Feb 18

(Bild: Reuters/Kim Hong-Ji)

Etwa 1% der österreichischen Bevölkerung dürfte an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa / Reizdarmsyndrom leiden – beide sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED), die mit schweren Durchfällen und Schmerzen einhergehen, das Thrombose-Risiko erhöhen und ultimativ Operationen erforderlich machen können, bei welchen besonders schwer befallene Darmabschnitte entfernt werden. Und die Zahl der Betroffenen steigt sogar noch an, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. Die betreffenden Daten wurden im Zuge des 8. Kongresses der European Crohn’s and Colitis Organisation (ECCO) im Austria Center Vienna im Februar 2013 veröffentlicht.

“Zumindest drei Millionen Menschen in Europa leiden an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Die meisten Erstdiagnosen werden in der Altersgruppe zwischen dem 20 und 30 Lj. gestellt. Wir sehen aber auch einen dramatischen Anstieg bei den Kindern. In den vergangenen zehn Jahren haben deren Diagnosen um 50 Prozent zugenommen. Viele Betroffene haben immer wieder Krankheitsepisoden, ein Viertel aber hat chronische Symptome”, sagte T. Jess vom dänischen Gesundheitsüberwachungs- und -Forschungszentrum.

Der Expertin zufolge muss etwa die Hälfte der Betroffenen innerhalb von zehn Jahren zumindest einmal im Spital aufgenommen werden. Oft folgt dann eine Operation mit Entfernung betroffener Darmabschnitte. “Die Invaliditätsrate mit drei bis sechs Wochen pro Jahr, in denen ein Patient keiner Arbeit nachgehen kann, liegt bei 34 Prozent”, so Jess.

Frühe Diagnose und Behandlungsbeginn essentiell

W. Reinisch von der MedUni Wien am AKH bestätigt einen deutlichen Anstieg bei chronisch entzündlichen Leiden wie Asthma, Multiple Sklerose, Diabetes Typ 1 in den hochentwickelten Industriestaaten seit den 1950er-Jahren um das Zehn- bis 15-fache (!). Die Zahl der Kinder, die aufgrund schwerer chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen stationär behandelt werden mussten, hat sich in Österreich allein in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Die diesen dramatischen Anstiegen zugrundeliegenden Ursachen sind noch immer nicht geklärt – und die genannten Krankheiten bis heute nicht heilbar: im besten Fall kann ihre Intensität reduziert werden. Das gilt auch für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. “Mit einer genetischen Disposition lässt sich nur ein geringer Teil dieser Erkrankungen erklären. Es sind vorwiegend Umwelteinflüsse, welche chronisch-entzündliche Erkrankungen auslösen.”, so Reinisch. Die Ursachen könnten möglicherweise in einem Wechselspiel aus fehlerhafter und einseitiger Ernährung, Medikamenteneinnahmen wie z.B. Antibiotika, aber auch Rauchen, Stress, dem Lebensstil, dem Lebensumfeld in den Städten und gesteigerter Hygiene bestehen.

Der Experte sieht angesichts der starken Beeinträchtigung des weiteren Lebensverlaufes der Erkrankten einen dringenden Bedarf an möglichst frühen Diagnosen. Je früher mit der Therapie begonnen wird, umso wirksamer ist sie auch, ein Zusammenhang, der auch aus der Psychotherapie bekannt ist. Hausärzte, die zumeist den Erstkontakt mit Betroffenen haben, sollten die entscheidenden Verdachtsmomente kennen und erkennen, und in der Langzeitbetreuung sollten dann Allgemeinmediziner, Fachärzte und spezialisierte Zentren kooperieren.

Symptome chronisch entzündlicher Darmerkrankungen (CED):

Häufige Entzündungsbereiche (Bild: kompetenznetz-ced.de)

Die meisten Menschen (aber sogar viele Allgemeinmediziner) verfügen nur über mangelhaftes Wissen über die Symptome chronisch entzündlicher Darmerkrankungen, weshalb vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnose mitunter Jahre vergehen können. Einige funktionelle Störungen des Magen-Darm-Traktes weisen ähnliche Symptome auf, daher ist das Beachten typischer Morbus Crohn-Signale sehr wichtig, wie zum Beispiel Blut im Stuhl, Entzündungszeichen im Blut oder Stuhl, aber auch Fieber und Gelenkschmerzen.

Wenn krampfartige Bauchschmerzen, mehrwöchige (meist schleimige) Durchfälle, Gewichtsverlust, Müdigkeit bis totale Erschöpfung, Leistungsabfall, Gewichtsverlust oder Fieber immer wieder in Intervallen auftreten, besteht starker Verdacht auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED). Muss jemand öfter als 5-10 Mal pro Tag und zu unvorhergesehenen Zeiten die Toilette aufsuchen, wird das Leben massiv belastet – und ein Verdacht auf Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa liegt nahe und bedarf einer ärztlichen Abklärung (wie auch einer diagnostischen Abklärung etwaiger Nahrungsmittelunverträglichkeiten). Die schubartigen Phasen sollten nicht in falscher Sicherheit wiegen: die Krankheit schreitet auch während der Phasen ruhender Symptomatik voran. Wenn diese jedoch wieder auftritt, können soziale Kontakte massiv belastet werden, häufig entwickeln sich dadurch in weiterer Folge auch psychische Beschwerden wie Depression, Angst- oder Panikstörungen.

Aktuelle Behandlungs-Ansätze von Morbus Crohn / Colitis Ulcerosa

Zunächst sind eingehende Untersuchungen (insbesondere Darmspiegelungen), notwendig, um die Erkrankung und das Erkrankungsgebiet (Morbus Crohn kann den kompletten Verdauungstrakt befallen, vom Mund bis zum After) genau zu identifizieren. Durch moderne Therapiekonzepte ist die Krankheit heute recht gut zu behandeln, obwohl trotz intensiver Forschung auch heute noch keine Heilung im eigentlichen Sinne möglich ist. Dennoch führt die Erkrankung an Morbus Crohn auch heute noch bei 60 Prozent aller Betroffenen im Endeffekt zu einem operativen Eingriff (meist aufgrund von entzündungsbedingten Darmverschlüssen).

Neben einer Reihe von medikamentösen Ansätzen werden in Studien derzeit auch zahlreiche andere Therapieansätze ausgelotet – vor allem in leichten Fällen von Morbus Crohn. Gastroenterologen von der Uni Duisburg-Essen haben die “Mind-Body-Medicine”, eine Kombination aus Bewegung, mediterraner Vollwertkost, Entspannungsübungen und Stressbewältigung entwickelt – in Studien zeigte sich deutlich eine Verbesserung der Lebensqualität. Hypnotherapie hat sich ebenfalls zur Stressreduktion und der besseren Bewältigung der Schubphasen bewährt.

Weiterführende Links:
Verein Darm Plus
http://www.gastrojournal.org/article/S0016-5085%2810%2900754-7/abstract
Quelle: Der Standard

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