May 08

Psychische Leiden belasten mehr als körperliche.
(Image src: depressionisreal.com)

 

Kaum eine Situation macht Menschen unzufriedener mit dem Leben als eine psychische Erkrankung.

Richard Layard, Leiter des Wellbeing Programme am Centre for Economic Performance der London School of Economics and Political Science, ver√∂ffentlichte k√ľrzlich das Ergebnis einer Langzeit-Metastudie, demzufolge in Australien, Deutschland und Gro√übritannien psychische Erkrankungen weit st√§rker zum Ungl√ľck von Menschen beitragen als k√∂rperliche Gebrechen. Befragt wurden Personen mit einem Lebensalter von √ľber 25 Jahren.

Es wird gesch√§tzt, dass weltweit etwa jeder Zehnte unter Depressionen und Angstst√∂rungen leidet. Diese psychischen Erkrankungen sind die Ursache von bis zu einem F√ľnftel aller F√§lle von Erwerbsunf√§higkeit. Gleichzeitig befindet sich selbst in reichen L√§ndern weniger als ein Drittel der Betroffenen in therapeutischer Behandlung.

Das Tragische ist, dass Depressionen und Angstst√∂rungen heute mit Psychotherapie erfolgreich behandelt werden k√∂nnten, sagt Richard Layard. Dennoch w√ľrde kaum eine Regierung mehr als 15 Prozent ihres Gesundheitsetats f√ľr die Behandlung seelischer Erkrankungen ausgeben “Das ist diskriminierend f√ľr psychisch Erkrankte im Vergleich zu k√∂rperlich Erkrankten und zudem auch wirtschaftlich unvern√ľnftig”, sagen der Wohlfahrts√∂konom Layard und seine Kollegen. W√ľrden mehr psychisch Kranke gut behandelt werden, k√∂nnten Kosten f√ľr Sozialhilfe gespart werden und es w√ľrden weniger Steuereinnahmen aufgrund der Erwerbsunf√§higkeit vieler Arbeitnehmer verloren gehen. Layard: “In reichen L√§ndern w√§re wahrscheinlich eine f√ľr die Staatskassen kostendeckende Behandlung der von psychischen Leiden Betroffenen m√∂glich”.

Jeder Dritte hatte 1x jährlich mit psychischen Störungen zu kämpfen

Jeder 3. Erwachsene, also ca. 15 Millionen Menschen, erkrankten in Deutschland allein im Verlauf der letzten 12 Monate an mindestens einer psychischen St√∂rung. Die meisten davon leiden an Angstzust√§nden, Depressionen oder somatoformen St√∂rungen. Maximal 10% von ihnen erhielten jedoch eine wissenschaftlich anerkannte Psychotherapie, was die Lebensqualit√§t der Betroffenen reduziert, die daraus resultierenden Fehlbehandlungen wiederum belasten die Gesundheits- und Sozialsysteme, da die Krankheitstage zunehmen und PatientInnen fallweise vorzeitig berentet werden m√ľssen. Die Bundesanstalt f√ľr Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit sch√§tzt den durch psychische Erkrankungen resultierenden Verlust an Arbeitsproduktivit√§t auf acht Milliarden Euro j√§hrlich.

“Psychische und psychosomatische Krankheiten sind keine blo√üen Befindlichkeitsst√∂rungen. Sie m√ľssen fr√ľhzeitig professionell behandelt werden, da sie sonst chronisch werden k√∂nnen und oft zu biologischen Ver√§nderungen im Gehirn und im √ľbrigen K√∂rper f√ľhren. Die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) betont, dass 40 bis 60 Prozent der durch ambulante Psychotherapie behandelten Patienten nachweislich profitieren. Ambulante Psychotherapien umfassen im Mittel 46 Sitzungen und kosten im Durchschnitt ca. ‚ā¨ 3700,-/Patient. Hilfesuchende Menschen brauchen jedoch zun√§chst niedrigschwellige und qualifizierte Anlauf- und Vermittlungsstellen.

Prof. Cornelia Albani, Leiterin der Sinova-Klinik f√ľr Psychosomatische Medizin in Aulendorf: “In einer repr√§sentativen Befragung konnten wir nachweisen, dass jene Menschen, die sich f√ľr eine ambulante psychotherapeutische Behandlung entscheiden, deutlich durch die Erkrankungen belastet sind und einen sehr hohen Leidensdruck versp√ľren”. In der Regel seien es schon l√§nger und psychisch schwer erkrankte Patienten mit hoher Krankheitslast. 84% dieser Menschen sch√§tzten beispielsweise ihre eigene psychische Verfassung vor der Therapie als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das gilt umso mehr, wenn Patienten dar√ľber hinaus an k√∂rperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs leiden. Erschreckend ist die niedrige Zahl derer, die professionelle Hilfe erhalten ‚Äď obwohl die Wirksamkeit der Psychotherapie bereits hinl√§nglich bewiesen ist. Rund 50% der von Albani et al. Befragten gaben an, dass sich durch die Psychotherapie ihre Arbeitsf√§higkeit und -produktivit√§t gesteigert habe. √Ąhnlich hoch wurde die Besserung der sozialen F√§higkeiten und Beziehungen bewertet. Bei bis zu 60% der behandelten Patienten zeigen sich deutliche Verbesserungen des seelischen Gesundheitszustands ‚Äď und zwar anhaltend und √ľber das Ende der Behandlung hinaus. “Studien haben die besondere Nachhaltigkeit psychotherapeutischer Behandlungen erwiesen. Hier setzten wir uns von rein medikament√∂sen Behandlungsstrategien ab”, so Albani.

Psychische und psychosomatische St√∂rungen entwickeln gerade im Zusammenspiel mit k√∂rperlichen Grunderkrankungen eine besondere Problematik und k√∂nnen sich wechselseitig verst√§rken. Fach√§rzte f√ľr Psychosomatische Medizin k√∂nnen bei der Entscheidung, wie am besten vorzugehen ist, helfen. Hierbei werden k√∂rperliche, seelische und auch soziale Aspekte ber√ľcksichtigt. Doch h√§ufig mangelt es an effizienten Diagnose- und Behandlungsm√∂glichkeiten sowie fl√§chendeckender Versorgung: ‚ÄěAngesichts der vielen Betroffenen besteht die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen f√ľr diese Patientengruppe‚Äú, so DGPM-Pr√§sident Professor Dr. J. Kruse, √Ąrztlicher Direktor der Klinik f√ľr Psychosomatik und Psychotherapie in Gie√üen.

(Quellen: MedAustria, SOEPpanel 2013 (s.a. http://www.diw.de/soeppapers); DGPM-Pressemitteilung 02/2013)

Mar 25

Brustkrebs (Bildquelle: medicalpicture)

Jede 5. Brustkrebs-Patientin entwickelt ab dem Zeitpunkt der Diagnose oder im Behandlungsverlauf Depressionen – diese psychische Erkrankung z√§hlt damit zu den h√§ufigsten Begleiterkrankungen bei Brustkrebs, der oft mit einer Vielzahl von seelischen und k√∂rperlichen Beeintr√§chtigungen, wie Todesangst, einer Ver√§nderung des K√∂rperbildes und der Sexualit√§t sowie sozialem R√ľckzug verbunden ist. Dadurch verringert sich nicht nur die Lebensqualit√§t, auch die Arbeitsf√§higkeit wird beeintr√§chtigt, und der Behandlungserfolg kann so negativ beeinflusst werden. Wissenschaftler der Universit√§ten Mainz und Leipzig wiesen nun nach, dass adaptierte Formen von Psychotherapie ein wirksames Mittel gegen Depressionen bei Brustkrebspatientinnen sind.

“Dennoch werden die seelischen N√∂te bei der Behandlung des Tumors h√§ufig au√üer acht gelassen‚Äú, sagt M. Beutel von der Poliklinik f√ľr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universit√§tsmedizin Mainz. Die von ihm geleitete Studie (p=157) konnte nun nachweisen, dass eine spezielle Kurzzeit-Psychotherapie zu einem deutlichen R√ľckgang der Depressionen bei Brustkrebs-Patientinnen f√ľhrt. In diesen erhielt die Vergleichsgruppe bis zu 20 Sitzungen Psychotherapie (1 pro Woche), in denen Psychotherapeuten die Patientinnen √ľber ihre Depression informierten und gemeinsam mit ihnen passende Strategien entwickelten, wie sie die seelischen Belastungen durch die Krankheit besser bew√§ltigen k√∂nnen. Innerhalb von acht Monaten bildete sich die Depression bei 57 Prozent der Patientinnen, die an der Therapie teilnahmen, zur√ľck. Die vergleichbare Quote der anderen Patientinnen betrug lediglich 33 Prozent.

“Damit hat sich die Kurzzeit-Psychotherapie als sehr wirksam bei der Behandlung von Depressionen bei Brustkrebspatientinnen erwiesen. Deshalb sollten Somatische und Psychosomatische Medizin hier besser zusammenarbeiten”, lautet das Fazit von Beutel.

(Quellen: Der Standard 13.02.2013 [1], Uni-Klinik Mainz [2])

Mar 18

Gastbeitrag von Mag. Karin Steiner

z.B. Reizdarm, Reizmagen

Magen- und Darmbeschwerden stellen häufige körperliche Symptome dar, die oft mit einem erheblichen Leidensdruck einhergehen.
15-30% der Bevölkerung sind davon betroffen. Frauen doppelt so häufig als Männer.
Eine Reizdarmsymptomatik f√ľhrt oft zu schweren Beeintr√§chtigungen der sozialen und beruflichen Funktionsf√§higkeit, da die Angst vor einer k√∂rperlichen ‚ÄěUnp√§sslichkeit‚Äú (wie bspw. Durchfall) die gesamte innere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

Was ist ein Reizdarm?

Ein Reizdarm macht sich bemerkbar mit wiederkehrenden Bauchschmerzen bzw. chronischem Unbehagen der Bauchregion √ľber einen l√§ngeren Zeitraum hinweg (seit mindestens 6 Monaten). Zus√§tzlich k√∂nnen Bl√§hungen, Schleimbeimengungen im Stuhl und auch das Gef√ľhl der inkompletten Stuhlentleerung auftreten.

Das Reizdarmsyndrom kann vorwiegend eher mit Verstopfung, oder eher mit Durchfall, bzw. mit beiden Beschwerden einhergehen.

Was ist ein Reizmagen?

Beim Reizmagen treten dauerhafte oder wiederkehrende Schmerzen/Brennen bzw. Beschwerden im Oberbauch auf. Begleitet k√∂nnen die Schmerzen durch ein V√∂llegef√ľhl bzw. ein fr√ľhes S√§ttigungsgef√ľhl nach der Mahlzeit werden. Manchmal kann es auch zu einem vermehrt auftretenden √úbelkeitsgef√ľhl und Erbrechen kommen.

Ursachen

H√§ufige Entz√ľndungsbereiche (Bild: kompetenznetz-ced.de)

Das enterale Nervensystem ist ein komplexes Geflecht aus Nervenzellen, das nahezu den gesamten Verdauungstrakt durchzieht. Es spielt bei der Kontrolle der Verdauungsvorg√§nge eine wesentliche Rolle. Es funktioniert wie ein Gehirn im Darm und kommuniziert mit dem zentralen Nervensystem (Hirn-Darm-Achse). Diesbez√ľgliche Erkenntnisse lassen vermuten, dass neben biologischen Prozessen auch die psychische Situation einen wesentlichen Einfluss auf Entstehung und Aufrechterhaltung der Magen-Darm-Beschwerden aus√ľbt.
PatientInnen mit funktionellen gastrointestinalen St√∂rungen sp√ľren ihre normale Verdauung als Schmerz. Sie reagieren mit einem gesteigerten Schmerzempfinden auf die Dehnungsreize im Darm.
Diese √úberempfindlichkeit kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden. Neben Infektionen des Magen-Darm-Trakts, Nahrungsmittelunvertr√§glichkeiten, spielen auch psychische Ursachen eine Rolle. Stress und belastende Lebensereignisse haben einen direkten Einfluss auf das Verdauungssystem. Mittels funktionellem Magnetresonanz-Imaging (=bildgebendes Verfahren) von Hirnfunktionen konnten Nachweise f√ľr die enge Verbindung zwischen Gehirn und dem Verdauungstrakt unter Stress erbracht werden.
Auch eine famili√§re H√§ufung der Beschwerden konnte nachgewiesen werden. Dies kann sowohl durch eine erbliche Vorbelastung erkl√§rt werden, als auch als Verhalten (Kinder beobachten ihre Eltern, √ľbernehmen deren Klagen und Beschwerden) kopiert werden.

Die Mehrzahl der Betroffenen leiden auch an psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, Angst- und somatoforme (= körperliche Symptome ohne ausreichende organische Ursachen) Störungen.

Wodurch können Symptome ausgelöst werden?

Nahrungsmittel sind häufig Auslöser von Symptomen. Die Mehrzahl der PatientInnen
(50-70%) leiden auch an Nahrungsmittelunvertr√§glichkeiten. Nahrungsmittelbestandteile, ob nat√ľrlich oder k√ľnstlich hergestellt, k√∂nnen bei vielen Menschen Bauchschmerzen, Bl√§hungen und Durchf√§lle ausl√∂sen.
Milch (-zucker), Kaffee (Coffein), fettreiche Nahrung, Alkohol, zuckerfreier Kaugummi (Sorbitol), gasproduzierende Mahlzeiten (M√ľsli, H√ľlsenfr√ľchte, Zwiebel, etc.), aber auch eine hastige Nahrungsaufnahme und Essen unter psychisch belastenden Umst√§nden (Zeitdruck oder bei gleichzeitiger Problembesprechungen usw.) k√∂nnen Magen-Darmbeschwerden hervorrufen.

Behandlungsmöglichkeiten

Viele Betroffene haben bereits eine Odyssee an verschiedenen Behandlungen hinter sich, die häufig wenig Verbesserung der Symptomatik brachten. Dementsprechend können auch Folgesymptome wie bspw. depressive Verstimmungen oder Angstzustände (Angst vor einer Tumorerkrankung) auftreten.

Eine Krankheitsbehandlung, die all den Erkenntnissen √ľber die Zusammenh√§nge gerecht werden will, muss dementsprechend weit gefasst sein. Das hei√üt, dass k√∂rperliche und psychosoziale Faktoren gleicherma√üen in der Behandlung ber√ľcksichtigt werden.
Somit ist die Kombination von medikamentöser Behandlung der körperlichen Symptome einerseits, und Psychotherapie, um die psychosozialen Leiden der betroffenen Personen zu mildern, andererseits, die wirkungsvollste Methode.

Nach Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser (AKH Wien) sollte die Therapie Рabgestuft nach Schweregrad Рfolgendermaßen erfolgen:

  • Medizinische Abkl√§rung (Anamnese) und Ausschluss anderer Erkrankungen
  • Aufkl√§rung √ľber Symptome und m√∂gliche Ursachen sowie ausl√∂sende Wirkung verschiedener Faktoren (Nahrungsmittel, Hormonver√§nderung beim Menstruationszyklus, Stress etc.)
  • F√ľhren eines Symptomtagebuchs √ľber 4 Wochen: Herausfiltern von ausl√∂senden oder verst√§rkenden Reizen, Aufzeichnung der Symptomst√§rke (mit Schweregraduierung von 1-10), hinzukommende Faktoren (Ern√§hrung, k√∂rperliche Aktivit√§t, belastende Situation, Stress, etc.), Emotionen (traurig, √§ngstlich, w√ľtend,…) und Gedanken (‚Äěbin zuversichtlich/hoffnungslos‚Äú, ‚Äěhalte das nicht mehr aus‚Äú etc.)
    Dies ist zumeist der erste Schritt, Kontrolle √ľber die k√∂rperlichen Beschwerden zu erlangen, da von den Betroffenen Zusammenh√§nge erkannt werden k√∂nnen.
  • Symptomorientierte Medikation durch die Gabe von Antidepressiva
    Gerade bei chronischen und kaum beeinflussbaren Schmerzen haben Antidepressiva gute Erfolge erzielt. Diese werden nicht prim√§r wegen der antidepressiven Wirkung verabreicht, sondern um das Schmerzempfinden zu vermindern. √úber Nebenwirkungen m√ľssen die Patienten aufgekl√§rt werden, da die eigentliche Wirkung erst ab der 3. Behandlungswoche einsetzt.
  • Psychotherapie/Hypnose
    Psychotherapie zählt zu den wirkungsvollsten Behandlungsmethoden, vor allem bei jenen, denen bisher nicht anders geholfen werden konnte.
    Dies konnte auch wissenschaftlich nachgewiesen werden. In den meisten Studien wurde Psychotherapie mit ‚Äěherk√∂mmlichen‚Äú Methoden (=medikament√∂ser Behandlung) verglichen und zeigte sich meist deutlich wirksamer.
    Vor allem die Hypnosetherapie zählt mittlerweile beim Reizdarmsyndrom zu den Standardtherapien.

Verdauungstrakt-gerichtete (‚Äěgut-directed‚Äú) Hypnose

Der Einsatz einer spezifisch auf den Bauch gerichteten Hypnose zur Behandlung von Reizdarm- oder Reizmagenbeschwerden wurde erstmals von einer Arbeitsgruppe um Prof. Peter Whorwell in Manchester entwickelt. Mit dieser Methode wird den Patienten im Rahmen von 12 Hypnosesitzungen unter anderen suggeriert, dass ihr Magen-Darm-Trakt ruhig und rhythmisch funktioniert und die Betroffenen wieder die Kontrolle √ľber diese K√∂rperregion √ľbernehmen. Dadurch werden nicht nur die Schmerz√ľberempfindlichkeit des Magen-Darm-Traktes, sondern auch die Darmbewegungen positiv beeinflusst und beruhigt.
Auch im AKH Wien wurde diese Methode erfolgreich als Gruppenhypnose (bis zu 8 Personen) eingesetzt.

Ablauf der Einzelhypnosen

12 Sitzungen zu je einer Stunde einmal w√∂chentlich, √ľber einen Zeitraum von zirka 3 Monaten, gelten als erfolgreichste Dauer dieser Kurzzeittherapie, damit der gew√ľnschte Langzeiterfolg erzielt werden kann.

In der ersten Stunde werden die individuelle Situation und die genauen Beschwerden erfragt, damit die Hypnose genau an die betroffene Person angepasst werden kann. Ab der zweiten Sitzung wird mit einem psychotherapeutischen Gespr√§ch (zirka 20 Minuten) die aktuelle Situation erfasst und dann eine Hypnose durchgef√ľhrt.
Neben dem Effekt einer tiefen Entspannung, werden durch das Erzeugen von inneren Bildern ein Gef√ľhl von Ich-St√§rkung herbeigef√ľhrt, sowie die Vorstellung einer Normalisierung der Funktionen des Verdauungstraktes mit Verminderung der Schmerzen.

Ab der zweiten Sitzung sollen zu Hause Entspannungs√ľbungen (zumindest 10-15 Minuten) durchgef√ľhrt werden, die durch eine von mir aufgenommenen CD unterst√ľtzt werden.
So wird den Betroffenen durch das √úben wieder mehr Selbstkontrolle √ľber ihre k√∂rperlichen Empfindungen verliehen. Das Gef√ľhl des Ausgeliefertseins gegen√ľber den Symptomen vermindert sich schrittweise.

Nach Bedarf k√∂nnen ein oder mehrere Sitzungen zum Auffrischen der einge√ľbten Entspannungstechniken ein halbes bis ein Jahr nach Beendigung der Hypnoseeinheiten durchgef√ľhrt werden, um einen noch besseren Langzeiterfolg zu gew√§hrleisten.

Verfasserin des Textes:
Mag. Karin Steiner, Psychotherapeutin (www.reizdarm.cc)

Feb 18

(Bild: Reuters/Kim Hong-Ji)

Etwa 1% der √∂sterreichischen Bev√∂lkerung d√ľrfte an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa / Reizdarmsyndrom leiden – beide sind chronisch entz√ľndliche Darmerkrankungen (CED), die mit schweren Durchf√§llen und Schmerzen einhergehen, das Thrombose-Risiko erh√∂hen und ultimativ Operationen erforderlich machen k√∂nnen, bei welchen besonders schwer befallene Darmabschnitte entfernt werden. Und die Zahl der Betroffenen steigt sogar noch an, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. Die betreffenden Daten wurden im Zuge des 8. Kongresses der European Crohn’s and Colitis Organisation (ECCO) im Austria Center Vienna im Februar 2013 ver√∂ffentlicht.

“Zumindest drei Millionen Menschen in Europa leiden an chronisch entz√ľndlichen Darmerkrankungen. Wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Die meisten Erstdiagnosen werden in der Altersgruppe zwischen dem 20 und 30 Lj. gestellt. Wir sehen aber auch einen dramatischen Anstieg bei den Kindern. In den vergangenen zehn Jahren haben deren Diagnosen um 50 Prozent zugenommen. Viele Betroffene haben immer wieder Krankheitsepisoden, ein Viertel aber hat chronische Symptome”, sagte T. Jess vom d√§nischen Gesundheits√ľberwachungs- und -Forschungszentrum.

Der Expertin zufolge muss etwa die H√§lfte der Betroffenen innerhalb von zehn Jahren zumindest einmal im Spital aufgenommen werden. Oft folgt dann eine Operation mit Entfernung betroffener Darmabschnitte. “Die Invalidit√§tsrate mit drei bis sechs Wochen pro Jahr, in denen ein Patient keiner Arbeit nachgehen kann, liegt bei 34 Prozent”, so Jess.

Fr√ľhe Diagnose und Behandlungsbeginn essentiell

W. Reinisch von der MedUni Wien am AKH best√§tigt einen deutlichen Anstieg bei chronisch entz√ľndlichen Leiden wie Asthma, Multiple Sklerose, Diabetes Typ 1 in den hochentwickelten Industriestaaten seit den 1950er-Jahren um das Zehn- bis 15-fache (!). Die Zahl der Kinder, die aufgrund schwerer chronisch-entz√ľndlicher Darmerkrankungen station√§r behandelt werden mussten, hat sich in √Ėsterreich allein in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Die diesen dramatischen Anstiegen zugrundeliegenden Ursachen sind noch immer nicht gekl√§rt – und die genannten Krankheiten bis heute nicht heilbar: im besten Fall kann ihre Intensit√§t reduziert werden. Das gilt auch f√ľr Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. “Mit einer genetischen Disposition l√§sst sich nur ein geringer Teil dieser Erkrankungen erkl√§ren. Es sind vorwiegend Umwelteinfl√ľsse, welche chronisch-entz√ľndliche Erkrankungen ausl√∂sen.”, so Reinisch. Die Ursachen k√∂nnten m√∂glicherweise in einem Wechselspiel aus fehlerhafter und einseitiger Ern√§hrung, Medikamenteneinnahmen wie z.B. Antibiotika, aber auch Rauchen, Stress, dem Lebensstil, dem Lebensumfeld in den St√§dten und gesteigerter Hygiene bestehen.

Der Experte sieht angesichts der starken Beeintr√§chtigung des weiteren Lebensverlaufes der Erkrankten einen dringenden Bedarf an m√∂glichst fr√ľhen Diagnosen. Je fr√ľher mit der Therapie begonnen wird, umso wirksamer ist sie auch, ein Zusammenhang, der auch aus der Psychotherapie bekannt ist. Haus√§rzte, die zumeist den Erstkontakt mit Betroffenen haben, sollten die entscheidenden Verdachtsmomente kennen und erkennen, und in der Langzeitbetreuung sollten dann Allgemeinmediziner, Fach√§rzte und spezialisierte Zentren kooperieren.

Symptome chronisch entz√ľndlicher Darmerkrankungen (CED):

H√§ufige Entz√ľndungsbereiche (Bild: kompetenznetz-ced.de)

Die meisten Menschen (aber sogar viele Allgemeinmediziner) verf√ľgen nur √ľber mangelhaftes Wissen √ľber die Symptome chronisch entz√ľndlicher Darmerkrankungen, weshalb vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnose mitunter Jahre vergehen k√∂nnen. Einige funktionelle St√∂rungen des Magen-Darm-Traktes weisen √§hnliche Symptome auf, daher ist das Beachten typischer Morbus Crohn-Signale sehr wichtig, wie zum Beispiel Blut im Stuhl, Entz√ľndungszeichen im Blut oder Stuhl, aber auch Fieber und Gelenkschmerzen.

Wenn krampfartige Bauchschmerzen, mehrw√∂chige (meist schleimige) Durchf√§lle, Gewichtsverlust, M√ľdigkeit bis totale Ersch√∂pfung, Leistungsabfall, Gewichtsverlust oder Fieber immer wieder in Intervallen auftreten, besteht starker Verdacht auf eine chronisch-entz√ľndliche Darmerkrankung (CED). Muss jemand √∂fter als 5-10 Mal pro Tag und zu unvorhergesehenen Zeiten die Toilette aufsuchen, wird das Leben massiv belastet – und ein Verdacht auf Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa liegt nahe und bedarf einer √§rztlichen Abkl√§rung (wie auch einer diagnostischen Abkl√§rung etwaiger Nahrungsmittelunvertr√§glichkeiten). Die schubartigen Phasen sollten nicht in falscher Sicherheit wiegen: die Krankheit schreitet auch w√§hrend der Phasen ruhender Symptomatik voran. Wenn diese jedoch wieder auftritt, k√∂nnen soziale Kontakte massiv belastet werden, h√§ufig entwickeln sich dadurch in weiterer Folge auch psychische Beschwerden wie Depression, Angst- oder Panikst√∂rungen.

Aktuelle Behandlungs-Ansätze von Morbus Crohn / Colitis Ulcerosa

Zun√§chst sind eingehende Untersuchungen (insbesondere Darmspiegelungen), notwendig, um die Erkrankung und das Erkrankungsgebiet (Morbus Crohn kann den kompletten Verdauungstrakt befallen, vom Mund bis zum After) genau zu identifizieren. Durch moderne Therapiekonzepte ist die Krankheit heute recht gut zu behandeln, obwohl trotz intensiver Forschung auch heute noch keine Heilung im eigentlichen Sinne m√∂glich ist. Dennoch f√ľhrt die Erkrankung an Morbus Crohn auch heute noch bei 60 Prozent aller Betroffenen im Endeffekt zu einem operativen Eingriff (meist aufgrund von entz√ľndungsbedingten Darmverschl√ľssen).

Neben einer Reihe von medikament√∂sen Ans√§tzen werden in Studien derzeit auch zahlreiche andere Therapieans√§tze ausgelotet – vor allem in leichten F√§llen von Morbus Crohn. Gastroenterologen von der Uni Duisburg-Essen haben die “Mind-Body-Medicine”, eine Kombination aus Bewegung, mediterraner Vollwertkost, Entspannungs√ľbungen und Stressbew√§ltigung entwickelt – in Studien zeigte sich deutlich eine Verbesserung der Lebensqualit√§t. Hypnotherapie hat sich ebenfalls zur Stressreduktion und der besseren Bew√§ltigung der Schubphasen bew√§hrt.

Weiterf√ľhrende Links:
Verein Darm Plus
http://www.gastrojournal.org/article/S0016-5085%2810%2900754-7/abstract
Quelle: Der Standard

Dec 05

(Image source: The Tribune India)

Diabetiker, haben langfristig weniger gesundheitliche Sch√§den und psychische Probleme – und damit eine h√∂here Lebenserwartung, wenn sie sich besser zu entspannen und den psychischen Umgang mit ihrer Erkrankung erlernen. Dies fand die k√ľrzlich im Magazin “Diabetes Care” ver√∂ffentlichte Heidelberger Diabetes und Stress-Studie (HeiDis) heraus, die erste kontrollierte klinische Studie, die den Effekt von Stressreduktion auf Diabetiker untersucht. Nach einer Studiendauer von 1 Jahr wurden die Ergebnisse ver√∂ffentlicht, denen zufolge die Teilnehmer an einer 8-w√∂chigen, fachlich geleiteten Anti-Stress-Gruppentherapie mit w√∂chentlichem √úbungsprogramm (z.B. Meditation, Atem√ľbungen, Reflexion und Umgang mit krankheitsbedingten Stressituationen etc.) nach einem Jahr weniger depressiv und k√∂rperlich fitter waren und einen niedrigeren Blutdruck aufwiesen. Ihre Eiwei√ü-Ausscheidung (diese nimmt mit nachlassender Nierenfunktion zu) war zwar unver√§ndert – bei der unbehandelten Kontrollgruppe jedoch hatte sich diese weiter verschlechtert.

Die leitenden √Ąrzte weisen zwar darauf hin, dass noch genauere Ursachenforschung erforderlich ist, betonen aber ihre Zuversicht, dass mittels der regelm√§√üigen stressreduzierenden Therapiemassnahmen die psychische Situation der zuckerkranken Patienten verbessert werden kann.

An der Studie nahmen 110 Diabetiker und Diabetikerinnen teil, wobei vor allem solche Patienten rekrutiert wurden, die bereits seit Jahren an Diabetes litten und ein hohes Risiko f√ľr Komplikationen hatten. Diese Patientengruppe hat besonders h√§ufig Depressionen und √Ąngste, da sie ihre Erkrankung als einschr√§nkend und bedrohlich erlebt. Zus√§tzliche Gesundheitsprobleme durch Gef√§√üsch√§den, z.B. an Herz und Augen, sind bei ihr ebenfalls h√§ufig. Die Idee zur Studie beruhte auf der Beobachtung, dass Personen, welche an psychischen Problemen leiden, erh√∂hte Stresslevel aufweisen, die wiederum das Schl√ľsselmolek√ľl aktivieren (den sogenannten Transkriptionsfaktor NF-kappaB) das Entz√ľndungen und Abbauprozesse ausl√∂st. Als n√§chstes wird die Umkehrhypothese getestet: ob n√§mlich weniger Stress und weniger psychische Probleme gesundheitliche Sch√§den verhindern kann. Allerdings existieren schon eine ganze Reihe von Studien, die ebendies nachweisen, wie regelm√§√üigen LeserInnen des Psychotherapie-Blogs nicht entgangen sein wird.

Die Teilnehmer bewerteten ihre Therapie √ľberwiegend als positiv; ihre Lebenseinstellung zu der Erkrankung habe sich ge√§ndert, sie wollten nun insgesamt bewusster und aufmerksamer leben. Jeder zweite Teilnehmer war an einer Fortsetzung der Therapie interessiert.

Diabetes Care vol. 35 no. 5 945-947 (doi: 10.2337/dc11-1343), MedAustria)

Dec 05

(Bildquelle: frag-dich-gesund.de)

Eine neue Studie beschreibt Zusammenh√§nge zwischen Psyche und chronisch entz√ľndlichen Darmerkrankungen (CED) wie z.B. Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, welche nach heutigem Wissensstand zwar behandel- aber nicht heilbar sind. Die an der Universit√§t Erlangen durchgef√ľhrte Studie zeigt, welche Auswirkungen diese Erkrankungen auf die Psyche der Betroffenen haben k√∂nnen. Unsicherheit im Sozialkontakt, ein erh√∂htes soziales Unterst√ľtzungsbed√ľrfnis und Depressivit√§t z√§hlen demnach zu den gravierendsten Faktoren.

Chronisch entz√ľndliche Darmerkrankungen betreffen etwa 1% der mitteleurop√§ischen Bev√∂lkerung und brechen zumeist im Alter von 15 bis 35 Jahren aus, einer Zeit, in der viele Menschen ihre Berufe planen, dort hohen Anforderungen ausgesetzt sind, und Familien gr√ľnden. Man vermutet deshalb Ver√§nderungen der individuellen Umweltbedingungen und Stressbelastung als mitausl√∂sende Faktoren. Gene und eine Barrierest√∂rung des Darms werden ebenfalls als mitverursachend vermutet. Die Krankheiten verlaufen schubweise, mit Bauchschmerzen, h√§ufigen Durchf√§llen und bei l√§nger anhalten Sch√ľben mit Gewichtsverlust und Schw√§che. Neben den k√∂rperlichen Beschwerden spielen die psychosozialen Belastungen eine wichtige Rolle f√ľr Betroffene: Die Erkrankung kann von √Ąngsten begleitet sein, die Beschwerden werden h√§ufig im Arbeits- oder sozialen Umfeld tabuisiert und k√∂nnen zu Problemen am Arbeitsplatz f√ľhren.

Zwischen 2011 und 2012 wurden insgesamt 270 Personen mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa und eine nicht von CED betroffene Kontrollgruppe von 110 Personen zu den ihr Wohlbefinden am st√§rksten beeinflussenden psychischen Faktoren befragt. Als Ergebnis zeigte sich ein klarer Zusammenhang zwischen chronisch entz√ľndlichen Darmerkrankungen, dem verst√§rkten Auftreten von Depressivit√§t sowie einem erh√∂hten Bedarf an sozialer Unterst√ľtzung durch die jeweiligen Familien, Selbsthilfegruppen oder manchmal auch psychotherapeutische Massnahmen bieten. Anteilsm√§√üig besonders stark sind an Morbus Crohn erkrankte Patienten von psychischen Folgen betroffen, und diese dar√ľber hinaus auch in ihrer Auspr√§gung von der Schwere des Entz√ľndungsgrades abh√§ngig.

(Quellen: Kompetenznetz Darmerkrankungen, MedAustria)

Jan 05

Photoquelle: thetastingnote.com

Bei ihrer Einf√ľhrung wurde Viagra als neue Hoffnung f√ľr all jene beworben (und prompt gefeiert), die unter Erektionsst√∂rungen litten. Tats√§chlich wurden Belege daf√ľr gefunden, was manche Sexualtherapeuten (unter anderem auch ich) bereits von Beginn an vermuteten: √§hnlich den Effekten bei sog. “Testosteron-Kuren” (k√ľnstlicher Testosteron-Verabreichung) l√§√üt die Wirkung der Potenzpille bei l√§nger dauernder Einnahme zum Teil massiv nach.

Wissenschaftler dreier Universit√§ten in den USA und in Saudiarabien untersuchten, ob die Wirkung von Viagra, Cialis und Levitra auch anh√§lt, wenn das Medikament l√§ngerfristig eingenommen wird und ver√∂ffentlichten die Ergebnisse der Studie im Journal of Urology. Per Telephoninterview wurden 151 Patienten befragt, die im Jahre 1997 Viagra verschrieben bekommen hatten. Die Ursachen f√ľr die Erektionsst√∂rungen der Patienten waren operative Prostataentfernungen, Diabetes, oder neurologische St√∂rungen.

Anfangs verbesserte sich bei drei Viertel der Teilnehmer die Erektionf√§higkeit soweit, dass sie wieder normalen Geschlechtsverkehr haben konnten. Bei 15% dieser Patienten waren dazu 100mg Sildenafil (die maximale f√ľr m√§nnliche Erwachsene angeratene Dosis), notwendig, 83% der Patienten kamen mit 50mg aus und 2% ben√∂tigten nur 25mg.
Nach drei Jahren wurden die Patienten nochmals befragt, und es stellte sich heraus: die neuen Sexfreuden hatten nicht lange angehalten. Etwa die Hälfte der Patienten hatte die Potenzpille wegen Wirkungslosigkeit bereits ganz abgesetzt. Und 37% jener Männer, die noch auf Viagra bauten, waren mittlerweile auf die Maximaldosis umgestiegen.

Die Ern√ľchterung √ľber die angeblichen Wunderkr√§fte der blauen Pille ist in der Fachwelt gro√ü. “Nach meinen Beobachtungen wirkt Viagra nur bei der H√§lfte aller Patienten mit k√∂rperlich bedingten Erektionsst√∂rungen”, erkl√§rt P. Derahshani, Leiter der Urologischen Abteilung der K√∂lner Klinik am Ring. Ein gesundheitlich problematischer Aspekt bestehe darin, dass beim Auftreten von Gew√∂hnungseffekten die Dosis nur bei jenen Patienten gesteigert werden kann, die vorher 25 oder 50mg eingenommen haben, denn eine Dosis √ľber 100mg erh√∂ht das Risiko von Nebenwirkungen wie Kreislaufsschw√§che, √úbelkeit oder Kopfschmerzen betr√§chtlich.

Kein Ersatz f√ľr Psychotherapie bzw. Sexualtherapie

“Man sollte nicht vergessen, dass bei Erektionsproblemen Viagra nur bei solchen M√§nnern indiziert ist, deren Potenzschw√§che k√∂rperliche Ursachen hat”, sagte der Wiener Urologe Werner Reiter von der Impotenz-Ambulanz am Wiener Allgemeinen Krankenhaus in einem Interview mit der “S√ľddeutschen” (SZ). Vor allem bei √§lteren M√§nnern, die viel rauchen und an Bluthochdruck oder Herzerkrankungen leiden, verliere Viagra nach l√§ngerer Einnahme an Wirkung. Bei M√§nnern mit stabilem Gesundheitszustand beobachtet der Spezialist hingegen selten einen Gew√∂hnungseffekt.
“Wenn die Gr√ľnde f√ľr die Impotenz im psychischen Bereich liegen, deckt Viagra im besten Fall anfangs die Impotenz-Symptome zu”, warnt Reiter. Langfristig k√∂nne diesen Patienten nur mit einer Psychotherapie bzw. Sexualtherapie geholfen werden.

Gesundheitsrisiken mitunter fatal unterschätzt

Fatalerweise wird von vielen M√§nnern das Risiko von Selbstmedikation ignoriert. Doch stattliche 40 Prozent der M√§nner, die wegen Erektionsproblemen zum Arzt gehen, leiden an einer Arteriosklerose der Herzkranzgef√§√üe (welche jedoch nicht immer die Ursache der Erektilen Dysfunktion darstellen muss). Impotenz “kann jedoch das Anzeichen einer Erkrankung oder einer beginnenden Erkrankung sein. Symptome aber einfach blind wegbringen zu wollen hat sich weder in der Medizin, noch in der Psychotherapie als gewinnbringend erwiesen”, so Sexualtherapeut Karl F. Stifter. Es gehe darum, den Menschen ganzheitlich im Auge zu behalten, und dazu geh√∂rt auch, bei Erektionsproblemen zun√§chst einmal k√∂rperliche Ursachen und Symptome abzukl√§ren.

Der in den Pillen enhaltene Wirkstoff (Sildenafil bei Viagra, Vardenafil bei Levitra und Tadalafil bei Cialis) f√∂rdert die Entspannung der glatten Muskulatur im Schwellk√∂rper und unterst√ľtzt so die Erektionf√§higkeit. Die Besonderheit ist, dass die Wirkung erst mit einer sexuellen Erregung einsetzt – Erektionsprobleme werden also insbesondere dann nicht von ihr gel√∂st, wenn psychische Ursachen die Erektion behindern.

In geringem Ma√üe beeinflussen die Wirkstoffe auch chemische Reaktionen innerhalb unseres K√∂rpers, die unsere visuellen Empfindungen steuern. Daher geh√∂rt zu ihren Nebenwirkungen auch eine spezielle Form der Sehst√∂rung, bei der man alles leicht blau get√∂nt sieht. Piloten d√ľrfen daher mindestens 12 Stunden vor einem Flug kein Viagra einnehmen. Auf die mittlerweile nachgewiesene Sch√§digung des H√∂rverm√∂gens durch eine Langzeiteinnahme der Potenzmittel habe ich bereits in einem fr√ľheren Blog-Artikel hingewiesen.

Noch weitaus problematischer als dieses “blaue Wunder” ist aber wie erw√§hnt die Gefahr, bei bestehender Herzschw√§che einen Infarkt zu erleiden. Denn als Medikamente, die in die Blutzirkulation des K√∂rpers eingreifen, haben Viagra & Co. besondere Risiken f√ľr Herz und Kreislauf. Insbesondere Patienten, die Nitroglycerin oder Blutdruck senkende Mittel einnehmen m√ľssen, welche ebenfalls die glatte Muskulatur entspannen, d√ľrfen die Tabletten nicht einnehmen, da sich die Wirkung der Mittel gegenseitig verst√§rkt. Zusammen mit nitrathaltigen Medikamenten (z.B. f√ľr Angina pectoris) kann der Wirkstoff zu einem t√∂dlichen Blutdruckabfall und bei M√§nnern mit Herzkrankheiten zu Kreislaufversagen f√ľhren. Eine entsprechende Untersuchung durch einen Arzt ist daher unbedingt angezeigt, bevor man diese einnimmt.

Tats√§chlich sind keine anderen Medikamente aufgrund fahrl√§ssiger Anwendung f√ľr so viele Todesf√§lle verantwortlich wie die neuen “Erektionshelfer”. Europaweit wurden allein w√§hrend der ersten 3 Jahre nach dessen Einf√ľhrung weltweit 616 Todesf√§lle nach der Einnahme von Viagra gemeldet. Die leichte Verf√ľgbarkeit der Tabletten √ľber das Internet oder den Schwarzmarkt stellt ein gro√ües Problem dar, da sie zum einen zur Selbstmedikation regelrecht einl√§dt, und es sich zum anderen bei manchen so bezogenen Tabletten um gesundheitsgef√§hrdende Imitate handelt. Der Markt der Imitate, die gr√∂√ütenteils aus Indien und China stammen, ist n√§mlich kaum zu kontrollieren, mit den damit verbundenen Risken f√ľr die Endanwender, die die so bezogenen Tabletten h√§ufig nicht nur in viel zu jungen Jahren, sondern auch auf eigene Faust als “Lifestyle”-Droge einsetzen.

Zu bef√ľrchten ist also einmal mehr, dass bereits derzeit die Zahl der “Viagra-Veteranen” mit multisystemischen Erektionsst√∂rungen (= psychogene Erektile Dysfunktion plus bereits organisch bedingter Wirkungslosigkeit erektionshelfender Mittel) massiv zunimmt. Diese M√§nner d√ľrften sich speziell dann, wenn die Erektionsf√§higkeit aus ganz nat√ľrlichen Gr√ľnden (altersbedingt oder als Nebeneffekt k√∂rperlicher Erkrankungen) abnimmt, in einer ungl√ľcklichen Sackgasse wiederfinden.
Nachgewiesenerma√üen sind bei der √ľberwiegenden Mehrheit der M√§nner unter dem 50. Lebensjahr Erektionsprobleme psychisch bedingt – selbst diesen aber ist aus sexualtherapeutischer Sicht unbedingt angeraten, diese zun√§chst √§rztlich abkl√§ren zu lassen. Werden dabei keine klaren Indizien f√ľr k√∂rperliche Ursachen gefunden, sollte man im Interesse seiner Gesundheit (und vielleicht auch, um sich die “Trumpfkarte” der Pillen f√ľr schwierigere Zeiten aufzuheben) sexualtherapeutische Beratung suchen, statt reflexartig zu den einfach verf√ľgbaren problematischen “blauen Pillen” zu greifen.

(Quellen: Reuters.com; Rizk El-Galley et.al., “Long-Term Efficiacy of Sildenafil and Tachyphylaxis Effect” in: The Journal of Urology – September 2001 (Vol. 166, Issue 3, Pages 927-931); Image source: creakyeasel.com)

Sep 24

Myalgic Encephalomyelitis (ME) – besser bekannt als Chronic Fatigue Syndrome (CFS) – betrifft rund eine Million Menschen in den USA und noch mehr in Europa. Dennoch gibt es viel zu wenige intensive Forschungsinitiativen, kritisieren Experten in einer Aussendung. Die Zahl der Patienten steige an, aber das Wissen √ľber m√∂gliche Behandlungsmethoden fehle.

Im Krankheitsverlauf zeigen sich meist neurologische, immunologische und endokrine Auff√§lligkeiten. Die Ursachen sind – trotz einer Vielzahl von Studien, die vor allem auf biologische und Umweltfaktoren abzielen – bis heute ungekl√§rt, es gibt nicht einmal laboratorische Tests oder Biomarker, die Hinweise auf bestimmte organische Komponenten geben k√∂nnten. Zu den h√§ufigsten Symptomen von CFS geh√∂ren Muskel-und Gelenkschmerzen, kognitive Schwierigkeiten, chronische geistige und k√∂rperliche Ersch√∂pfung bei vorheriger Gesundheit und normaler Aktivit√§t. Zus√§tzlich m√∂gliche Symptome sind Muskelschw√§che, Hypersensibilit√§t, Verdauungsst√∂rungen, Depressionen, reduzierte Immunabwehr sowie Herz-und Atemwegserkrankungen – bemerkenswerterweise alles Symptome, die auch beim Burnout h√§ufig sind. Es ist jedoch unklar, ob diese Symptome einander gegenseitig verst√§rken oder nur das Ergebnis der “eigentlichen” CFS sind. Um die Diagnose CFS zu rechtfertigen, d√ľrfen die Symptome nicht durch andere Erkrankungen verursacht werden.

Das Resultat der schlechten Forschungslage und Information ist wohl, dass die Krankheit oft jahrelang undiagnostiziert und unbehandelt bleibt. Das Vorkommen der Krankheit und ihr Einfluss auf das Gesundheitswesen sei höher als besser erforschte Krankheiten wie Multiple Sklerose oder HIV, so der belgische Forscher belgische Kenny De Meirleir. ME/CFS ist ihm zufolge eine chronische Krankheit, die die Lebensqualität der Betroffenen enorm einschränke.

Professor Luc Montagnier – Nobelpreistr√§ger 2009 f√ľr Medizin – meint, dass das Wissen, das √ľber das Syndrom bereits existiert, medizinisches Personal aber entweder nicht erreicht oder es zu wenig ernst genommen wird. Montagnier, einer der Mitendecker des HI-Virus, unterst√ľtzt einen neu gegr√ľndeten Think Tank zur Erforschung und Bewusstmachung der Krankheit. Die mit diesem verbundene Organisation “European Society for ME” (ESME) hat das Ziel, das Bewusstsein und die Forschung f√ľr die ernst zu nehmende Erkrankung interdisziplin√§r zu sch√§rfen.

(Quelle: European Society for ME; Erstveröffentlichung: 08/2010, letzte Aktualisierung im Kommentarbereich: 09/2011; Image src:autismfile.com)

Sep 14

‘Echo and Narcissus’ by John William Waterhouse (image source: oceansbridge.com)

Narzissmus bzw. “Selbstliebe” ist grunds√§tzlich eine wichtige Basis unserer Pers√∂nlichkeit: er treibt uns dazu an, uns um uns selbst zu k√ľmmern. Als pathologische, schwere Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wird er nur dann betrachtet, wenn er sch√§digend wirkt – entweder f√ľr andere oder die Betreffenden selbst. Tats√§chlich ist es keineswegs immer nur die Umwelt, die unter dem Narzissmus Einzelner zu leiden hat: manche Narzissten neigen dazu, sich selbst zu sehr zu “verw√∂hnen” – sie leben √ľber ihre Verh√§ltnisse, irgendwann aber bricht ihre Welt zusammen und Schulden, k√∂rperliche Krankheiten oder andere durch den Ressourcenmi√übrauch verursachte Probleme holen sie ein.

Die Grundlage krankhaften Narzissmus’ ist ein schwaches Selbstwertgef√ľhl, auf dessen Basis die betreffenden Personen – gewisserma√üen √ľberkompensierend – Grandiosit√§tsgef√ľhle entwickeln, ihre F√§higkeit zur Empathie dagegen nicht ausreichend ausgebildet wird. Es ist deshalb schwierig f√ľr sie, die Gr√ľnde der Handlungen anderer nachzuvollziehen, viel st√§rker bewegen sie die Auswirkungen dieser Handlungen auf sich selbst, etwa, wenn ihnen jemand bestimmte “Probleme bereitet”. Meist h√∂rt man dann lautstarke Klagen dar√ľber, warum sich die andere Person nicht so verhalten hat, wie der Narzisst sich dies erwartete, und es kann keine Ruhe mehr gefunden haben, bis die Hindernisse aus dem Weg ger√§umt wurden oder “Gerechtigkeit” wiederhergestellt ist.

Die Gr√∂√üengef√ľhle und die enorme Bedeutung, die das Umsetzen ihrer Ideen, Absichten und Ziele f√ľr sie hat, k√∂nnen jedoch auch zu einer massiven Last werden. Personen, die ihre Position in Frage stellen oder auch die M√∂glichkeit eines Zusammenbrechens ihrer Konstrukte stellen eine latente Bedrohung dar. Auch nat√ľrliche Vorg√§nge wie das Altern oder strukturelle Ver√§nderungen werden als bedrohlich empfunden: denn wenn das Selbstwertgef√ľhl nicht mehr so einfach wie fr√ľher durch Macht und Einfluss gest√§rkt werden kann oder altersbedingt geistige Ressourcen, Kraft und Leistung (bei M√§nnern insbesondere auch die Potenz) nachlassen, sind schmerzvolle Anpassungsprozesse erforderlich, mitunter erfolgen mentale Zusammenbr√ľche, Suchtverhalten oder Depressionen mit Suizidgedanken stellen sich ein.

Die Wurzeln der narzisstischen St√∂rung liegen wie bei den meisten anderen psychischen St√∂rungen auch in der Kindheit. Die US-Journalistin Jean Liedloff, die bei einem s√ľdamerikanischen Stamm gelebt hat, thematisiert in ihrem Buch “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” (siehe Link unten) den Verlust des narzisstischen Gef√ľhls “Ich bin etwas wert” in der westlichen Welt. Beim Stamm der Yequana werden die Babys ein Jahr am K√∂rper herumgetragen, schlafen bei den Eltern, Tadel oder mahnende Worte gibt es nicht. Die Kinder erhalten damit eine gute und stabile Selbstwertbasis, die sich auf k√∂rperlicher Ebene mit der Muttermilch vergleichen lie√üe, die das Immunsystem des Babys st√§rkt.

Zur√ľckweisung oder Kritik dagegen erlebt ein Kleinkind als narzisstische Kr√§nkung – erf√§hrt es zuviel davon, kann sich eine destruktive Dynamik entwickeln. H√§ufig versuchen solche Kinder sp√§ter, die Zur√ľckweisung anderer mit besonderem Ehrgeiz oder anderen Kompensationsversuchen auszugleichen. Dies k√∂nnte erkl√§ren, wieso kleine M√§nner besonders h√§ufig in Machtpositionen zu finden sind. Vor dem Hintergrund des Werteverlusts in der westlichen Gesellschaft wiederum k√∂nnten zahlreiche Facetten der westlichen Kultur, etwa die bei vielen beliebte Selbstdarstellung in den sog. “sozialen Netzwerken”, oder Aspekte der Fitne√ü- oder Selbstfindungs-Bewegung, als narzisstische Kompensationsversuche gedeutet werden.

Kann das vorhandene Selbstwertgef√ľhl besonders starke “narzisstische Kr√§nkungen” (etwa einen Verlust des Arbeitsplatzes und eine kurz darauffolgende Trennung) nicht verarbeiten, kann die St√∂rung ins Pathologische kippen und sich in Gewaltt√§tigkeit, Amokl√§ufen, Somatisierungen (psychosomatische Erkrankungen), Sucht oder Depression manifestieren. Diese Symptome k√∂nnen gewisserma√üen als Ventil gesehen werden, √ľber die sich der Schmerz einer nicht verarbeitbaren psychischen Verletzung entl√§dt.

Der Narzisst – und die anderen

Narzissten sind h√§ufig entweder Einzelg√§nger (da sie sich von potenziellen Beziehungspartnern gebremst f√ľhlten oder schlicht kein Interesse haben, ihr Leben mit einer anderen Person zu teilen) oder aber es treffen sich zwei Narzissten, die gemeinsam ihren jeweiligen Zielen nachjagen, emotional aber nur in sehr begrenztem Ausma√ü Intimit√§t zueinander herstellen k√∂nnen. Manchmal wird geliebt, um selbst geliebt zu werden – oder das “Haben” einer Beziehung ist im Grunde wichtiger als der Partner selbst. Man lebt nebeneinander her, vom Partner wird in erster Linie Anerkennung und Respekt erwartet sowie Toleranz f√ľr die mitunter weit in die Abende oder N√§chte dauernden beruflichen und Hobby-Aktivit√§ten.
In der Arbeitswelt und im Freundeskreis wirken Narzissten h√§ufig souver√§n, eloquent bis schillernd-charismatisch. Wesentliche Teile des betreffenden Verhaltens sind jedoch mehr oder weniger bewu√üte Selbstdarstellungen und Inszenierungen, und der Eindruck der Souver√§nit√§t und Sicherheit ist ein gewollter, ja gesuchter. Wird die eigene Grandiosit√§t √ľbersch√§tzt, kann dies schlimme Folgen haben: etwa wenn beim Einstellungsgespr√§ch ein guter Eindruck erzeugt wurde, sp√§ter aber durch tats√§chliche Inkompetenz Probleme f√ľr den Arbeitgeber entstehen. Das starke Streben vieler Narzissten nach Top-Positionen, Inszenierung und Aufmerksamkeit ist besonders dann problematisch, wenn diese Personen √ľber Macht und Einflu√ü verf√ľgen: aufgrund ihres Mangels an Empathie gehen sie gewisserma√üen “√ľber Leichen”, um ihre Ziele zu erreichen und untersch√§tzen (oder ignorieren) die Folgen ihres Handelns.

√úber den Weg einer Psychotherapie kann es Narzissten gelingen, ihre Lebenszufriedenheit signifikant zu erh√∂hen und zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und anderen zu finden – auch wenn bestimmte Grundz√ľge besonders ausgepr√§gter narzisstischer Pers√∂nlichkeiten nur schwer oder gar nicht ver√§nderbar sind.

Buchtipps:
Jean Liedloff, “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” – Gegen die Zerst√∂rung unserer Gl√ľcksf√§higkeit in der fr√ľhen Kindheit
Telfener / Liebl, “Hilfe, ich liebe einen Narzissten” – √úberlebensstrategien f√ľr alle Betroffenen
Wardetzki, B., “Eitle Liebe” – Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen k√∂nnen
Behary / Kierdorf / H√∂hr, “Der Feind an Ihrer Seite.” – Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern √ľberleben und wachsen k√∂nnen
Berschneider, W.: “Wenn Macht krank macht”Narzissmus in der Arbeitswelt
Bergmann, W.: “Ich bin der Gr√∂√üte und ganz allein” – Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder
Wardetzki, B.: “Weiblicher Narzi√ümus – Der Hunger nach Anerkennung

Sep 09

Prof. Dr. Wolfgang Albert, der seit 1987 die Abteilung Psychosomatische Medizin und seit seiner Gr√ľndung (April 2005) das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am Herzzentrum. In seiner Vorlesung ‚ÄěZum Stellenwert der psychosomatischen Medizin in der Herzchirurgie‚Äú schlug Albert eine weite Br√ľcke vom Begriff der Seele ‚Äěals Walten des g√∂ttlichen Prinzips‚Äú √ľber ‚Äědie Seele ist ein leeres Wort‚Äú bis zur modernen Definition der Psychosomatik, in der man ‚Äěkeine Krankheiten, sondern kranke Menschen‚Äú behandelt. Albert betonte, zu allen Zeiten wurden Seele und Herz im Kontext gesehen. Das Herz galt und gilt als Wohnort der Seele und der Liebe, und ist der Lebensmotor. Der Narzissmus jedes Menschen macht sich am Herz fest, das schon das Ungeborene im Mutterleib h√∂rt und beim S√§ugen an der Brust der Mutter lustbesetzt erf√§hrt. Woidera meinte daher ‚Äědas Herz ist das verinnerlichte Mutterprinzip‚Äú. Die moderne Psychosomatik in der Chirurgie befasst sich ebenfalls ausgiebig mit dem Herz, besser mit dem operierten, verlorenen alten und als Spende empfangenen neuen Herz oder unterst√ľtzend ‚Äězugeschalteten‚Äú Kunstherz. Transplantationen oder Implantationen, aber auch eingreifende Herzoperationen bzw. Kathetereingriffe stellen f√ľr den schwer herzkranken Menschen nicht nur k√∂rperlich, sondern auch seelisch eine hochgradige Ausnahmesituation dar, die es umfassend zu verarbeiten gilt. In rund 30 % der F√§lle kommt es zu √Ąngsten (oft Verlust√§ngsten), Schuldgef√ľhlen, Depressionen, Konzentrationsst√∂rungen, regressiver Abwehr, Ich-Schw√§che, die – so Albert – sofortiger psychosomatischer Hilfe bed√ľrfen, um nicht in eine chronisch-dauerhafte St√∂rung einzum√ľnden. Auch Partner, Eltern oder Geschwister sind h√§ufig seelisch stark mitbetroffen und bed√ľrfen psychologischer Hilfe.

Aus Studien am DHZB an 91 Transplantierten, von denen rund 40 % seit √ľber 15 Jahren mit einem neuen Herz leben, empfanden zwei Drittel der Patienten, die zeitweise psychosomatische Hilfsangebote wahrgenommen haben, ihre Lebensqualit√§t als ‚Äěgut bis sehr gut‚Äú, nur 6 % sagten, sie sei ‚Äěschlecht‚Äú. Interessanterweise √§u√üerten die mehr als 20 Jahre √úberlebenden eine bessere Einsch√§tzung als die Referenzgruppe aus der nicht-kranken Bev√∂lkerung. Grenzwertig wird das in einer Notfalloperation implantierte Kunstherz empfunden. Der psychosoziale Schock √ľber das Leben mit einem Kunstherz und der meist damit einhergehende Zusammenbruch s√§mtlicher Lebenskonzepte in beruflicher wie privater Hinsicht bedarf im Einzelfall eingehender psychosomatischer, medikamentengest√ľtzter Gespr√§chstherapie.

Ein 30-j√§hriger Patient, der nur noch eine zehnprozentige Herzfunktion aufwies, wollte nach der Assist-Implantation ‚Äěeinfach nur weglaufen‚Äú und seinen ‚Äěnormalen Alltag zur√ľck haben‚Äú. Erst in vielen Gespr√§chen ‚Äěes war immer ein Ohr f√ľr mich da‚Äú nahm er seine Situation an und befindet sich jetzt komplikationslos in der Rehabilitations-Klinik. Ein 30-j√§hriger herztransplantierter Patient zeigte Panikattacken, Angst, Depression und Realit√§tsverlust, ‚Äěich wollte noch schnell mal verreisen‚Äú. Jetzt hat er nach kurzzeitiger psychosomatischer Therapie die Ausbildung zum Kfz-Meister als Jahrgangsbester abgeschlossen und wird von seinem Dienstherrn in Vollzeit besch√§ftigt. Auch ein 59-j√§hriger Unternehmer, der mit dem weltweit einzig verf√ľgbaren Totalen K√ľnstlichen Herz CardioWest mit seinem sehr lauten Antrieb ausgestattet wurde, berichtete eindrucksvoll, wie er sich mit Unbeherrschtheit, Angst vor der eigenen Zukunft, aber auch der seiner Angeh√∂rigen und ‚Äěvielen negativen Gedanken‚Äú erst mittels zahlreicher therapeutischer Gespr√§che mit der schwierigen neuen Lebenssituation abfand und mit mehr Mut wieder in die Zukunft blicken kann, ‚Äěweil ich Hilfe habe‚Äú.

Professor Berger (Klinik f√ľr Angeborene Herzfehler/Kinderkardiologie) erl√§uterte, dass in seiner Abteilung typischerweise die kleinen Patienten fast m√ľhelos mit problematischen Situationen umgehen, nicht aber die s√§mtliche Hintergr√ľnde und Zukunftsaspekte verstehenden Eltern. Eine zweite Gruppe stellen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern dar, die vielfach psychosomatischer Hilfe bed√ľrfen. Hier kommt es √∂fter zu Abwehrhandlungen, Ausbruchsversuchen aus dem Krankenleben, mit Wut und Verzweiflung in der Pubert√§t. Es sei geplant, in seiner Abteilung dauerhaft einen Psychosomatiker f√ľr diese jungen Menschen zu besch√§ftigen.

Quellen: MedAustria, Deutsches Herzzentrum Berlin; Image:Shutterstock)

ÔĽŅ25.06.19