Nov 05

Barack Obama neuer US-Präsident

Selbst seine größten Kritiker müssen einräumen, dass sein Wahlkampf seinesgleichen in der Geschichte der USA, ja der Welt sucht, und vermutlich auch in Zukunft Maßstäbe setzen wird. Barack Obama verstand es wie kein anderer westlicher Politiker der jüngeren Geschichte, die Menschen zu mobilisieren. Viel wurde bereits über seine Ausnahmeerscheinung diskutiert und geschrieben, und noch weitaus mehr wird wohl in Zukunft über ihn diskutiert und geschrieben werden. Über die politischen Implikationen seiner Wahl zu schreiben, dazu gibt es Berufenere als mich. Besonders spannend finde ich persönlich aber gerade das, was er in Menschen auslöst, wie und warum das geschieht.

Schon seine Physiognomie ist charismatisch – gertenschlank und mit drahtigem Schritt trat er stets an die Rednerpulte, er wirkt stets sachlich, kontrolliert, in seinen Anliegen bestimmt und klar, mit sparsam eingesetzter Gestik .. der Fokus lag stets auf dem gesprochenen Wort, nicht der körperlich ausgedrückten Emotion, was die Bedeutung seiner Worte noch zusätzlich zu unterstreichen schien. Insgesamt vermittelte sich dabei häufig ein geradezu antipodischer Eindruck zu seinem oft regelrecht unbeholfen und linkisch wirkenden, um die richtigen Worte ringenden Vorgänger. Sein im Laufe der Wahlkampfmonate zu einem regelrechten Freiwilligenheer angewachsener Pulk an WahlhelferInnen lief sich z.T. die Füsse wund, um seine Botschaft unter das traditionell wahlfaule Volk zu bringen, und der Erfolg gab ihnen recht: die Wahlbeteiligung in den USA erreichte eine Rekordquote, die international ihresgleichen sucht, im Internet fanden sich berührende Videos selbst von amerikanischen Urgroßmüttern, welche zur Wahl Obamas aufriefen.

Obama’s brillante, visionäre und berührende Reden (hier seine Siegerrede der letzten Nacht incl. Transkript – auffällig sind u.a. auch seine Kontrolliertheit und Gelassenheit selbst in diesen Minuten, welche doch sicherlich einen Höhepunkt in seinem Leben darstellen müssen) berührten die Menschen, ließen sie lachen und weinen, und sich diesem Mann “da oben” so nahe fühlen, als würden sie ihn schon lange kennen, so, als wäre er ihr Freund. Dieser Eindruck wurde auch im Wahlkampf vermittelt, als auf seiner Website registrierte AmerikanerInnen regelmäßig persönlich adressierte Info-Mails erhielten, oder auf ihre Anfragen mit “Barack” unterschriebene Antwortmails eingingen. Man war und fühlte sich “per Du” mit diesem Präsidentschaftskandidaten, und wer würde schon nicht einem seiner besten Freunde seine Stimme geben? In der Politik, die er versprach – und auf die es während des Wahlkampfes de facto bereits einen Vorgeschmack gab – verzichtete er auf persönliche Untergriffe, auf Manipulation durch Angstvorstellungen oder das Gegeneinander-Ausspielen von Bevölkerungsgruppen, was wie ein Balsam auf den Wunden jener Amerikaner wirken mußte, die bei Bush’s Politik “übrig blieben”: es gibt also doch noch Hoffnung! Die Worte “You” und “We” stellten Konstanten in jeder seiner Reden und Interviews dar – “Together, we can do it!“, oder das bereits zu seinem Markenzeichen gewordene “Yes, we can!“, das ihm dann auch bei der oben verlinkten Wahlnachtsrede von zigtausenden seiner Wähler zugerufen wurde.

Ein ganz klein wenig muß einem der zukünftige Präsident Obama ja schon jetzt leid tun 😉 – er wird viel zu tun haben, wenn er auch nur einem Bruchteil der Hoffnungen, welche er in den Menschen nicht nur der USA, sondern auch den meisten anderen Ländern dieser Welt ausgelöst hat, gerecht werden will. Man wird ihn letztlich an seinen Taten messen. Schon jetzt aber kann man sagen: er hat den Nerv unserer Zeit getroffen – einer Zeit, in der Menschen einander entfremdet und gegeneinander ausgespielt werden, und in der zutiefst humanitäre Werte wie Solidarität, Authentizität oder echte Kooperation immer öfter einer egoistischen und nur an kurzfristigem Vorteil orientierten Grundhaltung Platz machen müssen. Für uns in Europa bleibt zu hoffen, dass die Parteistrategen unserer Länder auch diesen Aspekt des Wahlerfolges Barack Obamas verstanden haben.

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Gedanken zu ““Change We Can Believe In?” – “Yes, We Can!”” (2):

  1. Kommentar von Die “positive vibes” des Barack Obama .:. Psychotherapie-Blog:

    […] aber ich hatte mir  schon öfters zu Obama’s Wirkung auf die Menschen Gedanken gemacht (auch hier im Blog) und war gerne bereit, diese bei Gelegenheit in die Tasten zu […]

  2. Kommentar von 2008: Auftakt für (Gnaden)Brot & (Killer)Spiele? .:. Psychotherapie-Blog:

    […] So er tatsächlich den versprochenen “Change” schafft: hat der zukünftige Präsident Obama überhaupt eine Chance, die zu erwartenden dramatischen Folgen von den USA abzuwenden? Auch für […]

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Abgelegt unter: Zeitgeschehen von r.l.fellner
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25.06.19