Jan 20

Seit einigen Jahren beobachte ich eine deutliche Zunahme von Menschen – insbesondere Männern -, die unter teils massiven Ängsten leiden, pädophile Neigungen zu haben. Auch wenn diese Ängste unbegründet sind, erzeugen sie in ihrer Intensität bei den Betroffenen doch massiven Leidensdruck – diagnostisch ist dann von Zwangsgedanken zu sprechen, eine Störung, die sich von Pädophilie klar zu unterscheiden ist.

In den meisten Fällen fand zu einem früheren Zeitpunkt ein “Initialereignis” statt, nach dem die Angst, möglicherweise pädophil zu sein, zum ersten Mal auftrat – z.B. körperliche Erregung bei der Berührung eines jungen Mädchens, ein sexuell gefärbter Traum, als erregend empfundene Filmszenen oder auch Bilder, die als pädoerotisch bis pädopornografisch einstufbar sind. Von diesem Zeitpunkt an werden die eigenen Gedankenläufe, etwa bezüglich “junger Mädchen” oder “Buben”, sehr genau beobachtet. So wird z.B. innerlich geprüft, ob sich emotionale oder körperliche Regungen einstellen, wenn den Betroffenen ein minderjähriges Mädchen über den Weg läuft oder Phantasie-Szenen werden experimentell im Kopf durchgespielt.
Im Unterschied zum normaltypischen Umgang mit der prinzipiellen Idee, über eigene pädophile Neigungen zu verfügen, ist Personen, die unter Zwangsgedanken leiden, die Kontrolle über die damit verbundenen Gedankenläufe weitgehend entzogen. Obwohl sich das reale sexuelle Interesse auf volljährige Personen richtet, scheint in der inneren Vorstellung jederzeit mit dem Schlimmsten, nämlich dem plötzlichen und nicht beherrschbaren Aufflammen von realen sexuellen Gefühlen für Minderjährige, gerechnet werden zu müssen.

Die Prognose von Zwangsgedanken aber ist alles andere als erfreulich, es handelt sich dabei um eine von der möglichen Ausprägung her sehr schwere und die Lebensqualität massiv einschränkende psychische Störungsform. Was mit gelegentlichen, beunruhigenden Gedanken beginnt, kann im Verlauf weniger Jahre oder gar Monate ein Ausmass annehmen, das ein geregeltes Leben und das Empfinden jeglicher Lebensfreude verunmöglicht. Ein erhebliches Problem besteht zudem darin, dass PatientInnen mitunter auch im realen Leben (also nicht nur gedanklich) “überprüfen” wollen, ob z.B. sexuelle Übergriffe als erregend empfunden würden. Es kann dann fatalerweise auch zu realen Übergriffen auf Minderjährige kommen, bei denen dann tatsächlich erstmals eine Grenze im realen Leben überschritten wurde – etwas, das bei rechtzeitiger therapeutischer Behandlung vermutlich niemals passiert wäre, aber nun erstmals potentielle rechtliche und auch weitere psychische Auswirkungen (z.B. starke Schuldgefühle und Ängste) hat.

Der nach solchen Erfahrungen meist weiter steigende psychische Druck und das strafrechtliche Risiko alleine rechtfertigen eine möglichst frühzeitige psychotherapeutische Behandlung dieser Form von Zwangsgedanken. Im Unterschied zu den meisten anderen Formen von Zwangsstörungen, deren Querwirkung auf Dritte i.d.R. sehr begrenzt ausfallen dürfte oder ganz ausbleibt, besteht bei unter pädophilen Zwangsgedanken leidenden Personen nämlich ein gewisses Risiko von Handlungen, die sie in die Grauzone strafrechtlich relevanter Taten oder darüber hinaus führt.

Hinweis: dieser Artikel ist die Kurzfassung meines umfangreichen Artikels zum Thema “Pädophile Zwangsgedanken“.
(Image src:omtimes.com)

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Abgelegt unter: Psy-Pressespiegel von r.l.fellner

01.09.19