Dec 18

Dies ist ein “Sammeleintrag” √§hnlich meinen Blog-Eintr√§gen zu den Themen “Partnersuche“, “Suizid” oder “Autismus“, in denen ich Forschungsergebnisse zum pers√∂nlichen, gesellschaftlichen oder sozialversicherungsm√§√üigen Gewinn durch Psychotherapie sammle. Falls Ihnen einschl√§gige Studien bekannt sind, die hier noch nicht gelistet sind, f√ľge ich sie nach einer kurzen E-Mail gerne hinzu.

  • Rund 20% der Kinder und Jugendlichen in Europa leiden an psychischen Erkrankungen, die einschr√§nkend wirken und daher als krankheitswertig und behandlungsbed√ľrftig zu bezeichnen sind (WHO 2005). Man darf auf Basis des heute verf√ľgbaren Wissens √ľber √Ątiologie, therapeutische Beeinflussbarkeit und den Verlauf psychischer St√∂rungen jedoch davon ausgehen, dass der Gro√üteil dieser psychischen St√∂rungen erfolgreich psychotherapeutisch behandelbar w√§re (Mattejat F (2004): Perspektiven einer entwicklungsorientierten Psychotherapie. In: Lehmkuhl U, Lehmkuhl G (Hrsg). Fr√ľhe psychische St√∂rungen und ihre Behandlung. Vandenhoeck & Ruprecht, G√∂ttingen; Schmidt MH (2004) Verlauf psychischer St√∂rungen bei Kindern und Jugendlichen. Deutsches √Ąrzteblat 101: 38)
  • 1 Euro f√ľr Therapie = 4 Euro “Gewinn”: jeder Euro, der in die Behandlung von Depression und Angstst√∂rungen flie√üt, stehen 4 Euro “Gewinn” durch die Aufrechterhaltung der Erwerbsf√§higkeit und Vermeidung von Folgekosten (von Arbeitsplatzverlust √ľber physiologische Erkrankungen, Gewalt, Drogenmi√übrauch etc.) gegen√ľber. In der Lancet-Studie (04/2016) wurden unter “Therapie” alle Ma√ünahmen von ausschlie√ülich medikament√∂ser Behandlung √ľber psychosoziale Ma√ünahmen bis Psychotherapie zusammengefa√üt.
  • Fr√ľhe Psychotherapie wirkt im “Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology” publizierten Studien zufolge besser als Medikamente f√ľr Kinder, die an ADHS leiden (Details, Studie 1, Studie 2).
  • Die meisten psychischen St√∂rungen sind wiederkehrend und chronifizieren, wenn sie unbehandelt bleiben (Baltesberger C., Grawe K (2001): Psychotherapie unter gesundheits√∂konomischem Aspekt. Zeitschrift f√ľr Klinische Psychologie und Psychotherapie 30 (1): 10-21, Hogrefe-Verlag, G√∂ttingen). Margraf fasst die epidemiologischen Daten v.a. der Angstst√∂rungen und Depressionen mit den Kostendaten in Deutschland und der Schweiz so zusammen: “Statt fr√ľh, ambulant und kosteng√ľnstig werden psychische St√∂rungen sp√§t, station√§r und teuer behandelt.”
  • Die Nicht-Durchf√ľhrung bzw. Nicht-Miteinschlie√üung von Psychotherapie im Versorgungssystem kommt teuer: den Milliardenkosten (gesch√§tzt 2,8 Mrd. Euro laut Arbeiterkammer (Juli 2008), die¬†in √Ėsterreich durch psychische St√∂rungen j√§hrlich verursacht werden, stehen Aufwendungen f√ľr Psychotherapie von rund 45 (!) Millionen Euro gegen√ľber.
  • Laut Hauptverband der Sozialversicherungstr√§ger sind die Verschreibungen f√ľr Antidepressiva f√ľr die Alterstruppe von 5-19 Jahren allein vom Jahr 2006 bis 2007 um 11.461 gestiegen, auch im Bereich der Anxiolytika (Angst-Medikamente) war in dieser Altersgruppe ein Anstieg innerhalb nur eines Jahres um 1.916 Verschreibungen zu verzeichnen. Eine psychotherapeutische Behandlung w√ľrde in vielen dieser F√§lle nicht nur eine Alternative zur rein psychopharmakologischen Behandlung darstellen, sondern sie w√§re, da in der Psychotherapie grundlegend an der Problemanalyse, -bew√§ltigung und Verbesserung der Entwicklungsbedingungen gearbeitet wird, auch aus ethischen Gesichtspunkten vorzuziehen. Auch ein “Immunisierungseffekt” gegen psychische St√∂rungen gelingt in aller Regel deutlich besser √ľber Psychotherapie denn √ľber die symptombezogene Einnahme von Medikamenten.

Falls Sie evt. relevante Studienergebnisse √ľber den Nutzen von Psychotherapie fanden, die hier noch nicht angef√ľhrt sind, w√§re es im Sinne der allgemeinen N√ľtzlichkeit dieses Artikel nett, wenn Sie auf diese im Kommentarbereich hinweisen k√∂nnten. Danke!

 

May 28

Bild: Karikatur RABE (Ralf Böhme)

Wenn Sie bei einer √∂sterreichischen Krankenkasse versichert sind und um Voll- oder Teilrefundierung f√ľr Ihre Psychotherapie-Kosten angesucht haben, wurden Sie vermutlich vor einigen Monaten von einer deutlichen Erweiterung der diesbez√ľglichen Auskunftsbegehren an Ihre(n) Psychotherapeuten(in) informiert. Bei der Wiener Gebietskrankenkasse soll sp√§testens im Juli dieses Jahres ein neues Antragsformular verpflichtend vorgeschrieben werden, wenn PatientInnen um Voll- oder Teilrefundierung ansuchen m√∂chten. Dem Versicherungstr√§ger gegen√ľber werden dann zum Teil sehr pers√∂nliche Daten anzugeben sein – Daten, welche mit den Therapieinhalten bzw. den jeweiligen psychischen Beschwerden nicht immer etwas zu tun haben m√ľssen. Ob diese Informationen dann tats√§chlich so “vertraulich” bleiben, wie vom Hauptverband immer wieder versichert, dar√ľber muss man sich als ‘gepr√ľfter √Ėsterreicher’ nach Bekanntwerden eines intensiven Datenaustausches u.a. mit dem amerikanischen NSA, dem BFIE-Skandal usw. leider so seine Gedanken machen…

Pers√∂nlich kann ich das “Bed√ľrfnis” der Versicherungstr√§ger, sicherstellen zu wollen, dass die allozierten Mittel auch sinnvoll eingesetzt werden, selbstverst√§ndlich nachvollziehen – allerdings war doch Psychotherapie schon seit jeher ein Stiefkind des Gesundheitssystems: die Refundierungsbetr√§ge von ‚ā¨ 21,90 wurden seit mittlerweile fast 25 Jahren (!!) nicht mehr an die Inflation angepasst, da scheint es eine Zumutung, den von psychischen Problemen Betroffenen f√ľr diesen anteilig mittlerweile h√∂chst gering gewordenen Betrag auch noch zus√§tzliche “Datenkan√ľllen” anzulegen, zumal Zusatzantr√§ge ohnedies auch schon derzeit fast immer einer chef√§rztlichen Bewilligung bed√ľrfen – also keineswegs nur dem Gutd√ľnken des jeweiligen Psychotherapeuten allein unterworfen sind! Es ergibt sich somit der Eindruck, dass die Kassen PatientInnen, die ihnen rechtm√§√üig zustehende Versicherungsleistungen in Anspruch nehmen m√∂chten, schlicht und einfach durch die Angst, dass ihnen die gemachten Angaben eines Tages zum Nachteil gereichen k√∂nnten, vergraulen wollen.
Die √∂sterreichischen Krankenkassen haben im Jahre 2013 Gewinn erwirtschaftet. Psychische Leiden geh√∂ren zu jenen, unter denen Menschen am st√§rksten leiden, die aber am seltensten fr√ľhzeitig erkannt und ad√§quat behandelt werden [Link].

Wenn auch Sie gegen die verpflichtende Verwendung des neuen Antragsformulars protestieren möchten, unterzeichnen auch Sie bitte die Online-Petition dagegen:

https://secure.avaaz.org/de/petition/Wiener_Gebietskrankenkasse_NEIN_zum_neuen_Krankenkassenformular_fuer_Psychotherapie/

Mehr Informationen f√ľr Interessierte: http://derstandard.at/2000001585614/

May 08

Psychische Leiden belasten mehr als körperliche.
(Image src: depressionisreal.com)

 

Kaum eine Situation macht Menschen unzufriedener mit dem Leben als eine psychische Erkrankung.

Richard Layard, Leiter des Wellbeing Programme am Centre for Economic Performance der London School of Economics and Political Science, ver√∂ffentlichte k√ľrzlich das Ergebnis einer Langzeit-Metastudie, demzufolge in Australien, Deutschland und Gro√übritannien psychische Erkrankungen weit st√§rker zum Ungl√ľck von Menschen beitragen als k√∂rperliche Gebrechen. Befragt wurden Personen mit einem Lebensalter von √ľber 25 Jahren.

Es wird gesch√§tzt, dass weltweit etwa jeder Zehnte unter Depressionen und Angstst√∂rungen leidet. Diese psychischen Erkrankungen sind die Ursache von bis zu einem F√ľnftel aller F√§lle von Erwerbsunf√§higkeit. Gleichzeitig befindet sich selbst in reichen L√§ndern weniger als ein Drittel der Betroffenen in therapeutischer Behandlung.

Das Tragische ist, dass Depressionen und Angstst√∂rungen heute mit Psychotherapie erfolgreich behandelt werden k√∂nnten, sagt Richard Layard. Dennoch w√ľrde kaum eine Regierung mehr als 15 Prozent ihres Gesundheitsetats f√ľr die Behandlung seelischer Erkrankungen ausgeben “Das ist diskriminierend f√ľr psychisch Erkrankte im Vergleich zu k√∂rperlich Erkrankten und zudem auch wirtschaftlich unvern√ľnftig”, sagen der Wohlfahrts√∂konom Layard und seine Kollegen. W√ľrden mehr psychisch Kranke gut behandelt werden, k√∂nnten Kosten f√ľr Sozialhilfe gespart werden und es w√ľrden weniger Steuereinnahmen aufgrund der Erwerbsunf√§higkeit vieler Arbeitnehmer verloren gehen. Layard: “In reichen L√§ndern w√§re wahrscheinlich eine f√ľr die Staatskassen kostendeckende Behandlung der von psychischen Leiden Betroffenen m√∂glich”.

Jeder Dritte hatte 1x jährlich mit psychischen Störungen zu kämpfen

Jeder 3. Erwachsene, also ca. 15 Millionen Menschen, erkrankten in Deutschland allein im Verlauf der letzten 12 Monate an mindestens einer psychischen St√∂rung. Die meisten davon leiden an Angstzust√§nden, Depressionen oder somatoformen St√∂rungen. Maximal 10% von ihnen erhielten jedoch eine wissenschaftlich anerkannte Psychotherapie, was die Lebensqualit√§t der Betroffenen reduziert, die daraus resultierenden Fehlbehandlungen wiederum belasten die Gesundheits- und Sozialsysteme, da die Krankheitstage zunehmen und PatientInnen fallweise vorzeitig berentet werden m√ľssen. Die Bundesanstalt f√ľr Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit sch√§tzt den durch psychische Erkrankungen resultierenden Verlust an Arbeitsproduktivit√§t auf acht Milliarden Euro j√§hrlich.

“Psychische und psychosomatische Krankheiten sind keine blo√üen Befindlichkeitsst√∂rungen. Sie m√ľssen fr√ľhzeitig professionell behandelt werden, da sie sonst chronisch werden k√∂nnen und oft zu biologischen Ver√§nderungen im Gehirn und im √ľbrigen K√∂rper f√ľhren. Die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) betont, dass 40 bis 60 Prozent der durch ambulante Psychotherapie behandelten Patienten nachweislich profitieren. Ambulante Psychotherapien umfassen im Mittel 46 Sitzungen und kosten im Durchschnitt ca. ‚ā¨ 3700,-/Patient. Hilfesuchende Menschen brauchen jedoch zun√§chst niedrigschwellige und qualifizierte Anlauf- und Vermittlungsstellen.

Prof. Cornelia Albani, Leiterin der Sinova-Klinik f√ľr Psychosomatische Medizin in Aulendorf: “In einer repr√§sentativen Befragung konnten wir nachweisen, dass jene Menschen, die sich f√ľr eine ambulante psychotherapeutische Behandlung entscheiden, deutlich durch die Erkrankungen belastet sind und einen sehr hohen Leidensdruck versp√ľren”. In der Regel seien es schon l√§nger und psychisch schwer erkrankte Patienten mit hoher Krankheitslast. 84% dieser Menschen sch√§tzten beispielsweise ihre eigene psychische Verfassung vor der Therapie als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das gilt umso mehr, wenn Patienten dar√ľber hinaus an k√∂rperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs leiden. Erschreckend ist die niedrige Zahl derer, die professionelle Hilfe erhalten ‚Äď obwohl die Wirksamkeit der Psychotherapie bereits hinl√§nglich bewiesen ist. Rund 50% der von Albani et al. Befragten gaben an, dass sich durch die Psychotherapie ihre Arbeitsf√§higkeit und -produktivit√§t gesteigert habe. √Ąhnlich hoch wurde die Besserung der sozialen F√§higkeiten und Beziehungen bewertet. Bei bis zu 60% der behandelten Patienten zeigen sich deutliche Verbesserungen des seelischen Gesundheitszustands ‚Äď und zwar anhaltend und √ľber das Ende der Behandlung hinaus. “Studien haben die besondere Nachhaltigkeit psychotherapeutischer Behandlungen erwiesen. Hier setzten wir uns von rein medikament√∂sen Behandlungsstrategien ab”, so Albani.

Psychische und psychosomatische St√∂rungen entwickeln gerade im Zusammenspiel mit k√∂rperlichen Grunderkrankungen eine besondere Problematik und k√∂nnen sich wechselseitig verst√§rken. Fach√§rzte f√ľr Psychosomatische Medizin k√∂nnen bei der Entscheidung, wie am besten vorzugehen ist, helfen. Hierbei werden k√∂rperliche, seelische und auch soziale Aspekte ber√ľcksichtigt. Doch h√§ufig mangelt es an effizienten Diagnose- und Behandlungsm√∂glichkeiten sowie fl√§chendeckender Versorgung: ‚ÄěAngesichts der vielen Betroffenen besteht die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen f√ľr diese Patientengruppe‚Äú, so DGPM-Pr√§sident Professor Dr. J. Kruse, √Ąrztlicher Direktor der Klinik f√ľr Psychosomatik und Psychotherapie in Gie√üen.

(Quellen: MedAustria, SOEPpanel 2013 (s.a. http://www.diw.de/soeppapers); DGPM-Pressemitteilung 02/2013)

Jul 01

Rund acht Prozent aller Europäer nahmen im vergangenen Jahr Medikamente gegen Depressionen. Besonders stark betroffen ist die Altersgruppe von 45 bis 54 Jahren, wie eine aktuelle Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) aufzeigte, die auf der Befragung von 30.000 Europäern in 27 Ländern beruht.

Der britische √Ėkonom Andrew Oswald, der am IZA in Bonn forscht und die Studie mitverfasst hat, h√§lt den Befund f√ľr alarmierend: “Gemessen an Wohlstand und Sicherheit ging es den Europ√§ern nie besser als heute. Dass trotzdem so viele Menschen mit Chemie nachhelfen m√ľssen, um gl√ľcklich zu sein, sollte uns zu denken geben.”

Am h√§ufigsten greifen die Portugiesen zu Antidepressiva (16 Prozent), am seltensten die Griechen (3 Prozent). In Deutschland (5 Prozent) liegt der Verbrauch √ľberraschenderweise unter dem EU-Durchschnitt, obwohl die Deutschen bei der Lebenszufriedenheit im unteren Mittelfeld rangieren.

Was f√ľr alle Staaten gleicherma√üen zutrifft: Im mittleren Alter leiden die Menschen besonders h√§ufig unter Depressionen. Das deckt sich mit Studien zur Lebenszufriedenheit, die bei Endvierzigern am geringsten ist. Warum es zu diesem Knick kommt, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt.

(Quelle: MedAustria; Image:CartoonStock.com)

Nov 03

Als im letzten Jahr der damalige Drogenbeauftragte der Regierung, der Neuropsychopharmokologe David Nutt vom Imperial College, die “k√ľnstliche” Aufteilung von erlaubten und verbotenen Drogen kritisierte und sagte, dass die erlaubten Drogen Alkohol und Nikotin viel gef√§hrlicher seien als die verbotenen LSD, Ecstasy oder Cannabis, musste er sofort zur√ľcktreten. Offenbar hatte er damit ein Tabu verletzt, denn die Aufteilung der Drogen ist auch eine kommerzielle, kulturelle und politische Entscheidung.

In einer Studie, die im Wissenschafts-Magazin Lancet ver√∂ffentlicht wurde erschienen ist, versucht der Drogenexperte nun noch einmal wissenschaftlich zu belegen, dass Alkohol die gef√§hrlichste Droge ist. In der Studie wurde eine Rangliste der Gef√§hrlichkeit von 20 Drogen f√ľr die Konsumenten (9 Kriterien) und deren Umfeld (7 Kriterien) erstellt, die Kriterien daf√ľr waren vom Advisory Council on the Misuse of Drugs (ACMD) festgelegt worden. Daraus wurde f√ľr die Bewertung eine Entscheidungsanalyse entwickelt.


Die kombinierte Rangliste der Drogen. Bild: Lancet/Nutt et al.

Zu den Gefahren f√ľr die Konsumenten rechneten die Experten die von den Drogen verursachte Mortalit√§t, die Krankheiten und k√∂rperlichen sowie psychischen Folgen, die Abh√§ngigkeit und soziale sowie √∂konomische Folgen (Verlust an Freunden, Jobverlust, Gef√§ngnisstrafen etc.). Bei den Folgen f√ľr das Umfeld der Drogenkonsumenten wurden steigende direkt oder indirekte Verletzungs- oder Sch√§digungsgefahr (Gewalt, Autounf√§lle etc.), Kriminalit√§t, √∂konomische Kosten, Beeintr√§chtigung der Familien, internationale Folgen (Kriminalit√§t, Entwaldung, Destabilisierung von L√§ndern), Umweltsch√§den und Folgen f√ľr das Wohnviertel ber√ľcksichtigt.

Zieht man nur die Folgen f√ľr den Konsumenten selbst in Betracht, sind Heroin, Crack und die Designerdroge Metamfetamin (Crystal, Crystal Speed, Ice) am gef√§hrlichsten. F√ľr die Mitmenschen ist der hingegen der Konsum von Alkohol, Heroin und Crack am gef√§hrlichsten. Nimmt man beide Gef√§hrdungen zusammen, so liegt Alkohol deutlich an der Spitze, gefolgt von Heroin und Crack. Tabak rangiert hinter Kokain, aber vor Marihuana. Khat, Steroide, Ecstasy, LSD, Buprenorphin und Pilze sind am wenigsten gef√§hrlich und praktisch nur f√ľr den Konsumenten. Beim Alkohol schlagen vor allem die wirtschaftlichen Kosten, Gewalt und Verletzungen, Familie, Kriminalit√§t und Schaden f√ľr das Wohnviertel durch.

Im diesbez√ľglichen Vollartikel auf tp findet sich auch der Link zu einer √úbersichtskarte, welche die unterschiedliche H√§ufigkeit des Alkoholkonsums in der Weltbev√∂lkerung plastisch darstellt:

In stehen demnach nach Rum√§nien Deutschland und √Ėsterreich an der Spitze des Alkoholkonsums, gefolgt von Spanien und Gro√übritannien. Die Italiener trinken deutlich weniger, die Letten, Slowenen oder Schweden am wenigsten. Die meisten Alkoholabstinenten, genauer diejenigen, die im letzten Jahr kein alkoholisches Getr√§nk zu sich genommen haben, findet man in Italien (40 Prozent), gefolgt von Ungarn, Portugal, Malta, Spanien und Polen (28 Prozent). In Deutschland sind es 19 Prozent.
Der durchschnittliche Westeurop√§er trinkt ein Drittel mehr Alkohol als jede andere Person in einer anderen Region. In weiten Teilen des Nahen Ostens und von Nordafrika wird praktisch gar nicht getrunken: dort herrscht, alkoholisch zumindest, N√ľchternheit. Nach der Statistik trinken weltweit die Ugander am meisten, dann die Luxemburger, die Tschechen, die Moldavier und die Franzosen. Den siebten Platz teilen sich die Deuschen mit den √Ėsterreichern, Kroaten und Portugiesen. Alkoholische Trockenheit herrscht in Indonesien, Bangladesch und Pakistan.

Auch die interaktive Karte von ShowWorld stellt die Verteilung gut dar. Klicken Sie in ihr auf die Rubrik “Living – Food/Dining”.

Bemerkenswerte neue √∂ffentliche Stimmen gibt es auch in Sachen Drogenkriminalit√§t: so w√ľrden repressive Ma√ünahmen durch Polizei und Justiz das Problem f√ľr Drogens√ľchtige und damit auch die Bek√§mpfung von Aids versch√§rfen, wie Experten anl√§√ülich der 18. Internationalen Aids-Konferenz in Wien im Juli dieses Jahres verlautbarten. Sie fordern deshalb nun in einem internationalen Aufruf – der “Wiener Deklaration” – das Ende von kontraproduktiven “Drogenkriegen”.

“Viele von uns in der Aids-Forschung und in der Betreuung der Betroffenen sehen jeden Tag die verheerenden Effekte von falschen Strategien in der Drogenpolitik. Sie heizen die Aids-Epidemie noch weiter an und bedeuten Gewalt, steigende Kriminalit√§tsraten und die Destabilisierung ganzer Staaten. Trotzdem gibt es noch keinen Beweis, dass sie den Drogenkonsum oder die Versorgung mit Drogen reduzieren”, erkl√§rte dazu Julio Montaner, Pr√§sident der IAS.
Als Wissenschaftler sei man verpflichtet, Strategien auf Basis von gesicherten Erkenntnissen vorzuschlagen. In Sachen illegaler Drogen w√ľrden sie dort beginnen, wo man “Sucht als Krankheit und nicht als Verbrechen” akzeptiere.

Die Verfasser f√ľhren im Einzelnen folgende Konsequenzen falscher Anti-Drogen-Strategien an:

  • Die HIV-Epidemie wird durch die Kriminalisierung von Benutzern illegaler Drogen noch vergr√∂√üert, ebenso durch die Verhinderung von Opiat-Substitutions- und von Spritzentausch-Programmen.
  • Die Inhaftierung von Drogenkranken als Konsequenz von Strafgesetzen f√ľhrt zu HIV-Ausbr√ľchen unter den H√§ftlingen. Gerade in Gef√§ngnissen gebe es aber einen Mangel an Pr√§ventions-Ma√ünahmen.
  • In vielen Staaten sei es durch die Drogengesetzgebung zu einer Rekordrate an Inhaftierungen gekommen. Gleichzeitig h√§tte das die Rassendiskriminierung erh√∂ht. Die Autoren: “…dieser Effekt war besonders stark in den Vereinigten Staaten, wo zu jedem gegebenen Zeitpunkt jeder neunte B√ľrger afro-amerikanischer Herkunft in der Altersgruppe zwischen 20 und 34 Jahren inhaftiert ist – zum gr√∂√üten Teil wegen Drogendelikten.”
  • Ein riesiger illegaler Markt im Umfang von j√§hrlich 320 Milliarden US-Dollar (260 Mrd. Euro). Die Autoren: “Die Profite bleiben g√§nzlich au√üerhalb der Kontrolle des Staates. Sie f√∂rdern Kriminalit√§t, Gewalt und Korruption in zahllosen St√§dten und haben ganze Staaten destabilisiert, wie Kolumbien, Mexiko und Afghanistan.”
  • “Milliarden von Steuergeldern (US-Dollars, Anm.) sind in diesem ‘Krieg gegen Drogen’ fehlinvestiert worden, ohne das Ziel der Kontrolle des Problems zu erreichen. Stattdessen hat das massiv zu den angef√ľhrten Sch√§den beigetragen.”

Die Verfasser der “Wiener Deklaration” fordern deshalb eine transparente Analyse der Wirksamkeit der derzeitigen Drogenpolitik, die Verwendung und die Bewertung von Ma√ünahmen, die auf wissenschaftlicher Basis stattfinden.

Drogenkonsumenten sollten “entkriminalisiert” werden. Auch alle Zwangstherapie-Zentren sollten geschlossen werden, da sie die Menschenrechte verletzen. Und schlie√ülich sollte es mehr Geld f√ľr die Verhinderung von HIV-Infektionen geben.

(Quellen: tp, APA, ORF.at)

Aug 15

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat in ihrem Gesundheitsreport 2010 erstmals die Arzneimittelverordnungen ihrer 3,4 Millionen Mitglieder √ľber die letzten zehn Jahre analysiert. Daraus geht hervor, dass sich das Volumen der in Deutschland verordneten Antidepressiva im letzten Jahrzehnt bei Frauen wie M√§nnern verdoppelt hat. Damit einhergehend erh√∂hten sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Ausgaben f√ľr psychische Erkrankungen zwischen 2002 und 2008 um 5,3 auf 28,7 Milliarden Euro. Deutschland liegt damit aber nur im Trend: bei der Recherche f√ľr das Psychotherapie-Blog sto√üe ich regelm√§√üig auf Berichte aus aller Welt (oder um genauer zu sein: von den verschiedenen westlichen Industrienationen .. welche gleichzeitig – zuf√§llig oder nicht? – auch jene sind, in denen die Pharmaindustrie √ľber erheblichen Einflu√ü auf die Gesundheitpolitik verf√ľgt), in denen ebenfalls √§hnliche atemberaubende Zunahmen zu verzeichnen sind (z.B. betr. USA). Wurden doppelt so viele Menschen “depressiv”? Werden die Medikamente auch dann, wenn sie eigentlich gar nicht indiziert oder notwendig w√§ren, bedenkenlos verschrieben? Warum eigentlich? Derartige Fragen dr√§ngen sich fast automatisch auf, scheinen in der Gesundheitspolitik aber keinerlei Denkprozess anzusto√üen. Die Ausgaben f√ľr Arzneimittel nehmen im Gesundheitshaushalt der westlichen Staaten heute einen geradezu extremen Anteil ein: in der Schweiz etwa sind es bereits 21% der Krankenversicherungsleistungen und dieser Anteil stieg seit 1999 etwa 7-10% j√§hrlich an. Wurden die Pharmaprodukte tats√§chlich immer erfolgreicher oder schafft es hier eine Industrie, aus anderen Sektoren sukzessive √∂ffentliche Mittel abzuziehen?

Die h√§ufig – besonders von PolitikerInnen – gegebene Erkl√§rung, die Ver√§nderungen am Arbeitsmarkt w√ľrden den Druck erh√∂hen und dadurch zu einer Zunahme an psychischen Beschwerden f√ľhren, greift offenbar zu kurz: nicht nur Arbeitnehmer erhalten vermehrt Psychopharmaka verschrieben, Arbeitslose sind bei nahezu allen Diagnosen sogar noch h√§ufiger betroffen als andere Gruppen, wobei die Schere bei den psychischen St√∂rungen besonders gro√ü ist.

(Quellen: TK Gesundheitsreport 2010, telepolis, sp-ps.ch; Photo:citizen.co.ca)

Aug 01

Stress, Burn-out, Depression: Psychische Probleme haben sich zur Volkskrankheit Nummer eins und zu einem enormen Kostenfaktor f√ľr das Gesundheitssystem und die Arbeitswelt entwickelt. Das Dilemma: Viele Erkrankte wissen gar nicht, dass ihre Beschwerden psychisch bedingt sind. Der Arztbesuch hilft oft nicht weiter, da sich auch der Mediziner vorrangig auf die k√∂rperlichen Aspekte konzentriert und an psychische Ausl√∂ser nicht einmal denkt oder diese unterbewertet. Allgemeinmediziner behandeln bis zu 90 Prozent aller depressiv Erkrankten – erkennen die Ausl√∂ser aber h√§ufig gar nicht. An der Universit√§t Trier hat nun eine Forschergruppe eine Methode entwickelt, um die wahren Ursachen solcher St√∂rungen fr√ľhzeitig aufzudecken, sodass √Ąrzte sie effektiver behandeln bzw. Patienten eine Psychotherapie nahelegen k√∂nnen.

Das Ergebnis von zehn Jahren Forschungsarbeit steckt in einem Karton der Gr√∂√üe eines Schul-Atlasses: 16 R√∂hrchen, eine Tablette, ein Mini-EKG, ein Fragebogen. Mehr braucht es nicht, um psychischen Erkrankungen auf die Schliche zu kommen. ‚ÄěUnsere Methode misst biologische Signale und setzt sie in Beziehung zu psychischen und k√∂rperlichen Stressreaktionen. Unser Ziel ist es, sie zu diagnostizieren und dabei zu helfen, sie individuell zu behandeln‚Äú, erl√§utert der wissenschaftliche Leiter Prof. Hellhammer das Verfahren. ‚ÄěNeuropattern ist auch weltweit der erste Versuch, das Wissen der Grundlagenforschung systematisch in die Patientenversorgung einzubringen. Wir hoffen, dass auf diese Weise eine nachhaltige Verbesserung von stresskranken Patienten erreicht werden kann.‚Äú

√úber teilnehmende Haus√§rzte, die m√∂gliche Ausschlusskriterien ihrer Patienten pr√ľfen, kann das Neuropattern-Set angefordert werden. Nach einer Einweisung f√ľhrt der Erkrankte die erforderlichen Tests ‚Äď √ľberwiegend per Speichelproben ‚Äď zu Hause durch. Die Auswertungen der Proben und Messungen dienen als Grundlage f√ľr eine erfolgreiche Therapie. Patienten k√∂nnen die
Behandlung aktiv unterst√ľtzen. Sie erhalten Zugang zu einem Online-Service mit individuellen Angeboten zur Selbsthilfe, die auch Wartezeiten f√ľr psychotherapeutische Behandlungen √ľberbr√ľcken sollen.

Das sog. “Neuropattern II-Set” wurde innerhalb von acht Jahren auf der Basis der Daten von mehr als 2200 Patienten und Probanden erfolgreich entwickelt.

Nach Angaben der Universit√§t Trier kosten Arztbesuche, Medikamente und Fehlzeiten am Arbeitsplatz aufgrund von Stress und Depressionen j√§hrlich rund 65 Milliarden Euro. Knapp 38 Prozent aller Fr√ľhrentner wurden den Angaben nach 2009 in Deutschland wegen psychischer Erkrankungen vorzeitig in den Ruhestand geschickt – 1993 waren es mit 15 Prozent nicht einmal halb so viele. Auch die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme habe sich seit 1990 verdoppelt. ‚ÄěDas kann sich nur √§ndern, wenn psychische und psychosomatische Gesundheitsst√∂rungen fr√ľhzeitig und effizient von den √Ąrzten behandelt werden, die die Prim√§rversorgung dieser Patienten durchf√ľhren‚Äú, sagt Hellhammer.

(Quelle: daacro.de)

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth√§lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst√∂rungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie√ülich psychischer und Verhaltensst√∂rungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf√ľgen aber nicht nur √ľber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf√§higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f√ľr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f√ľr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw√ľrfe zur Ver√∂ffentlichung freigegeben, die endg√ľltigen Fassungen werden dann f√ľr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl√§ge f√ľr den neuen DSM-V ver√∂ffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m√ľssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal √ľberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was √ľber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f√ľr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V√§ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da√ü die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T√ľren stattfinden, selbst ihm habe man einschl√§gige Ausk√ľnfte verwehrt. Sein Nachfolger f√ľr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au√üerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl√ľgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit√§t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro√üe Bedeutung solcher Diagnosem√∂glichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h√§tten sich diese Erwartungen aber nicht erf√ľllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl√§ssig feststellen lie√üen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers√∂nlichkeitsz√ľge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche √Ąnderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit√§t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f√ľnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr√§gt sind. Solcherart soll dem h√§ufigen Umstand besser gerecht werden, da√ü viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St√∂rung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k√∂nnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest√∂rt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k√∂nnte auch dazu f√ľhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f√ľr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f√ľr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den √Ąrzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l√∂st aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar√ľber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef√ľhrt, die ebenfalls f√ľr Diskussionsstoff sorgen d√ľrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr√ľhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k√∂nne zu einer verfr√ľhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn√∂tigen Stigmatisierung f√ľhren, Bef√ľrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr√ľher helfen zu k√∂nenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit√§tsst√∂rung) ist f√ľr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W√ľnschen Transsexueller d√ľrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit√§tsst√∂rung) geben.

Statt der bisher zw√∂lf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f√ľnf Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen geben, n√§mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St√∂rung. Damit w√ľrde auch das fr√ľher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f√ľr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef√ľhlsregulationsst√∂rung mit schlechter Stimmung” zu √ľbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef√ľhlsausbr√ľche und negativer Stimmungszust√§nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k√ľnftig von den “St√∂rungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w√ľrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f√ľr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver√§nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh√§ngigkeit wurde vollst√§ndig durch diejenige von St√∂rungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst√∂rung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh√§ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh√§ngigkeit, sondern von substanzbezogenen St√∂rungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst√∂rungen f√§llt. Ein Pendant f√ľr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m√∂chte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen√ľgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f√ľr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k√∂nnte alternative L√∂sungsm√∂glichkeiten ins Abseits dr√§ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst√∂rungen d√ľrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R√§tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel√∂st werden.” (tp)

(Quellen und Ausz√ľge aus: tp, Science 02/2010)

Feb 17

Im Jahre 2008 wurden laut dem “Verein Vertretungsnetz f√ľr Sachwalterschaft, Patientenanwaltschaft, Bewohnervertretung” 20.000 Personen gegen ihren Willen zumindest f√ľr kurze Zeit in geschlossene psychiatrische Abteilungen gebracht – also etwa ein Viertel aller station√§r behandelten psychisch Kranken.

Bisher musste diese Ma√ünahme mit zwei Gutachten gerichtlich beeideter Sachverst√§ndiger (Psychiatern) begr√ľndet werden, das soll nun jedoch anders werden: das Justizministerium plant eine Novelle zum “Unterbringungs- und Heimaufenthaltsgesetz”, die nur mehr ein psychiatrisches Gutachten als Grundlage f√ľr die Einweisung vorsieht – es sei denn, der Patient, sein Rechtsvertreter oder ein Angeh√∂riger verlangen dezidiert ein zweites Gutachten. Die offizielle Begr√ľndung f√ľr diese Ma√ünahme: Wenn ein Patient “auf die Psychiatrie” komme, m√ľssten alle Beteiligten schnell handeln. Und dies scheitere oft daran, dass es vor allem am Wochenende, an Feiertagen oder nachts zu wenige Psychiater gebe. Aller Voraussicht nach wird der Justizausschuss die Novelle am 17. Februar mit den Stimmen von SP√Ė und √ĖVP beschlie√üen – trotz der zum Teil massiven Bedenken und Einspr√ľche von Experten, die das Vier-Augen-Prinzip bei einer solch drastischen Ma√ünahme f√ľr unumg√§nglich halten.

Neben dem Berufsverband der Psychologen haben sich auch die Kinder- und Jugendanwaltschaften, der √ĖGB sowie diverse Patientenvertretungs-Organisationen gegen den Wegfall der Zweituntersuchung ausgesprochen. Die √Ėsterreichische Gesellschaft f√ľr Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Hilfe f√ľr Angeh√∂rige und Freunde psychisch Erkrankter sowie die Salzburger und die Wiener Landesregierung fordern zus√§tzliche Bestimmungen.

Diese habe man erf√ľllt, argumentiert SP√Ė-Justizsprecher Hannes Jarolim im Gespr√§ch mit der √∂sterr. Zeitung Der Standard: “Patienten, die das w√ľnschen, k√∂nnen ja ein zweites Gutachten verlangen.” Gr√ľnen-Justizsprecher Albert Steinhauser h√§lt dies f√ľr eine “maximal theoretische M√∂glichkeit”. Steinhauser: “Welcher Patient wei√ü das schon oder ist in einer Ausnahmesituation in der Lage, sein Recht durchzusetzen?” Die Gr√ľnen werden daher im Ausschuss diesen Passus des Gesetzes ablehnen – die Novelle insgesamt aber bef√ľrworten, da sie eine Evaluierung der neuen Regelung durchsetzen konnten. Dies sei deshalb wichtig, “weil wir nicht wollen, dass wir dahin kommen, dass wieder mehr Menschen, die sich auff√§llig benehmen, auf der Psychiatrie landen” (Steinhauser).

Hinweis R.L.Fellner: die Gesetzesnovelle ist aus meiner Sicht bedenklich, auch ich selbst halte das Vier-Augen-Prinzip sowohl f√ľr sinnvoll als auch notwendig. Sollte es im Grunde um Einsparungsma√ünahmen gehen, dann w√ľrde hier meiner Ansicht nach am falschen Fleck – n√§mlich bei den B√ľrgerrechten – gespart. Wenn angeblich Psychiater nicht erreichbar sind, k√∂nnten auch PsychologInnen und PsychotherapeutInnen in die Begutachtung einbezogen werden – diese sind f√ľr derartige Begutachtungen ausreichend qualifiziert und vor allem auch bundesweit in einer deutlich gr√∂√üeren Anzahl verf√ľgbar als Fach√§rzte.

(Quellen: Der Standard, Unterbringungsgesetz aktuell; Foto: Regine Henrich)

Aug 10

Antidepressiva sind heute bereits die in den USA am meisten verkauften Medikamente – ihr Konsum hat sich in 10 Jahren verdoppelt.

Dies wurde mittels einer Metastudie von Untersuchungen aus dem Jahr 1996 und 2005 an 50.000 Kindern und Erwachsenen festgestellt, welche in den Archives of General Psychiatry veröffentlicht wurde. Demnach nehmen heute 10 Prozent der Amerikaner Рetwa 27 Millionen Menschen РAntidepressiva ein, etwa doppelt so viele wie 1996.

Nur die H√§lfte dieser Menschen wird allerdings tats√§chlich ausschlie√ülich wegen Depression behandelt, der Rest nimmt die Arzneimittel wegen R√ľckenschmerzen, M√ľdigkeit, Schlafst√∂rungen und anderen Problemen zu sich. Der gestiegene Konsum muss also nicht bedeuten, dass mehr Menschen depressiv sind, sondern dass die Medikamente zur Bew√§ltigung oder Erleichterung des Alltagslebens, eventuell auch als Stimmungsaufheller verwendet werden.

Dazu passt auch der andere Befund, n√§mlich dass der Anteil der Personen, die Antidepressiva nehmen und sich einer Psychotherapie unterziehen, von 31 auf 20 Prozent gesunken ist. Vermutlich will man einfach nicht psychische Arbeit leisten oder verunsichert werden, und es bestehen daneben wohl mitunter auch Unsicherheiten dar√ľber, ob eine Psychotherapie wirklich helfen kann – der Glaube an die Effizienz der Medikamente dagegen steigt (wohl mitbedingt durch die enormen Werbema√ünahmen der Pharmaindustrie; siehe folg. Absatz), zumal deren Konsum auch weniger Arbeit bereitet und Zeit sowie vor allem auch Geld kostet. Die US-Krankenversicherungen zahlen h√§ufig keine Psychotherapie, die √Ąrzte wiederum verschreiben lieber schnell mal ein Medikament und sparen damit wertvolle Ordinationszeit.

Die Autoren der Studie f√ľhren an, da√ü ein wesentlicher Faktor f√ľr diese √Ąnderungen auch der enorme Einsatz von Mitteln f√ľr Werbung darstellen d√ľrfte: allein f√ľr Werbung, die sich an den Endkunden (Patienten) richtet, wurden 1996 noch 32 Millionen, 2005 aber schon 122 Millionen US-Dollar ausgegeben. Lediglich 14% der Einnahmen aus dem Arzneimittelverkauf werden von der Industrie in Forschung und Produktion reinvestiert – der Rest geht in Marketing und Profitaussch√ľttungen 1.

 

Quellen: 1 Dr. Marcia Angell, fr√ľhere Herausgeberin des New England Jornal of Medicine in einem Interview von The Nation, 20090809; “National Patterns in Antidepressant Medication Treatment” by Mark Olfson & Steven C. Marcus in: Arch Gen Psychiatry 2009;66(8):848-85. Cartoon: Andy Marlette.

ÔĽŅ01.09.19