Sep 23
Psychotherapie mit Bitcoins bezahlen.

(img: Coindesk.com)

Eigentlich besteht die M√∂glichkeit bereits seit Monaten, doch erst jetzt fand ich Zeit, dar√ľber einen Blog-Beitrag zu verfassen. ūüôā Wie schon bei dem von mir vor beinahe 20 Jahren ins Leben gerufenen Selbsthilfe-Forum handelt es sich dabei wieder einmal um eine “Pionier-Aktion” innerhalb meines Berufsfeldes, auch hier bin ich auf Ihre R√ľckmeldungen und Gedanken gespannt.

Im Sinne meiner KlientInnen und h√∂chstm√∂glicher Vertraulichkeit, aber auch als Beitrag zur weiteren Etablierung von Kryptow√§hrungen (=verschl√ľsselter und sicherer elektronischer Zahlungsalternativen) biete ich als erster Psychotherapeut und Coach im deutschsprachigen Raum seit Jahresbeginn die Bezahlung mit Bitcoins (BTC) sowie Monero (XMR) an.

“Wer braucht das?”, k√∂nnte man fragen. Ein Hauptgrund k√∂nnte z.B. die M√∂glichkeit sein, die Online-Beratung der Website 100%-ig anonym zu nutzen. So kann unter Verwendung der hochsicher verschl√ľsselnden W√§hrung Monero (XMR) f√ľr diese Leistung bezahlt und danach eine komplett anonymisierte Beratung etwa √ľber verschl√ľsselte Emails oder Video-Kan√§le (Telegram Messenger & Co.) in Anspruch genommen werden.

Doch auch die Rolle von Bitcoin & Co. als alternatives Zahlungsmittel finde ich faszinierend, und ich möchte dieses im Rahmen meiner Tätigkeit fördern, auch wenn es mir im Grunde keinen Vorteil bringt.

Es ist heutzutage bereits recht einfach, herk√∂mmliches Geld in Crypto-Geld zu wechseln. Sogar die √∂sterr. Post und Trafiken bieten entsprechende Coupons an, die man nach einer Einl√∂sung bei einschl√§gigen Firmen (f√ľr die genannten: online bei Bitpanda) in Bitcoins wechseln kann. Was viele Anbieter noch daran hindert, diese zus√§tzliche Zahlungsm√∂glichkeit anzubieten, ist das vielerorts noch fehlende technische Verst√§ndnis daf√ľr (vergleiche “Internet-Revolution” der 90er-Jahre), die noch relativ kompliziert abzuwickelnden Zahlungsvorg√§nge (obwohl es sogar bereits Kreditkarten gibt, die ausschlie√ülich auf Bitcoin beruhen, aber “regul√§res” Geld auszahlen, z.B. BitPay, TenX,..) sowie die bis dato noch relativ hohen Kursschwankungen. Die Gr√ľnde f√ľr meine Entscheidung des Anbietens waren, dass ich mir das erforderliche technische Wissen angeeignet habe ūüėČ , die Transfers relativ einfach online abgewickelt werden k√∂nnen, sowie die Einsch√§tzung der Crypto-Wertentwicklung insgesamt: diese steigt seit Jahren kontinuierlich an, etwaige Kursverluste werden durch weitere Anstiege i.d.R. sp√§testens nach einigen Wochen wieder ausgeglichen. Und f√ľr meine Klienten ist das Honorar tagesaktuell ja exakt dasselbe wie der t√§gliche Umrechnungskurs vorgibt: es wird auf meiner Website transparent angef√ľhrt. Vor allen Dingen aber m√∂chte ich die Implikationen dieses neuen Zahlungssystems f√∂rdern und unterst√ľtzen: vollkommen frei und unabh√§ngig von Banken, Zahlungsdienstleistern oder staatlichen Regulierungsbeh√∂rden, absolut sicher, transparent, schnell, geringe Geb√ľhren, inflationssicher, dezentral und demokratisch.

Wer also bereits Bitcoins oder Monero einsetzt oder eine √úberweisung auf diesem Wege versuchen m√∂chte, ist herzlich dazu eingeladen, von diesem neuen Zahlungsweg Gebrauch zu machen! ūüôā

Sep 10

Ein derartiges Eingest√§ndnis durch einen kirchlichen W√ľrdentr√§ger w√§re vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen. Hut ab vor dem Mut des Papstes, dies mit der √Ėffentlichkeit zu teilen.

Papst Franziskus: Psychotherapie hat mir sehr geholfen.

Papst Franziskus: “Therapie hat mir sehr geholfen.”

Dec 18

Dies ist ein “Sammeleintrag” √§hnlich meinen Blog-Eintr√§gen zu den Themen “Partnersuche“, “Suizid” oder “Autismus“, in denen ich Forschungsergebnisse zum pers√∂nlichen, gesellschaftlichen oder sozialversicherungsm√§√üigen Gewinn durch Psychotherapie sammle. Falls Ihnen einschl√§gige Studien bekannt sind, die hier noch nicht gelistet sind, f√ľge ich sie nach einer kurzen E-Mail gerne hinzu.

  • Rund 20% der Kinder und Jugendlichen in Europa leiden an psychischen Erkrankungen, die einschr√§nkend wirken und daher als krankheitswertig und behandlungsbed√ľrftig zu bezeichnen sind (WHO 2005). Man darf auf Basis des heute verf√ľgbaren Wissens √ľber √Ątiologie, therapeutische Beeinflussbarkeit und den Verlauf psychischer St√∂rungen jedoch davon ausgehen, dass der Gro√üteil dieser psychischen St√∂rungen erfolgreich psychotherapeutisch behandelbar w√§re (Mattejat F (2004): Perspektiven einer entwicklungsorientierten Psychotherapie. In: Lehmkuhl U, Lehmkuhl G (Hrsg). Fr√ľhe psychische St√∂rungen und ihre Behandlung. Vandenhoeck & Ruprecht, G√∂ttingen; Schmidt MH (2004) Verlauf psychischer St√∂rungen bei Kindern und Jugendlichen. Deutsches √Ąrzteblat 101: 38)
  • 1 Euro f√ľr Therapie = 4 Euro “Gewinn”: jeder Euro, der in die Behandlung von Depression und Angstst√∂rungen flie√üt, stehen 4 Euro “Gewinn” durch die Aufrechterhaltung der Erwerbsf√§higkeit und Vermeidung von Folgekosten (von Arbeitsplatzverlust √ľber physiologische Erkrankungen, Gewalt, Drogenmi√übrauch etc.) gegen√ľber. In der Lancet-Studie (04/2016) wurden unter “Therapie” alle Ma√ünahmen von ausschlie√ülich medikament√∂ser Behandlung √ľber psychosoziale Ma√ünahmen bis Psychotherapie zusammengefa√üt.
  • Fr√ľhe Psychotherapie wirkt im “Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology” publizierten Studien zufolge besser als Medikamente f√ľr Kinder, die an ADHS leiden (Details, Studie 1, Studie 2).
  • Die meisten psychischen St√∂rungen sind wiederkehrend und chronifizieren, wenn sie unbehandelt bleiben (Baltesberger C., Grawe K (2001): Psychotherapie unter gesundheits√∂konomischem Aspekt. Zeitschrift f√ľr Klinische Psychologie und Psychotherapie 30 (1): 10-21, Hogrefe-Verlag, G√∂ttingen). Margraf fasst die epidemiologischen Daten v.a. der Angstst√∂rungen und Depressionen mit den Kostendaten in Deutschland und der Schweiz so zusammen: “Statt fr√ľh, ambulant und kosteng√ľnstig werden psychische St√∂rungen sp√§t, station√§r und teuer behandelt.”
  • Die Nicht-Durchf√ľhrung bzw. Nicht-Miteinschlie√üung von Psychotherapie im Versorgungssystem kommt teuer: den Milliardenkosten (gesch√§tzt 2,8 Mrd. Euro laut Arbeiterkammer (Juli 2008), die¬†in √Ėsterreich durch psychische St√∂rungen j√§hrlich verursacht werden, stehen Aufwendungen f√ľr Psychotherapie von rund 45 (!) Millionen Euro gegen√ľber.
  • Laut Hauptverband der Sozialversicherungstr√§ger sind die Verschreibungen f√ľr Antidepressiva f√ľr die Alterstruppe von 5-19 Jahren allein vom Jahr 2006 bis 2007 um 11.461 gestiegen, auch im Bereich der Anxiolytika (Angst-Medikamente) war in dieser Altersgruppe ein Anstieg innerhalb nur eines Jahres um 1.916 Verschreibungen zu verzeichnen. Eine psychotherapeutische Behandlung w√ľrde in vielen dieser F√§lle nicht nur eine Alternative zur rein psychopharmakologischen Behandlung darstellen, sondern sie w√§re, da in der Psychotherapie grundlegend an der Problemanalyse, -bew√§ltigung und Verbesserung der Entwicklungsbedingungen gearbeitet wird, auch aus ethischen Gesichtspunkten vorzuziehen. Auch ein “Immunisierungseffekt” gegen psychische St√∂rungen gelingt in aller Regel deutlich besser √ľber Psychotherapie denn √ľber die symptombezogene Einnahme von Medikamenten.

Falls Sie evt. relevante Studienergebnisse √ľber den Nutzen von Psychotherapie fanden, die hier noch nicht angef√ľhrt sind, w√§re es im Sinne der allgemeinen N√ľtzlichkeit dieses Artikel nett, wenn Sie auf diese im Kommentarbereich hinweisen k√∂nnten. Danke!

 

May 08

Eine Kombination spezifischer Abstinenz-Medikation und von Psychotherapie kommt in der Behandlung von Alkoholabh√§ngigen derzeit noch selten zum Einsatz. Doch eine neue Studie zeigt, dass sich die Kombination beider in gestuften Behandlungsprogrammen bew√§hrt: erhalten die Betroffenen zun√§chst Medikamente und anschlie√üend auch psychotherapeutische Betreuung, lassen sich schwere R√ľckf√§lle reduzieren oder deutlich hinausz√∂gern.

Entscheidend f√ľr den Behandlungserfolg ist aber eine hohe Motivation zur Psychotherapie.

“Bisher werden Alkoholabh√§ngige in Deutschland vorwiegend von Suchtberatern betreut”, sagt Dr. M. Berner, OA an der Klinik f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie des Universit√§tsklinikums: “Erst seit wenigen Jahren √ľbernehmen die Krankenkassen auch die Kosten f√ľr st√∂rungsspezifische, evidenzbasierte Psychotherapien. Nach wie vor lehnen jedoch viele Therapeuten alkoholabh√§ngige Klienten aufgrund vermeintlich geringer Behandlungschancen ab.” √Ąhnliches gelte f√ľr sogenannte Anti-Craving-Medikamente, die das Verlangen nach Alkohol reduzieren k√∂nnen. Auch sie geh√∂ren bislang nicht zur Standardbehandlung.

Doch in einer gemeinsamen Studie (p=109) der Universit√§tskliniken Freiburg, T√ľbingen und Mannheim konnte gezeigt werden, dass eine Kombination von Anti-Craving-Medikamenten und Psychotherapie bei bisherigen R√ľckfall-Patienten die n√§chsten R√ľckf√§lle hinausz√∂gern kann. Bereits die Einnahme von Medikamenten allein verdoppelte die Chance, abstinent zu bleiben. Wurden die Patienten jedoch zus√§tzlich psychotherapeutisch betreut, vervierfachte sich die Wahrscheinlichkeit dauerhafter Abstinenz.

Doch nur 33 Betroffene traten die Therapie tats√§chlich an: “Die prinzipielle Bereitschaft zur Therapie gen√ľgt nicht”, so Dr. Berner: “Oft fehlt die Willenskraft, den Plan auch umzusetzen und einen fremden Therapeuten aufzusuchen. Hier kann eine enge Kooperation und Vernetzung von behandelnden √Ąrzten und Psychotherapeuten helfen.” Auch die Anpassung der Therapie an die individuellen Bed√ľrfnisse des Patienten sei wichtig. Eine Psychotherapie ohne “Committment” (innere Zustimmung) des Patienten sei nicht sinnvoll.

“Sowohl die Behandlung mit Anti-Craving-Medikamenten als auch die umfassende Information √ľber die M√∂glichkeit psychotherapeutischer Betreuung sollten unbedingt zu selbstverst√§ndlichen Bestandteilen der Behandlung von Alkoholabh√§ngigkeit werden”, fordert Berner. Zu diesem Zweck m√ľsse jedoch Alkoholabh√§ngigkeit tats√§chlich als psychische St√∂rung begriffen werden – auch durch die √Ėffentlichkeit. H√§ufig werden n√§mlich Patienten mit Alkoholproblemen nicht als Kranke gesehen.

(Quellen: MedAustria; Michael Berner et.al im Fachmagazin Alcoholism: Clinical & Experimental Research: Alcoholism: Clinical and Experimental Research Early View November 2013 (doi: 10.1111/acer.12317))

May 08

Psychische Leiden belasten mehr als körperliche.
(Image src: depressionisreal.com)

 

Kaum eine Situation macht Menschen unzufriedener mit dem Leben als eine psychische Erkrankung.

Richard Layard, Leiter des Wellbeing Programme am Centre for Economic Performance der London School of Economics and Political Science, ver√∂ffentlichte k√ľrzlich das Ergebnis einer Langzeit-Metastudie, demzufolge in Australien, Deutschland und Gro√übritannien psychische Erkrankungen weit st√§rker zum Ungl√ľck von Menschen beitragen als k√∂rperliche Gebrechen. Befragt wurden Personen mit einem Lebensalter von √ľber 25 Jahren.

Es wird gesch√§tzt, dass weltweit etwa jeder Zehnte unter Depressionen und Angstst√∂rungen leidet. Diese psychischen Erkrankungen sind die Ursache von bis zu einem F√ľnftel aller F√§lle von Erwerbsunf√§higkeit. Gleichzeitig befindet sich selbst in reichen L√§ndern weniger als ein Drittel der Betroffenen in therapeutischer Behandlung.

Das Tragische ist, dass Depressionen und Angstst√∂rungen heute mit Psychotherapie erfolgreich behandelt werden k√∂nnten, sagt Richard Layard. Dennoch w√ľrde kaum eine Regierung mehr als 15 Prozent ihres Gesundheitsetats f√ľr die Behandlung seelischer Erkrankungen ausgeben “Das ist diskriminierend f√ľr psychisch Erkrankte im Vergleich zu k√∂rperlich Erkrankten und zudem auch wirtschaftlich unvern√ľnftig”, sagen der Wohlfahrts√∂konom Layard und seine Kollegen. W√ľrden mehr psychisch Kranke gut behandelt werden, k√∂nnten Kosten f√ľr Sozialhilfe gespart werden und es w√ľrden weniger Steuereinnahmen aufgrund der Erwerbsunf√§higkeit vieler Arbeitnehmer verloren gehen. Layard: “In reichen L√§ndern w√§re wahrscheinlich eine f√ľr die Staatskassen kostendeckende Behandlung der von psychischen Leiden Betroffenen m√∂glich”.

Jeder Dritte hatte 1x jährlich mit psychischen Störungen zu kämpfen

Jeder 3. Erwachsene, also ca. 15 Millionen Menschen, erkrankten in Deutschland allein im Verlauf der letzten 12 Monate an mindestens einer psychischen St√∂rung. Die meisten davon leiden an Angstzust√§nden, Depressionen oder somatoformen St√∂rungen. Maximal 10% von ihnen erhielten jedoch eine wissenschaftlich anerkannte Psychotherapie, was die Lebensqualit√§t der Betroffenen reduziert, die daraus resultierenden Fehlbehandlungen wiederum belasten die Gesundheits- und Sozialsysteme, da die Krankheitstage zunehmen und PatientInnen fallweise vorzeitig berentet werden m√ľssen. Die Bundesanstalt f√ľr Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit sch√§tzt den durch psychische Erkrankungen resultierenden Verlust an Arbeitsproduktivit√§t auf acht Milliarden Euro j√§hrlich.

“Psychische und psychosomatische Krankheiten sind keine blo√üen Befindlichkeitsst√∂rungen. Sie m√ľssen fr√ľhzeitig professionell behandelt werden, da sie sonst chronisch werden k√∂nnen und oft zu biologischen Ver√§nderungen im Gehirn und im √ľbrigen K√∂rper f√ľhren. Die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) betont, dass 40 bis 60 Prozent der durch ambulante Psychotherapie behandelten Patienten nachweislich profitieren. Ambulante Psychotherapien umfassen im Mittel 46 Sitzungen und kosten im Durchschnitt ca. ‚ā¨ 3700,-/Patient. Hilfesuchende Menschen brauchen jedoch zun√§chst niedrigschwellige und qualifizierte Anlauf- und Vermittlungsstellen.

Prof. Cornelia Albani, Leiterin der Sinova-Klinik f√ľr Psychosomatische Medizin in Aulendorf: “In einer repr√§sentativen Befragung konnten wir nachweisen, dass jene Menschen, die sich f√ľr eine ambulante psychotherapeutische Behandlung entscheiden, deutlich durch die Erkrankungen belastet sind und einen sehr hohen Leidensdruck versp√ľren”. In der Regel seien es schon l√§nger und psychisch schwer erkrankte Patienten mit hoher Krankheitslast. 84% dieser Menschen sch√§tzten beispielsweise ihre eigene psychische Verfassung vor der Therapie als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das gilt umso mehr, wenn Patienten dar√ľber hinaus an k√∂rperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs leiden. Erschreckend ist die niedrige Zahl derer, die professionelle Hilfe erhalten ‚Äď obwohl die Wirksamkeit der Psychotherapie bereits hinl√§nglich bewiesen ist. Rund 50% der von Albani et al. Befragten gaben an, dass sich durch die Psychotherapie ihre Arbeitsf√§higkeit und -produktivit√§t gesteigert habe. √Ąhnlich hoch wurde die Besserung der sozialen F√§higkeiten und Beziehungen bewertet. Bei bis zu 60% der behandelten Patienten zeigen sich deutliche Verbesserungen des seelischen Gesundheitszustands ‚Äď und zwar anhaltend und √ľber das Ende der Behandlung hinaus. “Studien haben die besondere Nachhaltigkeit psychotherapeutischer Behandlungen erwiesen. Hier setzten wir uns von rein medikament√∂sen Behandlungsstrategien ab”, so Albani.

Psychische und psychosomatische St√∂rungen entwickeln gerade im Zusammenspiel mit k√∂rperlichen Grunderkrankungen eine besondere Problematik und k√∂nnen sich wechselseitig verst√§rken. Fach√§rzte f√ľr Psychosomatische Medizin k√∂nnen bei der Entscheidung, wie am besten vorzugehen ist, helfen. Hierbei werden k√∂rperliche, seelische und auch soziale Aspekte ber√ľcksichtigt. Doch h√§ufig mangelt es an effizienten Diagnose- und Behandlungsm√∂glichkeiten sowie fl√§chendeckender Versorgung: ‚ÄěAngesichts der vielen Betroffenen besteht die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen f√ľr diese Patientengruppe‚Äú, so DGPM-Pr√§sident Professor Dr. J. Kruse, √Ąrztlicher Direktor der Klinik f√ľr Psychosomatik und Psychotherapie in Gie√üen.

(Quellen: MedAustria, SOEPpanel 2013 (s.a. http://www.diw.de/soeppapers); DGPM-Pressemitteilung 02/2013)

Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und gr√∂√üeren Schw√§chen st√§rker ver√§nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “Neuroplastizit√§t” oder “neuronalen Plastizit√§t“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh√§ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver√§ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizit√§t oder kortikaler Plastizit√§t. Die Grundlagen f√ľr diese Entdeckung der Anpassungsf√§higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der Universit√§t Z√ľrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Ver√§nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergr√∂√üern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests best√§tigen, dass schon die blo√üe Vorstellung Hirnreale vergr√∂√üern l√§sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa lie√ü Freiwillige ein simples Klavierst√ľck √ľben und untersuchte anschlie√üend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher f√ľr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergr√∂√üerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch st√§rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar st√§rker – unsere F√§higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierst√ľck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier ver√§nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tats√§chlich √úbenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings k√∂nnen also offenbar physiologische Ver√§nderungen des Gehirns durch Ver√§nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
Verbl√ľffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er f√§hig, realistische Bilder von Geb√§uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen √§hnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und k√∂nnen zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. St√ľck f√ľr St√ľck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz pers√∂nlichen Ziele und Bed√ľrfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erkl√§rt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen St√∂rungen unterst√ľtzende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, k√∂nnen auch negative Gedanken gezielt √ľberwunden werden k√∂nnen. Werden jene Gedanken √ľberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann √ľber die Funktion der Neuroplastizit√§t eine physiologische √Ąnderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische M√∂nche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der Neuroplastizität auch nach Schlaganfällen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei Lähmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwähnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizität scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere B√ľcher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf РTV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, Kultureinfl√ľsse, aber auch Jonglieren ver√§ndert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: √ľber Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu ver√§ndern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

Dec 01

Einem Essener Psychotherapeuten wurde Berufsverbot erteilt, da er im Jahre 2008 mit einer Langzeitklientin intim geworden war. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen bestätigte nun dieses Urteil und wies die Berufung des Therapeuten ab.

Und ich finde das auch ganz gut so. Wie widrig die Umst√§nde auch sein m√∂gen, wie manipulativ sich auch manche Abl√§ufe in Psychotherapien mitunter gestalten: ein(e) Psychotherapeut(in) sollte in jeder Situation “Herr(in) der Lage” bleiben, das Vertrauensverh√§ltnis muss funktions- und tragf√§hig bleiben.

Referenzen:
https://plus.google.com/107937498049518094865/posts/YiBR4JNx1yS
http://www.derwesten.de/staedte/essen/laut-richterurteil-ist-sex-mit-patientin-absolut-tabu-id6123061.html

(Bildquelle: treatment4addiction.com)

Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewisserma√üen eine √úbersicht √ľber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Sch√§tzungen stirbt j√§hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tats√§chlich d√ľrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich h√∂her liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen L√§ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid tr√§gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesf√§llen bei und ist die zehnth√§ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, f√ľr das Daten verf√ľgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gef√§hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine √Ąnderung ergeben hat, und √§ltere Menschen, bei denen ein deutlicher R√ľckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalit√§t: innerhalb Europas liegen die Raten in den n√∂rdlichen L√§ndern generell etwas h√∂her als in den s√ľdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der t√§glichen Sonnenscheindauer schlie√üen l√§sst. Dennoch k√∂nnen andere L√§nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Gro√übritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesf√§lle auf Selbstt√∂tung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der¬†die Suizidh√§ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal geh√§uftes Auftreten von Suiziden erkl√§rt werden k√∂nnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” ver√∂ffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in j√ľngster Zeit in S√ľdkorea angestiegen: n√§mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbstt√∂tungen von M√§nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betr√§gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am h√∂chsten. Die OECD f√ľhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Aufl√∂sung der traditionellen Familienbindungen zur√ľck. Ob das allerdings S√ľdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegen√ľber den anderen L√§ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zur√ľckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach S√ľdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine √ľberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und √Ėsterreich (12,6; 27/100000 bei M√§nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegen√ľber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Gro√übritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den √ľbrigen OECD-L√§ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier t√∂ten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widerspr√ľchliche Daten zur sog. Gl√ľcklichkeitsforschung f√∂rderte bemerkenswerterweise allerdings eine¬†Studie zutage, die Zusammenh√§ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen L√§ndern die Selbstmordrate trotz gro√üer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabh√§ngig von harten Wintern, religi√∂sem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen L√§ndern (mehr):

Eine Erkl√§rungsm√∂glichkeit f√ľr diesen vordergr√ľndigen Widerspruch k√∂nnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid st√§rker empfunden wird. Gesellt sich zum pers√∂nlichen Lebensungl√ľck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses ver√§ndern zu k√∂nnen, kann Suizid von bestimmten Pers√∂nlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu √Ėsterreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. J√§hrlich sterben in √Ėsterreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 w√§hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamt√∂sterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erw√§hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Stra√üenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in √Ėsterreich immer weniger Autopsien durchgef√ľhrt werden, sinkt die M√∂glichkeite, Suizide von nat√ľrlichen Todesf√§llen zu unterscheiden. So zeigen sich in L√§ndern mit den h√∂chsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn h√∂here Suizidraten als in L√§ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in L√§ndern, in denen Autopsieraten zur√ľckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken √ľberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industriel√§ndern betr√§gt das Geschlechterverh√§ltnis bez√ľglich des Suizids etwa zwei bis vier (M√§nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische L√§nder zeigen ein kleineres Verh√§ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als M√§nner durch Suizid.

Risikofaktoren f√ľr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • m√§nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 M√§nnern, 5,2 bei Frauen)
  • fr√ľhere Selbstverletzungen
  • Homosexualit√§t
  • psychiatrische St√∂rungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Milit√§rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben √Ąnderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit h√∂herem Suizidrisiko verkn√ľpft, das Risiko ist jedoch gr√∂√üer, wenn der niedrigere Spiegel √ľber Di√§ten anstatt √ľber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herr√ľhren k√∂nnte, dass Di√§t haltende Menschen ein h√∂heres Risiko f√ľr psychische Probleme h√§tten. Bislang jedoch l√§gen hierf√ľr keine bekr√§ftigenden Hinweise vor. Famili√§re Vorgeschichten mit Selbstt√∂tungen verdoppeln zumindest das Risiko f√ľr M√§dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar d√ľrftig ist, sind ein hohes Ma√ü an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivit√§t mit einem erh√∂hten Suizidrisiko verkn√ľpft. Suizidraten nehmen √ľber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf m√ľtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbesch√§ftigten h√∂her als bei Berufst√§tigen. H√∂here Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verkn√ľpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufst√§tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erh√∂htes Risiko: praktische √Ąrzte haben in den meisten L√§ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch √Ąrztinnen generell das h√∂chste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den √Ąrzten gelten An√§sthesisten als besonders gef√§hrdet, denn f√ľr viele Suizide werden bet√§ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahn√§rzte, Apotheker, Tier√§rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten L√§ndern unter den √§lteren Menschen am h√∂chsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der j√ľngeren Bev√∂lkerung gestiegen, insbesondere bei M√§nnern. Suizide werden am h√§ufigsten im Fr√ľhling ver√ľbt, auch da besonders unter M√§nnern. Im Fr√ľhling oder Fr√ľhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erh√∂htes Suizidrisiko. Amerikaner europ√§ischer Herkunft haben h√∂here Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls h√∂here Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und st√§rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal h√∂her als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualit√§t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen M√§nner eher gewaltt√§tige Mittel der Selbstt√∂tung (zum Beispiel durch H√§ngen oder Erschie√üen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erkl√§rung f√ľr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen M√§nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich h√§ufig erfolgen. Verschiedene Bev√∂lkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in S√ľdasien verbrennen sich Frauen √ľblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden k√∂nnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat f√ľhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am h√∂chsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den l√§ndlichen Gebieten vieler Entwicklungsl√§nder ist das Verschlucken von Pestiziden die h√§ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verf√ľgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind Fr√ľhwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbstt√∂tungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst t√∂ten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer St√∂rung litten. Depressionen erh√∂hen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose h√§ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt √ľberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterst√ľtzung. Das hei√üt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine ad√§quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbstt√∂tung bei Depressionskranken beinhalten fr√ľhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer St√∂rung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am h√∂chsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsst√∂rung (ADHS) und k√∂rperdysmorphe St√∂rung (KDS) erh√∂hen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erkl√§rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergr√∂√üernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. √úberraschenderweise weisen Menschen mit erh√∂htem Body-Mass-Index BMI ein zwar st√§rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent R√ľckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter K√∂rperoberfl√§che beim BMI). Die Gr√ľnde hierf√ľr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen k√∂rperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch √ľber die Kindheit hinweg, die gesamte Bev√∂lkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erh√∂htem Risiko, und Suizidh√§ufungen k√∂nnen in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren f√ľgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die √ľber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bev√∂lkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen k√∂nnen.”

J√ľngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, da√ü Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren k√∂nnen. Dazu konnten Sie hier im Blog schon fr√ľher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich h√∂her als bei √Ąlteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen daf√ľr liegen h√§ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im fr√ľhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizit√§t auf und ist durch √§u√üere Einfl√ľsse sehr ver√§nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachl√§ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren f√ľr sp√§tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzuf√ľgen. Das Ausdr√ľcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstm√∂rder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund f√ľr die immer fr√ľher auftretenden Depressionen nennen Experten die fr√ľhere Pubert√§t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es f√ľr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu √ľberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu k√∂nnen, w√§re ein schwierig zu erf√ľllender, da eine gro√üe Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tats√§chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien k√∂nnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bev√∂lkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbstt√∂tungsgedanken und ‚Äďpl√§nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschl√§gige Ausbildung und Vorgangsweise von √Ąrzten wichtig: Studien aus den nordeurop√§ischen L√§ndern belegen einen R√ľckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemein√§rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In F√§llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Ma√ünahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und √úberwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Au√üerdem m√ľssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verkn√ľpften psychiatrischen St√∂rung eingeleitet werden.

Auch eine Ver√§nderung des allgemeinen Zugangs zu gef√§hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einf√ľhrung von Sicherheitsgittern auf Br√ľcken und verst√§rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den l√§ndlichen Gebieten der Entwicklungsl√§nder k√∂nnen die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, k√∂nnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, da√ü Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden w√ľrden, ihr Ziel umzusetzen, mag √ľberrascht sein, da√ü z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbstt√∂tungen drastisch zur√ľckgingen, w√§hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit h√∂chste Suizidrate und konnte diese durch Pr√§ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschl√§ge und Hinweise f√ľr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung S√ľdkoreas (das j√ľngst den weltweit st√§rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mu√üte, siehe oben) zur Pr√§vention u.a. auch Internet-Sperren einf√ľhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen √ľber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage daf√ľr geschaffen werden, dass die Polizei die pers√∂nlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen √ľber Selbstmord gel√∂scht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsl√§ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industriel√§ndern erfolgt, die h√∂chste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsl√§ndern zu finden ist. Auch wird von einschl√§gig Forschenden auch eine j√ľngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten l√§sst, dass das Risiko f√ľr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit St√∂rungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angeh√∂rige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht pl√∂tzlich zur√ľckzieht, gedr√ľckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Pr√§suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen dar√ľber zu sprechen. Dennoch sind die M√∂glichkeiten der Angeh√∂rigen h√§ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von au√üen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich √ľberfordert f√ľhlt oder das Gef√ľhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu k√∂nnen.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen F√§llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erh√§rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische St√∂rungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen St√∂rungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben f√ľhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben k√∂nnen. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen k√∂nnen mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausf√ľhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfa√üt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom Рerkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-√úberlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

Sep 09

√Ąrzte, Pfleger, Sozialarbeiter und Therapeuten wollen, so das Klischee, “helfen”: doch dabei laufen sie h√§ufig Gefahr, selbst zu erkranken.

Tats√§chlich sind stressbezogene Gesundheitsst√∂rungen unter im Gesundheitswesen T√§tigen weit verbreitet, doch ein ‚ÄěBurnout‚Äú kann grunds√§tzlich jeden Arbeitnehmer treffen. Professionelle Helfer wie √Ąrzte, Pflegepersonal oder Therapeuten haben aber ein besonders hohes Risiko, zu erkranken. Und bei professionellen Helfern, die im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie t√§tig sind, ist es der Statistik zufolge am gr√∂√üten. Psychiater etwa berichten h√§ufiger √ľber ‚ÄěBurnout‚Äú, Depression und andere psychische Erkrankungen als andere √Ąrzte. Berufsanf√§nger sind ganz besonders anf√§llig f√ľr stressbedingte Gesundheitsst√∂rungen. 76% der Assistenz√§rzte leiden an ‚ÄěBurnout‚Äú-Symptomen wie emotionaler Ersch√∂pfung oder Demotivation. Aufgrund der oftmals idealisierten Vorstellungen von ihrem Beruf ist der Einstieg ins Berufsleben von jungen √Ąrzten und Therapeuten daher h√§ufig mit Entt√§uschungen verbunden.

Darauf macht die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) aufmerksam. Den Grund sieht die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft im zunehmenden Kostendruck im Gesundheitswesen bei gleichzeitig steigenden Qualit√§tsanforderungen und Behandlungsf√§llen pro Helfer. Hinzu komme, dass die therapeutischen Beziehungen im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie emotional belastend sein k√∂nnen. Nicht haltbar sei die These, dass gerade diejenigen das Berufsfeld Psychiatrie und Psychotherapie w√§hlen, die eine Neigung zu psychischen Erkrankungen haben. Wichtig ist es, Anzeichen f√ľr ein ‚ÄěBurnout‚Äú fr√ľh zu erkennen und entgegenzusteuern. Denn zu sp√§t erkannt, k√∂nnen Ersch√∂pfungszust√§nde in einer depressiven Erkrankung m√ľnden. Die DGPPN empfiehlt das eigene Zeitmanagement zu verbessern, Delegationsm√∂glichkeiten f√ľr Aufgaben zu nutzen oder auch mal ‚ÄěNein‚Äú zu sagen sowie exzessive √úberstunden zu vermeiden. Hilfreich kann zudem eigene psychotherapeutische Unterst√ľtzung sein, in der Betroffene ihre oftmals eingefahrenen Einstellungs- und Verhaltensmuster hinterfragen k√∂nnen, die zu dem emotionalen und k√∂rperlichen Ersch√∂pfungszustand gef√ľhrt haben. Sie lernen, wie sie mit Stress besser umgehen und auf ihren K√∂rper h√∂ren k√∂nnen.

Das Thema ‚ÄěBurnout‚Äú und ‚ÄěBurnout bei professionellen Helfern in der Psychiatrie und Psychotherapie‚Äú geh√∂rt zum Programm des diesj√§hrigen DGPPN-Kongresses im November 2011 in Berlin. Der Kongress z√§hlt mit mehr als 10.000 erwarteten Teilnehmern inzwischen zur gr√∂√üten Fachtagung auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen.

(Quelle: MedAustria, DPPPN-Kongress-Website; Image src:theworkingcaregiver.wordpress.com)

Sep 09

Prof. Dr. Wolfgang Albert, der seit 1987 die Abteilung Psychosomatische Medizin und seit seiner Gr√ľndung (April 2005) das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am Herzzentrum. In seiner Vorlesung ‚ÄěZum Stellenwert der psychosomatischen Medizin in der Herzchirurgie‚Äú schlug Albert eine weite Br√ľcke vom Begriff der Seele ‚Äěals Walten des g√∂ttlichen Prinzips‚Äú √ľber ‚Äědie Seele ist ein leeres Wort‚Äú bis zur modernen Definition der Psychosomatik, in der man ‚Äěkeine Krankheiten, sondern kranke Menschen‚Äú behandelt. Albert betonte, zu allen Zeiten wurden Seele und Herz im Kontext gesehen. Das Herz galt und gilt als Wohnort der Seele und der Liebe, und ist der Lebensmotor. Der Narzissmus jedes Menschen macht sich am Herz fest, das schon das Ungeborene im Mutterleib h√∂rt und beim S√§ugen an der Brust der Mutter lustbesetzt erf√§hrt. Woidera meinte daher ‚Äědas Herz ist das verinnerlichte Mutterprinzip‚Äú. Die moderne Psychosomatik in der Chirurgie befasst sich ebenfalls ausgiebig mit dem Herz, besser mit dem operierten, verlorenen alten und als Spende empfangenen neuen Herz oder unterst√ľtzend ‚Äězugeschalteten‚Äú Kunstherz. Transplantationen oder Implantationen, aber auch eingreifende Herzoperationen bzw. Kathetereingriffe stellen f√ľr den schwer herzkranken Menschen nicht nur k√∂rperlich, sondern auch seelisch eine hochgradige Ausnahmesituation dar, die es umfassend zu verarbeiten gilt. In rund 30 % der F√§lle kommt es zu √Ąngsten (oft Verlust√§ngsten), Schuldgef√ľhlen, Depressionen, Konzentrationsst√∂rungen, regressiver Abwehr, Ich-Schw√§che, die – so Albert – sofortiger psychosomatischer Hilfe bed√ľrfen, um nicht in eine chronisch-dauerhafte St√∂rung einzum√ľnden. Auch Partner, Eltern oder Geschwister sind h√§ufig seelisch stark mitbetroffen und bed√ľrfen psychologischer Hilfe.

Aus Studien am DHZB an 91 Transplantierten, von denen rund 40 % seit √ľber 15 Jahren mit einem neuen Herz leben, empfanden zwei Drittel der Patienten, die zeitweise psychosomatische Hilfsangebote wahrgenommen haben, ihre Lebensqualit√§t als ‚Äěgut bis sehr gut‚Äú, nur 6 % sagten, sie sei ‚Äěschlecht‚Äú. Interessanterweise √§u√üerten die mehr als 20 Jahre √úberlebenden eine bessere Einsch√§tzung als die Referenzgruppe aus der nicht-kranken Bev√∂lkerung. Grenzwertig wird das in einer Notfalloperation implantierte Kunstherz empfunden. Der psychosoziale Schock √ľber das Leben mit einem Kunstherz und der meist damit einhergehende Zusammenbruch s√§mtlicher Lebenskonzepte in beruflicher wie privater Hinsicht bedarf im Einzelfall eingehender psychosomatischer, medikamentengest√ľtzter Gespr√§chstherapie.

Ein 30-j√§hriger Patient, der nur noch eine zehnprozentige Herzfunktion aufwies, wollte nach der Assist-Implantation ‚Äěeinfach nur weglaufen‚Äú und seinen ‚Äěnormalen Alltag zur√ľck haben‚Äú. Erst in vielen Gespr√§chen ‚Äěes war immer ein Ohr f√ľr mich da‚Äú nahm er seine Situation an und befindet sich jetzt komplikationslos in der Rehabilitations-Klinik. Ein 30-j√§hriger herztransplantierter Patient zeigte Panikattacken, Angst, Depression und Realit√§tsverlust, ‚Äěich wollte noch schnell mal verreisen‚Äú. Jetzt hat er nach kurzzeitiger psychosomatischer Therapie die Ausbildung zum Kfz-Meister als Jahrgangsbester abgeschlossen und wird von seinem Dienstherrn in Vollzeit besch√§ftigt. Auch ein 59-j√§hriger Unternehmer, der mit dem weltweit einzig verf√ľgbaren Totalen K√ľnstlichen Herz CardioWest mit seinem sehr lauten Antrieb ausgestattet wurde, berichtete eindrucksvoll, wie er sich mit Unbeherrschtheit, Angst vor der eigenen Zukunft, aber auch der seiner Angeh√∂rigen und ‚Äěvielen negativen Gedanken‚Äú erst mittels zahlreicher therapeutischer Gespr√§che mit der schwierigen neuen Lebenssituation abfand und mit mehr Mut wieder in die Zukunft blicken kann, ‚Äěweil ich Hilfe habe‚Äú.

Professor Berger (Klinik f√ľr Angeborene Herzfehler/Kinderkardiologie) erl√§uterte, dass in seiner Abteilung typischerweise die kleinen Patienten fast m√ľhelos mit problematischen Situationen umgehen, nicht aber die s√§mtliche Hintergr√ľnde und Zukunftsaspekte verstehenden Eltern. Eine zweite Gruppe stellen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern dar, die vielfach psychosomatischer Hilfe bed√ľrfen. Hier kommt es √∂fter zu Abwehrhandlungen, Ausbruchsversuchen aus dem Krankenleben, mit Wut und Verzweiflung in der Pubert√§t. Es sei geplant, in seiner Abteilung dauerhaft einen Psychosomatiker f√ľr diese jungen Menschen zu besch√§ftigen.

Quellen: MedAustria, Deutsches Herzzentrum Berlin; Image:Shutterstock)

11.10.17