Nov 03

Nun sind sie also wieder wohlbehalten zurückgekehrt, die österreichischen Geiseln.
Vor 8 Monaten im Grenzgebiet zwischen Tunesien und Algerien von der terroristischen Nachfolgeorganisation der sog. “Algerischen Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf” (GSPC) nach Mali verschleppt, hat der Alptraum für das Paar zuletzt ein glückliches Ende gefunden.

Nun beginnt für sie -wie für viele Entführungsopfer- der zweite Teil der Traumatisierung: ihre mediale, öffentliche, und politische “Abwicklung” durch Boulevardpresse, das öffentliche Publikum und Proponenten der politischen Kaste. Die öffentliche Emotion wird ja bereits wochenlang von einem Höhepunkt zum nächsten gepeitscht: die Amstettner Kellerfamilie, der Tod Jörg Haiders und kurz danach Helmut Zilks, und nicht zuletzt auch die internationale Finanzkrise, die uns mit einer düsteren Krisenmeldung nach der anderen konfrontiert. Und nun auch noch das letztlich überraschend kommende Ende der Geiselnahme. Noch am Abend ihrer Ankunft mit dem eilends vom Außenministerium gecharterten Flieger finden die Konsumenten des Landes die ersten Zeitungscover mit den gegerbten Gesichtern des noch deutlich gezeichneten Paares in den Zeitungsständern, eine sichtlich stolze Ministerin verkündet, “sie sind wohlbehalten zurück in der Heimat”. Die österreichische Seele ist jedoch eine, die im Verborgenen kaum an sich halten kann, wenn es darum geht, die “Reichen und Mächtigen” zu kritisieren (ganz im Gegensatz zum direkten Kontakt übrigens, in dem Schüchternheit, unsichere Distanziertheit oder herzliche Freundlichkeit dominiert) – und diesen Krisengewinnlern werden hurtig auch die Geiseln selbst von vielen zugeordnet: man hätte sie ihrem Schicksal überlassen sollen, wenn sie schon unbedingt auf Abenteuerurlaub in die weit entfernte Wüste wollten, schrieben viele anonym und sichtlich echauffiert in die Foren der Online-Versionen österreichischer Zeitungen im Gefühl, zu den gar nicht faßbaren Zahlen von mehreren hundert Milliarden Euro für die Banken (wieviel wären das in Schilling?) kämen nun auch noch 5 Millionen für die Geiseln dazu, für die jeder einzelne Steuerzahler seinen Anteil von etwa einem Euro zu zahlen hätte, und was ist mit den anderen, den Bankdirektoren – ist denn endlich sichergestellt, dass die “vom Staat” an die kurze Leine gelegt werden und nur mehr ein möglichst geringes Gehalt bekommen?

In wenigen Tagen wird es das erste Interview geben (für die Geiseln wird es vor allem eine Art “Erklärung” sein, und sie werden sich dabei auf den Rat ihrer BetreuerInnen wohl an ein Manuskript halten, aus Sorge, durch spontane Satzwendungen nicht noch mehr Angriffsfläche zu bieten. Sie werden sich beim Strahl der Scheinwerfer in ihr Gesicht unweigerlich an die Wüstensonne der Sahara erinnern, und unter dem Druck der sogenannten “öffentlichen Meinung” sowie diverser Interview-Kommentare populistischer PolitikerInnen ein ähnliches Gefühl verspüren, wie sie es wohl während ihrer Gefangenschaft hatten: eines omnipräsenter Beobachtung, eingeschränkten Bewegungsspielraumes, Ohnmacht der Maschinerie gegenüber, durch die sie geschleust werden – bis schließlich der nächste öffentliche “Skandal” das Licht der Scheinwerfer von ihnen wieder abzieht und sich auf das nächste Ziel richtet: erst dann wird ihre Freiheit wirklich beginnen.

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Gedanken zu “Die Rückkehr der Geiseln”:

  1. Kommentar von lapislazuli:

    Guter Artikel.

    Ich bin froh, daß die beiden wieder wohlbehalten zurückgekommen sind, sie haben es sich ja nicht ausgesucht, entführt zu werden. Ob sie mit schuldig sind wird sich noch herausstellen, dann können sie immer noch dazu verpflcihtet werden, einen Teil der Kosten zu übernehmen!

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10.07.20