Nov 01

Manchmal werde ich gefragt, warum TherapeutInnen für Paartherapie-Sitzungen ein höheres Honorar verlangen als für Einzelgespräche. Vielleicht ist es bei den anderen ein ähnlicher Grund wie bei mir: Paartherapie-Sitzungen sind um ein Vielfaches anstrengender!

Viele Paare verpassen dem Therapeuten besonders am Beginn einer Paartherapie – bewußt oder unbewußt – die Rolle eines Schiedsrichters: von beiden Seiten erhält man dann innerhalb weniger Minuten dutzende Argumente, Vorwürfe und Beispiele für die Zumutungen, Unverschämtheiten oder das Versagen des jeweiligen Gegenübers um die Ohren geblasen, so als wäre ein strenger Urteilsspruch des “Herrn Therapeuten” in die Richtung des jeweils Anderen das Ziel: “Sie sind schuld!
Nun ist den meisten hilfesuchenden Paaren im Grunde natürlich theoretisch klar, daß ein derartiger Zugang dem gemeinsamen Prozess kaum dienlich ist. Die emotionale Einsicht in die mentalen Sackgassen innerhalb der Beziehung muß jedoch erst erarbeitet werden, und das ist in der Regel alles andere als leicht, besonders dann, wenn sich beide Partner aufgrund monate- oder (das ist leider viel häufiger :-() schon jahrelang schwelender Konflikte bereits einen massiven Schutzpanzer zugelegt haben.

Leicht ist das Zusammenleben zwischen Mann und Frau ja wirklich nicht, wie schon Loriot in einem seiner wunderbaren Sketches zeigte:

Es kommt allerdings auch vor, daß Paare mich hochinteressiert und in einer derart offenen Grundhaltung aufsuchen, daß mitunter weniger als eine Handvoll Sitzungen ausreicht, um die “gordischen Kommunikationsknoten” dauerhaft aufzulösen. Nach den Sitzungen diskutieren sie eifrig weiter, sie führen aufgegebene “Hausübungen” oder zu versuchende Experimente mit Neugier und Engagement aus und Aufzeichnungen werden gemacht. Besonders begeistern mich Paare, bei denen sich ein Grundgefühl einer “tiefen Bande” vermittelt – einer Art Agreement zwischen beiden, dass sie es – egal wie schwierig es auch sein mag – schaffen wollen, miteinander eine Lösung zu finden. Das gemeinsame Ziel ist derart klar, daß es dadurch schon von vornherein unpassend wäre, den Partner/die Partnerin als in irgendeiner Weise “feindlich gesinnt” hinzustellen. Statt dessen hören beide einander genau zu und versuchen, den anderen trotz aller Schwierigkeiten positiv wahrzunehmen. In Glückszeiten zu lieben ist leicht – auch in der Krise ein offenes Herz füreinander zu behalten, dagegen eine der wohl größten Herausforderungen menschlicher Beziehungen.
__

Zum Weiterlesen:
Leitfaden Paartherapie
Regeln zum Scheitern einer Paartherapie
Literatur zum Weiterlesen

[Total: 0    Average: 0/5]

Gedanken zu “Paartherapie” (5):

  1. Kommentar von Jonas:

    Hahaha. Witziges Video! Ein exemplarisches Beispiel eine Ehe 🙂

  2. Kommentar von Vera:

  3. Kommentar von Karin T.:

    Ich arbeite ebenfalls als Eheberaterin, allerdings in Deutschland. Was Sie schildern entspricht auch meinen Erfahrungen und ich hätte diese nicht treffender schildern können. Unser Beruf ist manchmal wirklich eine Herausforderung. Genau wie Sie, nehme ich die gerne immer wieder aufs Neue an. Kollegiale Grüße aus Deutschland sendet Ihnen und Ihren Klienten Karin T.

    (Hinweis rlf: Realname entfernt, s. Rechtshinweise)

  4. Kommentar von Paarberatung:

    Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass jeder versucht, den Therapeuten auf seine Seite zu ziehen. Nur wenn sich der Therapeut darauf nicht einlässt, ist die Therapie erfolgreich. Ansonsten kann alles nur noch viel schlimmer werden (src: therapiehoch2.de)

  5. Kommentar von Maria:

    Ich arbeite auch als Beraterin in der Schweiz. Danke für den interresanten Artikel. Bin durch zufall drauf gestoßen, aber wirklich toll geschrieben.

    LG Maria

Einen Kommentar schreiben


01.09.19