Oct 24

Arno Gruen (Foto: SRF, 2015)

Ein großer Versteher der menschlichen Psyche ist von uns gegangen – der Psychoanalytiker und Psychologe Arno Gruen (*1923 in Berlin) ist am 20.10.2015 in Zürich verstorben. Im Alter von 13 Jahren emigrierte Gruen’s jüdische Familie in die USA, wo er später Psychologie studierte und ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in Harlem leitete. 1958 eröffnete er eine psychoanalytische Praxis in New York und promovierte beim Freud-Schüler Theodor Reik. Später folgten Professuren in Neurologie und Psychologie. Seit 1979 lebte und praktizierte Arno Gruen wieder in der Schweiz, unterhielt aber nach wie vor viele Verbindungen in die USA.

Unter dem Eindruck der Geschehnisse in den Konzentrationslagern und der Dynamiken des Faschismus entwickelte Gruen ein tiefes Verständnis für die Funktionsmechanismen von Autorität, Gewalt, Fremdenhass, menschlicher Destruktivität und Angst, widmete sich aber auch aktuellen gesellschaftspolitischen Themen wie etwa dem islamistischen Terrorismus. Er verfaßte in ihrer Tiefe außergewöhnliche Werke, die einen neuen Blick besonders auf die geknechtete menschliche Psyche, die sich häufig unter einer gefühlskalten oder aalglatten Erscheinung verbirgt, eröffnet hat. Mit Gruen geht ein ganz feiner, unaufdringlicher Beobachter der menschlichen Psyche verloren, der mich als praktizierender Therapeut in meinem Tun und meinem eigenen Verständnis der Triebkräfte des Menschseins, der Empathie, den Abgründen der Gewalt und des Extremismus stark beeinflußt hat. Ich hatte vor einigen Jahren brieflichen Kontakt mit Gruen, in dem mich seine Bescheidenheit und sein Bemühen, “da zu sein” und auch da wieder seine Beobachtungsgabe und Einsichtsfähigkeit beeindruckte. Er war kein “Belehrer”, der sich im Glanz der Öffentlichkeit und der Medien sonnte, sondern ein leiser Nachdenker und einfühlsamer Zuhörer, dessen Intensität und Tiefe sich oft erst in dem, was seine Sprache transportierte, erschloß.

Das vorerst letzte Buch “Wider die kalte Vernunft”, einer Kritik der abstrakten Rationalisierung, wird voraussichtlich in wenigen Monaten erscheinen.

Interviews und empfehlenswerte Literatur:

Interview mit Arno Gruen in “Sternstunde Kultur”, 06/2015

 

Jan 11

Tribut für die Todesopfer während der Attacke auf “Charlie Hebdo” am Place de la République (Paris). Bild: Aurelien Meunier/Getty

Der Schock über das Attentat in Paris sitzt tief – und trifft auf ein bereits seit Jahren tief sitzendes, aber immer noch weiter wachsendes Mißtrauen gegenüber der islamischen Religion selbst ebenso wie ihren Anhängern. Schon 2012 etwa waren einer Emnid-Umfrage zufolge 53% von befragten nichtmuslimischen Deutschen der Meinung, der Islam sei sehr oder eher bedrohlich – 2014 waren es bereits 57%. Dass der Islam nicht in die westliche Welt passe, sagten letztes Jahr bereits 61%, 2012 waren es noch 52%. Auch als invasiv wird der Islam erlebt: laut einer Umfrage des Linzer Market-Instituts empfinden die Hälfte der Österreicher den Islam als Gefahr für die österreichische Kultur, 45% meinen, dass der Islam schon jetzt zu viel Einfluss in Österreich habe.

Eine der Ursachen für diese Entwicklung könnte im wachsenden Anteil der muslimischen Bevölkerung an der europäischen Bevölkerung und einem damit verbundenen, subjektiven Gefühl von “Unterwanderung” liegen. Aus soziologischen Untersuchungen weiß man, das hiefür bei vielen Menschen schon scheinbar banale Gründe wie in kulturellen Unterschieden oder religiösen Vorschriften begründete Äußerlichkeiten ausreichen (etwa die Art der Kleidung, man erinnere sich an die teils sogar gerichtlich ausgetragenen Konflikte z.B. rund um das Tragen von Niqabs/Hijabs/Burkas). Doch auch mangelnde Integration eingewanderter Muslime (z.B. schon auf grundlegendsten Ebenen wie z.B. des Erlernens der jeweiligen Landessprachen), insbesondere aber wohl die massive Expansion des sog. “Islamischen Staates” in Syrien und dem Irak verbunden mit per Bild- und Videoclips verbreiteten grausamen Massakern und Exekutionen durch die salafistischen Islamisten, all dies verstärkt das Gefühl von “unheimlichen”, “gefährlichen” Muslimen.

Bemerkenswert ist hinsichtlich der Statistik, dass Menschen, die keinen Kontakt mit Muslimen haben, diese mit 66% deutlich häufiger als bedrohlich empfinden als jene mit Kontakten (43%). 71% der Menschen ohne Kontakte halten den Islam für nicht in die westliche Welt passend, bei den anderen sind es 42%; 29% ohne Kontakte wollen Muslime nicht mehr ins Land lassen, bei den anderen sind es 15%. Dennoch verbleibt auch bei Menschen, die Muslime kennen, ein relativ hoher Anteil von Ablehnung, wohl aufgrund des Umstandes, dass persönlich Bekannte nicht zuallererst über ihren religiösen Glauben wahrgenommen werden. Sind Vorurteile aber erst einmal verankert, dann haben positive Attribute es schwer, sich durchzusetzen. Aber wie kann man als Atheist, Christ oder als Angehöriger anderer religiöser Richtungen den Islam überhaupt korrekt einschätzen? Selbst unter den Muslimen gibt es solche, die die Position vertreten, der Koran als Grundpfeiler dieser Religion wäre “wortwörtlich zu nehmen”, während andere auf die sog. Suren verweisen, welche gewissermaßen “Aktualisierungen” der ursprünglichen Schriften darstellen. Zudem wird in einer klassischen Koran-Interpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert jeder Koranvers mit mehreren Interpretationen und sodann “..aber Gott weiß es besser.” abgeschlossen, also ausgedrückt, dass man als Mensch die mögliche Bedeutung des Verses womöglich gar nicht verstehen könne. Aufgrund dieser Unklarheit ist es möglich, dass einzelne Vertreter des Islam Lehrmeinungen anführen, denen zufolge etwa “Ungläubige zu vernichten seien”, andere jedoch diese Interpretation entschieden ablehnen.

Wir als Angehörige eines stark christlich geprägten Kulturkreises werden hierbei durchaus an die Schwierigkeit der Interpretation “hiesiger” heiliger Schriften erinnert. So ist ja beispielsweise auch in der Bibel nachzulesen, dass ein Kind getötet werden soll, wenn es seine Eltern schimpft, oder dass Sex während der Menstruation mit dem Tode zu bestrafen ist (Levitikus, Kapitel 20). Doch auch wenn es in unserer sogenannten “aufgeklärten Gesellschaft” immer noch viele strenggläubige Christen gibt: nicht einmal die extremsten unter ihnen würden tatsächlich solchen Tötungsaufrufen folgen (hoffe ich doch). Das ist beim Islam aufgrund seiner Verwurzelung in zum Teil auch heute noch sehr archaisch geprägten Gesellschaften und seines impliziten Anspruches, auch politischen Einfluss auszuüben (Scharia), zumindest in Teilbereichen anders – aus diesen Gründen kann jedoch auch nicht, wie manche Islamtheoretiker argumentieren, einfach generalisierend behauptet werden, “der Islam an sich” sei eine friedliche, gewaltlose Religion – ebenso wie auch in der christlichen Religionsgeschichte sind auch in jener des des Islam Gewaltakte explizit religiös begründet worden.

Photo src: AlJazeera.com

Ich möchte mich hier jedoch nicht als Religionskenner oder Kulturhistoriker ausgeben – der bin ich nicht. Aus psychologischer Sicht und als jemand, der sich recht eingehend mit der Dynamik von Gewalt, Traumata etc. befaßt hat, befürchte ich allerdings, dass eine weitere Ausweitung des Drucks gegen Muslime in unserer Gesellschaft keineswegs die gewünschten Effekte haben, sondern nur zu einer noch stärkeren Isolierung der orthodox Gläubigen führen dürfte. Alle historischen Erfahrungen mit der Repression von Bevölkerungsgruppen weisen in genau diese Richtung. Versteht man den Jihadismus als “Bewegung der [ökonomischen, politischen] Verlierer”, kann man eigentlich gar nicht anders, als sich zu fragen, wie diesen Menschen wieder eine positive Perspektive ermöglicht werden kann. In Europa wäre es essenziell, die Integration jenes Teiles unserer Gesellschaft, der der islamischen Richtung angehört (und zu dem übrigens auch “originale” Mitteleuropäer zählen!), wo immer es relevant sein könnte, voranzutreiben. Sicherlich gibt es auch Bereiche, in denen den Betreffenden Integration durchaus auch abverlangt werden kann. Ebenso wie sog. “Sekten” haben sich auch Religionen ultimativ der Staatsautorität zu unterwerfen, unsere Gesellschaft und ihre Individuen sind vor Schaden zu bewahren. Diese Einstellung findet sich übrigens auch in den muslimischen Ländern selbst, wo sich selbstverständlich auch Touristen oder westliche Expats weitestgehend in die jeweiligen landes- und kulturspezifischen Regeln und Normen einzufügen haben.

Hinsichtlich gefürchteter Attentäter möchte ich auf die Arbeiten von Arno Gruen verweisen, der nachwies, wie Gewaltneigungen in sozialen Systemen wie etwa den Familien weitergegeben werden. Zum einen können Gewalterfahrungen und Repression offenbar selbst bei später gegen die Gewaltsysteme Revoltierenden zu neuen Formen der Gewaltausübung führen. Die Unterdrückten bleiben – gerade auch bei Hassgefühlen den Beherrschenden gegenüber – mit diesen identifiziert, haben aber den Kontakt zu ihren Gefühlen und zu ihrer Kernidentität verloren. Derartig emotional gestörte Menschen agieren häufig mit Gewalt gegen das, was sie (zumindest subjektiv) als gewalttätig erlebt haben.

Immerhin aber haben sie tatsächlich, real oder subjektiv erlebt, Gewalt erfahren. Attentäter sind jedoch keineswegs immer nur “Betroffene”. Von Soziopathen etwa weiß man, dass sie häufig unbewußt nach Möglichkeiten suchen, den enormen emotionalen Druck, unter dem sie stehen, durch Zerstörung zu entladen. Eine solches legitimierende Ideologie entwickelt dann für sie in weiterer Folge ganz von selbst Faszination, ist aber gewissermaßen nur ein Vehikel für die eigentlich gesuchte Gewalterfahrung. So liegt etwa bei den für viele erstaunlich hoch wirkenden Zahlen westlicher Ausländer, welche in den fernen Osten “pilgern” (pun intended), um dort am Krieg teilzunehmen und “Ungläubige zu vernichten”, aus psychologischer Sicht die Vermutung nahe, dass sich ihnen der radikale Islamismus schlicht als Möglichkeit anbot, anderen Menschen Schmerz zuzufügen oder sich gar in der archaischen Erfahrung, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, vor einer Kamera oder zumindest ebenso radikalen “Glaubensbrüdern” zu inszenieren und selbst zu erleben – und zwar ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Der Islam wird damit für derartige, in ihrer Persönlichkeit und Humanität schwerst gestörte Menschen zu einer Projektionsfläche und von ihnen instrumentalisiert, um sich auszuagieren.

Von derartigen Entwicklungen und Instrumentalisierungen werden sich sowohl verantwortungsvolle westliche Politiker, als auch islamische Theoretiker und Prediger explizit abgrenzen müssen: erstere, indem sie der Bevölkerung gegenüber differenzieren – weder als Relativierer auftreten, noch im Teich der beunruhigten Teile der Bevölkerung nach billigen (langfristig aber teuer zu bezahlenden) Wählerstimmen fischen. Islamische Schlüsselpersönlichkeiten wiederum müßten klar kommunizieren, dass in ihren Reihen kein Platz für Gewalttäter ist. Und zwar nach innen ebenso wie nach außen.

Der “Shift” unserer Gesellschaft in Richtung zunehmender religiöser Pluralität und kultureller Vielfalt bringt erhöhten Dialogbedarf mit sich. Wollen wir den inneren Zusammenhalt und die Integrität unserer kulturellen Werte gerade in jenen Zeiten stärken, in denen einfache Wahrheiten und Zuschreibungen nicht mehr greifen und einzelne Gruppierungen gezielt destruktive Absichten verfolgen, benötigt es umso mehr Anstrengungen, diese Kluften zu schließen und durch gezielten Dialog zu überbrücken.

Quellen:

 

Nov 08

Photo source: businessinsider.com

Testosteron gilt als das Männlichkeitshormon schlechthin – es steht für Aggression und Imponiergehabe, sorgt für die Ausbildung der Geschlechtsmerkmale, fördert die Libido und steigert den Muskelaufbau. Ihm wird nachgesagt, dass es aggressiv macht sowie riskantes Verhalten und Imponiergehabe steigert. Doch nicht nur verfügen auch Frauen über dieses Geschlechtshormon (wenn auch in viel geringerem Maß), sondern nun deutet eine aktuelle Studie auch noch darauf hin, dass das Geschlechtshormon auch das Sozialverhalten fördert.

Wissenschaftler von der Universität Bonn konnten zusammen mit Kollegen der Maastricht University nämlich zeigen, dass das Geschlechtshormon auch soziales Verhalten fördert. In Spielsituationen erwies sich, dass Probanden nach Gabe von Testosteron deutlich seltener logen als Personen die nur ein Placebo erhielten. “Der Nachteil vieler Studien ist jedoch, dass sie lediglich den Testosteronspiegel der Probanden mit deren Verhalten vergleichen”, schildert Erstautor M. Wibral. Dieser Ansatz gebe aber lediglich statistische Zusammenhänge wieder und erlaube keine Einblicke in die Ursachen des Verhaltens. “Denn das Testosteron beeinflusst nicht nur das Verhalten, sondern das Verhalten umgekehrt auch den Hormonspiegel.” Die Wissenschaftler des CENS suchten deshalb nach einem experimentellen Ansatz, der auch Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung erlaubt.

Die Forscher gewannen insgesamt 91 gesunde Männer für ein Verhaltensexperiment. Von diesen Probanden wurden 46 mit Testosteron behandelt, indem das Hormon als Gel auf die Haut aufgetragen wurde. Endokrinologen des Bonner Universitätsklinikums überprüften am Tag danach, ob bei ihnen der Testosteronspiegel im Blut tatsächlich höher war als in der Placebogruppe. Die anderen 45 Testpersonen bekamen lediglich ein Placebo-Gel. “Weder die Probanden selbst, noch die durchführenden Wissenschaftler wussten, wer Testosteron bekommen hat und wer nicht”, berichtet Wibral. Damit sollten mögliche Einflüsse auf das Verhalten ausgeschlossen werden.

Dann folgten die Verhaltensexperimente: Die Testpersonen führten ein einfaches Würfelspiel in separaten Kabinen durch. Je höher die gewürfelte Augenzahl, desto größer war der Geldbetrag, den es als Belohnung gab. “Diese Versuche waren so konzipiert, dass die Probanden lügen konnten”, berichtet Weber. “Niemand bekam in den abgeschirmten Kabinen mit, ob sie tatsächlich die gewürfelte Zahl in den Computer eingaben – oder eine höhere, um mehr Geld zu bekommen.” Allerdings konnten die Wissenschaftler im Nachhinein feststellen, ob die verschiedenen Testpersonengruppen geschummelt hatten oder nicht. “Statistisch ist die Eintrittswahrscheinlichkeit für alle Würfelzahlen von eins bis sechs gleich hoch”, erläutert der Neurowissenschaftler. “Wenn also bei diesen Zahlen ein Ausreißer nach oben vorkommt, ist dies ein klares Indiz, dass Probanden gelogen haben.”

Die Forscher verglichen die Ergebnisse der Testosterongruppe mit der Kontrollgruppe. “Dabei zeigte sich, dass die Probanden mit den höheren Testosteronwerten deutlich seltener logen als die unbehandelten Testpersonen”, berichten die Direktoren des CENS. “Dieses Ergebnis widerspricht klar dem sehr verkürzten und eindimensionalen Ansatz, dass Testosteron zu antisozialem Verhalten führt.” Das Hormon steigere wahrscheinlich den Stolz und das Bedürfnis, ein positives Selbstbild zu entwickeln. “Vor diesem Hintergrund reichten offenbar ein paar Euro als Anreiz nicht aus, das Selbstwertgefühl aufs Spiel zu setzen”, vermutet Falk.

Das Phänomen zu lügen ist mit großen Tabus behaftet. So verbietet etwa das achte Gebot im Christentum, “falsch Zeugnis” zu reden. “Lügen spielen jedoch auf geschäftlicher als auch privater Ebene eine wichtige Rolle”, sagt Falk. Häufig werde nicht nur aus Eigennutz gelogen, sondern auch, um einen anderen Menschen zu schützen oder zu begünstigen. In vielen Studien sei dieses Verhalten und seine ökonomischen Auswirkungen untersucht worden. “Es gibt allerdings nur sehr wenige Untersuchungen zu den biologischen Ursachen der Lüge”, sagt der Ökonom der Universität Bonn. “Hier sind wir nun mit unserer Studie einen großen Schritt vorangekommen.”

(Quellen und Textauszüge: C. Eisenegger, M. Naef, R. Snozzi, M. Heinrichs, E. Fehr: Prejudice and truth about the effect of testosterone on human bargaining behaviour. In: Nature. 463, 2010, S. 356-359; Der Standard v. 11.10.2012; “Testosterone administration reduces lying in men” in: “PLoS ONE”, DOI: 'Noch keine Kommentare » | Link zum Artikel

Abgelegt unter: Psy-Pressespiegel von r.l.fellner
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Jan 15

Ein Test, der auf Kriterien und Anzeichen für die folgenden Persönlichkeitsstörungen prüft, wurde von mir nun auch auf meiner deutschsprachigen Website online gestellt:

  • Psychopathie / Antisoziale Persönlichkeitsstörung
  • Narzissistische Persönlichkeitsstörung
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung

Sogar bei manchen Fachleuten besteht Verwirrung über die genauen Unterschiede und Bedeutungen zwischen Psychopathie (“antisozialer Persönlichkeitsstörung”), Soziopathie, Narzissmus und histrionischer Persönlichkeitsstörung – und mehr noch gerade bei jenen Personen, die Probleme in ihren Beziehungen zu anderen wahrnehmen und Orientierung benötigen würden, um dem Ursprung dieser Probleme auf den Grund zu gehen. Dieser Selbsttest versucht dabei zu helfen, indem auf typische Symptome und Wesenszüge jeder einzelne der genannten Störungen geprüft und dann eine separate Auswertung zur Verfügung gestellt wird.

http://www.psychotherapiepraxis.at/surveys/test_psychopathie.phtml

Um so zuverlässige Resultate zu ermöglichen wie möglich, kombiniert dieser Selbsttest Screening-Methoden, die auf der Hare Psychopathie-Checkliste (welche in der klinischen Forschung und Praxis angewendet wird, um Psychopathie festzustellen) mit klinischen Markern für narzisstische Persönlichkeiten und histrionische Persönlichkeitsstörungen, basierend auf den Diagnoseschemata DSM-IV and ICD-10. Der Test hat daher ein vergleichsweise hohes Potential, verläßliche Resultate sogar über das Internet zu erzielen. Es muß jedoch korrekterweise darauf hingewiesen werden, dass die Qualität der Testergebnisse geringer ausfallen kann, wenn die Fragen unehrlich beantwortet werden oder die betreffende Person unter verzerrter Wahrnehmung leidet – gerade diese beiden Persönlichkeitsfaktoren jedoch sind potenzielle Züge von Menschen mit diversen Persönlichkeitsstörungen. Im Unterschied zu den meisten anderen Tests auf meiner Website kann es also sinnvoll sein, sich die Antworten genau zu überlegen und sie ggf. sogar im Beisein des Partners oder eines nahestehenden Vertrauten durchzuführen.

(Image source: 2.bp.blogspot.com)

Nov 06

Hatten Sie kürzlich mit jemandem Kontakt, der völlig die Kontrolle über sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensstörungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich für problematisch, denn denn wer dürfte sich schon anmaßen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivität, Bullying, Lügen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegenüber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck darüber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderjährigen kommen meist aus problematischen Verhältnissen, haben Mißbrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gelöst, können sich bei ihnen Persönlichkeitsstörungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Persönlichkeitsstörung”, bipolare Störungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko für eigene oder fremde körperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gefängnisstrafen, Mord oder Suizid stark erhöhen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und häufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückschrecken. Häufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betrügen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerstören. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen äußerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewußt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, ängstlich und hoffnungslos fühlen, was nicht selten zu Alkoholmißbrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen führt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erklärt werden. Mediziner suchen nach rein körperlichen (z.B. genetischen) Erklärungen, lassen dabei aber häufig außer Acht, dass für viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil für emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen übermäßig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Persönlichkeitszügen mangelt es zusätzlich an Empathie und Verständnis für die Situation der anderen, was die Hemmung für Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur würden diese Leute im Konfliktfall unfähig sein, sich in Ihre persönliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gesprächsebene zu klären, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zunächst auf Abstand zu gehen, um das Gegenüber emotional “abkühlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

May 23

Bei Kindern und Jugendlichen bewähren sich psychotherapeutische Präventionsprogramme definitiv – die einjährige Studie „Saving and Empowering Young Lives in Europe (SEYLE): Gesundheitsförderung durch Prävention von riskanten und selbstschädigenden Verhaltensweisen“, die in Deutschland an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg durchgeführt wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse und wies eine Reduktion psychischer Probleme bei den teilnehmenden Schülern sowie einen deutlichen Rückgang von depressiven Symptomen, selbstschädigenden Verhaltensweisen und Selbstmordgedanken insbesondere bei Mädchen nach.

Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu überprüfen und effiziente Programme langfristig an bundesweit allen Schulen zu etablieren. Sie lief unter der Federführung des Karolinska-Instituts in Stockholm gleichzeitig in neun anderen EU-Staaten sowie Israel.

„Es gibt ein hohes Maß an gefährdeten Jugendlichen, doch viele von ihnen kommen nicht bei den Therapeuten an”, erklärt Studienleiter R. Brunner. „Bei psychischen Problemen gibt es eine immer noch ausgeprägte Stigmatisierung.” Viele Jugendliche haben Angst, von ihren Mitschülern ausgelacht zu werden. „Wir waren im Vorfeld mehrfach in den Klassen, um Aufklärung zu betreiben”, sagt Studienkoordinator M. Kaess, „etwa darüber, dass die vertrauliche Kommunikation mit den Schülern und ihre Anonymität gewährleistet sind.” Rund 70 Prozent entschlossen sich daraufhin zur Teilnahme.

Über 1.400 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren waren an der Studie beteiligt. Sie kamen von 26 Gymnasien, Real- Hauptschulen des Rhein-Neckar-Kreises und Heidelberg. Zunächst beantworteten die Acht- und Neuntklässler bei der Eingangsuntersuchung im Januar 2010 einen Fragebogen, der unter anderem die Themenbereiche Suizidgefährdung, Selbstverletzung, Angst, Depression, Delinquenz, gestörtes Essverhalten, exzessiver Medienkonsum, Schulschwänzen und Mobbing abhandelte. Je eines von vier Präventionsprogrammen wurde den Schulen per Zufall zugeteilt. Beim sogenannten Professional Screening erhielten über 60 Prozent der Schüler aufgrund ihrer Antworten eine Einladung zu einem Interview. Bei 30 Prozent derer, die zum Termin erschienen waren, stellten die Psychiater einen Behandlungsbedarf fest.

In einem der anderen drei Präventionsprogramme nahmen etwa 100 Lehrer an einem Training teil, dass sie in die Lage versetzte, betroffene Jugendliche zu erkennen und mit ihnen umzugehen („Gatekeeper-Training”). 450 Schüler wurden im Rahmen von fünf Unterrichtsstunden über riskante und selbstschädigende Verhaltensweisen sowie den Umgang damit aufgeklärt („Awareness Training”). An anderen Schulen wurden den Klassenräumen Informationsplakate aufgehängt und den Jugendlichen Visitenkarten mit den Kontaktinformationen der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgehändigt („Minimal Intervention”).

Bei etwa 25 Prozent der Schüler sank die Suizidgefährdung im Laufe der Folgeuntersuchungen. Besonders bei den Mädchen verringerten sich die psychischen Probleme. „Eine genaue Analyse der unterschiedlichen Gruppen und Wirkfaktoren steht noch aus”, betont Brunner. „Diese ersten Ergebnisse stellen ausschließlich Tendenzen bezogen auf die Heidelberger Gesamtstichprobe dar. Es fehlen allerdings noch genaue Analysen im Vergleich mit anderen EU-Staaten, die sicher noch weitere Erkenntnisse bringen werden.”

(Quelle: http://www.seyle.eu , Der Standard v 20.01.2011; Photo:Matthias Cremer)

May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigermaßen verspätet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich kürzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und rücksichtslos agiert und schließlich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtmäßigen Anteile betrogen. Später werden auf Anraten der Anwälte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt – dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit jüngste Milliardär.

Auch wenn natürlich keinerlei Sicherheit darüber besteht, ob die dargestellten Persönlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die kühle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits während der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit Mädchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der für “Aspies” häufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine völlige Außerachtlassung ihrer Gefühle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog veröffentlicht und andere Vorfälle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines Gefühls von Absurdität nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verstärken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verstört, Freundschaften zerbrechen am Außerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder geschäftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer Störung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschlägigen Websites entnehmen kann, übrigens auch den überwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich häufig durch hohes Talent, was spezifische Fähigkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder künstlerischen Berufen tätig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich verändernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum annähert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verfügt über hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” fühlen kann – wie würde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben träfe … und würde man dies überhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erhöhen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu häufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter Berücksichtigung der Erkenntnisse über Neuroplastizität auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren präfrontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen Fähigkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erklären, dass wir immer häufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen Mitschülern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktstörungen neben Depressionen zur Gruppe zur am stärksten zunehmenden Gruppe psychischer Störungen dieses Jahrhunderts gehört.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

May 03

Wenn der Blutdruck steigt, die Halsvenen anschwellen – und der rationale Verstand auszusetzen droht: Aggression “beamt” uns in ein Frühstadium unserer Entwicklung zurück … und ist der Adrenalinrausch erst einmal verflogen, kehrt häufig Reue ein über das, was im Rausch der Emotionen an Zerstörungsarbeit (verbal oder physisch) geleistet wurde.

Grundsätzlich gibt es 2 Kategorien von Aggression: affektive Aggression (Rache, Feindseligkeit, Neigung zu impulsivem und unkontrolliertem Verhalten) und sog. instrumentelle Aggression (z.B. Jagdverhalten, zielorientiert und überlegt). Empirische Untersuchungen zeigen, dass die meisten Menschen mit einer Neigung zu affektiver Aggression über einen niedrigeren IQ verfügen als andere. Aggression ist nicht gleichbedeutend mit Gewalt – sie kann diese aber auslösen. Die Ausdrucksweisen von Aggression sind außerdem kulturell unterschiedlich: so neigen diversen Studien zufolge die Bewohner südlicher Länder oder auch von Amerikanern eher zu körperlicher Gewalt als Japaner oder die Bewohner nördlicher Länder, welche verbale Konfliktlösungen bevorzugen. Auch die Mordquote ist in diesen Regionen höher.

Bemerkenswerterweise gibt es auch einen wichtigen Zusammenhang zwischen der Neigung zur Gewalt und der Sozialisation: wuchsen Menschen in Familien mit hohem Aggressionspotenzial auf (verbale, psychische oder körperliche Gewalterfahrungen), passen sie ihr eigenes Verhalten entsprechend an und neigen – häufig, ohne es ursprünglich zu wollen! – im späteren Leben auch selbst zu Ausbrüchen von Aggression. Dies gilt auch für die soziale Akzeptanz von Gewalt, etwa bestimmten Volksgruppen gegenüber: eine Dynamik, die wohl mitverantwortlich ist für die nicht endenwollende Gewaltspirale im nahen und mittleren Osten. Viele Menschen reagieren darüber hinaus aggressiv, wenn sie das Gefühl haben, nicht verstanden oder ernst genommen zu werden, oder Ziele und Hoffnungen nicht realisieren zu können. Aus psychologischer Sicht ist dies meist in einem geringen Selbstwertgefühl begründet.

Auch viele Partnerschaften werden durch inadäquaten Ausdruck von Aggression belastet: Studien zufolge neigen Männer eher dazu, Aggression körperlich und direkt auszudrücken, Frauen dagegen tun dies eher verbal und indirekt. In Beziehungskrisen sind “Eskalationsspiralen” häufig, bei denen zunächst ein verbaler Schlagabtausch erfolgt, und schliesslich einer der Partner die Kontrolle über sich verliert und den anderen körperlich oder seelisch verletzt. Je regelmäßiger derartige Abläufe vorkommen, desto schwieriger ist es selbst in einer Paartherapie, die Konfliktmuster aufzulösen. Auch hier gilt also: je früher erfahrene Hilfe gesucht wird, desto erfolgversprechender!

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle: allhealthsite.com)

May 28

Gewalt ist ein „unvergessliches“ Ventil. Schon als Kleinkind lernte jeder von uns, daß Gewalt zumindest kurzfristig Vorteile verschaffen kann, und diese Erfahrung wird tief im Gehirn verankert. Fortan wird bei allen Konflikten, bei denen wir das Gefühl haben, nicht verstanden und gehört zu werden, und in jeder Situation, in der wir uns bedroht fühlen, unbewußt zumindest kurzfristig die Möglichkeit erwogen, psychische oder körperliche Gewalt einzusetzen.

Erziehung und die Reifung unserer Persönlichkeit ermöglichen es uns allerdings, auch andere Möglichkeiten der Konfliktlösung zu erlernen – das ist der Grund, warum nur die wenigsten Erwachsenen sich körperlicher Gewalt bedienen. Manche Menschen jedoch tun sich schwerer als andere, ihre Emotionen zu kontrollieren, ihre Konflikte eskalieren leichter als die anderer Personen: zunächst meist nur verbal, manchmal enden sie aber auch in Form von körperlichen Übergriffen oder Vergeltungsaktionen.

Die Wurzeln der Neigung zur Gewalt sind fast immer sozial mitbedingt: die überwiegende Mehrheit von Gewalttätern stammt aus wirtschaftlich ärmeren und atmosphärisch schwierigen Familienverhältnissen, häufig bestehen Gefühle von Depressivität, Perspektivenlosigkeit oder das Gefühl, „es nicht zu schaffen“.

Leider führt der Einsatz von Gewalt fast immer zu massiven Folgeproblemen in Partnerschaften, dem Freundeskreis und der Gesellschaft. Auch zeigen Studien, daß die Neigung zu Gewalt aufgrund höherer Streßbelastung verschiedene Organe schädigt und körperlich krank macht. Während der letzten Jahrzehnte wurden deshalb psychologische und psychotherapeutische Impulskontroll-Programme entwickelt, die betroffenen Menschen dabei helfen können, ihre Emotionen besser zu regulieren und wieder zum „Chef über den eigenen Körper“ zu werden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Photo src:lindseychristine.files.wordpress.com)

Apr 26

Sicherlich kennt jeder von uns den Spruch: “ein paar Klapse auf den Hintern haben noch niemandem geschadet.”

Eine kürzlich in den USA fertiggestellte Studie, die im Fachmagazin “Pediatrics” veröffentlicht wurde, in der knapp 2500 amerikanische Mütter befragt wurden, weist jedoch genau das Gegenteil nach. Über die Hälfte der Mütter hatten auf die Frage, ob und wie oft sie ihr 3-jähriges Kind körperlich bestrafen würden, angegeben, dass sie es im vergangenen Monat “versohlt” (“spanked”) hätten. 27,9% Prozent berichteten, dass sie dies einmal oder zweimal innerhalb des vergangenen Monats getan hätten, 26,5% gaben an, dass sie ihr Kind öfter als zweimal gezüchtigt hätten.

Nach 2 Jahren wurden die Mütter dann nochmals befragt – und zwar danach, ob das Verhalten ihrer Kinder anderen gegenüber als aggressiv (“bullying”) sei, ob sie sich öfter in Raufereien verwickeln lassen usf.

Hierauf gab es ein in seiner Eindeutigkeit dann selbst die Wissenschaftler überraschendes Ergebnis: mehrmaliges (Indikator dafür war “mehr als zweimal im vorherigen Monat”) Anwenden von körperlichen Strafen bei Kindern im Alter von 3 Jahren ist demnach verbunden mit einem deutlich höherem Risiko, dass das Kind im Alter von 5 Jahren eine höhere Bereitschaft zur Aggressivität zeigt. Und “sogar schwache Formen der körperlichen Bestrafung vergrößern das Risiko, dass das Kind später ein aggressives Verhalten an den Tag legt.”

Bei der Studie wurde lt. den Wissenschaftlern großer Wert darauf gelegt habe, die Beziehung zwischen der körperlichen Bestrafung und späteren Verhaltensweisen der Kinder so “rein” wie möglich darzustellen. So achtete man etwa darauf, andere wichtige Risikofaktoren, die in die Verbindung zwischen Züchtigung und Aggressionsneigung hineinspielen können (etwa psychische Misshandlung, Vernachlässigung durch Eltern, Depressionen, Substanzenmißbrauch u.a.) aus diesem Zusammenhang herauszuhalten.

(Quellen: Mothers’ Spanking of 3-Year-Old Children and Subsequent Risk of Children’s Aggressive Behavior, in: Pediatrics April 12, 2010 (doi:10.1542/peds.2009-2678); Bildquelle: wikihow.com)

11.10.17