Jul 16

Eine neue Meta-Analyse der bisherigen Studien zu genetischen Verursachern der Depression zeigt auf, daß die modernen Theorien, nach denen zumindest einige Formen der Depression genetisch prädisponiert wären, vermutlich nicht haltbar sind.

Neil Risch vom Institut für Humangenetik der University of California in San Francisco und KollegInnen untersuchten 14 der 26 öffentlich verfügbaren Studien, die zu A. Caspis Ansatz (welcher einen Zusammenhang zwischen einem Gen, das den Serotonintransport beeinflusst, den schweren Lebensereignissen und depressiven Erkrankungen postuliert, und im Veröffentlichungsjahr 2003 ein enormes Presseecho und zahlreiche Folgestudien zur Folge hatte) passten, umfassend untersucht. Das Studienergebnis:

Es gibt (..) keine Belege dafür, dass der Genotyp des Serotonintransporters allein oder im Zusammenwirken mit schlimmen Lebensereignissen mit einem höheren Risiko für Depressionen verbunden ist. Das gilt für Männer allein, für Frauen allein und auch dann, wenn man beide Geschlechter zusammennimmt. Das einzige signifikante Ergebnis in den verschiedenen Studien war die starke Verbindung schlimmer Lebensereignisse mit dem Risiko für Depressionen.

Dieses Ergebnis ist nicht nur für die Erforschung genetischer Einflüsse auf Depressionen, sondern auf psychische Erkrankungen generell ein herber Rückschlag. Gerade mit Blick auf die zunehmende Verbreitung dieser Erkrankungen und vielversprechende Ergebnisse wie die von Caspi und Kollegen wird seit Jahren eine Vielzahl von Forschungsanträgen rund um genetische Verursachungsmodelle gestellt – und auch bewilligt. De facto steigen aber die Hinweise, daß nur die wenigsten psychischen Erkrankungen tatsächlich genetische Ursachen haben, viele davon vermutlich nicht einmal in Form von Faktoren, die einen Ausbruch einschlägiger Störungen oder Erkrankungen erleichtern könnten. So wird wohl auch weiterhin Psychotherapie – in schweren Fällen ergänzt durch Psychopharmaka – die State-of-the-Art-Behandlungsmethode bleiben.

“Risch und seine Kollegen verweisen in ihrem Artikel auf eine ganze Reihe anderer Projekte, in denen etwa die genischen Einflüsse auf die Anzahl der Sexualpartner eines Menschen oder auf kriminelles Verhalten untersucht werden. Sie warnen explizit davor, die wissenschaftlichen Ergebnisse voreilig in klinische, rechtliche oder soziale Kontexte zu übertragen. Aus ihrer Untersuchung wird deutlich, wie wichtig die Aufgabe in der Wissenschaft ist, die Ergebnisse anderer Forscher zu bestätigen – oder eben auch zu widerlegen. Gerade in pharmakologischer Forschung, bei der die Wirksamkeit von Medikamenten auf die Probe gestellt wird, werden negative Befunde oft aber gar nicht erst veröffentlicht und stehen dann auch für Meta-Analysen nicht zur Verfügung.” (tp)

Quellen: tpJournal of the American Medical Association (06/2009). Photo credit:Alamy

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Gedanken zu “Depression: vermutlich keine genetischen Ursachen” (3):

  1. Kommentar von Anorexie: na klar, das Gehirn ist schuld! .:. Psychotherapie-Blog:

    […] Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen Studienfülle, den uns die heutzutage so gehypte Genetik und Neurobiologie beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale Therapieansätze nur wenig Fundiertes zutage gefördert hat und wohl nicht überraschend vermehrt in Kritik gerät. […]

  2. Kommentar von r.l.fellner:

    Interessante Einblicke zum Thema bietet ein Abschnitt in der 3. Ausgabe der zeitkritischen Dokumentationsreihe “Zeitgeist”.

    Hier ein Direkteinstieg zum Beginn des entsprechenden Abschnittes auf Youtube (englischer OT mit deutschen Untertiteln):

  3. Kommentar von P. Reitz:

    Spannender Artikel! Ich bin neugierig darauf, wie sich die Ergebnisse der Depressionsforschung in Zukunft weiterentwickeln werden. Es muss halt immer mal was neues geben… 😉

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01.09.19