Dec 22

Eines der kontroversiellsten sozialpsychologischen Experimente der Geschichte wurde im Jahre 2008 an der Santa Clara University wiederholt: das nach seinem Erfinder Stanley Milgram benannte “Milgram-Experiment” (1963), in welchem dieser unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses untersuchen wollte, warum Menschen im Dritten Reich im bekannten extremen Ausmaß Autoritätshörigkeit gezeigt hatten, sogar gegen ihr eigenes Gewissen.

Hierbei hatten die Versuchspersonen (allesamt “Durchschnittsbürger” aus unterschiedlichen sozialen Schichten, rekrutiert direkt auf der Straße, in Kaufhäusern, Bibliotheken, an Universitäten etc.) unter dem Vorwand, bei einer Untersuchung zu helfen, welche den Einfluß von Bestrafung auf die Lernfähigkeit erforscht, die Rolle eines Lehrers einzunehmen, welche einen (von einem Studenten gespielten) “Schüler” vermeintlich mit immer stärkeren, schmerzhaften Elektroschocks zu traktieren hatte, wenn dieser einen Fehler machte. Zögerte der “Lehrer”, wurde er vom als ärztliche Autorität auftretenden “Versuchsleiter” aufgefordert, weiter zu machen. Der “Schüler” stöhnte ab 70 Volt, ab 120 Volt schrie er vor Schmerzen, ab 140 Volt forderte er ein Ende des Experiments, ab 200 Volt schrie er noch lauter und verstummte schließlich ab 330 Volt, was aber die jeweiligen “Lehrer” schon im ersten von Milgram veröffentlichten Test nicht davon abhielt, zu über 60 Prozent die Schocks bis zum Anschlag auf 450 Volt zu verstärken. Waren hingegen zwei Versuchsleiter vorhanden, die sich widersprachen, brachen einige Versuchspersonen, welche die “Lehrer” spielten, ab. Um den Versuchspersonen zu suggerieren, dass die Elektroschocks real sind, hatten sie vor dem Testbeginn einen Schlag mit 15 Volt erhalten.

Gut 50 Jahre nach dem ersten Versuch zeigt sich also: wie schon damals sind mehr als 70% der Menschen im vermeintlichen “Ernstfall” bereit, andere zu quälen und zu foltern – nicht unbedingt, weil sie Lust daran finden würden, sondern weil sie einer Autorität gehorchen, die dies erlaubt (der “Versuchsleiter” teilte ihnen mit, daß er für alle etwaigen Folgen die “Verantwortung übernehmen” würde) und als “notwendig” erscheinen lässt. Das menschliche Gewissen erweist sich dabei als schwach, die empfundene “Pflicht” ist stärker. Signifikante Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie im Hinblick auf andere Differenzen wie Bildung oder ethnische Abstammung konnte der untersuchende Psychologe Jerry M. Burger nicht feststellen. Die Bereitschaft, andere unter den erwähnten Prämissen auch in hohem Maße zu quälen, war umso höher, desto geringer die anfänglichen Konsequenzen waren, je länger also anfänglich nur eine niedrige Bestrafung erteilt werden mußte. So funktionieren auch Sekten: die hohe Anzahl der Teilnehmer am Massen-Suizid in Jonestown erklärte Burger damit, daß die Anhänger des Sektenführers Jim Jones anfänglich nur kleine Geldmengen und wenig Zeit beizutragen hatten, und ihnen erst im Laufe der Zeit immer mehr Verpflichtungsbereitschaft abverlangt wurde.
Was wir daraus lernen können? Solange Gesellschaften einigermaßen friedlich und ausgeglichen sind, mögen die Schrecken sinken, sobald jedoch die Parole heißt: Wir gegen die Anderen, wie sie von verantwortungslosen Politikern ausgegeben wird, kann jeder zum Schlächter werden – hier haben sich offenbar weder unsere Gesellschaft, noch wir als Menschen weiterentwickelt, und der Weg zum wirklich mündigen Menschen scheint noch ein weiter zu sein.

Die Versuchsergebnisse werden in der Januar-Ausgabe des ‘American Psychologist’ publiziert.

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