Oct 11
Pupillen Sexuelle Reaktionen Männer Frauen

Was unsere Pupillenreaktionen über uns aussagen…
Image src: S. Cartwright, popsci.com

Überraschende Ergebnisse erbrachte eine Untersuchung von Pupillen-Reaktionen auf Pornographie an der University of Sydney in Australien (bereits im Jahre 2012).

Bei heterosexuellen Männern erweiterten sich die Pupillen am meisten, wenn sie in Pornofilmen oder -bildern weibliche Darstellerinnen beim Masturbieren sahen. Bei homosexuellen Männern erweiterten sie sich am meisten, wenn sie dabei Männer zu sehen bekamen, und bei bisexuellen Männern mehr als bei anderen Männern, wenn sie Darsteller beider Geschlechter sahen”, schreiben die Autoren Rieger & Savin-Williams.

Dasselbe gilt aber nicht für Frauen. Im Durchschnitt erweiterten sich die Pupillen heterosexueller Frauen stärker beim Betrachten von Abbildungen und Videos mit männlichen Darstellern als von neutralen Bildern, aber sie reagierten auch stärker auf Bilder von masturbierenden Frauen im Vergleich zu heterosexuellen Männern, die Männer beobachteten.

Die Pupillen-Reaktionen lesbischer und bisexueller Frauen ähnelten in der Studie tendenziell jenen männlicher Reaktions-Muster.

Die Erkenntnis, dass heterosexuelle Frauen mehr als heterosexuelle Männer von beiden Geschlechtern erregt werden, könnte den Überlegungen der Autoren zufolge durch die Evolutionstheorie erklärt werden: in der Frühgeschichte der Menschheit kam es häufig zu Gewalt, sexuellen Übergriffen und Ausschweifungen. Während sich dabei die körperlich überlegenen Männer erlauben konnten, sich voll auf ihre (i.d.R. heterosexuellen) Vorlieben zu konzentrieren, mußten sich Frauen vor Verletzungen im Intimbereich schützen – Frauen, die hier unabhängiger von rein heterosexuellen Stimuli waren und unabhängig davon sexuelle Erregung (z.B. Feuchtwerden des Scheideneingangs) entwickeln konnten, waren evolutionär im Vorteil. Dies deckt sich auch mit diversen theoretischen Arbeiten zu diesem Thema, die sich mit der größeren Offenheit von Frauen in Richtung homosexueller Kontakte beschäftigten.

(Quellen: Rieger G, Savin-Williams RC (2012) The Eyes Have It: Sex and Sexual Orientation Differences in Pupil Dilation Patterns. PLoS ONE 7(8): e40256., [PopSci])

Oct 20

Ein gefundenes Fressen für die Medien war die kürzliche Freigabe von Flibanserin (vertrieben als “Addyi”) in den USA, ein neu entwickeltes Medikament, das die Lust von Frauen auf Sex steigern soll. Im Unterschied zu Viagra wirkt Flibanserin allerdings weniger auf körperlicher, sondern vielmehr auf neurologischer Ebene: eigentlich handelt es sich bei dem Medikament um ein Antidepressivum, das den Serotonin-Spiegel (welcher lusthemmend wirkt) absenkt, und die Konzentration der Glückshormone Dopamin und Noradrenalin anhebt (was sich libidosteigernd auswirken kann). Insofern ist auch der ‘modus operandi’ der Einnahme wie bei AD’s: die Pille muß täglich eingenommen werden, egal, ob Sex geplant ist oder nicht. Und frau muß mit Nebenwirkungen rechnen, wie sie auch bei der Einnahme von Antidepressiva auftreten können, etwa Schlafstörungen, Schwindel, Übelkeit, Schläfrigkeit, Angstsymptomen. Gefährlich soll die Einnahme gar in Verbindung mit Alkoholkonsum sein – was gerade bei einem solchen Arzneimittel einigermaßen ironisch anmutet.

Zugelassen wurde das Mittel für Frauen vor der Menopause, welche an einem Mangel an sexuellem Verlangen leiden. Hiefür wurden, wohl aus Marketing-Gründen, sogar zwei neue Krankheitsbegriffe geschaffen: “Hypoactive Sexual Desire Disorder” (HSDD) und “Female Sexual Dysfunction” (FSD) und prompt Studien präsentiert, denen zufolge bis zu 25% der Frauen an dieser “Störung” leiden sollen. All dies, obwohl ja Libidomangel bereits sowohl im Diagnoseverzeichnis ICD-10 als auch dem DSM definiert ist. Laut der zulassenden FDA soll das Medikament nur verschrieben werden, wenn der Lustmangel nicht durch die aktuellen Lebensumstände bedingt ist, also z.B. durch Schwangerschaft, Stillphase, Krankheiten, Medikamenteneinnahme oder Probleme in der Partnerschaft. Man braucht jedoch kein großer Skeptiker zu sein, um zu bezweifeln, dass besonders in der USA die wenigsten Ärzte zögern werden, ihren Patientinnen Antidepressiva dieser speziellen Art zu verschreiben.

Die konkrete Wirkung des Medikaments ist fragwürdig: im Vergleich mit Placebos hatten Frauen, die Flibanserin/Addyi einnahmen, gerade einmal 1/2-1x häufiger Sex.

Insofern wirft die Freigabe des Arzneimittels unweigerlich Fragen auf: muß denn in einer funktionierenden Partnerschaft tatsächlich ein Partner Medikamente einnehmen, nur weil beide unterschiedlich oft Lust verspüren? Und wenn es denn schon sein muß, warum gerade mit einem Medikament behandeln, das offenbar nicht nur kaum wirkt, sondern auch die bescheidene Wirksamkeit mit dem Risiko signifikanter Nebenwirkungen erkauft?

Tatsächlich wies nun eine neue an der MedUni Wien durchgeführte Studie nach, dass Placebos sich als zumindest ebenso wirksam für die sexuelle Libido der Frau erweisen wie beide aktuell verfügbaren “Behandlungsmethoden” mittels Flibanserin oder Oxytocin. Die Studienleiterin, M. Bayerle-Edereine, erklärt sich dies mit der intensiveren und offeneren Kommunikation der Paare als Begleiterscheinung der Studie, und sagt zudem: “Sexuelle Probleme sind häufiger durch laufenden Stress verursacht als durch Mängel im weiblichen Hormonhaushalt.” Auch wenn das eine das andere nicht ausschließt, und auch hormonelle Störungen durchaus streßbedingt sein können, kann ich aus der Arbeit mit Paaren dennoch bestätigen, dass das Grundelement erfolgreicher Sexualtherapie zunächst in der Beseitigung der Hürden zu einer erfüllenden Sexualität besteht. Insofern sind zunächst einmal mögliche Ursachen zu erkunden und zu behandeln, statt gleich zu den erstbesten Medikamenten zu greifen, die versprechen, die Probleme auf “technische” Weise zu beseitigen.

Weiterführende Artikel zum Thema:
Moynihan, Ray: “The making of a disease: female sexual dysfunction“, BMJ 2003; 326:45 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.326.7379.45, 2003
Moynihan, Ray: “Merging of marketing and medical science: female sexual dysfunction“, BMJ 2010; 341:c5050 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.c5050, 2010
Dana A. Muin et al.: “Effect of long-term intranasal oxytocin on sexual dysfunction in premenopausal and postmenopausal women: a randomized trial”, in: Fertility and Sterility (2015). DOI: 10.1016/j.fertnstert.2015.06.010
Image source: http://www.yypharm.com/

Oct 05
Foto: Time

Foto: Time

Aufmerksame VerfolgerInnen der Tagesnachrichten werden dieser Tage vielleicht erstaunt die Neuigkeit aus Kalifornien vernommen haben, dass sexuelle Akte von StudentInnen der dortigen Universitäten zukünftig “bewilligungspflichtig” sein werden. Das dieser Tage vom kalifornischen Senat bewilligte Gesetz “Bill 967” wird Universitäten verpflichten, entsprechende Standards (wie auch Beratung und andere prophylaktische Maßnahmen) zur Verhinderung sexuellen Missbrauches zu implementieren, wenn sie zukünftig noch staatliche Förderung erhalten wollen. Lebt es sich denn in kalifornischen Universitäten so gefährlich? Offenbar ja: beinahe jede 5. Studentin wurde dort angeblich bereits einmal Opfer “sexuellen Missbrauches”. Die Apostrophierung ist bewußt gewählt, denn in einem Staat, der beabsichtigt, sexuelle Handlungen als strafbar zu definieren, sofern sie nicht davor und während dessen mehrmals explizit – verbal oder schriftlich – als erwünscht bezeichnet werden, scheint die Grenze des Erlaubten sehr eng gesteckt.

“Passive” Zustimmung wird also zukünftig nicht ausreichen, damit sich StudentInnen auf legale Weise sinnlichen Freuden hingeben können, diese allein wäre zukünftig als Missbrauch wertbar. Vielmehr wird während erotischer oder sexueller Aktivitäten, damit verbundener Positionsänderungen, “Steigerungsstufen” und dergleichen die Zustimmung mehrmals “enthusiastisch” (Nova Scotia Student Group) wiederholt werden müssen (“(only) yes means yes!”), da anfängliches Einverständnis zu einem späteren Zeitpunkt ja auch Ablehnung weichen kann. Dies ist natürlich völlig richtig – aber würde jemand, der – etwa, weil er Gewalttäter oder stark betrunken ist – diese Regelungen denn auch befolgen? Würde die Anzahl seiner Taten abnehmen? Sehr wahrscheinlich nicht. An amerikanischen Universitäten existieren auch Regelungen, denen zufolge Alkoholkonsum erst ab dem 21. Lebensjahr erlaubt ist, dennoch sind gerade die US-Campuses für den dort herrschenden, z.T. massiven Alkoholmissbrauch bekannt. Tatsächlich zeigen zahlreiche Studien, dass Missbrauch in aller Regel keineswegs eine Folge “mißverständlicher Signale” während zwischenmenschlichen Kontakten ist, sondern TäterInnen vielmehr ganz bewusst die Grenzen ihrer Opfer ignorieren. Somit wird das Gesetz aber weder Missbrauchsopfern helfen noch die Missbrauchszahlen senken – entgegen dem etwas naiven Glauben, ein Gesetz würde alleine durch seine Existenz die Gesellschaft verändern, würden TäterInnen im Fall des Falles vermutlich einfach auch bezüglich der expliziten Zustimmung lügen und behaupten, das Opfer hätte “eindeutig” dem Akt zugestimmt…

Aus gendersensibler Perspektive wird dem weiblichen Geschlecht und dem Ziel einer Nivellierung der geschlechtsspezifischen Machtgefälle zudem höchst wahrscheinlich wieder einmal ein Bärendienst erwiesen: die Annahme etwa, dass unter Einfluss von Alkohol keine legitime Zustimmung zu sexuellen Handlungen möglich ist, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Doppelmoral. Männer werden als potenzielle Vergewaltiger betrachtet, und Frauen als ihre hilflosen Opfer (oder, um aktuellere Termini zu verwenden, “Überlebende”). Wenn sich zwei junge Menschen betrinken und dann Sex haben, ist der Mann für sein Verhalten verantwortlich, sie aber nicht für ihres. Sogar wenn sie “ja” sagt, muss er ihr im Interesse seiner eigenen Sicherheit im Zweifel unterstellen, dies nicht autonom entscheiden zu können. Wie weitgehend bekannt sein dürfte, ist “betrunkener Sex” natürlich so gut wie immer mit Handlungen verbunden, die man “in nüchternem Zustand so sicher nicht getan hätte”. Doch während früher eine junge Frau eine solche Nacht als Lernerfahrung verbucht und dann wieder den Blick nach vorne gerichtet hätte, vermittelt man ihr heute, dass es sich dabei um ein zerstörerisches Trauma handelt, für das sie keine Verantwortung trägt.

Ist ein derartiges Gesetz – unabhängig von den dahinterstehenden positiven Intentionen! – überhaupt sinnvoll und ausreichend lebensnah? Es definiert Sex in den meisten “erwachsenen” Paarbeziehungen nämlich ab sofort als Vergewaltigung, weil selten mehr als nur nonverbale Signale (wenn überhaupt) abgegeben werden dürften, wenn mit sexuellen Handlungen begonnen wird. Ideologische Überlegungen und surreale Ängste scheinen Vorrang vor realen Fakten zu haben, wenn reale aber doch seltene Gefahren als “Welle der Gewalt” oder die Gesellschaft gar als “rape society”1 verzerrt dargestellt und dann auf dieser Grundlage drastische Gesetze beschlossen werden, welche massiv in die sozialen Beziehungen eingreifen. Frauen werden hierbei infantilisiert und hilflos dargestellt, ja ihnen unter bestimmten Umständen sogar die Fähigkeit zu bewussten Handlungen abgesprochen, während Männer das “gefährliche” Geschlecht und potenzielle Vergewaltiger seien, vor denen die jungen, per definitionem hilflosen Frauen geschützt werden müssen. Tatsächlich weisen US-Anwälte auf Konflikte zwischen dem neuen Gesetz und den Bürgerrechten hin, welche Partnerschaft als schützenswerten Bereich definieren, in den sich der Gesetzgeber nicht einzumischen hat2.

Interessanterweise existieren ähnliche Regelungen auf freiwilliger Basis bereits seit etwa 1 Jahr an den Universitäten von Texas, Yale und einigen Campuses der State University of New York. Dort wird von einer höheren “Bewußtheit” hinsichtlich des Themas sexuellen Mißbrauches berichtet (was auch immer das konkret bedeuten mag), die Zahlen gemeldeter Übergriffe selbst seien aber unverändert, “mehr Forschung” sei nötig. Sollte diese aber nicht vor der Einrichtung von Gesetzen stehen, die massiv in das Privatleben von BürgerInnen eingreifen?

Zum Weiterlesen:
“No Means No” Isn’t Enough. We Need Affirmative Consent Laws to Curb Sexual Assault. (1)
California activists seek to redefine quiet, consensual sex as rape through Senate Bill 967 (2)
California Lawmakers Pass ‘Affirmative Consent’ Sexual Assault Bill
‘Affirmative Consent’ Is Bad for Women
New California Law Could Require Students To Sign A Form For Consensual Sex
The Legal Definition of Consensual Sex is Likely to Change in California: What It Means

Apr 10

In meiner Praxis habe ich sehr häufig mit KlientInnen zu tun, die in irgendeiner Weise darunter leiden, nicht den geeigneten Partner oder die geeignete Partnerin zu finden. Dies hat natürlich fast immer psychische Gründe – auf die eine oder andere Weise sabotierten sie sich selbst, sie leiden an Formen sozialer Ängste oder (meiner Erfahrung nach der häufigste Grund) an zu geringem Selbstwertgefühl.

Image source: imhomir.com

Die Probleme rund um Partnersuche, Attraktivität und sexuelle Anziehungskraft beflügeln Forscher und Künstler schon seit Menschengedenken. Unter diesem – eher ironisch gemeinten – Blogtitel möchte ich die Ergebnisse einschlägiger Studien und Forschungsergebnisse zusammenfassen – diese Sammlung wird laufend erweitert und aktualisiert.

Doch Achtung: Garantie für Plausibilität oder gar Erfolg übernehme ich keine! 😉

Attraktivität und Partnerwahl

  • “Attraktive Körper und Gesichter sind symmetrisch” – bei der Partnerwahl springen wir auf ästhetische Eindrücke an, die indizieren, dass es um die Gesundheit und Fitness, also auch um Reproduktionsfähigkeit, gut bestellt ist (Quelle)
  • Menschen mit symmetrischem Körperbau kommen beim Tanzen besser an und haben bei der Partnerwahl die Nase vorn.” (Quelle)
  • Frauen ohne Idealmaße sind stärker, robuster und krisenresistenter” – im Westen gelten Frauen mit einer größeren Waist-Hip-Ratio (Taille-Hüft-Verhältnis) als 0,7 als weniger attraktiv als in anderen Weltregionen, sind für Krisenzeiten aber besser gerüstet (Quellen: [1],[2],[3])
  • Östrogen macht Frauengesichter attraktiver.” – während der fruchtbaren Tage wirken die Gesichter von Frauen offenbar attraktiver (Link)
  • Testosteron macht Männergesichter attraktiver.” – hohe Testosteronwerte in Kombination mit wenig Stresshormonen stärken die Abwehrkräfte und lassen das Gesicht eines Mannes in den Augen von Frauen attraktiv erscheinen (Link zu Markus J. Rantala et.al., “Evidence for the stress-linked immunocompetence handicap hypothesis in humans”)
  • Frauen werden eher gewählt, wenn sie schön sind, Männer eher, wenn sie dominant wirken“- dies bezieht sich auf politische Wahlen ..aber vielleicht nicht nur, wenn man die weiter unten angeführten Forschungsergebnisse liest (Quelle)
  • Schönheit verunsichert.” – dies, und daß es attraktive Frauen und Männer bei der Partnersuche schwerer haben als durchschnittlich attraktive Personen, wäre eine mögliche Schlußfolgerung aus dem sog. “Gehwegexperiment” von James Dubbs u. Neil Stokes (“Beauty is Power: The Use of Space on the Sidewalk”, 1975): auf einem Gehweg änderten Fußgänger ihre Gehrichtung, um mehr von Männern als Frauen auszuweichen, mehr von 2 als von 1 Person, und weiter von einer hübschen als von einer unattraktiven Frau. Ihre Theorie war, daß Attraktivität, Gruppengröße und Geschlecht Aspekte von Macht sind, die territorialen Anspruch und damit das genannte Ausweichverhalten begründeten (Quelle).
  • Von der Attraktivität der Kleidung wird auf andere Attraktivitäts-Attribute geschlossen.” – attraktiv gekleidete Testpersonen wurden kompetenter und sozialer eingeschätzt als nicht attraktiv gekleidete, und, wie die Forscher vermuteten, wohl auch als physisch attraktiver (Quelle).
  • Große Männer kommen sexuell und sozial besser weg.” – Männer haben mit starken, attraktiven und reichen Konkurrenten ihre größten Schwierigkeiten, mit zunehmender Körpergröße scheint die Beeindruckung von Konkurrenten abzunehmen. Kleine Männer sind tendenziell am eifersüchtigsten. Bei Frauen hingegen sind die kleinen und die großen eifersüchtiger als die durchschnittlich großen. Allerdings werden die durchschnittlich großen Frauen am ehesten von großen und sozial dominanten Konkurrentinnen beeindruckt (Link)
  • Frauen ziehen ältere Männer und diese jüngere Frauen vor.” – Eine Erklärungsmöglichkeit für die biologischen Ursachen dieses Phänomens lieferte eine Studie, die herausfand, daß  Frauen mit einem vier Jahre älteren Partner und Männer mit einer sechs Jahre jüngeren Partnerin den größten Reproduktionserfolg haben (Quelle)
  • Der Mensch verlor vielleicht seine Körperbehaarung, da dies sexy auf das andere Geschlecht wirkte.” – eine Hoffnung für Glatzenträger? (Quelle)
  • Ergebnisse einer ökonometrischen Analyse von Online-Dating-Verhalten: Männer, die angaben, sie seien auf der Suche nach einer langfristigen Beziehung, schnitten sehr viel besser ab als jene, die lediglich auf eine Affäre aus waren. Für Männer ist das Aussehen der Frauen von herausragender Bedeutung, für Frauen das Einkommen eines Mannes von größter Wichtigkeit: je reicher der Mann ist, desto mehr Mails erhält er. Die Attraktivität einer Frau wächst für Männer zwar auch mit dem Einkommen, aber nur bis zu einer bestimmten Höhe. [..] Männer fühlen sich angezogen von Studentinnen, Künstlerinnen, Musikerinnen, Tierärztinnen, und Berühmtheiten, sie meiden Sekretärinnen, Rentnerinnen sowie Frauen, die beim Militär oder der Polizei arbeiten. Frauen bevorzugen Soldaten, Polizisten und Feuerwehrmänner, außerdem Rechtsanwälte und Finanzexperten in leitender Position. Frauen meiden Arbeiter, Schauspieler, Studenten [..]. Die Analyse der Daten von etwa 30.000 Nutzern ergab weiterhin, dass Männer vor allem erhebliche Nachteile haben, wenn sie klein sind. Für Frauen hingegen ist Übergewicht tödlich. Deswegen wird in diesen Bereichen offenbar häufig auch etwas nachgeholfen: der interessierte Online-Dater ist z.B. etwas größer als der Durchschnittsmann und die typische Online-Daterin 10 kg leichter als ihre reale Kollegin. Im Buch “Freakonomics“, in dem die Ergebnisse komplett nachzulesen sind, beschrieben die Autoren ihre durch mathematische Methoden gewonnenen Erkenntnisse so: “In der Welt des Online-Dating ist ein Kopf voller blonder Haare für eine Frau ungefähr so viel wert wie ein College-Abschluss.
  • In Partnerbörsen, speziell solchen in Dating-Apps, waren als Ersteindruck Fotos, die eine offene, gestreckte Körperposition zeigten, am erfolgreichsten – und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen (Quelle).
  • “”Fiese” Männer bekommen die meisten und schönsten Frauen ab” – in den meisten einschlägigen Studien zu diesem Thema wiesen die betreffenden Männer eine (auch unterschiedlich ausgeprägte) Kombination aus Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus auf (Quellen: [1], [2], [3])
  • Männer sollten nicht “hingerissen” wirken: Ungewissheit über die Gefühle des Gegenübers erhöht dessen Attraktivität (Quelle: E. Whitchurch et.al in: “Uncertainty Can Increase Romantic Attraction”, Psychological Science, 01/2011).


Sexualität

  • “Schon die bloße Anwesenheit einer Frau erhöht den Testosteronspiegel” – unabhängig vom Aussehen einer im gleichen Raum befindlichen Frau steigt der Testosteronspiegel von Männern innerhalb von 300 Sekunden um 8% an ([1],[2])
  • Die Häufigkeit weiblicher Orgasmen steigt mit dem Einkommen ihrer Partner” – Sex mit wohlhabenden oder mächtigen Männern wird von Frauen womöglich als besser erlebt, weil sie sich damit einen Zugang zu Reichtum und Macht verschaffen und diesen erhalten wollen (Quellen: [1], [2], [3])
    Nachtrag 04/2010: Hierzu existiert allerdings nun eine andere Ergebnisse zeigende Gegenstudie.
  • Je attraktiver sich Frauen finden, desto höhere Ansprüche stellen sie an ihren Sexualpartner” – bei Männern gibt es diese Korrelation nicht, was heißen könnte, daß sie weniger wählerisch oder auch weniger geneigt sind, dauerhafte Beziehungen zur Reproduktion einzugehen (Quellen: [1], [2])
  • (indirekter) “Zusammenhang zwischen Stimme und sexueller Aktivität” – Probanden mit als attraktiv empfundener Stimme hatten an ihren beiden Händen ungefähr gleich lange Finger (Hinweis auf Zusammenhang mit Attraktivität durch Symmetrie, siehe oben), eher in jüngerem Alter Geschlechtsverkehr, mehr Sexualpartner und mehr außerpartnerschaftliche Affären (Quellen: [1], [2])
  • Frauen reagieren unterschiedlich auf männlichen Schweißgeruch.” – ihr Hirn kann normalen von unter sexueller Erregung entstandenen Schweißgeruch von Männern unterscheiden (Quelle)
  • Frauentränen wirken “abtörnend” auf Männer, sie reduzieren den Testosteronspiegel. Quelle: Shani Gelstein et.al, “Human tears contain a chemosignal” in: Science 01/2011, DOI: 10.1126/science.1198331)
  • Zählt “die Größe”? Ja.” – Befragungen, denen zufolge die Penisgröße für Frauen keine Rolle spiele, waren angeblich häufig “zu direkt”; beurteilen Frauen dagegen ohne Wissen um den eigentlichen Inhalt der Befragung Computer-generierte Gestalten, bei denen sich u.a. die Penisgrößen unterscheiden, werden jene mit größerem Penis als mehr attraktiv eingestuft (Quellen: [1], [2])

Familie / Kinder / Fertilität (Fruchtbarkeit)

  • Korrelation zwischen Wohlstand und Reproduktionserfolg“: bei reichen britischen Männern wurde in einer Studie höherer Reproduktionserfolg nachgewiesen, bei Frauen sinkt mit zunehmender Bildung und zunehmenden Einkommen die Zahl der Kinder (Quelle)

Dieser Artikel wird laufend erweitert und mit neuen Forschungsergebnissen ergänzt (Erstveröffentlichung: 01/2009; zuletzt aktualisiert: 04/2016)

Weiterer Artikel zum Thema “Partnersuche”:
Partnersuche – wie der Ausbruch aus dem Teufelskreis gelingen kann

Nov 05

Sexuelle Lustlosigkeit belasted zumeist beide Beziehungspartner stark. (photo source: doesitreallywork.org)

“Sind Sexualprobleme bei Frauen eher psychischer oder körperlicher Natur? Welche Faktoren spielen da mit?”

Man ist in diesem Bereich auf Schätzungen angewiesen, da zu diesem Thema sehr unterschiedliche Studien existieren. Manche Studien behaupten bis zu 80% körperliche (i.d.R. stoffwechselbedingte / hormonelle) Ursachen, andere vermuten mehr als 70% psychische Gründe für sexuelle Lustlosigkeit bei Frauen. Das Problem für die Betroffenen: sie können sich gewissermassen “aussuchen”, welchen Theorien sie Glauben schenken und sind am Ende so schlau wie zuvor… Seriöse Ärzte oder Therapeuten werden deshalb – letztlich auch, beide Ansätze respektierend – beide Erklärungsmodelle prüfen.

Besonders im Fall lang anhaltender und emotional unerklärlicher sexueller Lustlosigkeit ist somit zunächst eine ärztliche Abklärung empfehlenswert, um körperliche Ursachen wie etwa Störungen des Hormonspiegels, Stoffwechselerkrankungen u.dgl. auszuschliessen. Werden dabei keine eindeutigen Hinweise gefunden, dürften zumindest psychische Mit-Ursachen vorliegen – von denen aber gibt es viele, die in Frage kommen. Bei Frauen unterscheiden sich diese meinen Erfahrungen in der Sexualberatung zufolge übrigens bemerkenswerterweise gar nicht so sehr von jenen, die auch bei Männern zu sexuellen Problemen führen können: etwa Probleme in der Partnerschaft, sexueller Leistungsdruck oder Depression, um nur einige davon zu nennen.

“Was gibt es für Therapiemöglichkeiten – psychologisch und medikamentös?”

Wenn eindeutige physiologische Ursachen gefunden werden, ist eine medikamentöse Therapie sinnvoll, etwa die Einnahme von Testosteron bei hormonell bedingtem Libidoverlust. Viele Frauen sind zunächst überrascht, wenn sie dies hören, da Testosteron bekanntlich doch ein “männliches” Sexualhormon ist. Tatsächlich aber wird es auch in den weiblichen Eierstöcken produziert, wenn auch in weitaus geringeren Mengen als es in den männlichen Sexualorganen geschieht. Testosteron ist damit sozusagen ein “gender-neutrales” Hormon 😉 , das bei beiden Geschlechtern eine wichtige Rolle für den Sexualtrieb und sexuelle Lust, aber auch wie bei den Männern für Knochendichte und Muskelbildung spielt. Wichtig ist es mir allerdings, darauf hinzuweisen, dass künstliche Testosteron-Gaben speziell in höherem Alter indiziert sind, also dann, wenn die körpereigene Testosteron-Produktion abnimmt. Bis zu den weiblichen Wechseljahren sollten Testosteron-Behandlungen nur in Ausnahmefällen erfolgen – denn speziell bei Frauen sind die Langzeitfolgen solcher Gaben noch nicht gut erforscht, bei Männern haben sie sich als risikoreich (etwa durch ein deutlich gesteigertes Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken) erwiesen.

Die “Falle”, aber auch die Chance liegt in der Berücksichtigung der psychischen Komponenten, die ihrerseits ebenfalls die Produktion der Sexualhormone beeinflussen: diese Produktion läßt nach, wenn es uns schlecht geht, und sie nimmt zu, wenn wir glücklich sind und Lust auf unseren Partner haben. Es gibt eine enge Wechselwirkung zwischen unserem Hormonhaushalt, unserem psychischen Wohlbefinden und der sexuellen Lust. So würde ich Betroffenen, die an sexueller Lustlosigkeit leiden, als ersten Schritt “daheim” empfehlen, sich zu fragen, ob sie in ihrer Partnerschaft glücklich sind und aktuell einen entspannten Zugang zur Sexualität haben.
Wenn dies nicht der Fall ist oder auch keine klaren körperlichen Ursachen identifiziert werden können, wäre es im Sinne sexueller Zufriedenheit empfehlenswert, sexualtherapeutische Beratung einzuholen. Häufig gelingt es meiner Erfahrung nach recht rasch, zumindest den Ursachen der “gebremsten Lust” auf die Spur zu kommen. Wie diese dann zu aufzulösen sind, ist natürlich von Person zu Person (und mitunter von Paar zu Paar) sehr unterschiedlich.

(Interview mit A. Iiosa / “Die Presse”, Nov 2012)

Mar 14

("Old Love" by PrincessMemi @ Deviantart)

Der Frühling naht: alles beginnt wieder zu blühen, und auch viele von uns merken, wie die “Lebenssäfte” wieder verstärkt zu fließen beginnen. Der Frühling gilt traditionell als Zeit des Verliebens, der Romantik. Doch wie geht es den älteren Menschen, wie erleben sie diese Zeit? Hat sich bei ihnen das Thema “Liebe” erledigt oder handelt es sich vielleicht mehr um ein gesellschaftliches Tabu, sich ein ernsthaftes “Verlieben” oder gar sexuelle Beziehungen bei älteren Menschen gar nicht mehr zu erwarten oder abzuwerten?

Der Wiener Psychotherapeut und Paartherapeut Richard L. Fellner führte zu diesem Thema ein Gespräch mit einem Redakteur der Zeitschrift “Gesünder Leben“.

GL: “Sind Schmetterlinge im Bauch unabhängig vom Alter?”

rlf: “Zum Verlieben ist man nie zu alt! Und wäre es nicht auch traurig, wenn ab einem bestimmten Alter niemand mehr die Chance hätte, bei uns auch nur das geringste Kribbelgefühl in der Brust zu erzeugen..?

GL: “Was ist das Geheimnis wahrer Liebe?”

rlf: “Diese Frage ließe ich lieber “Julia” oder “Romeo” beantworten! 😉

Aus paartherapeutischer Sicht gibt es dafür kein Universalrezept. Vielmehr wissen wir heute, dass das Gefühl von “Liebe” sowohl historisch als auch kulturell immer schon sehr grossen Wandlungen unterworfen war und bis heute ist. Unser “ideales Liebes-Modell” von heute wird also vermutlich nicht auch das von morgen sein, und in unterschiedlichen Kulturen werden von Partnern mitunter höchst unterschiedlichste Qualitäten erwartet. Was aber die meisten “Liebes-Ideen” vereint, ist a) die Bedeutung der Kompatibilität (Vereinbarkeit) der jeweiligen Bedürfnisse und Erwartungen der Partner, dass b) diese Bedürfnisse und Erwartungen von beiden kommuniziert werden können und – das ist ebenfalls ganz wesentlich – c) dass diese in ihrer Umwelt lebbar sind.
Selbst in unserer vordergründig toleranten Gesellschaft gibt es ja ganz bestimmte Kriterien, an denen die “Qualität” von Beziehungen gemessen wird, und mitunter kann es dazu kommen, dass Partnerschaften letztendlich vor allem daran zerbrechen, weil sie von Freunden und Bekannten nicht respektiert werden. Und schon wieder könnten “Romeo & Julia” mitdiskutieren …”

GL: “In wieweit erlebt man eine Beziehung als 20jähriger anders als als 50/60jähriger?”

rlf: “Jüngere Menschen werfen sich meist mit ihrer gesamten Persönlichkeit in ihre Partnerschaften. Eine Beziehungskrise wird dann rasch auch zu einer regelrechten Lebenskrise. Ältere Menschen dagegen verfügen bereits über mehr Beziehungserfahrung, sind zudem meist in der Lage, auftretende Probleme in einem größeren und damit auch gelasseneren Kontext zu sehen.
Es kann ihnen dadurch allerdings auch schwerer fallen, zu vertrauen, oder den “Schmetterlingen im Bauch” Flugfreiheit zu geben.

GL: “Stimmt es, dass Verliebt-Sein und Liebe nicht dasselbe ist?”

rlf: “Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich dabei schlicht um unterschiedliche hormonelle Stadien. Am Beginn einer Beziehung gibt es hormonelle “peaks”, intensivste Glücksgefühle, der Partner wird dann häufig idealisiert gesehen. Von “Liebe” würde ich dagegen insbesondere dann sprechen, wenn bei einer Beziehung eine gewisse “Selbstlosigkeit” der Partner zu beobachten ist, und “Partnerschaft” nicht nur der Arbeitstitel ist, sondern echten Teamgeist und Kooperation ausdrückt.
Wenn man sich also auch mal selbst hintanstellt und bereit ist, Kompromisse einzugehen oder sogar eigene Bedürfnisse eine gewisse Zeit lang im Interesse des Partners unterzuordnen, das ist Liebe: ein langfristiges Fundament, bei dem einer für den anderen sorgt und für ihn da ist. Wo versucht wird, mit Krisen umzugehen und diese aufzulösen, statt gleich das Weite zu suchen, “weil mir das nicht mehr gut tut“.

Das letztere Modell entspricht eher einer konsumorientierten Sicht von Beziehung, in der man sich bedient und genießt – aber weiterzieht, wenn der Genuss auszubleiben droht oder sich gar in ein Unwohlgefühl verkehrt. Damit, also eigentlich mit dem heute bei uns im Westen dominierenden Beziehungsmodell verglichen, sind etwa die traditionellen (bei uns aber häufig abgewerteten) afrikanischen oder asiatischen Beziehungsmodelle, in denen es mehr um Versorgung und Stabilität geht, aber die Partnerschaften deutlich weniger mit emotionalen Bedürfnissen aller Art aufgeladen sind, deutlich tragfähiger und krisenresistenter. Meine Tätigkeit in Asien und mit bikulturellen Paaren war in dieser Hinsicht sehr lehrreich und denk-erweiternd für mich.

GL: “Was sind die häufigsten Fehler, die junge, aber auch ältere Paare machen?”

rlf: “1) Kommunizieren Sie! Wenn Probleme und Unannehmlichkeiten im Beziehungsleben ständig nur verdrängt werden, ist ein “dickes Ende” meist unausweichlich. Es ist  wichtig, dass Ihr Partner, Ihre Partnerin weiss, woran er/sie mit Ihnen ist, was Sie brauchen, um sich wohlzufühlen, und was Sie stört.

2) Lassen Sie es auch mal gut sein! Wer glaubt, alles ausdiskutieren zu müssen, oder irgendwann den Partner endlich so zurechtformen zu können, dass er für einen keine Ecken und Kanten mehr hat, für den wird die Beziehung nicht nur zu einer Art “Zweitjob”, sondern früher oder später geht wohl auch die Freude an ihr – oder am Partner – verloren.

3) Schützen Sie Ihre Partnerschaft vor anderen! Jeder darf die “ideale Beziehung” für sich selbst definieren, doch fordern Sie diesen Respekt durchaus auch für Ihre eigene Partnerschaft ein. Diese muss in erster Linie nämlich nicht den Ansprüchen der anderen genügen, sondern vor allem Ihren eigenen und jenen Ihres Partners/Ihrer Partnerin.

(Das Interview erschien in der Ausgabe 04/2012 der Zeitschrift)

Nov 06

Fast jeder von Ihnen dürfte jemanden kennen, der in einer sogenannten “abhängigen Beziehung” bzw. “Beziehungsabhängigkeit” verstrickt ist – oder diesen leidvollen Zustand sogar aus eigener Erfahrung kennen. Dies sind jene Beziehungsformen, bei denen jeder ringsum die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich wundert, warum sich diese beiden Menschen trotz ihrer chronischen Probleme nicht voneinander lösen können.

Häufig besteht ein starkes und auffälliges Ungleichgewicht zwischen beiden Partnern, und immer wieder kommt es zu Aggression, Eifersucht oder emotionaler Erpressung – und dennoch kann sich der “abhängige” Partner nicht dauerhaft lösen, ja entschuldigt vielleicht sogar das Verhalten des anderen. Auf der Suche nach Antworten fielen mir im Zuge meiner jahrlangen Unterstützung von suchtkranken Menschen und Paaren in Krisensituationen bei letzteren Dynamiken auf, die sehr an die Probleme von substanzabhängigen (“drogenabhängigen”) Menschen und deren PartnerInnen erinnern.

So findet sich in abhängigen Beziehungen fast immer ein Partner, der emotional instabil ist und im Grunde professionelle Hilfe benötigen würde, um seine psychischen Probleme zu bearbeiten. Da dies aber nicht stattfindet (z.B. weil das Ausmaß des Problems verdrängt wird), wird jemand benötigt, der bereit ist, zu “unterstützen”, oder anders gesagt: seine Zeit, Energie und häufig genug auch sein Geld zu investieren, um die Situation wieder zu beruhigen und die Beziehung am Laufen zu erhalten – immer in der Hoffnung, dass die Zukunft Besserung bringt.

Tatsächlich aber erhält die “Unterstützung” häufig nur einen Teufelskreis aufrecht. Für die labileren Beziehungspartner ist dies häufig ein durchaus vertrauter und auch gesuchter Zustand: viele von ihnen fanden in Ihrem Leben immer wieder “hilfreiche Seelen”, die sie selbstlos unterstützten, was wirkliche Veränderung überflüssig machte.

7 Indikatoren für Beziehungsabhängigkeit:

  • Unehrlichkeit. Beide Partner kommunizieren nicht offen über ihre wahren Absichten, Bedürfnisse und Sorgen.
  • Unrealistische Erwartungen. Beide Partner hoffen darauf, dass der andere ihre Probleme löst – das Selbstwertgefühl, das Körperbild, Familien- oder existenzielle Probleme. Sie glauben, die “richtige Beziehung” würde alles besser machen. Tatsächlich jedoch leben sie in einer defizitären, abhängigen Partnerschaft.
  • Instant-Befriedigung. Einer der beiden erwartet, dass der andere immer für ihn da zu sein hat, wann immer er ihn/sie braucht; der Partner ist dazu da, sich besser zu fühlen – aber eben weniger als “Partner”, sondern mehr als “Droge”.
  • Zwanghafte Kontrolle. Wenn sich der Partner nicht so verhält, wie man das will oder zu benötigen glaubt, wird mit “Abhauen” oder Trennung gedroht; im anderen mögen ständig Sorgen über eine solche Trennung aufkommen, wann immer eine Krise entsteht. Beide Partner können sich “aneinander gekettet” fühlen – in negativer oder positiver Hinsicht.
  • Mangelndes Vertrauen. Keiner der Partner ist sich 100%ig sicher, “wirklich” vom anderen geliebt zu werden, denn manchmal werden allzu deutlich Gefühle von Hass oder Verzweiflung des anderen wahrnommen.
  • Soziale Isolation. Niemand wird eingeladen – weder Freunde, noch Familienmitglieder oder Bekannte aus der Arbeit. Beziehungsabhängige Menschen wollen in Ruhe gelassen werden und können unwirsch reagieren, wenn jemand Fragen zu ihrer Partnerschaft stellt.
  • Teufelskreis aus Schmerz. Paare, die in einer Beziehung mit Abhängigkeitscharakteristika leben, durchlaufen regelmäßig Zyklen von Freude, Schmerz, Enttäuschung, Schuldgefühlen und (häufig emotional oder sexuell aufgeladener) Versöhnung. Diese Zyklen wiederholen sich so lange, bis beide Partner professionelle Hilfe suchen oder einer der Beziehungspartner aus der abhängigen Partnerschaft ausbricht.

Unglücklicherweise gibt es kein “Patentrezept”, wie die betreffenden Beziehungen zu verbessern wären, denn in der Regel zeigen auch die in der Beziehung “ausgebeuteten” Partner eine hohe Resistenz allen gutgemeinten Ratschlägen gegenüber – besonders solchen, die eine gesündere Distanz zur Partnerschaft zur Folge haben würden. Vielleicht aber helfen als erste Orientierungsmöglichkeit die folgenden

Tipps zur Überwindung von Beziehungabhängigkeit:

  • Erklären Sie Ihre “Heilung” zur ersten Priorität Ihrer aktuellen Lebensphase.
  • Sehen Sie mutig Ihren eigenen Problemen und Mängeln ins Auge.
  • Kultivieren Sie all das, an was es Ihnen selbst fehlt: füllen Sie z.B. jene Lücken aus, die Sie manchmal schlecht oder ungenügend fühlen lassen und/oder beseitigen Sie die Probleme, die Sie ursprünglich anfällig für ihr Suchtverhalten machten.
  • Lernen Sie, damit aufzuhören, andere steuern und kontrollieren zu wollen; konzentrieren Sie sich statt dessen mehr auf Ihre eigenen Bedürfnisse und verbessern Sie Ihr Selbstwertgefühl, um emotional unabhängiger zu werden.
  • Finden Sie heraus, was Ihnen einen Zustand von Ruhe und Gelassenheit erleichtert und reservieren Sie eine bestimmte Tageszeit dafür, sich dies auf täglicher Basis zu ermöglichen.
  • Erlernen Sie, die Spiele und Rituale des Suchtverhaltens zu vermeiden und vermeiden Sie, für Sie verfängliche Rollen anzunehmen (z.B. “Retter”/”Helfer”, “Ankläger”, “Opfer” (der/die Hilflose).
  • Finden Sie Freunde, die Sie verstehen und Ihre Erfahrungen teilen können (z.B. Selbsthilfe-Gruppe).
  • Überlegen Sie, sich professionelle Unterstützung zu gönnen, um den Erholungsprozess zu beschleunigen.

Vielen Blog-LeserInnen dürfte vertraut sein, wie häufig Freunde oder Bekannte, die in solche Beziehungen verstrickt sind, in diesen emotional geschädigt, finanziell ausgebeutet oder sogar körperlich verletzt werden. Was Sie als guter Freund oder gute Freundin aber tun können, ist, es zu vermeiden, auch selbst mit in das “schwarze Loch” gezogen zu werden, indem Sie beide unnachgiebig dazu aufzufordern, sich professionelle Hilfe (z.B. Paarberatung) zu suchen.

(Indikatoren basieren auf einem Artikel von Laurie Pawlik-Kienlen; Tipps zum Überwinden basieren in Teilen auf Robin Norwood’s Buch “Wenn Frauen zu sehr lieben“; Image src:hubpages.com)

Oct 09

Die Partnersuche gehört für viele Menschen zu den schwierigsten und nicht selten auch frustrierendsten Herausforderungen im Lebensverlauf. Tausende Bücher und Websites widmen sich folglich diesem Thema, und ebenso viele Partnervermittlungsagenturen und Internet-Singlebörsen suchen nach immer neuen Wegen, Männer und Frauen dabei zu unterstützen, die richtige Partnerin oder den richtigen Partner zu finden.

Doch was macht diese Suche zu einem solch schwierigen Unterfangen, an dem selbst hochintelligente Menschen immer wieder scheitern? Im Zuge meiner Unterstützung zahlreicher Klienten bei ihrer Partnersuche zeigten sich häufig folgende Grundprobleme:

Das Gefühl, man/frau müsse allein aufgrund ihres “Wertes” geliebt werden

Gerade leistungsorientierte Menschen erleben während ihrer Ausbildungszeit, dass ihnen harte Arbeit auch Erfolg bringt (und intelligente Menschen, dass sie sich dafür womöglich nicht einmal besonders anzustrengen brauchen). Erfolge bringen uns Anerkennung, Respekt und positive Verstärkung. Doch die Annahme, dass dies wohl auch beim Kennenlernen gilt, dürfte sich häufig als Trugschluss herausstellen: denn bei den ersten Dates geht es so gut wie ausschließlich darum, wie sich der andere fühlt. Man kann einen potenziellen Partner nicht für sich “gewinnen”, sondern in gewissem Sinne geht es darum, sich von ihm “entdecken” zu lassen – wobei jedoch weniger leistungsbezogene Attribute zählen (wie auch wissenschaftliche Untersuchungen immer wieder belegen), sondern vielmehr emotionale Attribute wie das Erzeugen einer positiven, ja spielerischen Atmosphäre, ein kommunikatives Eintauchen-können in die Welt des anderen und das Vermitteln eines Gefühls, dass der andere Bedeutung für einen hat. Eine Bedeutung, für die man auch etwas zu tun bereit ist – ohne jedoch “bedürftig” zu wirken. Dies sind jedoch Fähigkeiten, die man in der Universität, wenn überhaupt, dann eher während der Pausen als den Vorlesungen erwerben kann…

Conclusio: vergiß’ das, was du kannst oder darstellst. Verschaffe dem anderen eine gute Zeit, und er/sie wird sich daran erinnern – und mit ein bißchen Glück mehr davon wollen.

Mangel an Erfahrung

Den vorigen Gedanken aufgegriffen, sind wir bereits bei einem weiteren häufigen Grund für langfristige Partnerlosigkeit: Zeit, die man für das Studium, die Arbeit, im Fitness-Studio oder vor dem Fernseher verbringt, ist auch Zeit, die einem für wichtige andere Dinge abgeht – etwa das Kennenlernen potenzieller Partner. Ungünstigerweise führen Enttäuschungen bei der Partnersuche aber bei vielen Menschen dazu, sich nur noch stärker in ihre Arbeit, den Computer oder ihren Sport zu vertiefen. Deshalb steht bedauerlicherweise sogar eine sehr hohe Zahl von Menschen, die sich bereits in ihrer Lebensmitte befinden, hinsichtlich ihres Beziehungslebens noch ganz am Anfang – trotz oder gerade wegen großen beruflichen Erfolgs oder höchst aktiver Freizeitgestaltung.

Entfremdung von der Identität als Mann oder Frau

Gerade arbeitsbezogene und intelligente Menschen haben häufig noch mit einem zusätzlichen Problem zu kämpfen: ihr Selbstbild als erfolgreiche und intelligente Person, die sich vor allem mit ihren mentalen Fähigkeiten im Leben durchsetzen kann, führt zu einem eher ungeeigneten Auftreten bei der Partnersuche, bei der völlig andere Prioritäten gelten. Viele dieser Menschen legen zu wenig Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild oder dieses wirkt kühl und zu förmlich – auf Kosten der sinnlichen Ausstrahlung bei Frauen und sexuellem “Prickeln” der Männer. Es mögen sich dann interessante Diskussionen zwischen zwei Dating-Partnern entwickeln, aber, wie man so schön sagt: “der Funke springt nicht über”. Denn die Energien sind gewissermaßen im Kopf konzentriert, aber vom Herz und dem Rest des Körpers abgeschnitten – auf Kosten einer klar männlichen bzw. weiblichen Ausstrahlung.

Das mag zunächst ein wenig “esoterisch” klingen, als professionell eingestellter und sich der Wissenschaftlichkeit verpflichtet fühlender Psychotherapeut und Paartherapeut aber möchte ich sagen: niemand von uns sollte meinen, sich über zehntausende Jahre lange “Programmierungen” einfach hinwegsetzen zu können. Auch am Beginn moderner und gleichberechtigter Partnerschaften steht “das gewisse Kribbeln” … und gar nicht selten auch die eine oder andere sexuelle Idee! Die Fähigkeit zu entwickeln, diese Signale zu induzieren – oder zumindest nicht zu verhindern – kann jedoch gerade in unserer leistungsbezogenen Informationsgesellschaft eine ernstzunehmende Herausforderung darstellen.

Häufig läuft diese darauf hinaus, unsere “wilde Seite”, unsere Urinstinkte wieder stärker zuzulassen. Stellten wir unser hochkomplexes (und gerade im Beziehungsbereich häufig von Verboten, Regeln und gut gemeinten “Tipps” überfrachtetes) Denken einmal für einige Minuten zurück, würde mancher Mann wohl eher den richtigen Zeitpunkt finden, eine Offensive zu wagen, oder eine Frau, ihr Haar zurückzuwerfen und dem Mann ihres Interesses ein klares Signal zu senden.

Zu hohe Selektivität

Unsere Kultur, unsere Medien machen uns zu Konsumenten: wir sind es gewohnt, zu selektieren und darin trainiert, uns nur “das Beste zu gönnen”. Jeder von uns kann auf Abruf zumindest 5 Eigenschaften unseres gewünschten Traumpartners definieren, zu denen häufig auch die einen oder anderen körperlichen Charakteristika zählen. Das Problem ist nur: jede “Muss-Eigenschaft”, die wir an potenzielle Partner anlegen, schließt hunderttausende mögliche “Zukünftige” über unseren Suchfilter von vornherein aus. Lebt man zu allem Überfluß womöglich noch in einer kleineren Stadt, verbleibt häufig nur die Möglichkeit, die Suche entweder auf den gesamten Kontinent auszudehnen (und dann womöglich eine Beziehung auf Distanz führen oder großräumig übersiedeln zu müssen), das Thema “Partnerschaft” völlig abzuschreiben – oder aber auch: etwas gelassener und offener zu werden!

Jede dieser Möglichkeiten ist legitim – doch die zuletzt genannte hat meiner Ansicht nach einen gewissen Charme: realistisch betrachtet nämlich würde es ohnehin schwierig sein, einen perfekten Partner zu finden. Viel eher wird sich bei ihm oder ihr spätestens nach einem genaueren Kennenlernen der eine oder andere “Schönheitsfehler” enthüllen. Weiten wir hingegen unseren Blick, so wird sich herausstellen, dass es auch ganz generell eine schöne und befriedigende Erfahrung sein kann und unsere Beziehungen belebt, wenn wir Menschen für das wertschätzen, was sie sind, statt uns darauf zu konzentrieren, was ihnen fehlt.

Wahre Liebe ist, jemanden für das zu lieben, was er ist. Das bedeutet keineswegs, dass wir uns mit dem Mittelmaß zufriedengeben sollten. Sehr wohl aber ist es sinnvoll, hohe Standards gelegentlich auf ihre Nützlichkeit für das reale Leben hin zu überprüfen. Häufig läuft die Entscheidung nämlich gerade im Bereich der Partnersuche ultimativ auf die Wahl hinaus, entweder mit den eigenen Idealen jeden Abend alleine daheim zu sitzen oder sich für die Möglichkeiten zwischenmenschlicher Erfahrungen und auch Überraschungen zu öffnen – ja dabei vielleicht sogar von uns selbst überrascht zu werden…

Weitere Artikel zu diesem Thema:
Wissenschaftliche Aufriss”-Tipps

(Image src: answersfrommen.com)

Jul 23

Fetisch oder Sexualstörung? BuchempfehlungBin ich “pervers” oder erfreue ich mich schlicht am Außergewöhnlichen? Die Antwort auf diese Frage erfuhr im Laufe der menschlichen Geschichte signifikante Veränderungen. So manche Sexualpraktik, bei deren Ausübung man vor wenigen hundert Jahren noch als “Besessener” am Scheiterhaufen verbrannt oder in den “Narrenturm” gesperrt worden wäre, wird heute als durchaus normal betrachtet. Dennoch existieren Formen des sexuellen Verhaltens, die selbst dann als pathologisch betrachtet werden, wenn man moralische Gesichtspunkte außer Acht läßt: als Störung oder sogenannte “Paraphilie” wird bezeichnet, wenn die sexuellen Verhaltensweisen oder Triebkräfte die Betroffenen belasten oder sie selbst oder andere schädigen. Dies ist eine wichtige Unterscheidung, um Abwertungen schlicht “ungewöhnlicherer” Vorlieben wie etwa einer sexuellen Attraktivität des gleichen Geschlechts – welche bis 1973 immer noch Teil der Diagnosehandbücher war – zu vermeiden.

Zukünftige Versionen dieser Diagnoseschlüssel werden vermutlich noch weiter zwischen Paraphilien und “paraphilen Störungen” unterscheiden. Eine Paraphilie selbst würde nicht automatisch als therapiebedürftig betrachtet, sondern lediglich Störungen – das, was Betroffenen belastet oder sie selbst oder ihre Sexualpartner schädigen könnte. Außergewöhnlichere Vorlieben wie etwa “cross-dressing” würden demnach nicht mehr automatisch als krankheitswertig (z.B. “Transvestitismus”) diagnostiziert werden – außer, die betreffende Person wäre damit unglücklich oder ihr Leben beeinträchtigt.

Während diese neue Generation der Diagnoseschemata definitiv viele Formen von Abwertung verhindern wird, werden sich die Diagnosen andererseits auch wieder stärker an kulturellen Wertungen orientieren: in Gesellschaften mit engeren kulturellen Normen wie etwa den meisten asiatischen Ländern werden dann wohl wieder häufiger Menschen als “sexuell abnorm” diagnostiziert werden, sobald diese neuen Klassifikationen zum neuen medizinischen Standard erklärt wurden, da das Verhalten der Betreffenden viel eher als “schädigend” oder “belastend” für andere betrachtet werden dürfte.

Die häufigsten Paraphilien, die heute als Störungen gelten, sind Exhibitionismus, Fetischismus (sofern bestimmte Objekte erforderlich sind, um Erregung zu verspüren oder einen sexuellen Höhepunkt zu erreichen), Frotteurismus (das Bedürfnis, fremde Personen zu berühren), Pädophilie, sexueller Masochismus und Sadismus, Transvestitismus, Urophilie und Voyeurismus. Diese Formen sexueller Abweichung können zu einem massiven Problem werden, wenn die ausgewählten SexualpartnerInnen diese ablehnen oder nicht mündig sind, wenn lokale Gesetze verletzt werden oder die sexuelle Erlebensfähigkeit einer Person ausschließlich davon abhängt…

Können Paraphilien “geheilt” werden? Viele Experten meinen, dies sei nicht möglich, zumindest nicht mit Standardmethoden der Sexualtherapie. Immerhin aber können viele Personen in einer solchen lernen, ihr Sexualverhalten besser zu “managen” und flexibler zu gestalten – zumindest in einem Ausmaß, in dem Gesetzesverstöße oder eine Zerstörung ihrer Partnerschaften vermieden werden können.

Weiterführende Artikel und Literaturtipps:

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011)

May 10

Das letzte filmische Werk des kontroversiellen Regisseurs Darren Aronofsky ließ wohl viele Zuseher sprachlos und aufgewühlt zurück – nun, wie so manche seiner Filme wie etwa auch ‘Pi‘…

In Black Swan lernen wir zunächst ein fragiles Doppelgespann kennen: Nina ist Ballett-Tänzerin, und lebt überfürsorglich kontrolliert und von der Außenwelt weitgehend geschützt mit ihrer Mutter in New York. Ihr Zimmer wirkt wie ein Kinderzimmer, und sie selbst wie ein Teenager im Körper einer jungen Frau. Ihre Mutter ist selbst Ex-Ballerina, und versucht ihre Tochter “mit Zuckerbrot und Peitsche” bei ihrer Karriere im New York City Ballet zu unterstützen. Emotionen bleiben dabei weitgehend unterdrückt und werden der Leistung und harten Arbeit untergeordnet sowie der Angst der Mutter, ihre Tochter könnte unter dem Druck der bevorstehenden Herausforderung – der Hauptrolle in einer Neuinszenierung von “Schwanensee” – in frühere selbstdestruktive Verhaltensmuster (Selbstverletzung) zurückfallen. Die destruktive Beziehung zwischen beiden wird besonders in einer Szene illustriert, in der Nina’s Mutter zur Feier eine kitschige Torte vorbereitet. Als Nina erklärt, keinen Appetit darauf zu haben, droht die Mutter in vorwurfsvollem Ton, die Torte wegzuwerfen. Nina lenkt ein – und muß daraufhin ein Stück der Glasur vom ausgestreckten Zeigefinger ihrer Mutter lecken. Die Botschaft: die Mutter hat immer recht, und Nina hat sich gefügig so zu verhalten, wie “man” (ihre Mutter) das von ihr erwartet.

Nina war offenbar schon vom frühesten Kindheitsalter an gezwungen, sich an den Erwartungen ihrer Mutter zu orientieren, die identische Berufswahl und die Ausrichtung ihres Alltags am Gelingen der Ballett-Karriere verstärken diesen Eindruck. Im Zuge der Arbeit am Stück “Schwanensee” wird der Zuseher nun Augenzeuge einer zunehmenden Auflösung der Grenze zwischen dem, was in der kleinen Welt daheim vorzeigbar und “akzeptabel” ist, und den dünkleren Seiten nicht nur der Welt draußen, sondern auch Ninas. Der Choreograph des Stücks beschleunigt diese Entwicklung durch seine Bemerkung, dass Nina zwar bestens für die Rolle des “weißen Schwans” geeignet, aber nicht leidenschaftlich genug sei, den “schwarzen Schwan” glaubwürdig darzustellen. Vermutlich gefördert durch die Angst, die Hauptrolle zu verlieren, brechen sukzessive die “dunklen”, bisher von Nina in keiner Weise zugelassenen und ungelebten Seiten durch: sie zeigt Aggression, beginnt, ihren Körper zu erforschen (sie beendet dies schockiert, als sie ihre Mutter im Raum erblickt) und sich in einzelnen Bereichen von ihrer Mutter abzugrenzen. Eine Kollegin verführt sie zu einer rauschenden, ja tranceähnlichen Nacht, von der Nina nach dem Erwachen nicht mehr sicher sagen kann, ob sie dabei tatsächlich auch erste sexuelle Erfahrungen machte oder nicht. Immer öfter bricht ab diesem Zeitpunkt die “andere” Seite durch: zunächst flackernd und sekundenlangen Dissoziationen ähnelnd, dann immer häufiger und länger, wobei Nina zunehmend den Überblick darüber verliert, was noch Phantasie, Wunschdenken und Einbildung, und was Realität ist.

Das Thema der Spaltung und Dualität zieht sich durch den gesamten Film und beklemmenderweise kann schliesslich nicht einmal mehr der Zuseher mit Sicherheit sagen, was denn nun tatsächlich geschah und ob einige der verdrängten Phantasien Nina’s tatsächlich durchbrachen – oder es bei diesen blieb. An diesen Stellen läßt sich ansatzweise der beängstigende Zustand einsetzender psychotischer Schübe und Dissoziationen erfühlen.

Zunehmend zeigt sich jedoch, dass Nina durch die Integration der “anderen”, abgespaltenen Seite (in der Analytischen Psychologie C.G. Jung‘s: des “Schattens” bzw. des “Schatten-Selbst”)  insgesamt lebendiger und stärker wird. Nach der Integration der Gefühlsaspekte des “schwarzen Schwans”: Eifersucht, Neid, Hass, Leidenschaft, Erotik und Sexualität u.dgl., wird Nina “komplett”. Ohne das Ende des Films vorwegzunehmen zeigt sich aber auch, dass das brutale Hineingetrieben-werden in eine solche Erfahrung für die Betreffenden mitunter nur schwer verkraftbar ist, da die psychischen Strukturen um die damit verbundenen inneren Konflikte verarbeiten zu können, nur langsam wachsen – was Zeit (und häufig auch Psychotherapie) erfordert. Im Film ist jedoch meinem Eindruck nach der Weg das Ziel – die Darstellung eines persönlichen Entwicklungsweges, des in-Erscheinung-Tretens abgespaltener Persönlichkeitsanteile und Triebe, und schließlich die für uns alle herausfordernde adäquate Integration dieser Teile in den Alltag.

Insgesamt ein packender und aufwühlender Film, den sich insbesondere Psychologie-Interessierte nicht entgehen lassen sollten!

Links zu den erwähnten Filmen:

Blog-Begriffswolke:
10.06.18