Nov 01

In den letzten 30 Jahren gab es einen Rückgang der Zahl der Suizide in Deutschland von 18.000 auf ca. 9.400, mit dem stärksten Rückgang in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung.

Einer der wichtigsten Gründe für diesen sensationellen Rückgang dürfte die bessere Versorgung depressiv Erkrankter sowie eine bessere Früherkennung des Krankheitsbildes sein. Aber trotz dieser Fortschritte werden auch heute nur weniger als 10% der ca. 4 Millionen depressiv Erkrankten in Deutschland optimal behandelt, schätzen Experten. „Dies ist ein nicht tolerierbarer Zustand, da Depressionen schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen sind und wirksame Behandlungen (..) zur Verfügung stehen“, sagte Prof. Dr. U. Hegerl, Direktor Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Sprecher der Deutschen Bündnisse gegen Depression in einem Interview in Berlin.

Zu den Gründen für die schwierige zeitgerechte Diagnose und Therapie zählen unter anderem auch die Depressionssymptome selbst wie Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle und Erschöpfung, die es den Betroffenen erschweren, sich professionelle Hilfe zu holen und empfohlene Behandlungen konsequent mitzugehen. Außerdem wissen häufig weder die Betroffenen selbst noch die Ärzte (!) nicht um die adäquaten Behandlungsmöglichkeiten. Mit Psychotherapie und dem Einsatz von Antidepressiva kann bei über 90 Prozent der Betroffenen die Depression zum Abklingen gebracht oder ihnen zumindest deutlich geholfen werden. Immer noch glauben 80 Prozent der Bevölkerung, dass Antidepressiva süchtig machen oder die Persönlichkeit verändern. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Psychotherapeutische Behandlungsangebote gehören heute zum Standard der therapeutischen Arbeit mit depressiv kranken Menschen.

In die neue, Ende 2009 verabschiedete deutsche  S3/NV-Leitlinie für die Behandlung der unipolaren Depression ging Psychotherapie umfänglich ein. „Erstmals wurde damit auch für schwer und schwerst depressiv Kranke Psychotherapie, in Kombination mit Medikation, als Standard benannt“, sagte Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf, Sprecher Arbeitskreis Depressionsstationen D/CH und Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, anlässlich des 7. Europäischen Depressionstages im Oktober 2010. Depressive Störungen gehören zu den häufigsten Beratungsanlässen und Erkrankungen in der Versorgung. Für Patienten besteht vor allem hinsichtlich einer abgestuften und vernetzten Versorgung zwischen haus-, fachärztlicher und psychotherapeutischer Behandlung und bei der Indikation für ambulante oder stationäre Behandlungsmaßnahmen Optimierungsbedarf. Mit der neuen Leitlinie kommt man dieser Optimierung näher.

Ziele der Leitlinie sind unter anderem, Depression besser zu erkennen und Diagnostik und Behandlung von Depressionen in Deutschland zu optimieren. Ebenso sollen spezifische Empfehlungen zur Abstimmung und Koordination der Versorgung aller beteiligten Fachdisziplinen gegeben werden. Die Leitlinie gibt dabei keine Richtlinien vor, sondern Empfehlungen, wie zum Beispiel nach aktuellem Wissenschaftsstand und nach den Kriterien der Evidenzbasierten Medizin am sinnvollsten vorzugehen ist. „In der Praxis gibt die Leitlinie Anhaltspunkte, wie die Hauptsymptomatiken von Depressionen und die Begleitsymptome leichter erkennbar werden,“ sagte Prof. Manfred Wolfersdorf.

Ebenso sei ein Screening zur Früherkennung von Depressionen in der Leitlinie beinhaltet. Hiermit kann man zum Beispiel bei Patienten, die einer Hochrisikogruppe angehören (z.B. aufgrund früherer depressiver Störungen oder komorbider somatischer Erkrankungen) Maßnahmen zur Früherkennung von Depressionen bereits bei Kontakten in der Hausarztversorgung und in Allgemeinkrankenhäusern einsetzen. Für ein Screening geeignete Instrumente sind der WHO-5-Fragebogen zum Wohlbefinden, der Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-D) sowie die Allgemeine Depressionsskala (ADS). Eine weitere Möglichkeit der schnellen Erfassung einer möglichen depressiven Störung ist der so genannte „Zwei-Fragen-Test“:

1. Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig bedrückt oder hoffnungslos?
2. Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Werden beide Fragen mit „Ja“ beantwortet, ist die klinische Erfassung der formalen Diagnosekriterien erforderlich, da nur durch die explizite Erhebung aller relevanten Haupt- und Nebensymptome eine adäquate Diagnosestellung nach ICD-10 möglich ist. Dies geschieht in aller Regel über eine fundierte Exploration.

(Quellen: MedAustria; Hegerl et.al., “Sustainable effects on suicidality were found for the Nuremberg alliance against depression” in: European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience Vol 260, Nr 5, 401-406, DOI: 10.1007/s00406-009-0088-z; Image src:fallenpastor.com)

Interessiert Sie dieses Thema? Dann ist für Sie vielleicht auch mein umfangreicherer Artikel zur Behandlung der Depression interessant.
Einen Screening-Selbsttest auf Depression finden Sie ebenfalls auf dieser Website (Link klicken).

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01.09.19