychische Spannung aber erzeugen √ľber das sympathische (im Gegensatz zum parasympathischen) System eine erh√∂hte Produktion der Schwei√üdr√ľsen. Die Hyperhidrose-Betroffenen leiden im Alltag oder spezifischen (z.B. sozialen) Situationen also unter erh√∂hten Angst- und Stressgef√ľhlen, h√§ufig leiden die Betroffenen dar√ľber hinaus auch an einer depressiven Symptomatik.

In der Studie untersuchten Dr. R. Bahar von der Universität von British Columbia in Vancouver, Canada, und Kollegen die Prävalenz von Angst und Depression bei Patienten mit oder ohne Hyperhidrose. Insgesamt wurden 2.017 Dermatologie-Patienten mit standardisierten psychologischen Testfragebögen auf Depression und Angst hin getestet.

Das Vorkommen von Angst wurde bei 21.3% und Depressionen bei 27.2% der Hyperhidrose-Patienten vorgefunden, verglichen mit 7.5% und 9.7% bei Patienten ohne Hyperhidrose (beide p<0,001). Positive Korrelationen wurden f√ľr Hyperhydrose-Intensit√§t und Angst- und Depressions-Vorkommen gefunden. In der multivarianten Analyse war die Hyperhidrose-assoziierte Zunahme des Vorkommens von Angstsymptomen und Depression unabh√§ngig von demographischen Faktoren und bereits vorhandenen Hauterkrankungen.

“Sowohl einzelvariante als auch multivariable Analysen zeigten eine signifikante Assoziation zwischen Hyperhidrose und dem Vorliegen von Angst- und Depressionssymptomen je nach Intensit√§t der Hyperhidrose-Symptomatik”, schreiben die Autoren.

Quelle: Prevalence of anxiety and depression in patients with or without hyperhidrosis (HH) in: Journal of the American Academy of Dermatology , Volume 75 , Issue 6 , 1126 – 1130

Jan 05

Was ist der Unterschied zwischen dem St√∂rungsbild der Depression und “schlechter Stimmung” bzw. “Traurigkeit”? Diese h√§ufig gestellte Frage ist mitunter schwierig zu beantworten, und tats√§chlich kann es alles andere als einfach sein, zu unterscheiden, ob es sich bei verschiedenen Zeichen von Niedergeschlagenheit oder etwa auch k√∂rperlichen Symptomen nicht tats√§chlich im Grunde um eine Depression handeln k√∂nnte.

Um diesbez√ľglich etwas Licht ins Dunkel zu bringen (vielleicht sogar in metaphorischem Sinne), m√∂chte ich Sie einladen, den auf meiner Website verf√ľgbaren Online-Test auf Depression durchzuf√ľhren, oder sehen Sie sich das untenstehende kurze Video mit ersten Informationen zu dieser Thematik an. Gerne k√∂nnen Sie weiter unten auch Ihre Erfahrungen und Beobachtungen anbringen – vielleicht k√∂nnen diese anderen weiterhelfen, die sich selbst √§hnliche Fragen stellen.

Hier bei dieser Gelegenheit noch ein sch√∂ner √úberblick √ľber den aktuellen Forschungsstand zur Depression und verf√ľgbaren Therapie-Ans√§tzen:

Sep 27

(Image: dw.com)

Der Flugzeugabsturz am 24. M√§rz 2015 hat die Welt√∂ffentlichkeit schockiert – denn er wurde durch den Piloten, der sich (wie sich nachher herausstellte) aufgrund von schweren Depressionen in √§rztlicher Behandlung befand, gezielt herbeigef√ľhrt. 150 Menschen kamen dabei ums Leben.

Wie sich nun herausstellt, k√∂nnte der Grund f√ľr den psychischen Ausnahmezustand, in dem sich der Pilot befand, in seiner Nutzung von Antidepressiva gelegen haben. Bestimmte Arzneimittelgruppen, insbesondere jene der sogenannten SSRI’s (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), Antidepressiva wie Prozac und Paxil, Antipsychotika, Benzodiazepine wie Valium, Anti-Raucher- und Anti-Asthma-Medikamente, Antihistaminika oder auch solche mit stimulierender Wirkung wie Ritalin k√∂nnen nachweislich Suizide oder T√∂tungsdelikte ausl√∂sen. Sie sind auf der Website des Psychiaters aufgelistet (siehe untenstehender Link).

Das Risiko daf√ľr, dass es zu derart massiven Handlungen kommt, ist grunds√§tzlich gering – sollte aber auch nicht v√∂llig negiert werden. Und es unterstreicht, wie wichtig die erg√§nzende psychotherapeutische Begleitung von Menschen, die etwa unter Depressionen oder Angstst√∂rungen leiden, ist: nicht nur werden durch sie wichtige Bew√§ltigungsstrategien erlernt, nebenbei entsteht durch das Vertrauensverh√§ltnis Klient/in – Therapeut/in auch eine Verbindung, die schwierigste Phasen √ľberwinden helfen kann, sowie eine Eingriffsm√∂glichkeit der Therapeuten, wenn diese merken, dass ihre Klienten etwa in ein pr√§suizidales Syndrom abgleiten.

Zum Weiterlesen:

Mar 25

Brustkrebs (Bildquelle: medicalpicture)

Jede 5. Brustkrebs-Patientin entwickelt ab dem Zeitpunkt der Diagnose oder im Behandlungsverlauf Depressionen – diese psychische Erkrankung z√§hlt damit zu den h√§ufigsten Begleiterkrankungen bei Brustkrebs, der oft mit einer Vielzahl von seelischen und k√∂rperlichen Beeintr√§chtigungen, wie Todesangst, einer Ver√§nderung des K√∂rperbildes und der Sexualit√§t sowie sozialem R√ľckzug verbunden ist. Dadurch verringert sich nicht nur die Lebensqualit√§t, auch die Arbeitsf√§higkeit wird beeintr√§chtigt, und der Behandlungserfolg kann so negativ beeinflusst werden. Wissenschaftler der Universit√§ten Mainz und Leipzig wiesen nun nach, dass adaptierte Formen von Psychotherapie ein wirksames Mittel gegen Depressionen bei Brustkrebspatientinnen sind.

“Dennoch werden die seelischen N√∂te bei der Behandlung des Tumors h√§ufig au√üer acht gelassen‚Äú, sagt M. Beutel von der Poliklinik f√ľr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universit√§tsmedizin Mainz. Die von ihm geleitete Studie (p=157) konnte nun nachweisen, dass eine spezielle Kurzzeit-Psychotherapie zu einem deutlichen R√ľckgang der Depressionen bei Brustkrebs-Patientinnen f√ľhrt. In diesen erhielt die Vergleichsgruppe bis zu 20 Sitzungen Psychotherapie (1 pro Woche), in denen Psychotherapeuten die Patientinnen √ľber ihre Depression informierten und gemeinsam mit ihnen passende Strategien entwickelten, wie sie die seelischen Belastungen durch die Krankheit besser bew√§ltigen k√∂nnen. Innerhalb von acht Monaten bildete sich die Depression bei 57 Prozent der Patientinnen, die an der Therapie teilnahmen, zur√ľck. Die vergleichbare Quote der anderen Patientinnen betrug lediglich 33 Prozent.

“Damit hat sich die Kurzzeit-Psychotherapie als sehr wirksam bei der Behandlung von Depressionen bei Brustkrebspatientinnen erwiesen. Deshalb sollten Somatische und Psychosomatische Medizin hier besser zusammenarbeiten”, lautet das Fazit von Beutel.

(Quellen: Der Standard 13.02.2013 [1], Uni-Klinik Mainz [2])

Dec 06

r.l.f., 1994 ūüėČ

Das Universit√§tsklinikum Salzburg ver√∂ffentlichte k√ľrzlich eine Studie, welche bei Depression und Suizidalit√§t eine unterst√ľtzende Wirkung der Psychotherapie und Pharmakotherapie durch Bewegungstherapie nachweist.

Die Idee entstand bei gemeinsamen Film-Deharbeiten zum Thema ‚ÄěAlpen und Suizid‚Äú von Dozent Reinhold Fartacek und Reinhold Messner auf dem Rauriser Sonnblick. Die ver√∂ffentlichte wissenschaftliche Studie ‚ÄěPhysical exercise through mountain hiking in high-risk suicide patients. A randomized crossover trial‚Äú (siehe u.a. Quellverweise) best√§tigt eindrucksvoll die unterst√ľtzende Wirkung einer Bewegungstherapie zu Psychotherapie und Pharmakotherapie. Mit dieser Studie k√∂nnen auch erstmals Schwankungen der psychischen Befindlichkeit nicht nur beobachtet sondern auch verstanden werden.

Die √§u√üerst aufgrund der Vielzahl der abgefragten Parameter (z.B. t√§gliche Selbsteinsch√§tzung der TeilnehmerInnen, psychologische Daten, Prozesseinsch√§tzung, Vorher-/Nachher-Einsch√§tzung, sportphysiologsiche Messungen) √§u√üerst komplexe Wanderstudie “√úbern Berg” ist weltweit einmalig. Es wurde wie heute generell in der Suizidpr√§vention darauf gesetzt, auf individuelle St√§rken anstatt auf Krankheit zu achten. Die Patienten sollten durch die k√∂rperliche Aktivit√§t beim Bergwandern und das Erlebnis ‚Äď “√ľber den Berg zu gehen” ‚Äď f√ľr den Alltag seelisch und k√∂rperlich zu st√§rken. Diese Erfolge, aber auch das Erlebnis der Natur sowie die zwischenmenschlichen Begegnungen w√§hrend des Bergwanderns sollten ihnen Mut und Hoffnung f√ľr die Bew√§ltigung des Alltags geben. Mit Redewendungen wie ‚ÄěEs geht bergauf‚Äú oder ‚ÄěBerge versetzen‚Äú werden im Alltag positive Entwicklungen beschrieben. Doch obwohl in √Ėsterreich mehr als 74% der √ľber 15-J√§hrigen zumindest gelegentlich wandern, k√∂nnen sich gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in Lebenskrisen nur schwer √ľberwinden, k√∂rperlich aktiv zu sein.

Synergetisches Navigationsystem (SNS)

Die interdisziplin√§re Studie (PsychiaterInnen, PsychologInnen, Sportmediziner, PflegemitarbeiterInnen) fand in der Salzburger Bergwelt statt. Die Selbsteinsch√§tzung wurde mittels der Nutzung eines vom Leiter des PMU-Instituts f√ľr Synergetik und Psychotherapie-forschung, Univ.-Prof. Dr. G√ľnter Schiepek entwickelten sog. ‚ÄěSynergetischen Navigationssystems‚Äú (SNS) messbar gemacht. Mit einem darin eigens angelegten Online-Fragebogen wurde 6 Monate hindurch t√§glich die pers√∂nliche Befindlichkeit mit 38 Einzelitems in einer Selbsteinsch√§tzung angegeben. Durch die hochfrequenten Messungen ergab sich eine Verlaufsdarstellung mit mehr oder weniger stark ausgepr√§gten Schwankungen und Phasen√ľberg√§ngen. Speziell in den Bereichen Freude und Selbstwertgef√ľhl kam es in der Wanderphase bei vielen Teilnehmern zu einer Steigerung ‚Äď wobei die √Ąngstlichkeit gleichzeitig abnahm.

Die Studienteilnehmer wurden in zwei Gruppen geteilt. Die Wandergruppe wanderte 9 Wochen lang, w√§hrend die Wartekontrollgruppe keine speziell geplanten Aktivit√§ten durchf√ľhrt. Nach 9 Wochen wurde gewechselt, und jeweils die empfundenen Ver√§nderungen der Hoffnungslosigkeit und Depressivit√§t wie auch die rein k√∂rperliche Ausdauerleistungsf√§higkeit gemessen. Hinsichtlich der empfundenen Hoffnungslosigkeit, Depressivit√§t, wie auch der k√∂rperlichen Ausdauerleistung ging es den TeilnehmerInnen signifikant besser als vor der Studie. Die Studienteilnehmer berichteten von einer neu angeeigneten Tagesstruktur, mehr Appetit, mehr Selbstvertrauen und weniger Stress. Dies berichteten selbst die meisten jener Patienten, die sich zun√§chst alles andere als “sportbegeistert” bezeichnet hatten.

Um √úberforderungen zu vermeiden, wurde zun√§chst der optimale Belastungspuls der PatientInnen ermittelt und bei jeder Wanderung mittels Herzfrequenzmesser √ľberwacht. Bald merkten die Wanderer, dass es bei dieser Sportart nicht darum geht, der Schnellste zu sein – so war es jedem m√∂glich, das eigene Tempo zu finden. Jede Wanderung startete mit einfachen Mobilisations√ľbungen und endete mit abschlie√üenden Dehn√ľbungen. Im Laufe der Studie war an Stelle der fehlenden Motivation die Vorfreude auf die n√§chste Wanderung so gro√ü, dass die Teilnehmer oft schon eine gute Weile vor dem vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt warteten.

Die Teilnahme der Patienten am Wandern war nahezu l√ľckenlos und belegt, dass diese Form der Bewegung nicht nur akzeptiert sondern auch gerne ausge√ľbt wurde ‚Äď und das selbst bei Wind und Wetter. Die verbesserte k√∂rperliche Leistungsf√§higkeit ist insofern g√ľnstig, als k√∂rperliche Bewegung auch rein k√∂rperlich gesund ist, gerade von depressiven Personen aber h√§ufig zu wenig ausge√ľbt wird. Wandern jedoch kann gerade in Mitteleuropa nahezu das ganze Jahr √ľber ausge√ľbt werden.

Schlussfolgerungen

Im Rahmen der Salzburger Wanderstudie konnte mittels täglicher Selbsteinschätzung bestätigt werden, dass bereits nach einer Wanderung die Stimmung verbessert, von negativen Gedanken abgelenkt und Stresssymptome abgebaut werden können. Am Ende des Wanderprogramms konnten Selbstwert und Schlafqualität zusätzlich zur Wirkung der bestehenden psychotherapeutischen und psychopharmakologischen Behandlung verbessert werden, auch Angst- und Borderlinesymptome wurden reduziert. Die körperliche Fitness stieg aufgrund der sorgsam abgestimmten Routenplanung z.T. signifikant.

(Quellen: MedAustria 2012, Acta Psychiatr Scand 2012: 1‚Äď9 (doi: 10.1111/j.1600-0447.2012.01860.x)

Nov 08

Picture: Edvard Munch: Melancholy (1891) in The Frieze of Life.

Je √§lter wir werden, umso mehr wird uns bewusst, dass unser K√∂rper nicht unversehrlich ist. Sp√§testens ab dem 40. Lebensjahr beginnen selbst immer mehr M√§nner, regem√§√üige Gesundheits-Checks zu absolvieren. Doch der Zustand der Seele bleibt dabei meist im Schatten, v√∂llig unbeachtet, nicht zuletzt auch deshalb, weil in der vorgeblich auf “Effizienz” optimierten Medizin f√ľr langwierige Behandlungsgespr√§che gar keine Zeit ist.

Dabei gef√§hrden seelische N√∂te die Gesundheit weit st√§rker als bisher bekannt. Selbst m√§√üige Probleme, die noch keiner Krankheit entsprechen, steigern das Sterberisiko deutlich um 20 Prozent, wie die ausgewerteten Daten einer gro√üen britischen Studie nachweisen. Demnach schlagen Angst, Unzufriedenheit oder Schwermut auf Dauer vor allem auf das Herz-Kreislauf-System. Doch tats√§chlich ist das Ergebnis gar nicht so revolution√§r, denn es ist seit vielen Jahren bekannt, dass psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen die Gefahr von Herzproblemen und anderen Erkrankungen deutlich steigern. Nun r√§t die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) jedoch, auch leichte Symptome von psychischem Stress ernst zu nehmen und auf das eigene seelische Wohl zu achten.

Um die Zusammenh√§nge und Ausmasse, in dem sich auch leichtere seelische Probleme auf die k√∂rperliche Gesundheit schlagen, genauer abzukl√§ren, analysierten Mediziner um T. Russ vom Murray Royal Hospital die Ergebnisse von zehn Studien mit insgesamt √ľber 68 000 Teilnehmern im Alter ab 35 Jahren. Bei allen Personen, die zu Beginn der jeweiligen Studie weitgehend gesund waren, wurde das seelische Befinden untersucht.

Im Laufe der folgenden acht Jahre starben rund 8400 Teilnehmer. Die Analyse der Daten zeigt, dass schon m√§√üig ausgepr√§gte seelische Probleme mit einem erh√∂hten Sterberisiko einhergingen. Und die Gefahr stieg mit zunehmender psychischer Last: Unter Ber√ľcksichtigung von Begleiterkrankungen, Alter, Geschlecht, Alkohol- und Tabakgenuss der Studienteilnehmer steigerte bereits eine m√§√üige Belastung das Sterberisiko um etwa 20 Prozent. Die Gefahr, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, war hier sogar um 29 Prozent erh√∂ht, wie die Forscher im “British Medical Journal” berichten. Auf die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, wirkten sich m√§√üige Probleme dagegen nicht aus. Bei stark gestressten krebskranken Menschen war dieses Risiko allerdings um 41 Prozent gesteigert.

Die Forscher erkl√§ren die erh√∂hte Sterberate mit verschiedenen Mechanismen. So k√∂nne sich seelischer Stress direkt auf die Herzt√§tigkeit auswirken und selbst bei scheinbar gesunden Menschen einen Infarkt beg√ľnstigen. Zudem stimuliere eine solche Belastung die Bildung entz√ľndungsf√∂rdernder Stoffe wie etwa C-reaktives Protein (CRP), Interleukin-6 (IL 6) oder Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-őĪ). Dass akuter Stress auch die Methylierung der Erbsubstanz und damit die Aktivit√§t von Genen beeinflusst, konnten Forscher k√ľrzlich im Fachblatt “Translational Psychiatry” nachweisen. Ferner beeinflussen psychische Probleme auch die Lebensf√ľhrung, etwa wenn Betroffene rauchen, viel Alkohol trinken oder sich wenig bewegen.

“Die Studie zeigt, dass seelische N√∂te auch jene Menschen gef√§hrden, die gew√∂hnlich keine √§rztliche Hilfe in Anspruch nehmen”, so Professor Dr. med. Johannes Kruse, Vorsitzender der DGPM. Wer dauerhaft √§ngstlich oder schwerm√ľtig ist und zunehmend an Vertrauen verliert, sollte der DGPM zufolge vorbeugen und gegebenenfalls einen Experten aufsuchen. Je nach individuellem Bed√ľrfniss lie√üe sich durch Entspannungstechniken und Gespr√§che mit √Ąrzten oder auch Vertrauten bereits etwas √§ndern und die belastenden Faktoren lindern. “M√∂glicherweise k√∂nnen auch diese Personen von einer Therapie profitieren.”, schlussfolgert Prof. Kruse vorsichtig in einer Stellungnahme.

(Quelle und Textausz√ľge: MedAustria; Assoziierte Quelle: Translational Psychiatry (2012) 2, e150; (doi: 10.1038/tp.2012.77)

Oct 03

Image source: sphealthclinic.com

Depressive Menschen k√∂nnen ihre eigenen negativen Gef√ľhle nicht unterscheiden. Das hat eine Untersuchung der Michigan Universit√§t ergeben. Damit sind sie in weiterer Folge nicht in der Lage, der Ursache dieser Emotionen auf den Grund zu gehen.
Patienten mit Depression werden allt√§glich mit Frustration, Trauer, Angst oder Wut konfrontiert. Mit dieser Erhebung wurde versucht zu analysieren, ob depressive Menschen Emotionen anders unterscheiden als gesunde. Die Studie umfasste √ľber 100 Teilnehmer zwischen 18 und 40 Jahren, wobei die H√§lfte dieser depressiv war.

Ekel und Frust nicht unterscheidbar

Die Teilnehmer mussten sieben negative Gef√ľhle wie Trauer, Wut oder Scham, sowie vier positive wie Freude, Aktivit√§t oder Begeisterung auf einer Skala von eins bis vier einstufen. Emotionen wie Ekel und Frustration bekamen dabei gleichzeitig dieselbe Bewertung, was darauf zur√ľckzuf√ľhren ist, dass depressive Menschen diese nicht unterscheiden k√∂nnen. Bei positiven Emotionen konnte sich dieses Ph√§nomen nicht best√§tigen. Gesunde Menschen konnten beide Gef√ľhlsgruppen unterscheiden.

“Es gibt eine Vielzahl von Ursachen f√ľr eine Depression, die von beruflichen oder famili√§ren Problemen, geringem Selbstwertgef√ľhl, bis hin zu Schwierigkeiten aus der Kindheit reichen”, sagt der Wiener Psychotherapeut Richard L. Fellner im Interview mit pressetext. Depression sei allerdings auch eine Zeitgeistdiagnose, wobei verschiedene Probleme vorschnell als Depression diagnostiziert werden. “Bei genauerer Untersuchung kann der Patient jedoch mitunter einem anderen Krankheitsbild zugeordnet werden”, so Fellner.

Als typische Symptome einer Depression nennt der Psychotherapeut unter anderem l√§ngerfristige Niedergeschlagenheit, Verlust der Freude an Dingen, die fr√ľher Spa√ü gemacht haben, Gef√ľhle von Sinnverlust, Hoffnungslosigkeit oder Weinanf√§lle. “Es k√∂nnen jedoch auch k√∂rperliche Symptome wie ein drastisch eingeschr√§nktes Immunsystem, Infektionen, Migr√§ne oder Verdauungsbeschwerden auftreten”, erkl√§rt der Experte.

Es kann jeden treffen

Studien weisen darauf hin, dass jeder Zweite im Laufe seines Lebens an einer Depression erkrankt. “Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen selbst betrifft, ist im Gegensatz zu anderen psychischen St√∂rungen damit relativ hoch”, f√ľhrt Fellner aus. Wichtig sei, eine Depression fr√ľhestm√∂glich zu diagnostizieren und sie therapeutisch zu behandeln, damit sie nicht chronisiert wird. Denn bei langj√§hriger Nichtbehandlung k√∂nnen Depressionen auch zu teils schweren k√∂rperlichen Folgeerkrankungen f√ľhren. Medikament√∂se Unterst√ľtzung sei speziell dann unvermeidlich, wenn die Intensit√§t der Depression auch den psychotherapeutischen Prozess zu gef√§hrden droht.

(Aus einem Interview mit “Die Presse”, 10/2012; URL: https://www.pressetext.com/news/20121002004)

Dec 24

Einer k√ľrzlich ver√∂ffentlichten Studie zufolge haben Depressive ein um 45% erh√∂htes Risiko, einen Hirnschlag zu erleiden, und eine um 55% h√∂here Wahrscheinlichkeit, daran zu versterben. Depression ist also offenbar neben zahlreichen anderen Erkrankungen und St√∂rungsbildern, mit denen zumindest Wechselwirkungen und z.T. kausale Zusammenh√§nge bestehen, wie:

offenbar auch ein wichtiger Risikofaktor f√ľr Schlaganf√§lle, so die Studienautoren von der Harvard Medical School of Public Health, Boston.

“Gerade Menschen mit Depressionen m√ľssen √ľber die bekannten Risikofaktoren f√ľr einen Schlaganfall, wie hoher Blutdruck, schlechte Ern√§hrung oder wenig Bewegung, aufgekl√§rt werden”, r√§t deshalb Prof. Martin Grond aus Siegen, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft f√ľr Neurologie (DGN) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG).

Denn dass depressive Menschen auch ein h√∂heres Risiko tragen, einen Schlaganfall zu erleiden, war bisher unklar. Mit j√§hrlich mehr als 250.000 F√§llen z√§hlt auch der Schlaganfall in Deutschland zu den Volkskrankheiten, die Studienergebnisse sind somit auch √∂konomisch bedeutsam f√ľr das Gesundheitssystem.

In der Metaanalyse wurden Daten von insgesamt 317.540 Menschen aus 28 prospektiven Bev√∂lkerungsstudien ausgewertet. Zu Beginn untersuchten √Ąrzte die Probanden auf depressive Symptome und betreuten sie in der Folge noch bis zu 29 Jahre lang. In diesem Zeitraum erlitten 8478 Studienteilnehmer einen Schlaganfall. Die Daten zeigen, dass Depressive ein um 45 Prozent h√∂heres Risiko haben, einen Hirnschlag zu erleiden. Ihr Risiko an einem Schlaganfall zu versterben, lag sogar um 55 Prozent h√∂her als bei psychisch Gesunden. ‚ÄěLegt man unsere Zahlen zugrunde, sind etwa 4 Prozent aller Schlaganf√§lle in den USA auf eine Depression zur√ľckzuf√ľhren‚Äú, machen die Autoren die Relevanz ihrer Ergebnisse deutlich. Hochgerechnet auf Deutschland w√§ren dies 10.000 Schlaganf√§lle j√§hrlich. Bei genaueren Untersuchungen stellte sich heraus, dass Depressive vor allem h√§ufiger einen isch√§mischen Hirninfarkt ‚Äď nicht eine Hirnblutung ‚Äď bekamen.

Hormone und ungesunde Lebensf√ľhrung k√∂nnten die Ursachen sein

Nach Meinung der Studienautoren gibt es mehrere Mechanismen, die diesen Zusammenhang erkl√§ren k√∂nnten: Zum einen beeinflussen Depressionen den Hormonhaushalt des Menschen und k√∂nnen Entz√ľndungen verst√§rken. So findet man bei Depressiven h√∂here Blutspiegel f√ľr Entz√ľndungsfaktoren wie CRP, IL-1 und IL-6, die nachweislich zu einem h√∂heren Schlaganfallrisiko f√ľhren k√∂nnen.

Dar√ľber hinaus vernachl√§ssigen Depressive eher ihre Gesundheit. Studien haben gezeigt, dass depressive Menschen h√§ufiger rauchen, sich k√∂rperlich weniger bet√§tigen und schlechter ern√§hren. Diese Faktoren und die daraus entstehenden Folgeerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck k√∂nnten f√ľr das erh√∂hte Schlaganfallrisiko von Depressiven mitverantwortlich sein.

Zudem geben die Forscher zu bedenken, dass auch die Einnahme von Antidepressiva mit einem h√∂heren Risiko f√ľr einen Schlaganfall verbunden war. Ob die Medikation selbst oder die damit einhergehende Schwere der Depression das Risiko erh√∂he, sei aber bisher unklar.

(Quellen: MedAustria; “Depression and Risk of Stroke Morbidity and Mortality. A Meta-analysis and Systematic Review.” in: Journal of the American Medical Association, 306 (11): 1241‚Äď1249 (doi: 10.1001/jama.2011.1282); Image src: TRBfoto)

Dec 08

Frauen, die kurz nach der Geburt wegen schwerer psychiatrischer Erkrankungen (einschließlich Depressionen) behandelt werden mussten, werden im späteren Leben häufiger als bipolar diagnostiziert verglichen mit Frauen, deren erste psychiatrische Episode während eines anderen Lebensabschnitts auftritt, wie eine neue Studie aus Dänemark zeigt.

Es besteht jedoch noch Unklarheit dar√ľber, ob es sich bei postpartalen Depressionen oder Schizophrenie-√§hnlichen Episoden nicht gelegentlich tats√§chlich um falsch diagnostizierte bipolare St√∂rungen handelt – oder, ob mehr Frauen mit diesen Erstdiagnosen im Laufe der Zeit wom√∂glich vermehrt bipolare St√∂rungen entwickeln. Doch w√§hrend postpartale Depressionen relativ h√§ufig sind, treten schwere Depressionen und andere psychiatrische Episoden, welche station√§re oder ambulante Klinikaufenthalte erfordern, nur bei ca. 1 von 1.000 neuen M√ľttern auf.

Bipolare St√∂rungen sind durch Wechsel zwischen schweren Depressionen und “Manien” (w√§hrend denen eine Person √ľberm√§√üig aufgeregt, gl√ľcklich und voller Energie ist) gekennzeichnet. Sie werden heute i.d.R. mit Kombinationstherapien aus Medikamenten und Psychotherapie behandelt. Am h√§ufigsten manifestieren sie sich im fr√ľhen Erwachsenenalter – und das National Institute of Mental Health (USA) sch√§tzt, dass immerhin 6% der US-Bev√∂lkerung an einem gewissen Punkt im Leben an dieser St√∂rung erkranken.

Fr√ľhere Studien suggerierten, dass der Geburtsvorgang als Ausl√∂ser f√ľr eine erste bipolare Episode fungieren k√∂nnte. Doch nur wenige Frauen wurden w√§hrend der ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes entsprechend diagnostiziert. Nach der vorliegenden Arbeit wird nun vermutet, dass eine schwere psychische Krise kurz nach der Geburt auf eine zugrunde liegende bipolare St√∂rung hindeuten k√∂nnte.

In der Studie wurde der Status von d√§nischen Frauen nach einer ersten psychiatrischen Episode √ľber 15 Jahre hindurch beobachtet, um zu sehen, ob der Zeitpunkt der Episode – kurz nach der Geburt oder nicht – eine Schlu√üfolgerung dar√ľber erlauben w√ľrde, ob sich sp√§ter eine bipolare St√∂rung zeigen w√ľrde. Zu diesem Zweck wurden die Krankheitsgeschichten von 120.000 Frauen, welche seit 1970 aufgrund schwerer Depressionen oder einer anderen psychiatrischen Erkrankung station√§r behandelt wurden, analysiert. Von diesen hatten 2.900 die Episoden innerhalb eines Jahres nach der Geburt ihres ersten Kindes.

Die Ergebnisse zeigten, dass eine schwere psychiatrische Episode in dem Monat nach der Geburt (im Vergleich zu einer Episode zu einem anderen Zeitpunkt) mit einer vierfachen Wahrscheinlichkeit letztlich zu einer bipolaren Diagnose f√ľhrt. Von Frauen, die ihre erste psychiatrische Folge im ersten Monat nach der Geburt hatten, wurden 14 Prozent schlie√ülich als bipolar diagnostiziert im Vergleich zu 4-5% der Frauen mit psychiatrischen Episoden zu einem anderen Zeitpunkt. Die fr√ľheren Studienergebnisse wurden also best√§tigt, jedoch auch ein Zusammenhang mit anderen psychiatrischen Diagnosen aufgezeigt. Die Geburt eines Kindes ist somit ein potenter und spezifischer m√∂glicher Ausl√∂ser f√ľr bipolare St√∂rungen.

Daran beteiligt sein könnten hormonelle Veränderungen, die während der letzten Schwangerschaftswochen und beim Geburtsvorgang selbst auftreten, ebenso wie Schlafmangel und verschiedene Stressfaktoren. Häufig werden in diesen Folgen jedoch fälschlicherweise Depression oder Angststörungen diagnostiziert.

Keineswegs sicher ist jedoch, ob die betreffenden Frauen nicht auch ohne die Geburt eines Kindes eine bipolare St√∂rung entwickelt h√§tten. Ebenso ist mit der Studie kein Beweis eines Zusammenhangs zwischen Geburt bzw. ‘postpartaler Depression’ und bipolaren St√∂rungen gefunden, und ob es sich etwa auch bei leichteren Depressionen um bipolare Symptome handeln k√∂nnte.

Sehr wohl aber vertreten die Studienautoren die Ansicht, dass behandelnde √Ąrzte bei auftretenden psychiatrischen Symptomen nach der Geburt verst√§rkt die M√∂glichkeit bipolarer St√∂rungen in ihre √úberlegungen einbeziehen sollten. Auch sollte Schwangerschaft in die Liste potenzieller Risiken f√ľr die Ausl√∂sung dieser St√∂rung aufgenommen werden. Mit diesen Ma√ünahmen k√∂nnte die Fr√ľherkennung deutlich verbessert werden und damit auch eine fr√ľhestm√∂gliche, effiziente Behandlung oder zumindest St√ľtzung der Frauen erreicht werden, statt mit einer vorschnellen Behandlung ausschlie√ülich mittels Antidepressiva wom√∂glich bestimmte bipolare Symptome noch zu verschlimmern.

(Quellen: Reuters; Psychiatric Disorders With Postpartum Onset: Possible Early Manifestations of Bipolar Affective Disorders in: Arch Gen Psychiatry. Published online December 5, 2011. doi:10.1001/archgenpsychiatry.2011.157. Image credit: drop.ndtv.com)

11.10.17