Apr 11


Dieser TV-Screenshot k√∂nnte die Absurdit√§t der aktuellen Realit√§t nicht besser verdeutlichen: die B√∂rsenkurse steigen aufgrund des von den US- und EU-Zentralbanken neu gedruckten Geldes, und das obwohl die Arbeitslosenzahlen seit dem Monat M√§rz 2020 in die H√∂he schnellten wie seit den 1930er-Jahren nicht mehr. W√§hrend also die Gro√ükonzerne von den “Notma√ünahmen” und “Bailouts” (welche im Unterschied zu 2008 diesmal nicht nur den Banken, sondern so gut wie jedem Wirtschaftssektor zugute kommen) profitieren, werden arbeitslose B√ľrger und fr√ľhere Steuerzahler mit weitaus geringeren Summen abgespeist: w√ľrde man beispielsweise die allein innerhalb von 2 Monaten gedruckten knapp 7 Trillionen USD aliquot jedem US-B√ľrger (egal, ob alt oder Baby) auszahlen, w√ľrde jeder knapp 17,000 USD erhalten. Zu erwarten ist jedoch, dass nur ein geringer Bruchteil davon tats√§chlich direkt den B√ľrgern zugute kommt.

Arbeitslosigkeit und Depression

Doch es geht nicht nur um Geld: Arbeitslosigkeit an sich erh√∂ht das Risiko, dass Menschen an Depression erkranken, massiv. Einer Studie zufolge erh√∂ht sich das Risiko f√ľr Suizidversuche bereits im Vorfeld einer bevorstehenden Arbeitslosigkeit um das bis zu 9-fache. Auch wenn die “Corona-Krise” zu weiten Teilen bew√§ltigt ist: viele Menschen werden wohl weiterhin arbeitslos bleiben, nicht zuletzt aufgrund einer immer mehr Berufsbereiche erfassenden Technologisierung und Automatisierung.

Der Reset als Chance

Hierf√ľr m√ľssen L√∂sungen gefunden werden – und sie k√∂nnen nicht nur darin bestehen, einem Teil der Bev√∂lkerung “Almosen” zu geben, die einem anderen Teil der Bev√∂lkerung weggnommen werden. Es ben√∂tigt neue Konzepte wie Reformen im Steuer- und Sozialsystem, und eine Neubewertung vor allem der sozialen Berufe, welche aufgrund h√∂herer Lebenserwartung, ver√§nderter Familienstrukturen und vermutlich auch weiterhin ver√§nderter Arbeitsformen eine noch wichtigere Bedeutung erlangen d√ľrften als schon bisher. Dienst am Menschen, an der Umwelt und andere “gemeinn√ľtzige” Arbeitsformen sollten ihrem Wert f√ľr die soziale Gemeinschaft entsprechend bezahlt werden. Dies ist nur einer von vielen m√∂glichen Ans√§tzen – eine umfangreiche Diskussion dar√ľber, wie zuk√ľnftig innerhalb und “au√üerhalb” klassischer Arbeitsverh√§ltnisse nicht nur finanzielle Sicherheit, sondern auch sinngebende Besch√§ftigung und Selbstverwirklichung gefunden werden kann, scheint mir nach dem aktuellen “Reset” unseres Wirtschafts- und Soziallebens jedoch dringend n√∂tig – ja vielleicht bietet sich hierf√ľr nun sogar eine Chance, die unbedingt genutzt werden sollte.

Hinweis: da ich im Zuge der Recherche f√ľr diesen Blog-Eintrag auf die umfangreiche Studie bez√ľglich des Zusammenhangs zwischen Arbeitslosigkeit und Suizidraten und Depression stie√ü, habe ich auch den generellen Info-Artikel “Suizid – Daten und Fakten mit den entsprechenden Verweisen aktualisiert. Bildquelle: A.Pompliano-Blog/Substack

Apr 05

Platzangst; Bildquelle: MedicalNewsToday.com

Angst und Isolationsgef√ľhle: ein neuer Problemkomplex seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie

Am Beginn der Corona-Krise richtete sich die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik vor allem auf medizinische und politische Entscheidungen. Doch je länger die Pandemie weltweit andauert und je drastischer die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in manchen Ländern werden, desto mehr treten nun auch die psychischen Folgen dieser Ausnahmesituation in den Vordergrund.

Angstzustände & Schlafstörungen

So gut wie in jedem Land, in dem die Todeszahlen – direkt oder indirekt bedingt durch den Covid19-Virus – eine gewisse Zahl √ľberschritten, begannen Politiker w√§hrend der letzten Wochen und Monate, die Bewegungsfreiheit der B√ľrger schrittweise einzuschr√§nken – teilweise in drastischen Ausma√üen, wie zeitbegrenzten oder gar dauerhaften Ausgangssperren, die h√§ufig sogar polizeilich oder milit√§risch √ľberwacht und bei Zuwiderhandeln mit heftigen Strafen belegt werden. Daneben verlegten zahlreiche Firmen und √Ąmter die T√§tigkeit daf√ľr in Frage kommender Mitarbeiter in deren kurzerhand als solche deklarierten “Home Offices” – mit bisher noch unklarer Dauer, und verbunden mit zahlreichen Herausforderungen (wie Kinderbetreuung, ‘Home schooling’, Platzproblemen, technischen Umstellungen usw.), die daf√ľr zu l√∂sen waren und bis auf weiteres sind.

Wie aber wirken sich all diese Veränderungen und Umstellungen auf die Psyche der Betroffenen aus?

In China bestehen diesbez√ľglich bereits Erfahrungen, und diese wurden vor kurzem publiziert. In Wuhan etwa wurden bereits im Januar 11 Millionen Menschen isoliert, im allein im Monat Februar erfolgten 2.144 Hotline-Anrufe bei einem (1) bestimmten psychologischen Dienste, die ausgewertet wurden. Knapp die H√§lfte der Anrufer klagte √ľber Angstzust√§nde, gefolgt von Schlafproblemen, somatoformen Symptomen, depressiven Symptomen und anderen emotionalen Zust√§nden wie Einsamkeit, M√ľdigkeit und Unruhe. Auch k√∂rperliche Beschwerden wie Herzklopfen, Atemnot oder Engegef√ľhl in der Brust wurden beschrieben – bei diesen kann es sich um psychosomatische Folgesymptome des emotionalen Stresses handeln.

Die Telefonseelsorge in Deutschland verzeichnet dieser Tage einen ähnlichen Trend: Die Anrufe haben sich seit dem Beginn der Corona-Krise im Schnitt verdoppelt, an einzelnen Tagen rufen etwa 10-mal so viele Personen an.

Risikogruppen besonders gefährdet

Bei den Menschen, die die Telefonseelsorge nutzten, standen gr√∂√ütenteils noch ganz praktische Probleme im Vordergrund: etwa die Organisation eines Krankenhausaufenthalts oder finanzielle Auswirkungen der Krise. Doch speziell Personen mit psychischen Vorerkrankungen d√ľrften w√§hrend der n√§chsten Monate ganz besonderen Belastungen ausgesetzt sein. Ihre Resilienz ist zumeist geringer als jene psychisch “gesunder” Personen, und viele der Betroffenen neigen dazu, die problematischen Aspekte von Ver√§nderungen besonders stark wahrzunehmen, Positives dagegen gar nicht oder nur in weitaus geringerem Ausma√ü. Besonders schwierig ist die Situation, wenn der Aufenthalt in einer Tagesklinik, Reha-Einrichtung, Werkstatt oder Wohngruppe abgebrochen werden muss oder durch die Ausgangssperre t√§gliche Routinen nicht mehr eingehalten werden k√∂nnen. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang auch die enormen psychischen Belastungen f√ľr die “Helfer” selbst – medizinisches Personal und andere im Gesundheitssektor Besch√§ftigte, aber auch Angeh√∂rige der Erkrankten.

Online-Beratung als neue Ressource

Zahlreiche Versicherungstr√§ger und Experten empfehlen daher, die zahlreichen, zur Verf√ľgung stehenden Angebote von “Video-Sprechstunden” bzw. Online-Beratung wahrzunehmen. Bis vor der Krise handelte es sich dabei um eine Nische im Bereich der psychologischen und therapeutischen Unterst√ľtzung, heute jedoch ist es die beste Alternative zu pers√∂nlichen Gespr√§ch, das durch die Anfahrtswege nicht nur potenzielle Infektionsrisiken birgt, sondern nicht selten sind die Anfahrtswege auch schwierig nutzbar (wenn etwa √∂ffentliche Verkehrsmittel eingestellt oder reduziert wurden).
Aus diesem Grund hat der deutsche GKV-Spitzenverband die bislang geltenden Begrenzungsregelungen vorerst bis zum 31. Mai 2020 aufgehoben, √§hnliche Regelungen gelten auch in √Ėsterreich und der Schweiz: bis auf Widerruf kann Psychotherapie bzw. Online-Beratung auch anstelle von pers√∂nlichen Sitzungen wahrgenommen und auch so wie pers√∂nliche Sitzungen abgerechnet werden – auch dann, wenn Klienten zuvor noch nicht bei ihnen in Behandlung waren. In Deutschland muss bei psychologischen Psychotherapeuten weiterhin zumindest 1 pers√∂nlicher Arzt-Patienten-Kontakt vorausgegangen sein.

Zum Weiterlesen:

– “Psychisch Kranke sind √ľbersehene Risikogruppe” (Der Standard, 26.03.2020)
Leitfaden der Deutschen Depressionshilfe

Hinweis: bitte klären Sie in Ihrem eigenen Interesse die aktuelle Situation mit Ihrer Versicherung und/oder Ihrem/r Therapeuten/Therapeutin. Die Regelungen ändern sich derzeit regional ständig, sodass dieser Blog-Artikel u.U. zum Zeitpunkt, wenn Sie ihn lesen, nicht mehr aktuell sein könnte.
Bildquelle: medicalnewstoday.com

Jan 31
Luftverschmutzung und Wasserverschmutzung als Grund f√ľr Depression?

Luftverschmutzung und Wasserverschmutzung als Grund f√ľr Depression?

Einer Ende 2019 erschienenen Studie von Khan/Plana-Ripoll/Antonsen/Brandt et.al. zufolge welche im wissenschaftlichen Journal PLOS publiziert wurde, ist Umweltverschmutzung – konkret schlechte Luft- und Wasserqualit√§t – mit einem erh√∂hten Auftreten von Depression und bipolaren St√∂rungen “signifikant assoziiert”. Damit wird die Annahme in den Raum gestellt, dass Umweltverschmutzung zu spezifischen pychischen St√∂rungen f√ľhren kann.

Die Studie wurde mit gro√üen Datensets durchgef√ľhrt: die Erkrankungsdaten von 151 Millionen Einwohnern auf der Basis von Versicherungsanspr√ľchen in den USA, und von 1,5 Millionen Einwohnern aus dem D√§nischen Patientenregister wurden herangezogen. Die Umweltverschmutzung wurde anhand der Environmental Protection Agency (EPA) environmental quality indices (EQIs) der US-Bundesstaaten und den individuellen Werten der Luftverschmutzung in D√§nemark bemessen.

Als m√∂gliche Gr√ľnde f√ľr die Korrelation (und vermuteten Zusammenh√§nge) wurden Neologismen und/oder noch wenig erforschte Ph√§nomene wie “neuroinflammation”, “Excitotoxizit√§t” oder “oxidativer Stress” herangezogen. Aus wissenschaftlicher Sicht stellt dies insofern ein Problem dar, als dadurch die Zusammenh√§nge nicht direkt und kausalistisch √ľberpr√ľft werden k√∂nnen, sondern zwischen einer Mutma√üung und sichtbaren Ver√§nderungen Vorg√§nge in einer “black box” bem√ľht werden m√ľssen, um eine bestimmte theoretische Annahme zu argumentieren. In gewisser Weise √§hnelt dieser Ansatz der Grundhaltung: “In der Hand von Uri Geller, welcher m√∂glicherweise √ľber telekinetische Kr√§fte verf√ľgt, verbog sich ohne sichtbare Krafteinwirkung eine Gabel” -> durch mir bekannte M√∂glichkeiten nicht zu erkl√§ren -> ist dann vermutlich “Telekinese”. Zudem existieren auch in der Wissenschaft immer wieder Trends – mitunter bedingt durch Fortschritte in gewissen Bereichen, die dann neue Sichtweisen er√∂ffnen, h√§ufig sind diese Trends aber auch durch gesellschaftliche Trends beeinflu√üt: war es fr√ľher die Genetik, so sind derzeit gender-bezogene Schwerpunkte und Umweltverschmutzung /Klimaver√§nderung sehr ‘en vogue’ in der Forschung, und sie erhalten h√§ufig auch eher Forschungsgeld zugesprochen als andere.

Wie sonst aber ließen sich die gefundenen Korrelationen erklären?

“Fooled by randomness”, so k√∂nnte man die Studienergebnisse ebensogut interpretieren. Als m√∂gliche Erkl√§rung der Korrelation w√§re die Hypothese, dass die Korrelation zwischen psychischen Erkrankungen und der Luftqualit√§t durch soziodemographische Faktoren besteht, aus meiner bescheidenen Sicht wesentlich besser argumentierbar als in seiner Auswirkung auf die Psyche (!) in keiner Weise n√§her erkl√§rter “oxidativer Stress”. So k√∂nnte man beispielsweise davon ausgehen, dass es eher das Leben in einer Industrieregion und die damit verbundene wirtschaftliche und allgemeine emotionale Situation der Einwohner es ist, die diese depressiv macht, als die Qualit√§t der Luft. Ja man k√∂nnte noch weitergehen und vermuten, dass es sich sowohl bei den psychischen Erkrankungen, als auch bei der Luftqualit√§t um Symptome √§hnlicher Ursachen handelt…

Ich m√∂chte mit diesem kurzen Impulsartikel wohlgemerkt keineswegs ausschlie√üen, dass die hergestellten Zusammenh√§nge korrekt sind, oder sich eine bessere Luftqualit√§t nicht auch auf die allgemeine Befindlichkeit auswirken kann – selbstverst√§ndlich tut sie das. Sehr vorsichtig allerdings sollte man damit sein, vorschnell Zusammenh√§nge herzustellen, wo nicht unbedingt welche bestehen m√ľssen – wom√∂glich sogar, um plakative Medieneffekte zu erzielen, weitere Forschungsgelder zu lukrieren oder “Ergebnisse” pr√§sentieren zu k√∂nnen, f√ľr die wenig substanzielle Evidenz vorliegt.

Jan 25
Fasten könnte mitunter eine Alternative zu Psychopharmaka darstellen. (Foto: Fotolia)

Fasten hat sehr h√§ufig einen l√§ngerfristigen Effekt von Stimmungsaufhellung, Verbesserung des Selbstwertgef√ľhls und mitunter sogar Gef√ľhlen von Euphorie. Diese k√∂nnen bei leichten Formen von Depression, aber auch schwereren Formen positiv unterst√ľtzen. Bei schwereren Depressionserkrankungen k√∂nnte Fasten mitunter die zus√§tzliche Einnahme von Psychopharmaka neben einer Psychotherapie unn√∂tig machen oder erlauben, deren Dosis zu reduzieren. Dies sind m√∂gliche Schlu√üfolgerungen aus einer bereits im Jahr 2013 im Journal Elesier ver√∂ffentlichten Studie von Guillaume Fond et.al.

Diese Studie steht in ihren Ergebnissen im Einklang mit einigen anderen mit √§hnlichen Fragestellungen. In einer Studie von Teng (2011) brachte eine Kalorienreduktion von 300-500 kcal/Tag “signifikante Zunahme von Energie”, Tavakkoli (2008) zufolge brachte Intervall-Fasten w√§hrend des Ramadans eine signifikante Reduktion von Angst-Scores, nach Kanazawa (2006) brachte 10-t√§giges Fasten signifikante Verbesserungen f√ľr die Problembereiche Anorexie, Angstsymptome und Stimmungsschwankungen, Michalsen (2009) fand signifikante Stimmungsverbesserungen nach 1-w√∂chigem medizinischen Fasten per Kalorienreduktion, Faaroq nach Intervallfasten signifikante Reduktion der Scores von “Manie” (YMRS) und Depression (HDRS).

F√ľr Depressionspatienten wie auch deren Psychotherapeuten und Psychiater w√§re es somit definitiv empfehlenswert, di√§tetische Erg√§nzungen zum Therapieprogramm anzudenken – ja es ist aus meiner Sicht sogar verwunderlich, dass diese nicht bereits zum therapeutischen Standard beim erweiterten St√∂rungskomplex Affektiver St√∂rungen sowie durchaus auch des neurotischen und somatoformen St√∂rungskreises geh√∂ren. Hier k√∂nnen und sollen durchaus auch Mediziner und/oder Ern√§hrungsberater (etwa zur Einstellung einer pers√∂nlich passenden Fasten-Variante sowie medizinischer Begleitung, wenn erforderlich) beigezogen werden.

So k√∂nnten neben den positiven k√∂rperlichen Effekten des Fastens vermehrt auch die offenbar sehr h√§ufigen psychischen positiven Effekte gezielter gen√ľtzt, und die f√ľr den Stoffwechsel h√§ufig belastende Nutzung von Psychopharmaka dagegen teils signifikant reduziert (oder sogar unn√∂tig) werden.

Jun 25

(image src: indiatimes.com)

Laut einer Meta-Analyse einschl√§giger US-Studien aus dem Zeitraum von 1987-2013 durch Forscher der Z√ľrcher Hochschule f√ľr Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Universit√§tsklinik f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Salzburg steigt das Suizidrisiko unter der Anwendung von Antidepressiva verglichen mit einer von Scheinmedikamenten (Placebos) um den Faktor 2,5.

In allen analysierten Studien begingen 0,8 Prozent der Patienten, die ein Antidepressivum erhielten, Suizid oder einen Suizidversuch, w√§hrend es in der Kontrollgruppe mit Placebo lediglich 0,3 Prozent waren. Die Verl√§√ülichkeit der Datenerhebung ist hoch, da es sich bei den Studien um sogenannte “Doppelblindstudien” handelte, bei denen weder die √Ąrzte, noch die Patienten wu√üten, wer Antidepressiva und wer Placebos erhielt.



Eine Konsequenz aus der Untersuchung sollte sein, noch mehr Vorsicht beim (w√§hrend der letzten Jahre massiv angestiegenen) Verschreiben von Antidepressiva – insbesondere durch Haus√§rzte – walten zu lassen. Nicht selten seien nicht einmal alle Dignoasekriterien f√ľr Depressionen oder Angst√∂rungen erf√ľllt, oder es w√§ren nur unspezifische Symptome vorhanden, und Antidepressiva w√ľrden dann “auf Verdacht hin” verschrieben.

Auch sollten PatientInnen noch besser √ľber die Risiken aufgekl√§rt werden. “Gerade zu Beginn der Behandlung, bei abrupten Dosis√§nderungen und beim Absetzen muss man mit einem erh√∂hten Suizidrisiko rechnen”, so einer der Studienautoren. Bei schweren Depressions-Formen jedoch st√ľnde die Behandlung mit Medikamenten au√üer Frage, wichtig sei jedoch eine kontinuierliche und enge √úberwachung. Parallel zur medikament√∂sen Behandlung sollten auch Psychotherapie oder Sport zur Anwendung kommen.

(Quelle: Newer-Generation Antidepressants and Suicide Risk in Randomized Controlled Trials: A Re-Analysis of the FDA Database)

Jun 10
Depression und Demenz-Symptome

Häufig versteckt sich hinter dem Verlust von Merkfähigkeit eine Depression (pic: newscientist.com).

Bei schweren Depressions-Formen können derart starke kognitive Einschränkungen entstehen, dass man in bestimmten Fällen vom Auftreten einer Pseudo-Demenz spricht. Doch im Unterschied zu anderen Demenz-Formen verbessert sich das Erinnerungsvermögen wieder, sobald die depressive Phase abklingt.

Dies wurde k√ľrzlich in einem Computermodell, das in Bochum entwickelt wurde, nachgewiesen. Wie bei echten Patienten wechselten sich auch in dem Computermodell depressive Phasen und Phasen ohne Symptome ab. Das Computermodell konnte Erinnerungen genauer abrufen, wenn der zust√§ndige Teil des Gehirns viele neue Nervenzellen bilden konnte – √§hnlich wie w√§hrend Depressionsphasen mit geringerer Symptomatik. Wurden dagegen weniger neue Nervenzellen gebildet (√§hnlich, wie das bei schwereren Depressionsphasen passiert), war es schwieriger f√ľr das Gehirn, √§hnliche Erinnerungen zu unterscheiden und getrennt abzurufen.

Im Modell wurde auch aufgezeigt, dass es schwer fallen kann, auf Erinnerungen zur√ľckzugreifen, die vor der Depression entstanden waren. Je l√§nger eine depressive Phase andauerte, desto weiter zur√ľckliegende Erinnerungen waren betroffen. Untersuchungsleiter Sen Cheng: “Bisher geht man davon aus, dass nur w√§hrend einer Depression Ged√§chtnisst√∂rungen auftreten. Wenn unser Modell recht hat, h√§tten Depressionen weitreichendere Konsequenzen. Alte Erinnerungen k√∂nnten bleibend gesch√§digt werden, selbst wenn die Depression bereits abgeklungen ist.”

Quellen: Virtual brain gives insights into memory deficits in depression

Jun 10
Schlaganfall und Depression

Nur ein kleiner “Unfall” im Gehirn – aber die Auswirkungen k√∂nnen dramatisch sein (pic: webmd.com).

Schlaganfall-Patienten sind nach dem Hirnschlag meist nicht nur motorisch eingeschr√§nkt, sondern etwa jeder Dritte entwickelt auch eine Depression, die sogenannte Post-Stroke-Depression (PSD) – w√§hrend sonst nur jede f√ľnfte Person an Depression erkrankt. Doch wie kommt es dazu?

Grunds√§tzlich gilt: Menschen, die ein erh√∂htes genetisches oder soziales Risiko haben, an einer Depression zu erkranken, werden auch nach einem Schlaganfall leichter von der psychischen Erkrankung erfa√üt. Die k√∂rperlichen Einschr√§nkungen tun ihren Teil: wenn die Beweglichkeit von Gliedma√üen oder der Gesichtsmuskulatur eingeschr√§nkt ist, Sprachst√∂rungen oder L√§hmungen auftreten, ist dies eine massive Belastung f√ľr die Psyche. Den Betroffenen wird bewu√üt, dass sie Grundfertigkeiten wieder neu erlernen m√ľssen und ihren Job nicht mehr weiter aus√ľben k√∂nnen.

Eine weitere Ursache k√∂nnten Ver√§nderungen im Gehirn darstellen: denn Schlaganf√§lle werden durch Blutgerinnsel ausgel√∂st, die Gef√§√üe im Hirn verschlie√üen. Die mangelhafte Versorgung mit Sauerstoff f√ľhrt zu nachhaltigen Hirnsch√§den, die umso gr√∂√üer sind, je l√§nger die Unterversorgung anh√§lt. Diese Sch√§den k√∂nnen die Aussch√ľttung von Hormonen ver√§ndern und dadurch die Entwicklung einer Depression beg√ľnstigen.



Erste Anzeichen einer Post-Stroke-Depression sind wie bei der Depression Antriebslosigkeit, Schlafst√∂rungen sowie Traurigkeit, die l√§nger als zwei Wochen andauern. “F√ľr das Erkennen der PSD ist es von Vorteil, dass insbesondere schwer betroffene Patienten nach dem Schlaganfall engmaschig betreut werden”, erkl√§rt Franz Fazekas, Neurologe von der Medizinischen Universit√§t Graz: “Gerade w√§hrend der Rehabilitation bekommen √Ąrzte, Pflege und Physiotherapeuten hautnah mit, wie sich die Stimmung der Patienten entwickelt.” Schwieriger wird es, wenn die Depression sp√§ter auftritt, also wenn der Patient die Reha bereits beendet hat und wieder zu Hause ist.

In der Depressions-Therapie Betroffener kommen vor allem dann haupts√§chlich Medikamente zum Einsatz, wenn die mentale Kapazit√§t der Patienten eingeschr√§nkt ist – Psychotherapie kann dann nur beschr√§nkt ihr Potenzial entfalten. Ebenso wichtig sind f√ľr Psychotherapien die Sprachf√§higkeit sowie das Sprachverst√§ndnis.

(Source: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21216670)

Mar 09

Im Sinne der geistigen Gesundheit ist es besser, √∂fters auch mal “nein” zu sagen‚Ķ (pic: andybhatti.com)

Bis zu 39% aller Demenz-Erkrankungen k√∂nnten laut einer k√ľrzlich im Fachmagazin “The Lancet Public Health” ver√∂ffentlichten langj√§hrigen Studie zufolge auf √ľberm√§√üigen Alkoholkonsum zur√ľckzuf√ľhren sein.



F√ľr die Studie wurden die Daten von 57.000 Personen, welche an Hirnsch√§den, vaskul√§rer Demenz und anderen Demenz-Erkrankungsformen (wie z.B. Alzheimer) in franz√∂sischen Spit√§lern ausgewertet. 39% dieser F√§lle lie√üen sich auf alkoholbedingte Hirnsch√§den zur√ľckf√ľhren. 18% litten an weiteren Erkrankungen im Zusammenhang mit Alkohol. So gesehen verdreifache sich das Erkrankungsrisiko, an einer Form von Demenz zu erkranken, durch √ľberm√§√üigen Alkoholkonsum: “H√∂chstwahrscheinlich f√ľhrt Alkohol zu dauerhaften strukturellen und funktionellen Hirnsch√§den”, sagte Studienautor Michael Schwarzinger vom Translational Health Economics Network. Au√üerdem erh√∂ht Alkoholkonsum das Risiko an Bluthochdruck, Diabetes, Schlaganf√§llen, Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz zu erkranken, was wiederum das vaskul√§re Demenzrisiko erh√∂ht.

Der Studie zufolge ist das Risiko durch √ľberm√§√üigen Alkoholkonsum f√ľr damit verbundene Hirnsch√§den viel gr√∂√üer als bisher angenommen, Schwarzinger fordert, Alkohol als Hauptrisikofaktor f√ľr alle Arten von Demenz einzustufen. Hinzu kommt, dass starker Alkoholkonsum h√§ufig mit Rauchen, Depressionen und niedrigem Bildungsstand korreliert – all dies sind weitere Risikofaktoren f√ľr Demenz.

Hintergrundwissen: von vorzeitiger Demenz sprechen Mediziner, wenn die Erkrankung vor dem 65 Lebensjahr auftritt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit rund 47 Millionen Menschen an Demenz. Bei 60 bis 70 Prozent handelt es sich demnach um Alzheimer. Von “chronisch starkem Trinken” ist laut WHO die Rede ab dem Konsum von mehr als 60 Gramm reinem Alkohol pro Tag f√ľr M√§nner (= ca. 4-5 Flaschen Bier √° 330ml oder 7 “Achterl”-Gl√§ser Wein √° 100ml pro Tag) und mehr als 40 Gramm pro Tag bei Frauen (= 3 Flaschen Bier oder 4-5 Gl√§ser Wein).

Weiterf√ľhrende Informationen:

Alkohol-Selbsttest auf dieser Website

Literatur-Tipps zum Thema Alkoholismus

(Sources: Contribution of alcohol use disorders to the burden ofdementia in France 2008‚Äď13: a nationwide retrospectivecohort study; Image source: andybhatti.com)

Jul 25
Autismus Schwangerschaft Antidepressiva

Erhöhtes Risiko bei Antidepressiva-Einnahme der Mutter während der Schwangerschaft (Bildquelle: Fotolia)

Schon seit vielen Jahren wird ein Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen (besonders Depressionen) von M√ľttern und der Wahrscheinlichkeit derer Kinder, an Autismus zu erkranken, vermutet. Nun scheint eine im British Medical Journal ver√∂ffentlichte Studie der Universit√§t Bristol diese Vermutung – wenn auch auf andere Weise – zu erh√§rten.

So scheint der Konsum von Antidepressiva w√§hrend der Schwangerschaft zumindest teilweise mit dem sp√§teren Auftreten von Autismus bei Kindern zusammenzuh√§ngen. Kinder, deren M√ľtter w√§hrend der Schwangerschaft zu Antidepressiva greifen, tragen den gefundenen Zahlen zufolge ein h√∂heres Autismus-Risiko als Kinder, deren psychisch erkrankten M√ľtter auf diese medikament√∂se Intervention verzichten. Dieses Risiko ist – dieser Studie zufolge – allerdings nur leicht erh√∂ht.



In der Studie wurden 250.000 zwischen vier und 17 Jahre alte schwedische Kinder und Jugendliche, unter denen sich mehr als 5.000 Menschen mit Autismus befanden, untersucht. Ihre M√ľtter waren entweder psychisch unbelastet oder von Depression betroffen, manche der letzteren nahmen Antidepressiva ein oder verzichteten auf Medikamente. Die Kinder der M√ľtter, welche w√§hrend ihrer Schwangerschaft Antidepressiva einnahmen, waren sp√§ter zu 4,1% von Autismus betroffen, jene von M√ľttern, die keine entsprechenden Medikamente einnahmen, nur zu 2,9%.
Demnach brachten mehr als 95% der M√ľtter, die Antidepressiva einnahmen, keine autistischen Kinder zur Welt.

Bemerkenswert ist allerdings, dass andere Studien mit √§hnlichen Fragestellungen teils deutlich h√∂here Wahrscheinlichkeiten f√ľr Autismus-Entwicklung der Kinder ergaben (bis zu einer Verdopplung des Risikos bei der Einnahme von SSRI’s, selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, w√§hrend des 2. und 3. Trimesters der Schwangerschaft im Zuge einer Studie der Unversit√§t von Montreal 2015 (p=145.000), teils auch gar keinen Zusammenhang fanden (z.B. 2015).

Aus den zur Verf√ľgung stehenden Forschungsergebnissen ist nach Meinung des Autors somit keine generelle Warnung hinsichtlich der Einnahme von Antidepressiva abzuleiten: ist also eine unterst√ľtzende Einnahme von Antidepressiva rechtzufertigen (z.B. bei erheblich belastenden und trotz regelm√§√üiger Psychotherapie nur wenig ver√§nderlichen Depressionsformen), sollte diese durchaus auch w√§hrend der Schwangerschaft fortgesetzt werden – sofern sich die damit verbundene hormonelle Umstellung nicht ohnedies bereits positiv auf die Depression auswirkt!

Dec 17

Hyperhidrose kann eine schwere Belastung f√ľr die Betroffenen darstellen (Bild: dermnetz)

Nach einer Studie in der Dezember-Ausgabe des Journal of the American Academy of Dermatology ist Hyperhidrosis bzw. Hyperhidrose (HH), also das verstärkte Schwitzen, mit einer erhöhten Prävalenz von Angst und Depression verbunden.

Wirklich wahr! Nun, diese Erkenntnis best√§tigt etwas, das in der Psychotherapie der diesbez√ľglichen St√∂rung schon seit jeher die g√§ngige Arbeitshypothese darstellt: das Schwitzen der Hyperhydrose-Betroffenen ist in aller Regel ein Zeichen chronischer (nicht immer bewu√üter) Stress-Spannung. Angst und psychische Spannung aber erzeugen √ľber das sympathische (im Gegensatz zum parasympathischen) System eine erh√∂hte Produktion der Schwei√üdr√ľsen. Die Hyperhidrose-Betroffenen leiden im Alltag oder spezifischen (z.B. sozialen) Situationen also unter erh√∂hten Angst- und Stressgef√ľhlen, h√§ufig leiden die Betroffenen dar√ľber hinaus auch an einer depressiven Symptomatik.

In der Studie untersuchten Dr. R. Bahar von der Universität von British Columbia in Vancouver, Canada, und Kollegen die Prävalenz von Angst und Depression bei Patienten mit oder ohne Hyperhidrose. Insgesamt wurden 2.017 Dermatologie-Patienten mit standardisierten psychologischen Testfragebögen auf Depression und Angst hin getestet.



Das Vorkommen von Angst wurde bei 21.3% und Depressionen bei 27.2% der Hyperhidrose-Patienten vorgefunden, verglichen mit 7.5% und 9.7% bei Patienten ohne Hyperhidrose (beide p<0,001). Positive Korrelationen wurden f√ľr Hyperhydrose-Intensit√§t und Angst- und Depressions-Vorkommen gefunden. In der multivarianten Analyse war die Hyperhidrose-assoziierte Zunahme des Vorkommens von Angstsymptomen und Depression unabh√§ngig von demographischen Faktoren und bereits vorhandenen Hauterkrankungen.

“Sowohl einzelvariante als auch multivariable Analysen zeigten eine signifikante Assoziation zwischen Hyperhidrose und dem Vorliegen von Angst- und Depressionssymptomen je nach Intensit√§t der Hyperhidrose-Symptomatik”, schreiben die Autoren.

Quelle: Prevalence of anxiety and depression in patients with or without hyperhidrosis (HH) in: Journal of the American Academy of Dermatology , Volume 75 , Issue 6 , 1126 – 1130

ÔĽŅ11.04.20