Ein Frühwarnsystem gegen Amokläufer?

Im Diskussionforum meiner Website wurde von einer Userin dieser Tage eine Frage aufgeworfen, die ich sehr interessant fand: kann ein Fachmann (Psychiater/Psychologe/..) einen Amokläufer tatsächlich schon “vorzeitig” erkennen?

Ich schicke voraus, daß ich ja nur ein “einfacher, kleiner Psychotherapeut” 😉 bin, und nicht so hochdekoriert wie mancher der Proponenten, die derartiges fordern. Als solcher aber bezweifle ich die Sinnhaftigkeit dieser Vorschläge, und zwar aus vielerlei Gründen.

Prinzipiell waren fast alle GewalttäterInnen, vor allem solche, die erweiterten Suizid, Amokläufe etc. begingen, schon vor ihrer Tat in einer bestimmten Weise “auffällig” – in Schlüsselsituationen, also z.B. im Umgang mit Behörden, Nachbarn etc. aber wird der hohe innere Druck meist exzellent kompensiert bzw. kaschiert. Fast alle betr. TäterInnen hatten vor der Tat auch Kontakt zu Behörden, Psychologen, dem Jugendamt usw. Haben diese also an sich sichtbare “Warnzeichen” übersehen oder sogar ignoriert? Warum sollten sie sie mit “Frühwarnsystem” plötzlich besser wahrnehmen oder ernster nehmen?

Darüber hinaus ergibt sich auch noch ein indirektes Problem – wenn jeder Bürger, jede Bürgerin eine potenzielle Gewalttäterin ist, dann “macht das etwas” mit uns… es entfremdet, macht Angst, man mißtraut anderen mehr ebenso, wie andere einem vielleicht selbst mehr mißtrauen. Und das, obwohl so ein Frühwarnsystem letztlich nicht viel mehr als eine weitere der vielen Maßnahmen unserer heutigen Politik wäre, die in erster Linie nur ein subjektives Gefühl von Sicherheit bzw. “es wird etwas getan” vermitteln würden, denn tatsächlich mehr reale Sicherheit zu garantieren. Eines immanentes Problem des Lebens, nämlich daß man “vorzeitig” sterben kann – etwa wenn Dritte durchdrehen, einen in einen Unfall verwickeln oder man auf einem Abhang ausrutscht und zu Tode stürzt – wird vermutlich auch in 100 Jahren und bei 1000 zusätzlichen Gesetzen und Regeln nicht gelöst sein.

Im Versuch, diese Frage zu beantworten, werden von Experten und Politikern häufig schneidige und eingängig betitelte Instant-Lösungen präsentiert. Häufig gleicht deren Wirkung jedoch jener von Beruhigungstabletten. Vielleicht handelt es sich aber in erster Linie ja auch nur um Marketinginstrumente für die Kompetenz und Einsatzbereitschaft der involvierten Fachleute und PolitikerInnen. (Bild © Spiegel.de)

Im Versuch, diese Frage zu beantworten, werden von Experten und Politikern häufig schneidige und eingängig betitelte Instant-Lösungen präsentiert. Häufig gleicht deren Wirkung jedoch jener von Beruhigungstabletten. Vielleicht handelt es sich aber in erster Linie ja auch nur um Marketinginstrumente für die Kompetenz und Einsatzbereitschaft der involvierten Fachleute und PolitikerInnen. (Bild © Spiegel.de)

Alles in allem handelt es sich meiner bescheidenen Ansicht nach bei den konkreten Vorschlägen aber um das Applizieren von Fachsprech-Pampe auf ein massives und wachsendes strukturelles Problem in unserer Gesellschaft, dessen Wurzeln und Zusammenhänge von all diesem Gerede oder auch einem pauschalen Verbot sogenannter “Gewalt-Videospiele” überhaupt nicht tangiert werden. Was bleibt, ist der Eindruck, daß hier einige Personen die Publicity, die die aktuellen Gewalttaten bringen, dazu nutzen, um sich selbst ins Rampenlicht zu stellen oder neue Koordinatorenjobs an Land zu ziehen.

All dies vorausgeschickt, möchte ich jedoch hervorstreichen, daß ich Prävention und “Hochsensibilität” in der Exekutive, dem Sozialbereich usw., und ggf. frühzeitige Unterstützungsmaßnahmen bei der Aufdeckung von Gewalt, Mißbrauch etc. für in höchstem Maße wichtig halte. Dazu würde aber das vorhandene Wissen an sich ausreichen, es muß nur auch genutzt und die erforderlichen Maßnahmen auch von der öffentlichen Hand unterstützt werden. In beiden Bereichen – der Wahrnehmung durch Außenstehende und effizienter Prävention und Therapie für das gesamte betroffene soziale System – existieren aber heute erhebliche Lücken, und diese werden leider immer größer, statt geschlossen zu werden.

Ein sogenanntes “Frühwarnsystem” – das womöglich auch noch komplett an sog. “Experten” ausgelagert wird – würde diese Entwicklung aber vermutlich noch verschlimmern, statt die Sozialkompetenz und soziale Nähe innerhalb der Bevölkerung zu verbessern.

Mehr zum Thema “Verfolgung/Untersuchung auf Verdacht”:

EU-Gesetzesvorschläge: schon Annäherungsversuche via Internet (“Grooming”) sollen als Straftat gelten und Sex-Tourismus pauschal strafrechtlich verfolgt werden:
http://derstandard.at/?url=/?id=1233586525171

Österreich: schon wer im Internet “wissentlich auf eine pornographische Darstellung Minderjähriger zugreift”, macht sich zukünftig strafrechtlich schuldig, einschlägige Straftäter werden in einer Datenbank erfasst und können z.B. mit Verboten belegt werden, bestimmte Orte zu betreten, aus ihrer Wohnung verwiesen werden u.dgl.:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29924/1.html

Über das vieldiskutierte “Frühwarn-System” (erstmals im Frühjahr 2007 vorgestellt):
http://www.stern.de/wissenschaft/mensch/:Amoklauf-Schulen-Es-Warnsignale/657475.html
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29934/1.html

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Richard L. Fellner, DSP, MSc.

Psychotherapeut, Hypnotherapeut, Sexualtherapeut, Paartherapeut



1 Antwort

Mandy Rohan Reply

Klingt interessant!

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10.07.20