Sep 18

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Politische Einstellungen basieren auf freien Entscheidungen und jeder sollte die Freiheit haben, zu seinen √úberzeugungen zu stehen – das stellt einen Grundpfeiler der westlichen Demokratien dar. Doch j√ľngste Untersuchungen zeigen, dass diese Freiheit tats√§chlich vielleicht nicht so gro√ü ist, wie wir das bisher annahmen, da viele dieser Einstellungen im Hirn “fest verdrahtet” und z.T. auch genetisch pr√§determiniert sein d√ľrften – und dass die politische Einstellung dar√ľber hinaus auch R√ľckschl√ľsse auf spezifische, strukturelle Pers√∂nlichkeitsanteile zul√§sst.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Gehirne von Menschen mit konservativen Ansichten h√§ufig eine gr√∂√üere Amygdala (ein mandelf√∂rmiger Bereich im Zentrum des Gehirns) haben – ein Hirnbereich, der h√§ufig mit “primitiven” Reflexemotionen wie Angst und Emotionen assoziiert ist. Dar√ľber hinaus haben sie h√§ufig auch eine kleineres sog. anteriores Cingulum, eine Region im vorderen Hirnbereich, die wichtig f√ľr die Entwicklung von Mut und Optimismus ist und bei St√∂rungen mit Depressionen und neurotischen Verhaltensmustern in Verbindung gebracht wird.

Gelingt es, diese Ergebnisse wissenschaftlich abzusichern, k√∂nnten sie eine medizinische Erkl√§rung daf√ľr bieten, warum konservative W√§hler eher empf√§nglich f√ľr terroristische Bedrohungen sind als zum Beispiel Liberale. Und es w√ľrde dabei helfen, zu erkl√§ren, warum die Konservative eher auf der Grundlage von Worst-Case-Szenarien planen m√∂chten, w√§hrend die Liberalen eher zu rosigen Aussichten neigen.

Geraint Rees, Leiter des UCL Institute of Cognitive Neuroscience in London, wurde urspr√ľnglich halb im Scherz eingeladen, f√ľr eine Episode der “BBC 4 Today” Show die Unterschiede zwischen liberalen und konservativen K√∂pfen zu studieren. Nach dem Studium von 90 UCL-Studenten und zwei britischen Parlamentariern konnte der Neurologe, einigerma√üen schockiert, eine klare Korrelation zwischen der Gr√∂√üe der erw√§hnten Hirnregionen und politischen Ansichten entdecken. Er warnt jedoch, dass es auf der Basis des bisherigen Standes der Untersuchungen, bei denen nur die Gehirne von Erwachsenen untersucht wurden, noch keine M√∂glichkeit g√§be, zu sagen, was zuerst da war – die hirnorganischen Unterschiede oder die politischen Meinungen. Doch es scheint nicht weit gegriffen, dass die politischen Grundeinstellungen einer Person bald schon durch Gehirn-Scans – oder auch DNA-Tests ermittelt werden k√∂nnten.

Denn Untersuchungen an den Universit√§ten University of California, Harvard and UC-San Diego zeigten, dass eine Variante des Neurotransmitters DRD4 Menschen scheinbar zu liberalen Einstellungen pr√§disponiert, jedoch nur, wenn sie auch ein aktives soziales Leben als Jugendliche hatten. Tr√§ger des “liberalen Gens” haben auch eher den Wunsch, neue Dinge auszuprobieren sowie weitere, gemeinhin mit liberalen Einstellungen verbundene Pers√∂nlichkeitsmerkmale.

Sind Rassisten dumm?

Damit aber noch nicht genug. Weitere Untersuchungsergebnisse lassen vermuten, dass ein niedriger IQ (Intelligenzquotient) eine der Ursachen f√ľr rassistische Vorurteile und sozial-konservative politische Einstellungen sein k√∂nnte. Die zugrundeliegende im Jahre 2012 ver√∂ffentlichte Studie, (durchgef√ľhrt von der Brock University in Ontario und geleitet von Gordon Hodson) besagt, dass Kinder mit vergleichsweise geringerer Intelligenz im Erwachsenenalter eher konservative √úberzeugungen und Vorurteile entwickeln als Kinder mit vergleichsweise h√∂herer Intelligenz. Erkl√§rt wird dies damit, dass diese Menschen mehr Angst vor Ver√§nderungen haben. Sie streben also nach dem Gef√ľhl von Sicherheit – konservative Ideologien aber beinhalten mehr Struktur, bef√ľrworten gesellschaftliche “Ordnung” und f√∂rdern hierarchische Systeme. All dies und ihr Widerstand gegen√ľber gesellschaftlichen Ver√§nderungen macht es f√ľr Konservative ebenfalls leichter, mit einer komplizierten und komplexen Welt umzugehen. Gleichzeitig f√∂rdern solche Grundeinstellungen aber auch Vorurteile.

Hudson warnt jedoch, in den aktuellen Stand der Untersuchungen allzu viel hineinzuinterpretieren: zum einen ist das Konzept der IQ-Tests unter Psychologen nicht gerade unumstritten, zum anderen ist die Entwicklung von Vorurteilen zu komplex, um einfach nur mit Unterschieden der Intelligenz erklärt zu werden.
Lediglich der Zusammenhang, dass auf Menschen, die stärker zu Angst vor Veränderungen neigen, reaktionäre Positionen positiv und anziehend wirken, sei als abgesichert zu betrachten.

Allerdings kommen auch andere Forscher zu vergleichbaren Ergebnissen. So betrug gem√§√ü einer im Jahre 2010 von Satoshi Kanazawa auf Basis der IQ-Ergebnisse aus der “Add Health”-Umfrage analysierten Ergebnisse der Durchschnitts-IQ von Erwachsenen, die sich als “sehr liberal” beschrieben, 106 Punkte, w√§hrend solche, die sich als “sehr konservativ” bezeichneten, durchschnittlich nur 95 IQ-Punkte erreichten.
Eine weitere Studie von L. Stankov aus dem Jahre 2009 wiederum stellte fest, dass unter Studenten an US-Universit√§ten konservative Grundeinstellungen negativ mit SAT (“Scholastic Aptitude Test”, ein standardisierter Test f√ľr die Aufnahme an US-Colleges)-Scores, dem Wortschatz und Analogietest-Ergebnissen korrelierten. Eine noch gr√∂√üere Korrelation wurde hierbei allerdings hinsichtlich wirtschaftlicher Unterschiede gefunden.

Provokant formuliert: k√∂nnte der britische Philosoph John Stuart Mill mit seinem Ausspruch “Conservatives are not necessarily stupid, but most stupid people are conservatives” gar nicht so unrecht gehabt haben?

(Quellen: [1]; [2]; [3]; [4]; 5: Larry Stankov (2009-05) in: “Conservatism and cognitive ability“. Intelligence 37 (3): 294‚Äď304. doi:10.1016/j.intell.2008.12.007; 6: Satoshi Kanazawa (2010): “Why Liberals and Atheists Are More Intelligent“. Social Psychology Quarterly. doi:10.1177/0190272510361602.)

Nov 15

Wettb√ľros finden sich in ‘bestimmten’ Bezirken mittlerweile in jedem Wohnblock. (Bild: initiative-bundesplatz.de

Laut Statistik der Spielsuchthilfe, der √§ltesten Spieler-Betreuungseinrichtung in √Ėsterreich, hat jeder dritte Spiels√ľchtige vor seinem 19. Geburtstag zu spielen begonnen, und die Zahl der Jugendlichen, die ihr Geld am Gl√ľckspielautomaten verspielen, nimmt st√§ndig zu. Bereits 15.700 Automaten stehen in √Ėsterreich, die als “Kleines Gl√ľcksspiel” vom staatlichen Gl√ľcksspielmonopol ausgenommen sind, in der Bundeshauptstadt rund 3.500 davon. In den traditionellen Einwandererbezirken der Hauptstadt sammeln die meisten Teenager besonders fr√ľh Erfahrung mit Gl√ľcksspiel.

Nicht besonders hilfreich bei der L√∂sung des Problems ist die enge Vernetzung der Politik mit dem Gl√ľcksspiel in √Ėsterreich: so finden sich auch prominente Ex-Politiker im Management der Firma Novomatic, und die Regierungen kassieren kr√§ftig mit an der Verarmung spiels√ľchtiger B√ľrgerInnen: die Stadt Wien beispielsweise nimmt j√§hrlich rund 55 Millionen Euro an Steuereinnahmen aus dem kleinen Gl√ľcksspiel ein.

Nur in Wien, Nieder√∂sterreich, der Steiermark und K√§rnten ist das “Kleine Gl√ľcksspiel” derzeit erlaubt. Die Bundesregierung arbeitet seit mehr als einem Jahr an einer Gesetzesnovelle, die es auch in den √ľbrigen Bundesl√§ndern legal machen w√ľrde.

Mar 18

Im Diskussionforum meiner Website wurde von einer Userin dieser Tage eine Frage aufgeworfen, die ich sehr interessant fand: kann ein Fachmann (Psychiater/Psychologe/..) einen Amokl√§ufer tats√§chlich schon “vorzeitig” erkennen?

Ich schicke voraus, da√ü ich ja nur ein “einfacher, kleiner Psychotherapeut” ūüėČ bin, und nicht so hochdekoriert wie mancher der Proponenten, die derartiges fordern. Als solcher aber bezweifle ich die Sinnhaftigkeit dieser Vorschl√§ge, und zwar aus vielerlei Gr√ľnden.

Prinzipiell waren fast alle Gewaltt√§terInnen, vor allem solche, die erweiterten Suizid, Amokl√§ufe etc. begingen, schon vor ihrer Tat in einer bestimmten Weise “auff√§llig” – in Schl√ľsselsituationen, also z.B. im Umgang mit Beh√∂rden, Nachbarn etc. aber wird der hohe innere Druck meist exzellent kompensiert bzw. kaschiert. Fast alle betr. T√§terInnen hatten vor der Tat auch Kontakt zu Beh√∂rden, Psychologen, dem Jugendamt usw. Haben diese also an sich sichtbare “Warnzeichen” √ľbersehen oder sogar ignoriert? Warum sollten sie sie mit “Fr√ľhwarnsystem” pl√∂tzlich besser wahrnehmen oder ernster nehmen?

Dar√ľber hinaus ergibt sich auch noch ein indirektes Problem – wenn jeder B√ľrger, jede B√ľrgerin eine potenzielle Gewaltt√§terin ist, dann “macht das etwas” mit uns… es entfremdet, macht Angst, man mi√ütraut anderen mehr ebenso, wie andere einem vielleicht selbst mehr mi√ütrauen. Und das, obwohl so ein Fr√ľhwarnsystem letztlich nicht viel mehr als eine weitere der vielen Ma√ünahmen unserer heutigen Politik w√§re, die in erster Linie nur ein subjektives Gef√ľhl von Sicherheit bzw. “es wird etwas getan” vermitteln w√ľrden, denn tats√§chlich mehr reale Sicherheit zu garantieren. Eines immanentes Problem des Lebens, n√§mlich da√ü man “vorzeitig” sterben kann – etwa wenn Dritte durchdrehen, einen in einen Unfall verwickeln oder man auf einem Abhang ausrutscht und zu Tode st√ľrzt – wird vermutlich auch in 100 Jahren und bei 1000 zus√§tzlichen Gesetzen und Regeln nicht gel√∂st sein.

Im Versuch, diese Frage zu beantworten, werden von Experten und Politikern h√§ufig schneidige und eing√§ngig betitelte Instant-L√∂sungen pr√§sentiert. H√§ufig gleicht deren Wirkung jedoch jener von Beruhigungstabletten. Vielleicht handelt es sich aber in erster Linie ja auch nur um Marketinginstrumente f√ľr die Kompetenz und Einsatzbereitschaft der involvierten Fachleute und PolitikerInnen. (Bild ¬© Spiegel.de)

Im Versuch, diese Frage zu beantworten, werden von Experten und Politikern h√§ufig schneidige und eing√§ngig betitelte Instant-L√∂sungen pr√§sentiert. H√§ufig gleicht deren Wirkung jedoch jener von Beruhigungstabletten. Vielleicht handelt es sich aber in erster Linie ja auch nur um Marketinginstrumente f√ľr die Kompetenz und Einsatzbereitschaft der involvierten Fachleute und PolitikerInnen. (Bild ¬© Spiegel.de)

Alles in allem handelt es sich meiner bescheidenen Ansicht nach bei den konkreten Vorschl√§gen aber um das Applizieren von Fachsprech-Pampe auf ein massives und wachsendes strukturelles Problem in unserer Gesellschaft, dessen Wurzeln und Zusammenh√§nge von all diesem Gerede oder auch einem pauschalen Verbot sogenannter “Gewalt-Videospiele” √ľberhaupt nicht tangiert werden. Was bleibt, ist der Eindruck, da√ü hier einige Personen die Publicity, die die aktuellen Gewalttaten bringen, dazu nutzen, um sich selbst ins Rampenlicht zu stellen oder neue Koordinatorenjobs an Land zu ziehen.

All dies vorausgeschickt, m√∂chte ich jedoch hervorstreichen, da√ü ich Pr√§vention und “Hochsensibilit√§t” in der Exekutive, dem Sozialbereich usw., und ggf. fr√ľhzeitige Unterst√ľtzungsma√ünahmen bei der Aufdeckung von Gewalt, Mi√übrauch etc. f√ľr in h√∂chstem Ma√üe wichtig halte. Dazu w√ľrde aber das vorhandene Wissen an sich ausreichen, es mu√ü nur auch genutzt und die erforderlichen Ma√ünahmen auch von der √∂ffentlichen Hand unterst√ľtzt werden. In beiden Bereichen – der Wahrnehmung durch Au√üenstehende und effizienter Pr√§vention und Therapie f√ľr das gesamte betroffene soziale System – existieren aber heute erhebliche L√ľcken, und diese werden leider immer gr√∂√üer, statt geschlossen zu werden.

Ein sogenanntes “Fr√ľhwarnsystem” – das wom√∂glich auch noch komplett an sog. “Experten” ausgelagert wird – w√ľrde diese Entwicklung aber vermutlich noch verschlimmern, statt die Sozialkompetenz und soziale N√§he innerhalb der Bev√∂lkerung zu verbessern.

Mehr zum Thema “Verfolgung/Untersuchung auf Verdacht”:

EU-Gesetzesvorschl√§ge: schon Ann√§herungsversuche via Internet (“Grooming”) sollen als Straftat gelten und Sex-Tourismus pauschal strafrechtlich verfolgt werden:
http://derstandard.at/?url=/?id=1233586525171

√Ėsterreich: schon wer im Internet “wissentlich auf eine pornographische Darstellung Minderj√§hriger zugreift”, macht sich zuk√ľnftig strafrechtlich schuldig, einschl√§gige Straft√§ter werden in einer Datenbank erfasst und k√∂nnen z.B. mit Verboten belegt werden, bestimmte Orte zu betreten, aus ihrer Wohnung verwiesen werden u.dgl.:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29924/1.html

√úber das vieldiskutierte “Fr√ľhwarn-System” (erstmals im Fr√ľhjahr 2007 vorgestellt):
http://www.stern.de/wissenschaft/mensch/:Amoklauf-Schulen-Es-Warnsignale/657475.html
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29934/1.html

Jan 21

20.01.2009: Barack Obama’s Amtseinf√ľhrung. Ich erhalte die Anfrage einer Redakteurin, welche durch Obama’s Wahlspruch “Yes We Can!” zu einer Story √ľber Selbstbewu√ütsein und positives Denken inspiriert wurde. K√∂nnte ich dazu ein paar Gedanken beitragen?

Nicht, da√ü mir gerade heute langweilig gewesen w√§re – aber ich hatte mir¬† schon √∂fters zu Obama’s Wirkung auf die Menschen Gedanken gemacht (auch hier im Blog) und war gerne bereit, diese bei Gelegenheit in die Tasten zu klopfen:

Barack Obama’s Wahlslogan “Yes We Can!” war zweifellos ein genialer Wurf seines Teams. Jedes Wortelement des Slogans ist “stark” im Sinne einer Ermutigung und Hervorhebung des Wertes jedes Einzelnen, der/die sich der Wahlbewegung anschlie√üt.

“Yes!” – ein erleichterndes, positives “JA” statt dem jahrelangen, negativen “Nein”, in dem vor allem die Gefahren, die auf die Menschen lauern, und die Feindlichkeit einzelner Facetten des Lebens beschworen wurden. Diese waren dann durch den¬† jeweiligen “War against XY” zu bek√§mpfen. Selbstsichere Menschen sagen “Ja” zum Leben und versuchen, Probleme zu l√∂sen, statt die Schuld f√ľr die Umst√§nde ausschlie√ülich bei anderen zu suchen.

“We!” – auch wenn dies viele Menschen auf der Suche nach mehr Selbstbewu√ütsein mi√üverstehen: Selbstbewu√ütsein ist nicht mit Egomanie zu verwechseln, und schon gar kein Selbstzweck. Wir sind durch Jahrhunderttausende als soziale Wesen ‘programmiert’, Einzelg√§nger sind meist nicht dauerhaft gl√ľcklich und haben eine Tendenz, in eher skurille Weltbilder abzudriften. Obama’s Team beschwor das Gemeinsame – gemeinsam erreicht man mehr als allein, gro√üe und schwierige Projekte sind √ľberhaupt nur so zu bew√§ltigen. Sch√∂n fand ich, wie liebevoll und offen diese Familie augenscheinlich miteinander umgeht, und sich Obama selbst in den hei√üesten Wahlkampfphasen immer wieder Zeit f√ľr das “We!” rund um die eigene Familie nahm.

“Can!” – ein ganz wesentlicher Bestandteil eines positiven Lebensgef√ľhls ist die Erfahrung, etwas Sinnvolles bewirken oder etwas an einem Mi√üstand ver√§ndern zu k√∂nnen. Selbst kleinste Aufgaben erm√∂glichen es uns, am Gl√ľcksgef√ľhl √ľber das Gelungene teilzuhaben. Es war r√ľhrend, in TV-Dokumentationen sogar an Obama-Plakaten mitbastelnde Kleinkinder, Alte, geistig Behinderte usw. zu sehen – aber in ihrer aller Augen leuchtete dieses “Can!”-Gef√ľhl. Und – sie haben es tats√§chlich geschafft!

Ich bin zu sehr Realist, um zu glauben, da√ü positives Denken diesen Erfolg bewirkt hat – erm√∂glicht hat er ihn aber definitiv. Dieses Potenzial “positiven Denkens” aber sollte uns auch – bei aller kritischen Selbstreflexion – im ganz normalen Alltag ermutigen, die Herausforderungen des Lebens letztlich dennoch auf m√∂glichst positive Weise anzunehmen.

Ich meine, da√ü es eine der gro√üen Leistungen von Barack Obama und seinem Team war, den Amerikanern, aber auch vielen B√ľrgern in aller Welt wieder ein Gef√ľhl von Selbstwert zu geben – das Gef√ľhl, da√ü die eigene Rolle gerade auch in einer immer st√§rker regulierten und entfremdenden Welt eine wichtige ist und es – nicht nur bei der Wahl! – auf jede einzelne erhobene Stimme ankommt. Denn man kann noch so selbstbewu√üt sein, noch so positiv denken: das gr√∂√üte Gl√ľcksgef√ľhl stellt sich ein, wenn auch andere etwas von der eigenen positiven Energie haben…

Inwieweit die beworbene Botschaft auch tatsächlich der Politik Obamas entsprechen wird, wird die Zukunft zeigen.

Nov 28

Wer w√§hrend der letzten Wochen die diversen Pressemeldungen verfolgte, konnte ein bemerkenswertes Bild √ľber unseren gesellschaftlichen Zugang zu den “Umtrieben” heutiger Kinder und Jugendlicher bekommen: da wurde von einem ober√∂sterreichischen Schuldirektor den Sch√ľlerInnen etwa das √∂ffentliche K√ľssen untersagt (nach vehementen √∂ffentlichen Protesten ist das Verbot mittlerweile wieder aufgehoben), angeblich werden Jugendliche immer d√ľmmer (Computer und Fernsehen seien schuld), wir erinnern uns an die Debatte um bauchfreie T-Shirts vor 2 Jahren, seit vielen Jahren deuten einschl√§gige Studien in England aber vor allem auch auf steigende Angst der √Ėffentlichkeit vor Kindern und Jugendlichen hin: mehr Respekt wird da gefordert, und die Kategorie des “antisozialen Verhaltens” wurde geschaffen, um Jugendliche entsprechend mit ASBO’s (Anti-Social Behavior Orders) und einschl√§gigen Medikamenten zu disziplinieren. Mittlerweile bilden sich bereits Gruppierungen, die gegen diesen Trend zu mobilisieren versuchen, denn √úberwachen und Strafen l√∂sen – wie auch in anderen Lebensbereichen – die zugrundeliegenden Probleme nicht.

Alarmierend ist die Verst√§ndnislosigkeit und K√§lte, mit der der jungen Generation (wie man so sch√∂n sagt: unseren [hoffentlich!] “Pensionszahlern von morgen”) begegnet wird. Politik wird in erster Linie f√ľr die Erwachsenen und Pensionisten gemacht, an der Jugend besteht kaum ein anderes Interesse, als dass diese zu “funktionieren”, sich in das gesellschaftliche Gef√ľge einzuordnen habe. Das Bestehende wird verwaltet, Zukunftsdenken oder gar Visionen sind eher die Ausnahme als die Regel. Da ist es dann kein Wunder, wenn Klassengr√∂√üen trotz steigender sozialer Probleme und zunehmendem Integrationsbedarf immer gr√∂√üer werden und Lehrer immer mehr Erziehungsaufgaben zu √ľbernehmen haben, gleichzeitig aber ihre Fortbildungsbudgets, sowie jene f√ľr Beratungsstellen und Psychotherapie schon seit Jahrzehnten ausged√ľnnt werden. Auch Eltern schaffen kaum den Spagat, ihre Karriereziele mit den Bed√ľrfnissen ihrer Kinder nach Zuwendung zu vereinbaren.

Wie das Schicksal so spielt: w√§hrend ich diese Zeilen schrieb, wurde eine Pressemitteilung der √∂sterr. Bildungsministerin Claudia Schmied ver√∂ffentlicht: nach einem heute stattgefundenen “Bildungs-Gipfel”, an dem 600 Experten von Schulaufsicht und Schulpartnern bis zu Polizei, Schulpsychologen und NGO’s teilnahmen, soll ein F√ľnf-Punkte-Programm f√ľr das Thema Gewalt an Schulen sensibilisieren und diese zu verhindern helfen. “Die Lehrer k√∂nnen soziale Probleme nicht alleine l√∂sen”, so die Bildungsministerin.
Wichtigstes Ergebnis des Gipfels: im kommenden Jahr soll es um 20 Prozent mehr Schulpsychologen an √Ėsterreichs Schulen geben (derzeit kommen z.T. auf 5-10 Schulen 1 SchulpsychologIn, und das Engagement externer BeraterInnen wie im Projekt “SchulePlus” des Wiener GRG3 oder von “Schule mit Biss” bleibt fast ausschlie√ülich Elternvereinen und engagierten Direktionen vorbehalten), und es wird einschl√§gige Schwerpunkte in der LehrerInnenausbildung geben. Gewaltt√§tige Sch√ľler, sogenannte ‘Bullies’ verursachen langfristig hohe Kosten f√ľr den Staat: addiert man Ma√ünahmen wie Pflege, Heimbetreuung, Gerichtsverfahren und Strafvollzug, kostet ein Bully den Staat √ľber eine Million Euro. Die L√∂sung laut dem Psychologen Friedrich L√∂sel: “Kinder aus Risikofamilien sollten von der Geburt an betreut werden.”

Scheint, als w√§re √Ėsterreich doch “anders” und als g√§be es begr√ľndete Hoffnung, dass das Steuer gerade noch herumgerissen werden kann. Sofern die Ma√ünahmen tats√§chlich im Parlament bewilligt und dann auch konsequent umgesetzt werden jedenfalls.

Nov 05

Barack Obama neuer US-Präsident

Selbst seine gr√∂√üten Kritiker m√ľssen einr√§umen, dass sein Wahlkampf seinesgleichen in der Geschichte der USA, ja der Welt sucht, und vermutlich auch in Zukunft Ma√üst√§be setzen wird. Barack Obama verstand es wie kein anderer westlicher Politiker der j√ľngeren Geschichte, die Menschen zu mobilisieren. Viel wurde bereits √ľber seine Ausnahmeerscheinung diskutiert und geschrieben, und noch weitaus mehr wird wohl in Zukunft √ľber ihn diskutiert und geschrieben werden. √úber die politischen Implikationen seiner Wahl zu schreiben, dazu gibt es Berufenere als mich. Besonders spannend finde ich pers√∂nlich aber gerade das, was er in Menschen ausl√∂st, wie und warum das geschieht.

Schon seine Physiognomie ist charismatisch – gertenschlank und mit drahtigem Schritt trat er stets an die Rednerpulte, er wirkt stets sachlich, kontrolliert, in seinen Anliegen bestimmt und klar, mit sparsam eingesetzter Gestik .. der Fokus lag stets auf dem gesprochenen Wort, nicht der k√∂rperlich ausgedr√ľckten Emotion, was die Bedeutung seiner Worte noch zus√§tzlich zu unterstreichen schien. Insgesamt vermittelte sich dabei h√§ufig ein geradezu antipodischer Eindruck zu seinem oft regelrecht unbeholfen und linkisch wirkenden, um die richtigen Worte ringenden Vorg√§nger. Sein im Laufe der Wahlkampfmonate zu einem regelrechten Freiwilligenheer angewachsener Pulk an WahlhelferInnen lief sich z.T. die F√ľsse wund, um seine Botschaft unter das traditionell wahlfaule Volk zu bringen, und der Erfolg gab ihnen recht: die Wahlbeteiligung in den USA erreichte eine Rekordquote, die international ihresgleichen sucht, im Internet fanden sich ber√ľhrende Videos selbst von amerikanischen Urgro√üm√ľttern, welche zur Wahl Obamas aufriefen.

Obama’s brillante, vision√§re und ber√ľhrende Reden (hier seine Siegerrede der letzten Nacht incl. Transkript – auff√§llig sind u.a. auch seine Kontrolliertheit und Gelassenheit selbst in diesen Minuten, welche doch sicherlich einen H√∂hepunkt in seinem Leben darstellen m√ľssen) ber√ľhrten die Menschen, lie√üen sie lachen und weinen, und sich diesem Mann “da oben” so nahe f√ľhlen, als w√ľrden sie ihn schon lange kennen, so, als w√§re er ihr Freund. Dieser Eindruck wurde auch im Wahlkampf vermittelt, als auf seiner Website registrierte AmerikanerInnen regelm√§√üig pers√∂nlich adressierte Info-Mails erhielten, oder auf ihre Anfragen mit “Barack” unterschriebene Antwortmails eingingen. Man war und f√ľhlte sich “per Du” mit diesem Pr√§sidentschaftskandidaten, und wer w√ľrde schon nicht einem seiner besten Freunde seine Stimme geben? In der Politik, die er versprach – und auf die es w√§hrend des Wahlkampfes de facto bereits einen Vorgeschmack gab – verzichtete er auf pers√∂nliche Untergriffe, auf Manipulation durch Angstvorstellungen oder das Gegeneinander-Ausspielen von Bev√∂lkerungsgruppen, was wie ein Balsam auf den Wunden jener Amerikaner wirken mu√üte, die bei Bush’s Politik “√ľbrig blieben”: es gibt also doch noch Hoffnung! Die Worte “You” und “We” stellten Konstanten in jeder seiner Reden und Interviews dar – “Together, we can do it!“, oder das bereits zu seinem Markenzeichen gewordene “Yes, we can!“, das ihm dann auch bei der oben verlinkten Wahlnachtsrede von zigtausenden seiner W√§hler zugerufen wurde.

Ein ganz klein wenig mu√ü einem der zuk√ľnftige Pr√§sident Obama ja schon jetzt leid tun ūüėČ – er wird viel zu tun haben, wenn er auch nur einem Bruchteil der Hoffnungen, welche er in den Menschen nicht nur der USA, sondern auch den meisten anderen L√§ndern dieser Welt ausgel√∂st hat, gerecht werden will. Man wird ihn letztlich an seinen Taten messen. Schon jetzt aber kann man sagen: er hat den Nerv unserer Zeit getroffen – einer Zeit, in der Menschen einander entfremdet und gegeneinander ausgespielt werden, und in der zutiefst humanit√§re Werte wie Solidarit√§t, Authentizit√§t oder echte Kooperation immer √∂fter einer egoistischen und nur an kurzfristigem Vorteil orientierten Grundhaltung Platz machen m√ľssen. F√ľr uns in Europa bleibt zu hoffen, dass die Parteistrategen unserer L√§nder auch diesen Aspekt des Wahlerfolges Barack Obamas verstanden haben.

Nov 03

Nun sind sie also wieder wohlbehalten zur√ľckgekehrt, die √∂sterreichischen Geiseln.
Vor 8 Monaten im Grenzgebiet zwischen Tunesien und Algerien von der terroristischen Nachfolgeorganisation der sog. “Algerischen Salafisten-Gruppe f√ľr Predigt und Kampf” (GSPC) nach Mali verschleppt, hat der Alptraum f√ľr das Paar zuletzt ein gl√ľckliches Ende gefunden.

Nun beginnt f√ľr sie -wie f√ľr viele Entf√ľhrungsopfer- der zweite Teil der Traumatisierung: ihre mediale, √∂ffentliche, und politische “Abwicklung” durch Boulevardpresse, das √∂ffentliche Publikum und Proponenten der politischen Kaste. Die √∂ffentliche Emotion wird ja bereits wochenlang von einem H√∂hepunkt zum n√§chsten gepeitscht: die Amstettner Kellerfamilie, der Tod J√∂rg Haiders und kurz danach Helmut Zilks, und nicht zuletzt auch die internationale Finanzkrise, die uns mit einer d√ľsteren Krisenmeldung nach der anderen konfrontiert. Und nun auch noch das letztlich √ľberraschend kommende Ende der Geiselnahme. Noch am Abend ihrer Ankunft mit dem eilends vom Au√üenministerium gecharterten Flieger finden die Konsumenten des Landes die ersten Zeitungscover mit den gegerbten Gesichtern des noch deutlich gezeichneten Paares in den Zeitungsst√§ndern, eine sichtlich stolze Ministerin verk√ľndet, “sie sind wohlbehalten zur√ľck in der Heimat”. Die √∂sterreichische Seele ist jedoch eine, die im Verborgenen kaum an sich halten kann, wenn es darum geht, die “Reichen und M√§chtigen” zu kritisieren (ganz im Gegensatz zum direkten Kontakt √ľbrigens, in dem Sch√ľchternheit, unsichere Distanziertheit oder herzliche Freundlichkeit dominiert) – und diesen Krisengewinnlern werden hurtig auch die Geiseln selbst von vielen zugeordnet: man h√§tte sie ihrem Schicksal √ľberlassen sollen, wenn sie schon unbedingt auf Abenteuerurlaub in die weit entfernte W√ľste wollten, schrieben viele anonym und sichtlich echauffiert in die Foren der Online-Versionen √∂sterreichischer Zeitungen im Gef√ľhl, zu den gar nicht fa√übaren Zahlen von mehreren hundert Milliarden Euro f√ľr die Banken (wieviel w√§ren das in Schilling?) k√§men nun auch noch 5 Millionen f√ľr die Geiseln dazu, f√ľr die jeder einzelne Steuerzahler seinen Anteil von etwa einem Euro zu zahlen h√§tte, und was ist mit den anderen, den Bankdirektoren – ist denn endlich sichergestellt, dass die “vom Staat” an die kurze Leine gelegt werden und nur mehr ein m√∂glichst geringes Gehalt bekommen?

In wenigen Tagen wird es das erste Interview geben (f√ľr die Geiseln wird es vor allem eine Art “Erkl√§rung” sein, und sie werden sich dabei auf den Rat ihrer BetreuerInnen wohl an ein Manuskript halten, aus Sorge, durch spontane Satzwendungen nicht noch mehr Angriffsfl√§che zu bieten. Sie werden sich beim Strahl der Scheinwerfer in ihr Gesicht unweigerlich an die W√ľstensonne der Sahara erinnern, und unter dem Druck der sogenannten “√∂ffentlichen Meinung” sowie diverser Interview-Kommentare populistischer PolitikerInnen ein √§hnliches Gef√ľhl versp√ľren, wie sie es wohl w√§hrend ihrer Gefangenschaft hatten: eines omnipr√§senter Beobachtung, eingeschr√§nkten Bewegungsspielraumes, Ohnmacht der Maschinerie gegen√ľber, durch die sie geschleust werden – bis schlie√ülich der n√§chste √∂ffentliche “Skandal” das Licht der Scheinwerfer von ihnen wieder abzieht und sich auf das n√§chste Ziel richtet: erst dann wird ihre Freiheit wirklich beginnen.

ÔĽŅ01.09.19