Jun 25

Antidepressiva erhöhen Suizid-Risiko

Psy-Pressespiegel Comments Off on Antidepressiva erhöhen Suizid-Risiko

(image src: indiatimes.com)

Laut einer Meta-Analyse einschl√§giger US-Studien aus dem Zeitraum von 1987-2013 durch Forscher der Z√ľrcher Hochschule f√ľr Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Universit√§tsklinik f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Salzburg steigt das Suizidrisiko unter der Anwendung von Antidepressiva verglichen mit einer von Scheinmedikamenten (Placebos) um den Faktor 2,5.

In allen analysierten Studien begingen 0,8 Prozent der Patienten, die ein Antidepressivum erhielten, Suizid oder einen Suizidversuch, w√§hrend es in der Kontrollgruppe mit Placebo lediglich 0,3 Prozent waren. Die Verl√§√ülichkeit der Datenerhebung ist hoch, da es sich bei den Studien um sogenannte “Doppelblindstudien” handelte, bei denen weder die √Ąrzte, noch die Patienten wu√üten, wer Antidepressiva und wer Placebos erhielt.

Eine Konsequenz aus der Untersuchung sollte sein, noch mehr Vorsicht beim (w√§hrend der letzten Jahre massiv angestiegenen) Verschreiben von Antidepressiva – insbesondere durch Haus√§rzte – walten zu lassen. Nicht selten seien nicht einmal alle Dignoasekriterien f√ľr Depressionen oder Angst√∂rungen erf√ľllt, oder es w√§ren nur unspezifische Symptome vorhanden, und Antidepressiva w√ľrden dann “auf Verdacht hin” verschrieben.

Auch sollten PatientInnen noch besser √ľber die Risiken aufgekl√§rt werden. “Gerade zu Beginn der Behandlung, bei abrupten Dosis√§nderungen und beim Absetzen muss man mit einem erh√∂hten Suizidrisiko rechnen”, so einer der Studienautoren. Bei schweren Depressions-Formen jedoch st√ľnde die Behandlung mit Medikamenten au√üer Frage, wichtig sei jedoch eine kontinuierliche und enge √úberwachung. Parallel zur medikament√∂sen Behandlung sollten auch Psychotherapie oder Sport zur Anwendung kommen.

(Quelle: Newer-Generation Antidepressants and Suicide Risk in Randomized Controlled Trials: A Re-Analysis of the FDA Database)

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Abgelegt unter: Psy-Pressespiegel von r.l.fellner
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Jan 05

Was ist der Unterschied zwischen dem St√∂rungsbild der Depression und “schlechter Stimmung” bzw. “Traurigkeit”? Diese h√§ufig gestellte Frage ist mitunter schwierig zu beantworten, und tats√§chlich kann es alles andere als einfach sein, zu unterscheiden, ob es sich bei verschiedenen Zeichen von Niedergeschlagenheit oder etwa auch k√∂rperlichen Symptomen nicht tats√§chlich im Grunde um eine Depression handeln k√∂nnte.

Um diesbez√ľglich etwas Licht ins Dunkel zu bringen (vielleicht sogar in metaphorischem Sinne), m√∂chte ich Sie einladen, den auf meiner Website verf√ľgbaren Online-Test auf Depression durchzuf√ľhren, oder sehen Sie sich das untenstehende kurze Video mit ersten Informationen zu dieser Thematik an. Gerne k√∂nnen Sie weiter unten auch Ihre Erfahrungen und Beobachtungen anbringen – vielleicht k√∂nnen diese anderen weiterhelfen, die sich selbst √§hnliche Fragen stellen.

Hier bei dieser Gelegenheit noch ein sch√∂ner √úberblick √ľber den aktuellen Forschungsstand zur Depression und verf√ľgbaren Therapie-Ans√§tzen:

Sep 27

(Image: dw.com)

Der Flugzeugabsturz am 24. M√§rz 2015 hat die Welt√∂ffentlichkeit schockiert – denn er wurde durch den Piloten, der sich (wie sich nachher herausstellte) aufgrund von schweren Depressionen in √§rztlicher Behandlung befand, gezielt herbeigef√ľhrt. 150 Menschen kamen dabei ums Leben.

Wie sich nun herausstellt, k√∂nnte der Grund f√ľr den psychischen Ausnahmezustand, in dem sich der Pilot befand, in seiner Nutzung von Antidepressiva gelegen haben. Bestimmte Arzneimittelgruppen, insbesondere jene der sogenannten SSRI’s (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), Antidepressiva wie Prozac und Paxil, Antipsychotika, Benzodiazepine wie Valium, Anti-Raucher- und Anti-Asthma-Medikamente, Antihistaminika oder auch solche mit stimulierender Wirkung wie Ritalin k√∂nnen nachweislich Suizide oder T√∂tungsdelikte ausl√∂sen. Sie sind auf der Website des Psychiaters aufgelistet (siehe untenstehender Link).

Das Risiko daf√ľr, dass es zu derart massiven Handlungen kommt, ist grunds√§tzlich gering – sollte aber auch nicht v√∂llig negiert werden. Und es unterstreicht, wie wichtig die erg√§nzende psychotherapeutische Begleitung von Menschen, die etwa unter Depressionen oder Angstst√∂rungen leiden, ist: nicht nur werden durch sie wichtige Bew√§ltigungsstrategien erlernt, nebenbei entsteht durch das Vertrauensverh√§ltnis Klient/in – Therapeut/in auch eine Verbindung, die schwierigste Phasen √ľberwinden helfen kann, sowie eine Eingriffsm√∂glichkeit der Therapeuten, wenn diese merken, dass ihre Klienten etwa in ein pr√§suizidales Syndrom abgleiten.

Zum Weiterlesen:

Mar 25

Bild: MOD/Crown (c) 2012

Einer britischen Studie zufolge ist die Zahl der Verurteilungen wegen Gewalttaten bei ehemaligen Soldaten dreimal so hoch wie in der m√§nnlichen Gesamtbev√∂lkerung. Dies deckt sich mit Studien in den USA, wo Veteranen der Kriege im Irak und Afghanistan nach der R√ľckkehr in ihr ziviles Leben zu gewaltt√§tigem Verhalten in der Familie neigen und h√§ufig in die Kriminalit√§t rutschen. In den Gef√§ngnissen beider L√§nder befindet sich ein relativ hoher Anteil an Ex-Soldaten, die wegen Gewalttaten verurteilt wurden – so sind fast ein Zehntel der H√§ftlinge in britischen Gef√§ngnissen ehemalige Soldaten.

Naheliegend ist die Vermutung, dass viele der Menschen, die aktiv an Kriegseins√§tzen teilnehmen, nach ihrer Heimkehr unter posttraumatischen Belastungsst√∂rungen, Angst, Depressionen und anderen psychischen Folgen zu leiden haben. Doch es sollte auch untersucht werden, ob einer erh√∂hte Gewaltneigung auch schon vor dem Eintritt in das Milit√§r bestanden. Den Ergebnissen zufolge sind neben dem Geschlecht (v.a. M√§nner) und Alter (v.a. unter 30-J√§hrige) am st√§rksten untergeordneter Rang und schon vor dem Eintritt ins Milit√§r bestandene Gewaltt√§tigkeit Risikofaktoren f√ľr nach Verlassen des Milit√§rs begangene Gewalttaten. Die Teilnahme an Kampfeins√§tzen und auch das wiederholte Erleben traumatisierender Ereignisse erh√∂hen die Wahrscheinlichkeit, eine Gewalttat zu begehen, um das Doppelte gegen√ľber anderen Soldaten. Alkohol, posttraumatische Belastungsst√∂rungen und gegen sich selbst gerichtetes aggressives Verhalten (->Suizid-Risiko) nach der R√ľckkehr sind Risikofaktoren.

Wer schon vor dem Milit√§rdienst gewaltt√§tig oder aggressiv war, scheint sich eher zu Kampfeins√§tzen zu melden und neigt auch danach vermehrt zu Gewalt. Nach dem Milit√§rdienst verdoppeln sich die allgemeinen Straftaten beinahe. Die Ausbildung als Soldat mit Waffen schon scheint die Neigung zu Straftaten und Gewalt statistisch zu erh√∂hen. Zu begr√ľ√üen w√§ren insofern den Forschern zufolge Eignungsverfahren und Pr√ľfung auf registrierte Gewaltdelikte bereits bei den Eignungstests f√ľr das Milit√§r. Ob diese Forderung Chancen auf Umsetzung hat, ist freilich dahingestellt.

(Quellen: Telepolis [1], [2], The Lancet [1)

Dec 06

r.l.f., 1994 ūüėČ

Das Universit√§tsklinikum Salzburg ver√∂ffentlichte k√ľrzlich eine Studie, welche bei Depression und Suizidalit√§t eine unterst√ľtzende Wirkung der Psychotherapie und Pharmakotherapie durch Bewegungstherapie nachweist.

Die Idee entstand bei gemeinsamen Film-Deharbeiten zum Thema ‚ÄěAlpen und Suizid‚Äú von Dozent Reinhold Fartacek und Reinhold Messner auf dem Rauriser Sonnblick. Die ver√∂ffentlichte wissenschaftliche Studie ‚ÄěPhysical exercise through mountain hiking in high-risk suicide patients. A randomized crossover trial‚Äú (siehe u.a. Quellverweise) best√§tigt eindrucksvoll die unterst√ľtzende Wirkung einer Bewegungstherapie zu Psychotherapie und Pharmakotherapie. Mit dieser Studie k√∂nnen auch erstmals Schwankungen der psychischen Befindlichkeit nicht nur beobachtet sondern auch verstanden werden.

Die √§u√üerst aufgrund der Vielzahl der abgefragten Parameter (z.B. t√§gliche Selbsteinsch√§tzung der TeilnehmerInnen, psychologische Daten, Prozesseinsch√§tzung, Vorher-/Nachher-Einsch√§tzung, sportphysiologsiche Messungen) √§u√üerst komplexe Wanderstudie “√úbern Berg” ist weltweit einmalig. Es wurde wie heute generell in der Suizidpr√§vention darauf gesetzt, auf individuelle St√§rken anstatt auf Krankheit zu achten. Die Patienten sollten durch die k√∂rperliche Aktivit√§t beim Bergwandern und das Erlebnis ‚Äď “√ľber den Berg zu gehen” ‚Äď f√ľr den Alltag seelisch und k√∂rperlich zu st√§rken. Diese Erfolge, aber auch das Erlebnis der Natur sowie die zwischenmenschlichen Begegnungen w√§hrend des Bergwanderns sollten ihnen Mut und Hoffnung f√ľr die Bew√§ltigung des Alltags geben. Mit Redewendungen wie ‚ÄěEs geht bergauf‚Äú oder ‚ÄěBerge versetzen‚Äú werden im Alltag positive Entwicklungen beschrieben. Doch obwohl in √Ėsterreich mehr als 74% der √ľber 15-J√§hrigen zumindest gelegentlich wandern, k√∂nnen sich gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in Lebenskrisen nur schwer √ľberwinden, k√∂rperlich aktiv zu sein.

Synergetisches Navigationsystem (SNS)

Die interdisziplin√§re Studie (PsychiaterInnen, PsychologInnen, Sportmediziner, PflegemitarbeiterInnen) fand in der Salzburger Bergwelt statt. Die Selbsteinsch√§tzung wurde mittels der Nutzung eines vom Leiter des PMU-Instituts f√ľr Synergetik und Psychotherapie-forschung, Univ.-Prof. Dr. G√ľnter Schiepek entwickelten sog. ‚ÄěSynergetischen Navigationssystems‚Äú (SNS) messbar gemacht. Mit einem darin eigens angelegten Online-Fragebogen wurde 6 Monate hindurch t√§glich die pers√∂nliche Befindlichkeit mit 38 Einzelitems in einer Selbsteinsch√§tzung angegeben. Durch die hochfrequenten Messungen ergab sich eine Verlaufsdarstellung mit mehr oder weniger stark ausgepr√§gten Schwankungen und Phasen√ľberg√§ngen. Speziell in den Bereichen Freude und Selbstwertgef√ľhl kam es in der Wanderphase bei vielen Teilnehmern zu einer Steigerung ‚Äď wobei die √Ąngstlichkeit gleichzeitig abnahm.

Die Studienteilnehmer wurden in zwei Gruppen geteilt. Die Wandergruppe wanderte 9 Wochen lang, w√§hrend die Wartekontrollgruppe keine speziell geplanten Aktivit√§ten durchf√ľhrt. Nach 9 Wochen wurde gewechselt, und jeweils die empfundenen Ver√§nderungen der Hoffnungslosigkeit und Depressivit√§t wie auch die rein k√∂rperliche Ausdauerleistungsf√§higkeit gemessen. Hinsichtlich der empfundenen Hoffnungslosigkeit, Depressivit√§t, wie auch der k√∂rperlichen Ausdauerleistung ging es den TeilnehmerInnen signifikant besser als vor der Studie. Die Studienteilnehmer berichteten von einer neu angeeigneten Tagesstruktur, mehr Appetit, mehr Selbstvertrauen und weniger Stress. Dies berichteten selbst die meisten jener Patienten, die sich zun√§chst alles andere als “sportbegeistert” bezeichnet hatten.

Um √úberforderungen zu vermeiden, wurde zun√§chst der optimale Belastungspuls der PatientInnen ermittelt und bei jeder Wanderung mittels Herzfrequenzmesser √ľberwacht. Bald merkten die Wanderer, dass es bei dieser Sportart nicht darum geht, der Schnellste zu sein – so war es jedem m√∂glich, das eigene Tempo zu finden. Jede Wanderung startete mit einfachen Mobilisations√ľbungen und endete mit abschlie√üenden Dehn√ľbungen. Im Laufe der Studie war an Stelle der fehlenden Motivation die Vorfreude auf die n√§chste Wanderung so gro√ü, dass die Teilnehmer oft schon eine gute Weile vor dem vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt warteten.

Die Teilnahme der Patienten am Wandern war nahezu l√ľckenlos und belegt, dass diese Form der Bewegung nicht nur akzeptiert sondern auch gerne ausge√ľbt wurde ‚Äď und das selbst bei Wind und Wetter. Die verbesserte k√∂rperliche Leistungsf√§higkeit ist insofern g√ľnstig, als k√∂rperliche Bewegung auch rein k√∂rperlich gesund ist, gerade von depressiven Personen aber h√§ufig zu wenig ausge√ľbt wird. Wandern jedoch kann gerade in Mitteleuropa nahezu das ganze Jahr √ľber ausge√ľbt werden.

Schlussfolgerungen

Im Rahmen der Salzburger Wanderstudie konnte mittels täglicher Selbsteinschätzung bestätigt werden, dass bereits nach einer Wanderung die Stimmung verbessert, von negativen Gedanken abgelenkt und Stresssymptome abgebaut werden können. Am Ende des Wanderprogramms konnten Selbstwert und Schlafqualität zusätzlich zur Wirkung der bestehenden psychotherapeutischen und psychopharmakologischen Behandlung verbessert werden, auch Angst- und Borderlinesymptome wurden reduziert. Die körperliche Fitness stieg aufgrund der sorgsam abgestimmten Routenplanung z.T. signifikant.

(Quellen: MedAustria 2012, Acta Psychiatr Scand 2012: 1‚Äď9 (doi: 10.1111/j.1600-0447.2012.01860.x)

Nov 18

Die meisten Betroffenen gestehen sich selbst viel zu sp√§t ein, ‘burned out’ zu sein.
(Photo credit: Flickr/Zach Klein)

Burnout” ist eines der diagnostischen Modeworte der letzten Jahre, und von daher nicht ganz √ľberraschend stiegen die Zahlen der entsprechend diagnostizierten Patienten exorbitant an –¬† deutlich st√§rker, als Faktoren wie “schwierige Wirtschaftslage” oder “gestiegener Druck am Arbeitsplatz” dies erwarten lassen w√ľrden. Dies l√§√üt die Vermutung zu, dass es sich h√§ufig um Verlegenheitsdiagnosen handelt, welche dann gegeben werden, wenn die vorliegenden Symptome von Patienten nicht eindeutig einem physiologischen Krankheitsbild zuzuordnen sind oder eine “problematischer” klingende Diagnose – und das ist z.B. “Depression” f√ľr die meisten immer noch – vermieden werden soll.

Doch worum handelt es sich tats√§chlich bei diesem Diagnose-Begriff “Burnout” und was beschreibt er genau? Wie kann man feststellen, ob man selbst an “Burnout” leidet?

W√§hrend der letzten Jahre wurde von Psychologen, √Ąrzten und Therapeuten f√ľr die Diagnosestellung, Pr√§ventions- und Therapieans√§tze des “Burnout-Syndroms” eine ganze F√ľlle an Publikationen herausgebracht. Im Wesentlichen wird das Burnout-Syndrom dabei als Resultat einer chronischen Arbeits- oder interpersonellen Stressbelastung beschrieben, die sich in den drei Dimensionen emotionale Ersch√∂pfung, Depersonalisierung¬† / Zynismus und subjektiv empfundene reduzierte Leistungsf√§higkeit √§ussert (Maslach, C., 1976):

  • Emotionale Ersch√∂pfung wird als der wesentlichste Aspekt des Syndroms betrachtet und zeigt sich als emotionale und k√∂rperliche Kraftlosigkeit.
  • Depersonalisation/Zynismus beschreibt eine gef√ľhllose, abgestumpfte Reaktion auf Klienten wie z.B. Sch√ľler, Patienten, Kunden oder Mitarbeiter. Dieses Verhalten wird als Versuch interpretiert, Distanz zu schaffen.
  • Verminderte subjektive Leistungsbewertung beschreibt Gef√ľhle des Versagens und Ungen√ľgens, den zunehmenden Verlust des Vertrauens in die eigenen F√§higkeiten.

Der in der Psychologie verwendete und dort noch etwas genauer spezifizierte¬† Begriff, der den prozesshaften Verlauf des Burnout-Zustandes (im Unterschied zum Burnout-Syndrom) beschreibt, wird auf den in Frankfurt geborenen US-Psychologen Herbert Freudenberger zur√ľckgef√ľhrt, der diesen im Jahre 1974 auf der Basis pers√∂nlicher √úberlastungs-Erfahrungen in seinem Buch “Staff Burnout” gepr√§gt (und selbst vermutlich einer Novelle von Graham Greene entliehen) hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gail North definierte er 12 sogenannte “Burnout-Phasen”, die im Gesundheitswesen bis heute h√§ufig zum Zweck der Diagnose herangezogen werden. Die Symptome m√ľssen allerdings weder in der beschriebenen Reihenfolge auftreten noch alle vorhanden sein, damit man laut H. Freudenberger / G. North1 von “Burnout” sprechen kann:

Die 12 Burnout-Phasen

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erf√ľllen
  • √úberarbeitung mit Vernachl√§ssigung anderer pers√∂nlicher Bed√ľrfnisse und sozialer Kontakte
  • √úberspielen oder √úbergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und Geringsch√§tzung Anderer
  • R√ľckzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche Verhaltens√§nderungen, fortschreitendes Gef√ľhl der Wertlosigkeit, zunehmende √Ąngstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen, das Leben verl√§uft zunehmend ‚Äěmechanistisch”
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese Gef√ľhle durch √úberreaktionen zu √ľberspielen (Sexualit√§t, Essgewohnheiten, Alkohol und Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie Gleichg√ľltigkeit, Hoffnungslosigkeit, Ersch√∂pfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Zu diesen psychischen Anzeichen kommen meist nach einiger Zeit des Leidens auch noch k√∂rperliche. Abgesehen von der reduzierten Performance und Effektivit√§t im Beruf wird bei “Burnout”-PatientInnen meist auch eine erh√∂hte Aussch√ľttung von Stresshormonen festgestellt. Die Betroffenen werden dadurch deutlich anf√§lliger f√ľr Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems und zahlreiche andere psychosomatische und rein somatische (sind es diese dann noch?) Erkrankungen, aber auch Depression.

Und hier liegt das Schl√ľsselwort, denn “Burnout” ist tats√§chlich (zumindest derzeit) gar kein wissenschaftlich anerkannter Diagnosebegriff, weder im Klassifikationsschema ICD-10, noch im aktuell g√ľltigen und vor allem im angloamerikanischen Raum h√§ufig eingesetzten DSM-IV. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in den derzeit in Begutachtung befindlichen n√§chsten Versionen dieser Manuals, dem ICD-11 und DSM-V √§ndern w√ľrde. Wie also l√§sst sich “Burnout” medizinisch korrekt definieren und wie ist es von anderen St√∂rungsbildern abzugrenzen?

Emotionale Ersch√∂pfung: es gibt starke Parallelen zwischen dem Auftreten beider St√∂rungsbilder, auch kann emotionale Ersch√∂pfung unbehandelt in Burnout m√ľnden.

– Auch zwischen Schlafst√∂rungen und Burnout bestehen Zusammenh√§nge und Wechselwirkungen: der Schlaf wird von vielen Burnout-Patienten als mangelhaft und nicht erholsam beschrieben, tags√ľber besteht h√§ufig Schl√§frigkeit und mentaler Energiemangel. Umgekehrt k√∂nnen Schlafprobleme einen Risikofaktor f√ľr sp√§teres Burnout darstellen.

Stress und Psychosomatik: akuter Stress kann kardiale St√∂rungen, Herzinfarkte und Diabetes Typ-2 ausl√∂sen. Chronisch h√∂here Spannungen in der Arbeit wiederum f√ľhren zu erh√∂hter Kortisol-Aussch√ľttung, die ihrerseits die Bildung des metabolischen Syndroms mit Hyperlipid√§mie und arterieller Hypertonie beg√ľnstigt. Die h√§ufig stressbedingten gesundheitssch√§digenden Verhaltensweisen, etwa erh√∂hter Nikotin- oder Alkoholkonsum und schlechte Planung k√∂rperlicher und psychischer Erholung, d√ľrften nach einiger Zeit auch ohne k√∂rperliche Stressreaktionen massivste Auswirkungen zur Folge haben. Bemerkenswerterweise scheinen Frauen vor allem auf muskuloskelettaler und Stoffwechselebene zu reagieren, M√§nner dagegen nahezu ausschlie√ülich auf kardiovaskul√§rer Ebene.

Depression: Die h√§ufigsten Fehldiagnosen finden vermutlich im vielen √Ąrzten und Therapeuten nur vage bekannten Graubereich zwischen Depression und “Burnout” statt. Ahola und Hakanen (2007) schlussfolgern auf Basis ihrer Untersuchungen, dass Burnout und Depressionen nicht gleichzusetzen sind, dass aber chronische Stressbelastungen √ľber Burnout-Zust√§nde in Depressionen m√ľnden k√∂nnen. So steigt bei zunehmendem Schweregrad von Burnout die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, auf bis zu 50% an (Ahola, Honkonen et al., 2005). Iacovides et al. (2003) betrachten Burnout und Depression jedoch als zwei separate Ph√§nomene und Krankheitskonzepte, die aber gemeinsame Charakteristika aufweisen. Auch ihnen zufolge m√ľndet unbehandeltes Burnout in seiner schwersten Stufe letztlich h√§ufig in Verzweiflung und Depression.

Zum Vergleich mit den oben beschriebenen Spezifika von “Burnout” hier die Merkmale einer depressiven Episode gem√§√ü ICD-10:

“Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedr√ľckten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivit√§t. Die F√§higkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgepr√§gte M√ľdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gest√∂rt, der Appetit vermindert. Selbstwertgef√ľhl und Selbstvertrauen sind fast immer beeintr√§chtigt. Sogar bei der leichten Form kommen Schuldgef√ľhle oder Gedanken √ľber eigene Wertlosigkeit vor. Die gedr√ľckte Stimmung ver√§ndert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf Lebensumst√§nde und kann von sogenannten “somatischen” Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, Fr√ľherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. Abh√§ngig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.”

Es ist also davon auszugehen, dass ein betr√§chtlicher Teil der Menschen, die wegen ‚ÄěBurnout” eine l√§ngere Auszeit nehmen, de facto an einer depressiven Erkrankung leiden (wobei diese durchaus auch mit beruflichen Problemen in Zusammenhang stehen kann) – n√§mlich dann, wenn alle f√ľr die Diagnose einer Depression n√∂tigen Krankheitszeichen vorliegen. Zur Depression geh√∂rt immer auch das Gef√ľhl tiefer Ersch√∂pftheit, welches so manchen Arzt, Coach oder Therapeuten zur vorschnellen Diagnose “Burnout” verleiten d√ľrfte, da dieser Zustand Selbst√ľberforderung oder √úberforderung durch au√üen als Ursache suggeriert. Doch fatalerweise ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tats√§chliche √úberforderung der Ausl√∂ser der Erkrankung, was dann zu Fehlbehandlungen f√ľhren kann. Viele depressiv Erkrankte etwa f√ľhlen sich in einer schweren depressiven Episode zu ersch√∂pft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; doch nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als v√∂llige √úberforderung wahrgenommene berufliche T√§tigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Das ist bei Burnout jedoch nicht so: hier wird als Teil der Behandlungsstrategie h√§ufig empfohlen, langsamer zu treten, l√§nger zu schlafen und Urlaub zu machen. Liegt jedoch tats√§chlich eine depressive Erkrankung vor, w√§ren dies zumeist keine empfehlenswerten oder sogar gef√§hrliche Gegenma√ünahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf l√§ngeren Schlaf und eine l√§ngere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Ersch√∂pftheit und weiterer Stimmungsverschlechterung. Auch sind Urlaube oder Krankschreibungen etwas, von dem vielen depressiv Erkrankten abgeraten wird, da man die Depression “mitnimmt” und der eigene Zustand mit Antriebsst√∂rung, Gr√ľbeln und der Unf√§higkeit, irgendeine Freude zu empfinden, allein daheim oder im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedr√ľckend und schmerzlich erlebt wird. Nicht selten treten gerade in solchen Situationen dann erste Suizidgedanken auf. Aus diesem Grund ist eine fachkundige Diagnose, idealerweise durch √Ąrzte, Psychologen oder Psychotherapeuten, die sowohl im Feld der Depressions- als auch der Burnout-Betreuung Erfahrung haben, dringend anzuraten. Nur eine korrekte Diagnose erm√∂glicht einen ad√§quaten Therapieansatz sowie ein m√∂glichst rasches Greifen des therapeutischen Angebots!

Therapieansätze bei Burnout-Symptomatik

Aufgrund der Komplexit√§t der m√∂glichen Ursachen und Zusammenh√§nge, aber auch aus Gr√ľnden der h√§ufig schwierigen Abgrenzung der √Ątiologie und gegen√ľber anderen St√∂rungsbildern steht am Beginn einer erfolgreichen Therapie eine sorgf√§ltige medizinische und psychotherapeutische oder psychiatrische, sowie ggf. eine schlafmedizinische Diagnose. Die Therapie richtet sich dann naturgem√§√ü nach den Erkenntnissen dieser Diagnosestellung.

Bei leichteren Beschwerden ohne Depression gen√ľgen mitunter geringe Interventionen wie die Ausarbeitung alternativer Strategien f√ľr das Arbeitsumfeld, Entspannungsverfahren und Stressbew√§ltigungs-Techniken. Dies kann direkt am Arbeitsplatz (z.B. Arbeitspsychologe oder Coach) oder privat (Kurzzeit-Psychotherapie oder Coaching) geschehen.

Entspricht die Symptomatik jedoch einer depressiven Episode oder bestehen k√∂rperliche Symptome, die direkt oder indirekt mit einer Burnout-Symptomatik im Zusammenhang stehen, ist ad√§quate und regelm√§√üige Psychotherapie, n√∂tigenfalls mit pharmakologischer Unterst√ľtzung, bis zum v√∂lligen Abklingen der Symptome √ľber einen Zeitraum zumindest mehrerer Wochen indiziert. Ziel dieser Ma√ünahmen ist verbesserte Stressbew√§ltigung (Coping) und Pr√§vention (Coaching). Die Prognose ist i.d.R. gut; in Einzelf√§llen jedoch – etwa, wenn die Arbeitsstrukturen nicht ad√§quat ver√§ndert werden k√∂nnen und eine positive Arbeitsatmosph√§re nicht erreichbar scheint – kann aber auch eine radikale berufliche Ver√§nderung oder ein vor√ľbergehender Berufsausstieg (Krankenstand, Sabbatical,..) erforderlich sein, um eine vollst√§ndige Regeneration bzw. Rehabilitation zu erreichen.

Literatur zum Thema:
Depression
Burnout

Quellen:
Ahola K, Hakanen J. Job strain, burnout, and depressive symptoms: A prospective study among dentists. J Affect Disord. 2007;104:103-10.
Ahola K, Honkonen T, Isometsä E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A et al.: The relationship between job-related burnout and depressive disorders Рresults from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88: 55-62.
Iacovides A, Fountoulakis KN, Kaprinis S, Kaprinis G. The relationship between job stress, burnout and clinical depression. J Affect Disord. 2003;75:209-21.
Maslach, C. Burned-out. Hum Behav. 1976;5:16‚Äď22.
Freudenberg HJ. Staff burnout. J Soc Issues. 1974;30:159‚Äď64.
Nil R, Jacobshagen N, Sch√§chinger H, Baumann P, H√∂ck P, H√§ttenschwiler J, Ramseier F, Seifritz E, Holsboer-Trachsler E. Burnout ‚Äď an analysis of the status quo. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 2010;161(2):72‚Äď7.
Bildquelle: timsstrategy.com

Nov 06

Hatten Sie k√ľrzlich mit jemandem Kontakt, der v√∂llig die Kontrolle √ľber sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensst√∂rungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich f√ľr problematisch, denn denn wer d√ľrfte sich schon anma√üen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivit√§t, Bullying, L√ľgen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegen√ľber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck dar√ľber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderj√§hrigen kommen meist aus problematischen Verh√§ltnissen, haben Mi√übrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gel√∂st, k√∂nnen sich bei ihnen Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Pers√∂nlichkeitsst√∂rung”, bipolare St√∂rungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko f√ľr eigene oder fremde k√∂rperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gef√§ngnisstrafen, Mord oder Suizid stark erh√∂hen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und h√§ufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zur√ľckschrecken. H√§ufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betr√ľgen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerst√∂ren. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen √§u√üerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewu√üt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, √§ngstlich und hoffnungslos f√ľhlen, was nicht selten zu Alkoholmi√übrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen f√ľhrt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erkl√§rt werden. Mediziner suchen nach rein k√∂rperlichen (z.B. genetischen) Erkl√§rungen, lassen dabei aber h√§ufig au√üer Acht, dass f√ľr viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil f√ľr emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen √ľberm√§√üig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Pers√∂nlichkeitsz√ľgen mangelt es zus√§tzlich an Empathie und Verst√§ndnis f√ľr die Situation der anderen, was die Hemmung f√ľr Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur w√ľrden diese Leute im Konfliktfall unf√§hig sein, sich in Ihre pers√∂nliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gespr√§chsebene zu kl√§ren, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zun√§chst auf Abstand zu gehen, um das Gegen√ľber emotional “abk√ľhlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewisserma√üen eine √úbersicht √ľber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Sch√§tzungen stirbt j√§hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tats√§chlich d√ľrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich h√∂her liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen L√§ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid tr√§gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesf√§llen bei und ist die zehnth√§ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, f√ľr das Daten verf√ľgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gef√§hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine √Ąnderung ergeben hat, und √§ltere Menschen, bei denen ein deutlicher R√ľckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalit√§t: innerhalb Europas liegen die Raten in den n√∂rdlichen L√§ndern generell etwas h√∂her als in den s√ľdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der t√§glichen Sonnenscheindauer schlie√üen l√§sst. Dennoch k√∂nnen andere L√§nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Gro√übritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesf√§lle auf Selbstt√∂tung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der¬†die Suizidh√§ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal geh√§uftes Auftreten von Suiziden erkl√§rt werden k√∂nnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” ver√∂ffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in j√ľngster Zeit in S√ľdkorea angestiegen: n√§mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbstt√∂tungen von M√§nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betr√§gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am h√∂chsten. Die OECD f√ľhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Aufl√∂sung der traditionellen Familienbindungen zur√ľck. Ob das allerdings S√ľdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegen√ľber den anderen L√§ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zur√ľckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach S√ľdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine √ľberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und √Ėsterreich (12,6; 27/100000 bei M√§nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegen√ľber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Gro√übritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den √ľbrigen OECD-L√§ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier t√∂ten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widerspr√ľchliche Daten zur sog. Gl√ľcklichkeitsforschung f√∂rderte bemerkenswerterweise allerdings eine¬†Studie zutage, die Zusammenh√§ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen L√§ndern die Selbstmordrate trotz gro√üer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabh√§ngig von harten Wintern, religi√∂sem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen L√§ndern (mehr):

Eine Erkl√§rungsm√∂glichkeit f√ľr diesen vordergr√ľndigen Widerspruch k√∂nnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid st√§rker empfunden wird. Gesellt sich zum pers√∂nlichen Lebensungl√ľck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses ver√§ndern zu k√∂nnen, kann Suizid von bestimmten Pers√∂nlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu √Ėsterreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. J√§hrlich sterben in √Ėsterreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 w√§hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamt√∂sterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erw√§hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Stra√üenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in √Ėsterreich immer weniger Autopsien durchgef√ľhrt werden, sinkt die M√∂glichkeite, Suizide von nat√ľrlichen Todesf√§llen zu unterscheiden. So zeigen sich in L√§ndern mit den h√∂chsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn h√∂here Suizidraten als in L√§ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in L√§ndern, in denen Autopsieraten zur√ľckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken √ľberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industriel√§ndern betr√§gt das Geschlechterverh√§ltnis bez√ľglich des Suizids etwa zwei bis vier (M√§nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische L√§nder zeigen ein kleineres Verh√§ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als M√§nner durch Suizid.

Risikofaktoren f√ľr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • m√§nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 M√§nnern, 5,2 bei Frauen)
  • fr√ľhere Selbstverletzungen
  • Homosexualit√§t
  • psychiatrische St√∂rungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Milit√§rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben √Ąnderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit h√∂herem Suizidrisiko verkn√ľpft, das Risiko ist jedoch gr√∂√üer, wenn der niedrigere Spiegel √ľber Di√§ten anstatt √ľber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herr√ľhren k√∂nnte, dass Di√§t haltende Menschen ein h√∂heres Risiko f√ľr psychische Probleme h√§tten. Bislang jedoch l√§gen hierf√ľr keine bekr√§ftigenden Hinweise vor. Famili√§re Vorgeschichten mit Selbstt√∂tungen verdoppeln zumindest das Risiko f√ľr M√§dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar d√ľrftig ist, sind ein hohes Ma√ü an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivit√§t mit einem erh√∂hten Suizidrisiko verkn√ľpft. Suizidraten nehmen √ľber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf m√ľtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbesch√§ftigten h√∂her als bei Berufst√§tigen. H√∂here Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verkn√ľpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufst√§tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erh√∂htes Risiko: praktische √Ąrzte haben in den meisten L√§ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch √Ąrztinnen generell das h√∂chste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den √Ąrzten gelten An√§sthesisten als besonders gef√§hrdet, denn f√ľr viele Suizide werden bet√§ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahn√§rzte, Apotheker, Tier√§rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten L√§ndern unter den √§lteren Menschen am h√∂chsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der j√ľngeren Bev√∂lkerung gestiegen, insbesondere bei M√§nnern. Suizide werden am h√§ufigsten im Fr√ľhling ver√ľbt, auch da besonders unter M√§nnern. Im Fr√ľhling oder Fr√ľhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erh√∂htes Suizidrisiko. Amerikaner europ√§ischer Herkunft haben h√∂here Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls h√∂here Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und st√§rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal h√∂her als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualit√§t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen M√§nner eher gewaltt√§tige Mittel der Selbstt√∂tung (zum Beispiel durch H√§ngen oder Erschie√üen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erkl√§rung f√ľr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen M√§nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich h√§ufig erfolgen. Verschiedene Bev√∂lkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in S√ľdasien verbrennen sich Frauen √ľblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden k√∂nnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat f√ľhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am h√∂chsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den l√§ndlichen Gebieten vieler Entwicklungsl√§nder ist das Verschlucken von Pestiziden die h√§ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verf√ľgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind Fr√ľhwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbstt√∂tungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst t√∂ten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer St√∂rung litten. Depressionen erh√∂hen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose h√§ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt √ľberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterst√ľtzung. Das hei√üt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine ad√§quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbstt√∂tung bei Depressionskranken beinhalten fr√ľhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer St√∂rung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am h√∂chsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsst√∂rung (ADHS) und k√∂rperdysmorphe St√∂rung (KDS) erh√∂hen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erkl√§rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergr√∂√üernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. √úberraschenderweise weisen Menschen mit erh√∂htem Body-Mass-Index BMI ein zwar st√§rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent R√ľckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter K√∂rperoberfl√§che beim BMI). Die Gr√ľnde hierf√ľr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen k√∂rperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch √ľber die Kindheit hinweg, die gesamte Bev√∂lkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erh√∂htem Risiko, und Suizidh√§ufungen k√∂nnen in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren f√ľgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die √ľber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bev√∂lkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen k√∂nnen.”

J√ľngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, da√ü Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren k√∂nnen. Dazu konnten Sie hier im Blog schon fr√ľher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich h√∂her als bei √Ąlteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen daf√ľr liegen h√§ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im fr√ľhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizit√§t auf und ist durch √§u√üere Einfl√ľsse sehr ver√§nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachl√§ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren f√ľr sp√§tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzuf√ľgen. Das Ausdr√ľcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstm√∂rder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund f√ľr die immer fr√ľher auftretenden Depressionen nennen Experten die fr√ľhere Pubert√§t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es f√ľr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu √ľberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu k√∂nnen, w√§re ein schwierig zu erf√ľllender, da eine gro√üe Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tats√§chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien k√∂nnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bev√∂lkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbstt√∂tungsgedanken und ‚Äďpl√§nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschl√§gige Ausbildung und Vorgangsweise von √Ąrzten wichtig: Studien aus den nordeurop√§ischen L√§ndern belegen einen R√ľckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemein√§rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In F√§llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Ma√ünahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und √úberwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Au√üerdem m√ľssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verkn√ľpften psychiatrischen St√∂rung eingeleitet werden.

Auch eine Ver√§nderung des allgemeinen Zugangs zu gef√§hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einf√ľhrung von Sicherheitsgittern auf Br√ľcken und verst√§rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den l√§ndlichen Gebieten der Entwicklungsl√§nder k√∂nnen die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, k√∂nnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, da√ü Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden w√ľrden, ihr Ziel umzusetzen, mag √ľberrascht sein, da√ü z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbstt√∂tungen drastisch zur√ľckgingen, w√§hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit h√∂chste Suizidrate und konnte diese durch Pr√§ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschl√§ge und Hinweise f√ľr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung S√ľdkoreas (das j√ľngst den weltweit st√§rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mu√üte, siehe oben) zur Pr√§vention u.a. auch Internet-Sperren einf√ľhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen √ľber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage daf√ľr geschaffen werden, dass die Polizei die pers√∂nlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen √ľber Selbstmord gel√∂scht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsl√§ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industriel√§ndern erfolgt, die h√∂chste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsl√§ndern zu finden ist. Auch wird von einschl√§gig Forschenden auch eine j√ľngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten l√§sst, dass das Risiko f√ľr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit St√∂rungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angeh√∂rige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht pl√∂tzlich zur√ľckzieht, gedr√ľckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Pr√§suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen dar√ľber zu sprechen. Dennoch sind die M√∂glichkeiten der Angeh√∂rigen h√§ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von au√üen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich √ľberfordert f√ľhlt oder das Gef√ľhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu k√∂nnen.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen F√§llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erh√§rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische St√∂rungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen St√∂rungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben f√ľhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben k√∂nnen. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen k√∂nnen mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausf√ľhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfa√üt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom Рerkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-√úberlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

Sep 14

‘Echo and Narcissus’ by John William Waterhouse (image source: oceansbridge.com)

Narzissmus bzw. “Selbstliebe” ist grunds√§tzlich eine wichtige Basis unserer Pers√∂nlichkeit: er treibt uns dazu an, uns um uns selbst zu k√ľmmern. Als pathologische, schwere Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wird er nur dann betrachtet, wenn er sch√§digend wirkt – entweder f√ľr andere oder die Betreffenden selbst. Tats√§chlich ist es keineswegs immer nur die Umwelt, die unter dem Narzissmus Einzelner zu leiden hat: manche Narzissten neigen dazu, sich selbst zu sehr zu “verw√∂hnen” – sie leben √ľber ihre Verh√§ltnisse, irgendwann aber bricht ihre Welt zusammen und Schulden, k√∂rperliche Krankheiten oder andere durch den Ressourcenmi√übrauch verursachte Probleme holen sie ein.

Die Grundlage krankhaften Narzissmus’ ist ein schwaches Selbstwertgef√ľhl, auf dessen Basis die betreffenden Personen – gewisserma√üen √ľberkompensierend – Grandiosit√§tsgef√ľhle entwickeln, ihre F√§higkeit zur Empathie dagegen nicht ausreichend ausgebildet wird. Es ist deshalb schwierig f√ľr sie, die Gr√ľnde der Handlungen anderer nachzuvollziehen, viel st√§rker bewegen sie die Auswirkungen dieser Handlungen auf sich selbst, etwa, wenn ihnen jemand bestimmte “Probleme bereitet”. Meist h√∂rt man dann lautstarke Klagen dar√ľber, warum sich die andere Person nicht so verhalten hat, wie der Narzisst sich dies erwartete, und es kann keine Ruhe mehr gefunden haben, bis die Hindernisse aus dem Weg ger√§umt wurden oder “Gerechtigkeit” wiederhergestellt ist.

Die Gr√∂√üengef√ľhle und die enorme Bedeutung, die das Umsetzen ihrer Ideen, Absichten und Ziele f√ľr sie hat, k√∂nnen jedoch auch zu einer massiven Last werden. Personen, die ihre Position in Frage stellen oder auch die M√∂glichkeit eines Zusammenbrechens ihrer Konstrukte stellen eine latente Bedrohung dar. Auch nat√ľrliche Vorg√§nge wie das Altern oder strukturelle Ver√§nderungen werden als bedrohlich empfunden: denn wenn das Selbstwertgef√ľhl nicht mehr so einfach wie fr√ľher durch Macht und Einfluss gest√§rkt werden kann oder altersbedingt geistige Ressourcen, Kraft und Leistung (bei M√§nnern insbesondere auch die Potenz) nachlassen, sind schmerzvolle Anpassungsprozesse erforderlich, mitunter erfolgen mentale Zusammenbr√ľche, Suchtverhalten oder Depressionen mit Suizidgedanken stellen sich ein.

Die Wurzeln der narzisstischen St√∂rung liegen wie bei den meisten anderen psychischen St√∂rungen auch in der Kindheit. Die US-Journalistin Jean Liedloff, die bei einem s√ľdamerikanischen Stamm gelebt hat, thematisiert in ihrem Buch “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” (siehe Link unten) den Verlust des narzisstischen Gef√ľhls “Ich bin etwas wert” in der westlichen Welt. Beim Stamm der Yequana werden die Babys ein Jahr am K√∂rper herumgetragen, schlafen bei den Eltern, Tadel oder mahnende Worte gibt es nicht. Die Kinder erhalten damit eine gute und stabile Selbstwertbasis, die sich auf k√∂rperlicher Ebene mit der Muttermilch vergleichen lie√üe, die das Immunsystem des Babys st√§rkt.

Zur√ľckweisung oder Kritik dagegen erlebt ein Kleinkind als narzisstische Kr√§nkung – erf√§hrt es zuviel davon, kann sich eine destruktive Dynamik entwickeln. H√§ufig versuchen solche Kinder sp√§ter, die Zur√ľckweisung anderer mit besonderem Ehrgeiz oder anderen Kompensationsversuchen auszugleichen. Dies k√∂nnte erkl√§ren, wieso kleine M√§nner besonders h√§ufig in Machtpositionen zu finden sind. Vor dem Hintergrund des Werteverlusts in der westlichen Gesellschaft wiederum k√∂nnten zahlreiche Facetten der westlichen Kultur, etwa die bei vielen beliebte Selbstdarstellung in den sog. “sozialen Netzwerken”, oder Aspekte der Fitne√ü- oder Selbstfindungs-Bewegung, als narzisstische Kompensationsversuche gedeutet werden.

Kann das vorhandene Selbstwertgef√ľhl besonders starke “narzisstische Kr√§nkungen” (etwa einen Verlust des Arbeitsplatzes und eine kurz darauffolgende Trennung) nicht verarbeiten, kann die St√∂rung ins Pathologische kippen und sich in Gewaltt√§tigkeit, Amokl√§ufen, Somatisierungen (psychosomatische Erkrankungen), Sucht oder Depression manifestieren. Diese Symptome k√∂nnen gewisserma√üen als Ventil gesehen werden, √ľber die sich der Schmerz einer nicht verarbeitbaren psychischen Verletzung entl√§dt.

Der Narzisst – und die anderen

Narzissten sind h√§ufig entweder Einzelg√§nger (da sie sich von potenziellen Beziehungspartnern gebremst f√ľhlten oder schlicht kein Interesse haben, ihr Leben mit einer anderen Person zu teilen) oder aber es treffen sich zwei Narzissten, die gemeinsam ihren jeweiligen Zielen nachjagen, emotional aber nur in sehr begrenztem Ausma√ü Intimit√§t zueinander herstellen k√∂nnen. Manchmal wird geliebt, um selbst geliebt zu werden – oder das “Haben” einer Beziehung ist im Grunde wichtiger als der Partner selbst. Man lebt nebeneinander her, vom Partner wird in erster Linie Anerkennung und Respekt erwartet sowie Toleranz f√ľr die mitunter weit in die Abende oder N√§chte dauernden beruflichen und Hobby-Aktivit√§ten.
In der Arbeitswelt und im Freundeskreis wirken Narzissten h√§ufig souver√§n, eloquent bis schillernd-charismatisch. Wesentliche Teile des betreffenden Verhaltens sind jedoch mehr oder weniger bewu√üte Selbstdarstellungen und Inszenierungen, und der Eindruck der Souver√§nit√§t und Sicherheit ist ein gewollter, ja gesuchter. Wird die eigene Grandiosit√§t √ľbersch√§tzt, kann dies schlimme Folgen haben: etwa wenn beim Einstellungsgespr√§ch ein guter Eindruck erzeugt wurde, sp√§ter aber durch tats√§chliche Inkompetenz Probleme f√ľr den Arbeitgeber entstehen. Das starke Streben vieler Narzissten nach Top-Positionen, Inszenierung und Aufmerksamkeit ist besonders dann problematisch, wenn diese Personen √ľber Macht und Einflu√ü verf√ľgen: aufgrund ihres Mangels an Empathie gehen sie gewisserma√üen “√ľber Leichen”, um ihre Ziele zu erreichen und untersch√§tzen (oder ignorieren) die Folgen ihres Handelns.

√úber den Weg einer Psychotherapie kann es Narzissten gelingen, ihre Lebenszufriedenheit signifikant zu erh√∂hen und zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und anderen zu finden – auch wenn bestimmte Grundz√ľge besonders ausgepr√§gter narzisstischer Pers√∂nlichkeiten nur schwer oder gar nicht ver√§nderbar sind.

Buchtipps:
Jean Liedloff, “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” – Gegen die Zerst√∂rung unserer Gl√ľcksf√§higkeit in der fr√ľhen Kindheit
Telfener / Liebl, “Hilfe, ich liebe einen Narzissten” – √úberlebensstrategien f√ľr alle Betroffenen
Wardetzki, B., “Eitle Liebe” – Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen k√∂nnen
Behary / Kierdorf / H√∂hr, “Der Feind an Ihrer Seite.” – Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern √ľberleben und wachsen k√∂nnen
Berschneider, W.: “Wenn Macht krank macht”Narzissmus in der Arbeitswelt
Bergmann, W.: “Ich bin der Gr√∂√üte und ganz allein” – Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder
Wardetzki, B.: “Weiblicher Narzi√ümus – Der Hunger nach Anerkennung

Sep 11

Schizophrenie schleicht sich zumeist hinterr√ľcks an: sie tarnt sich, h√§ufig als “Depression” oder “Pubert√§tskrise”. Manchmal auch mit k√∂rperlichen Symptomen wie Herzstechen. Doch meist dauert das Versteckspiel nur wenige Wochen. Dann beginnt die Grenze zwischen dem Selbst und der Au√üenwelt zu schwinden, Gedanken werden laut, unbekannte Stimmen mischen sich in das Leben ein, Gef√ľhle scheinen gesteuert, andere verfolgen, beobachten, belauschen. Schizophrenie treibt jeden zehnten Betroffenen in den Suizid, doch immer noch haftet dieser schweren psychischen Erkrankung das Stigma schlicht¬† hausgemachter Probleme oder mangelnder Belastbarkeit an.

Ursachen

“Dass oftmals die Pers√∂nlichkeit als Basis f√ľr Schizophrenie herhalten muss, geh√∂rt wohl zu den gravierendsten Fehleinsch√§tzungen”, warnt W. Fleischhacker, Leiter der Uni-Klinik f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie an der Med-Uni Innsbruck. Doch bis zu 70% des Risikos an Schizophrenie zu erkranken, verorten Forscher in den Genen. Doch “..jeder einzelne Risikofaktor birgt nur einen winzigen Bruchteil in sich. Erst wenn alle zusammenkommen, bricht die Krankheit aus; dazu geh√∂ren neben den Hirnver√§nderungen auch umweltbedingte Faktoren”, sagt Fleischhacker.

Tats√§chlich beginnt der “Kampf im Kopf”, den immerhin 80.000 √Ėsterreicher wenigstens einmal im Leben ausfechten, h√§ufig mit belastenden Einfl√ľssen wie Schulschwierigkeiten, Drogen oder Liebeskummer. Und fast immer geschieht dies bereits in der Pubert√§t – jener Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen massiven Umbau erf√§hrt und f√ľr das weitere Leben general√ľberholt wird. Die Kombination aus erblicher Veranlagung, belastender Erfahrung und mentaler Verletzlichkeit scheint schlie√ülich zu veranlassen, dass einige Schaltkreise der 100 bis 200 Milliarden Nervenzellen im Gehirn in Unordnung geraten. Gew√∂hnlich transportieren die Neuronen Informationen durch Seh-, Sprach-, Wahrnehmungs- sowie Bewertungs- und Gef√ľhlszentren. Die √úbergabe erfolgt mithilfe von Botenstoffen, die jeder Information eine Bedeutung geben: So entscheidet das Serotonin im Gef√ľhlszentrum √ľber Gl√ľck oder Tristesse, Glutamat reguliert die Erregbarkeit und Dopamin steuert im limbischen System Lernen und Motivation – ein hochkomplexes System, das empfindlich auf Abweichungen reagiert. Fehlt etwa Serotonin, entsteht Depression. “Nennen Sie es Seele oder Psyche: Was den Menschen ausmacht, ist das Ergebnis von zellul√§ren, biochemischen und elektrischen Prozessen in den Neuronenschaltkreisen des Gehirns”, beschrieb der Neurochirurg Volker Sturm aus K√∂ln die Vorg√§nge einst.

Diese Aussage trifft f√ľr Schizophrenie-Patienten: “Denn bei ihnen ger√§t das ganze philharmonische Orchester der Neurochemie in Missklang”, wie es der Wiener Leiter der Uni-Klinik f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie Siegfried Kasper ausdr√ľckt. Den gr√∂√üten Anteil tr√§gt Dopamin. Im Motivationszentrum schie√üt es, vermutlich gesteuert durch Glutamat, √ľber und verursacht die so typischen Wahnvorstellungen. Zugleich aber mangelt es in den Hirnarealen, wo Informationen interpretiert und emotional bewertet werden sowohl an Dopamin als auch an Serotonin. “Das aber ist sehr viel schlimmer als die auff√§lligen Psychosen”, sagt Kasper. Sie l√∂sen einen massiven R√ľckzug von Freunden und Familie, Konzentrations- und Kommunikationsverlust aus, durch die sich die Patienten “kaum noch erreichen lassen”. Zumal durch den Serotoninmangel auch die Ausbildung neuer Nervenzellverbindungen nachl√§sst. Es beginnt ein biochemischer wie sozialer Teufelskreis, der, wenn er nicht gestoppt wird, die Menschen in Isolation treibt.

Behandlung

Dieser Prozess l√§√üt sich jedoch aufhalten. Gerade die (nicht mehr ganz so) “neuen” Antipsychotika regulieren sowohl den Dopamin- als auch den Serotoninspiegel sensibel und vergleichsweise nebenwirkungsfrei. Vor allem dann, wenn die Schizophrenie rechtzeitig erkannt und medikament√∂s behandelt werde, k√∂nnten die meisten ein mehr oder weniger erf√ľlltes Leben f√ľhren, so Fleischhacker. Doch genau da liegt das Problem: Meist vergehen bis zu drei Jahre, bis er Patienten zu Gesicht bekommt. H√§ufig schieben die Betroffenen den Arzt- oder Therapeuten-Besuch lange vor sich her, was der Krankheit viel Zeit gibt, sich in der Psyche “einzurichten”. H√§ufig t√§uschen vor√ľbergehende Phasen der Erholung, die den ersch√∂pfenden Anf√§llen folgen. Fatalerweise aber werden die Sch√ľbe unbehandelt meist schlimmer, die Wahnvorstellungen verfestigen sich, w√§hrend die F√§higkeit, die eigene Krankheit zu erkennen, schwindet, und damit auch die Bereitschaft, sich behandeln zu lassen.

Die Experten dr√§ngen daher auf eine begleitende Psychotherapie. “Sie lehrt Betroffene mit ihrer Erkrankung umzugehen, sch√ľtzt sie vor Isolation, aber vor allem lernen sie, Vorboten der m√∂glichen R√ľckf√§lle zu erkennen”, so Fleischhacker. Denn eine Psychose taucht keinesfalls aus dem Nichts auf – sie k√ľndigt sich an. Studien aus Deutschland zeigen eindrucksvoll, dass R√ľckf√§lle um mehr als 30 Prozent sinken, nehmen Patienten wie auch Angeh√∂rige eine solche Therapie in Anspruch.

Mythen und Fakten

“Nur wenige Menschen erkranken an Schizophrenie.”

Etwa einer von 100 Menschen erleidet im Laufe seines Lebens zumindest einen solchen Krankheitsschub.

Schizophrene hören Stimmen.

Das “Stimmen h√∂ren” ist tats√§chlich ein h√§ufiges Symptom, das w√§hrend der akuten Krankheitssch√ľbe auftritt. Zwischen den Sch√ľben aber leben und empfinden die Patienten so rational wie Gesunde auch.

Schizophrene haben eine gespaltene Persönlichkeit.

Es wohnen nicht zwei Menschen in einer Seele. Vielmehr ist der Patient sich seiner Wahrnehmungen durchaus bewusst und nicht selten hat er gro√üe Angst davor. Viele Schizophrene ziehen sich deswegen aus ihrem sozialen Umfeld zur√ľck.

F√ľr Schizophrenie gibt es keine Heilung.

Die meisten Patienten lassen sich gut durch Medikamente und psychosoziale Ma√ünahmen therapieren. Es gibt kaum Patienten, die dauerhaft station√§r behandelt werden m√ľssen. Viele Schizophrenie-Patienten leben selbst√§ndig und in Beziehungen, sind zum Teil in die Arbeitswelt eingegliedert.

Zum Weiterlesen:
Amen, D.: “Das gl√ľckliche Gehirn” – √Ąngste, Aggressionen und Depressionen √ľberwinden – So nehmen Sie Einfluss auf die Gesundheit Ihres Gehirns
Hell, D. & Sch√ľppbach, D.: “Schizophrenien” – : Ein Ratgeber f√ľr Patienten und Angeh√∂rige
Greenberg, J.: “I never promised you a Rose Garden” (Roman, engl.)

(Quelle: Eintrag basiert auf einem Artikel in der Zeitung ‘Der Standard’ v. 22.08.2011; Image src:medindia.com)

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